Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3 Dr. Mocb's Mocbenscbrm. Sette 45 Nachdem Se. Hochwürden Herr Dr. Jakobi die Versammlung begrüßt hatte, wurde zur Behandlung der auf der Tagesordnung gesetzten Beratungsgegenstände geschritten. Vor allem über die Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes für den jüdischen Religionsunterricht an Volks-, Bürger- und Mittelschulen in unserem Lande beraten. Die Entwürfe des Herrn Dr. Jakob i, Prof. Dr. Schwarz, der als Vertrauensmann der Regierung und anerkannter Pädagoge auf dem Gebiete des jüdischen Religionsunterrichts den Beratungen zugezogen war, und die des Herrn Dr. Diamant-Vukovar wurden mit unwesentlichen Verbesserungen akzeptiert. Zu bewundern war, mit welch unermüdlicher Ausdauer der Landesrabbiner Dr. H. Jakobi das komplizierte Referat erledigte. Den ganzen Vormittag und Nachmittag bis spät abends des ersten Beratungstages nahmen die Beratungen über den Lehrplan des jüdischen Religionsunterrichts in Anspruch. Am zweiten Verhandlungstag wurden aktuelle Standesfragen besprochen. Wiewohl durch ein Landesgesetz das Verhältnis der Rabbinen zur Gemeinde geregelt ist, kommen doch noch immer Mißbräuche vor, denen mit Entschiedenheit entgegengetreten werden müßte, soll das jüdische Gemeindewesen in der kroatisch-slavouischen Provinz in persönlich kleinlichen Hetzereien nicht ganz versumpfen. Zum Referate der Einführung der Konfirmation beiderlei Geschlechts ergriff Schreiber dieser Zeilen das Wort. Er argumentierte die Unnützlichkeit und das Unfruchtbare eines solchen nicht auf dem Boden des Judentums entstandenen Brauches für die Entwicklung jüdischen Lebens. Da Redner für den Fall, daß der Antrag auf Einführung der allgemeinen Konfirmation mit Stimmenmehrheit durchdringen sollte, ein Separatvotum anmeldete, wurde dieser Beratungsgegenstand von der Tagesordnung abgesetzt. Es wurde dann beschlossen, in allen Gemeinden, wo Mittelschulen mit einer entsprechenden Anzahl jüdischer Schüler sind, Jugendgottesdienste einzuführen und mehr Gewicht darauf zu legen, daß die anzustellenden Rabbiner, abgesehen von der allgemeinen Bildung, sich mit entsprechenden Fachkeuntnissen auszuweisen haben. Dieser Beschluß erstreckt sich laut einstimmig akzeptierten Antrag des Herrn Oberrabbiners Dr. Diamant auch auf solche Rabbiner in Kroatien, die angestellt sind, selbst wenn sie bereits 30 Jahre in Amt und Würden ihrem Berufe nachgehen. Um dies kontrollieren zu können, wurde eine Rabbinerkommission gewählt, der die abzufordernden Zeugnisse vorgelegt werden müssen. In die betreffende Rabbinerkommission, deren Vorsitzender Se. Ehrwürden Herr Landesrabbiner Dr. Jakobi ist, wurden sämtliche kroatische Oberrabbiuer und ein kroatischer Bezirksrabbiner entsendet. Mit der Abfassung des Lehrbuches für jüdische Geschichte wurde Herr Professor Dr. G. Schwarz betraut, während die pädagogische Bearbeitung der jüdischen Religionslehre der greise Landesrabbiner Herr Dr. Jacob i selbst übernommen hat. Nach .Schluß sämtlicher Sitzungen gab der Herr Landesrabbiner zu Ehren der Konferenzteilnehmer ein Souper, bei welchem seine Tochter Fräulein Klara und seine Schwiegertochter Frau Dr. Hans I a c o b i, in der liebenswürdigsten Weise, den gelehrten Gästen die Honneurs machten. Die segensreiche Tätigkeit des allseits hochgeschätzten und ehrwürdigen Gastgebers für das Aufblühen des jüdischgeistigen Lebens in ganz Kroatien und Slavonien wurde in verschiedenen Triuksprüchen gewürdigt und rühmend hervorgehoben. Ein Toastredner feierte den Sohn des greisen Landesrabbiners, den Agramer Advokaten Herrn Dr. Hans Jacobi, als echten Sohn des Judentums, dessen Treue zu seinem Stamme und Volke am besten dadurch dokumentiert wird, daß er trotz anstrengender und aufreibender Berufsarbeit Zeit und Geldopfer der erhabenen jüdisch-nationalen Bewegung bringt, um ihr auch unter der kroatischen Judenheit Anhänger zuzuführen. I s ch I e h u d i. Prag. (Wenn m an Iude ist.) Seit drei Jahren zieht sich ein Prozeß hin, der jetzt endlich vor seiner Entscheidung steht. Die Postexpedientin Augustine S ch l e i ß n e r wurde seinerzeit zur Postmeisterin in Gottesgab ernannt, aber die deutschböhmische Bewohnerschaft dieser Stadt nahm gegen diese Ernennung die schärfste Stellung ein und wollte um keinen Preis eine Jüdin zur Postmeisterin. Der Wunsch der Gotte» gaber wurde erfüllt und Frl. Schleißner erhielt, obzwar ihre Ernennung im