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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Llocv's Mlocvenscvrttr. Seite 41 Die Privilegienwirtschaft war auch auf anderen Gebieten nvch nicht ganz aus der Welt geschafft, die Oesterreich bedeutet. Da ist ein B ü r g e r m e i st e r in Sa a z, der aus vergilbten Urkunden Nachweisen will, den Juden sei in der Hopfenstadt der Aufenthalt verboten. Die Regierung muß den Erlaß des hochgeborenen Herrn Bürgermeisters für null und nichtig erklären. Das Vorkommnis erinnert an ein ähnliches Privilegium, das die Stadt Saybusch bei Bielitz noch vor einigen Jahren für ihr Weichbild geltend machte. Im Jahre 1857 wiesen die Bergstädte Ungarns und manche Städte Böhmens und Mährens auf Privilegien hin, die ihnen angeblich das Recht vorbehielten, Juden die Ansicdlung zu versagen. In Steiermark, Tirol, überhaupt in den Alpenländern wurde die Niederlassung von Juden, auch ohne Privilegien, untersagt. Nach dem Rechte wurde da nicht viel gefragt. II. Innere Zustände. Und nun folge man uns auf das Gebiet der inneren Entwicklung der österreichischen Judenschaft im Jahre der Welt 5617. Wir wollen hier die großen Städte und einzelne Kronländer betrachten und ein möglichst treues Bild der inneren Zustände des Judentums in Oesterreich vor 50 Jahren zu gewinnen suchen. Unser Führer aber sei der bereits oft erwähnte Berichterstatter. Wien. Mit der Reichshauptstadt fangen wir billigerweise an. Zunächst sei ein interessantes statistisches Moment festaestellt. Das Resultat einer Konskription ergab, wie wir aus einem Berichte vom August 1857 erfahren, daß vor 50 Jahren in der Reichshauptstadt 15.367 Juden lebten. Die klerikale Partei hatte von.30—40.000 jüdischen Bewohnern Wiens gesprochen. Im Jahre 1857 erhielt die Wiener Gemeinde ihren zweiten Prediger. Es ist dies ein für ihre Entwicklung höchst wichtiges Ereignis, wenn man die Persönlichkeit des Mannes in Betracht zieht, der zu diesem Amte berufen wurde; ist es doch kein Geringerer als Adolph I e l l i n e k (geb. 26. Juni 1821 zu Drslavitz in Mähren, gest. 29. Dezember 1893 zu Wien). — Was dieser Mann für Wien werden sollte, wie er in seinen Predigten in unerreichter Art die großen Probleme, Fragen und Erscheinungen der Gegenwart im Lichte der religiösen Erkenntnis behandelte, dies zu besprechen gehört nicht in diesen Rückblick. So viel aber siebt fest: Wenü unser Berichterstatter aus dem Jahre 1857 sich von der Bestellung Iellineks neben dem verehrten Isaak N o a h M a n ritz e i m e r nicht viel Gutes erwartete, so hat er sich getäuscht. Die Uneinigkeit und Zwietracht, die Scheidung und Spaltung, die er befürchtete, sind nicht eingetreten, vielmehr ging die Wiener Gemeinde unter der Führung dieser beiden ausgezeichneten Männer einer glänzenden Zukunft entgegen. Das -vrb □■nrn *rnb -ins -121 hat sich hier zum Glücke nicht bewahrheitet. Die gedeihliche Entwicklung der Wiener Gemeinde hat in den letzten 50 Jahren von 5617 bis 5667 in der. Tat große Fortschritte gemacht und niemand wird leugnen können, daß dies ein unsterbliches Verdienst I e l l i n e k s war, der, wie kein Zweiter, von der Kanzel zu erheben und zu erschüttern, zu begeistern und zu beleben verstand. So ist das Jahr 1857 für die Wiener Judengemeinde ein epochales geworden. Unser Chronist verhehlt allerdings nicht, daß die Wiener Gemeinde, so viel Großes und Edles sie auch leistete, noch nicht jenen Höhepunkt erreicht hatte, den sie erklimmen mußte, um als erste Gemeinde Oesterreichs den anderen voranzuleuchten. Die Einweihung des neuen Tempels stand damals unmittelbar bevor. Oktober 1857 schreibt