Verordnungsblatt publiziert war, ein Ernennungsdekret für Neumark. Da dieses zweite Postamt ein Postamt niederer Stufe als das in Gottesgab ist und demzufolge hier auch die Bezüge niedriger sind, verzichtete Frl. Schleißner auf die Stelle in Neumark mit der Motivierung, daß ihre Ernennung für Gottesgab aufrecht besteht, weil eine Entsetzung im Verordnungsblatt nicht publiziert worden war. Darob entbrannte ein administrativer Prozeß zwischen der Postmeisterin und der Postdirektion in Prag, der zur Suspendierung der Postmeisterin führte. Das Handelsministerium gab dem gegen die Suspendierung erhobenen Rekurse statt und wies Frl. Schleißner das Postmeistergehalt an — aber keine Dienststelle. Nun aber handelte es sich um ihre Neuanstellung. Die Postverwaltung bot ihr die Stelle einer Postmanipulantin an — sie aber wies sie zurück, da diese Dienststelle tatsächlich eine Degradation bedeutet. Daraufhin erging an Frl. Schleißner seitens der Postdirektion der Auftrag. daß sie sich dem Amtsärzte behufs Untersuchung ihres Gesundheitszustandes vorstelle. Frl. Schleißner leistete aber diesem Aufträge keine Folge und stützte ihre Weigerung darauf, daß sie sich nicht verpflichtet fühle, dem Aufträge nachzukommen, weil diesbezüglich keine Norm existiert, sie überdies als Postmanipulantin und Postexpedientin sofort ohne ärztliche Untersuchung den Dienst hätte antreten sollen, also für gesund anerkannt wurde und daher kein Grund für die Direktion vorliege, sie ärztlich untersuchen zu lassen. Immerhin kam Frl. Schleißner dem Aufträge entgegen, dadurch, daß sie sich auf ihren Gesundheitszustand vom Bezirksarzte in Pilsen untersuchen ließ und dessen Zeugnis der Postdirektion vorlegte. Daraufhin wurde sie zur Postdirektion zitiert, wo sie sich protokollarisch darüber rechtfertigen sollte, warum sie dem Amtsauftrage nach Vorstellung vor dem Amtsärzte nicht Folge geleistet hätte. Frl. Schleißner, die damals gerade in Wien weilte, ersuchte, da sie aller Mittel bar war, um die Reise nach Prag unternehmen zu können, man möge sie in Wien protokollarisch verhören. Die Antwort auf dieses Ansuchen war, daß sie wegen wiederholten Ungehorsams des Dienstes entlassen und damit auch jedes Anrechtes auf die ihr etwa zustehende Pension verlustig erklärt wurde. Nachdem ihre amtlichen Rekurse von allen Instanzen zurückgewiesen worden waren, beschritt Frl. Schleißner den gerichtlichen Weg und in den nächsten Tagen wird das Oberlandesgericht die endgiltige Entscheidung treffen. Hamburg. Man schreibt uns: Am 7. Jänner fand in Hamburg in einem der größten Säle eine reichlich von 1000 Personen besuchte Versammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden statt, in der die Herren Generalkonsul Eugen Landau und Dr. Paul Nathan aus Berlin das Referat übernommen hatten. Herr James Simon, der gleichfalls fein' Erscheinen zugesagt hatte, sah sich durch eine Unpäßlichkeit zu seinem Bedauern verhindert, an der Versammlung teilzunehmen. Herr Generalkonsul Eugen Landau gab einen Ueberblick über die Entwicklung und die Tätigkeit des Hilfsvereines der deutschen Juden, speziell in den Balkanländern und in Palästina. Der Hilfsverein blickt jetzt auf ein fünfjähriges Bestehen zurück. Seine Mitgliederzahl hat sich von 3000 in 105 Orten auf 14.000 in 312 Städten erhöht. Die Ausgaben für die Zwecke des Vereines betrugen Ende 1902 30.000 Mk., im Jahre 1906 1,400.000 Mk. In mannigfacher Richtung ist der Hilfsverein tätig gewesen, um die wirtschaftlichen, sittlichen und geistigen Kräfte der bedrängten Juden im Osten zu heben. In Galizien bemühte er sich, in Verbindung mit den B'ne Brith-Logen und dem Wiener Hilfsverein für Galizien der verelendeten Bevölkerung Arbeitsgelegenheiten durch Einführung neuer Industrien zu schaffen und dadurch auch dem schmachvollen Mädchenhandel entgegenzuwirken. Er subventionierte dort wie in Rumänien zur Unterstützung der Kleinhändler und Handwerker Vorschußkaffen. Der Hilfsverein der deutschen Juden erblickt seine Haupttätigkeit darin, in den Balkanstaaten und Palästina durch Begründung und Subventionierung von Erziehungs- und Bildungs-Instituten aller Art Kultur und Aufklärung zu verbreiten und durch die besondere Pflege des deutschen Sprachunterrichts die junge Generation mit gerade für den Orient in hohem Maße wertvollen Sprachkenntniffen auszurüsten. Unter lebhaftem Beifalle der Versammlung schloß der Redner mit einem warmen Appell, den Hilfsverein als eine