der Chronist, es werde dies am Chanuka oder Pessah geschehen. Noch waren die Funktionäre für den neuen Tempel nicht gewählt, mit Ausnahme des Predigers. Lassen wir den Berichterstatter selbst sprechen, damit man sehe, daß in gewissen Erscheinungen kein Unterschied zwischen 5617 und 5667 besteht. Er sagt mit Bezug aus Wien: „Der Sommer reift da nicht die Früchte auf dem Ackerfelde des Judentums. Die hervorragendsten Mitglieder des Vorstandes sind abwesend und ebenso suchen die meisten Beamten Erholung von den Mühen der Arbeit während des Jahres." Gehen wir nun zu den Kronländern über und betrachten zunächst: Mähren. Wer immer auch unser anonymer Berichterstatter war, das eine können wir ihm nachsagen, an Optimismus litt er nicht. Er liebt es, die Zustände der Juden in Oesterreich zur damaligen Zeit Grau in Grau zu schildern, und die Zukunft erscheint ihm auch nicht in glänzendem Lichte. Dies gilt von der Betrachtung der äußeren Lage der Juden ebenso, wie von der Schilderung ihrer inneren Verhältnisse. Eine Erklärung für diesen Pessimismus unseres Gewährsmannes ist wohl auch nicht schwer zu geben; er war ein „Reformer", wie man heute ebenso unschön wie unrichtig sagt, und ihm widerstrebte die ihm vielfach entgegentretende „Orthodoxie", die das damalige Judentunl Oesterreichs kennzeichuete. So schildert er denn auch das Judentum der österreichischen Kronländer durchaus nicht mit rosigen Farben. Eine Korrespondenz vom Juni 1857 besagt: (Ich zitiere hier wörtlich! „Aus Mähren habe ich wenig zu melden. Brünn sucht noch immer einen Prediger. Sonderbar ist's jedenfalls. Es sind Stellen massenhaft vakant, und eine Unzahl (!) Kandidaten finden sich für jede Stelle und doch findet sich nicht eines zum andern. Sind die Ansprüche zu groß oder gilt von unserem Geschlechte: Immer wirds schlimmer?" Der Berichterstatter bedauert es, daß in Mähren, wo seit Kaiser Josef II. bereits Schulen sich finden, geregelte jüdische Schulen doch nicht bestehen. Er spricht von einem Schlendrian, der in den meisten Gemeinden auf diesem Gebiete herrscht. Wir wagen es, dem Chronisten, dem wir sonst getreulich folgen, hier zu widersprechen. Gerade im Schulwesen haben die jüdischen Gemeinden Mährens viel geleistet; sind doch die besten deutschen Schulen in den mährischen Städten aus den jüdischen „Normalschulen" hervorgegangen und mancher tüchtige Schulmann hat an diesen gewirkt. Die hebräische Sprache hatte noch in Mähren eine große Wichtigkeit, ebenso wie in Galizien und Ungarn. Auch das Jeschibah-Wesen war in Mähren damals in hoher Blüte! Unser Gewährsmann begrüßt das Erscheinen der Zeitschrift „Hechaluz" in Lemberg mit Freuden. Diese, in hebräischer Sprache geschrieben, für die „reformatorische Richtung" kämpfend, hatte für diejenigen jüdischen Kreise eine große Bedeutung, in welche deutsche Schriften nicht zu dringen vermochten. Bezeichnend ist es, daß gerade aus dem Lande der Chaffidim schon damals derartige Zeitschriften ihre Verbreitung finden konnten. Sonst konstatiert der Korrespondent in Mähren Ruhe und Stille — wir würden sagen, die Stille des Friedhofs; eine Menucha ohne Simcha. Merkwürdig ist, daß dieses Kronland, trotzdem es für das Schulwesen, nach den Angaben des Berichterstatters, am wenigsten tat, die meisten anderen Kronländer mit Rabbinen und Lehrern usw. versorgte; es mußte also mit dem Unterrichtswesen doch nicht so schlecht bestellt sein. Böhmen. Von Mähren ist's nach Böhmen nicht weit, wenn wir uns auch nicht auf den slavischen staatsrechtlichen Standpunkt von den Ländern der böhmischen Krone stellen. Aus diesem Kronlande weiß unser Korrespondent gar nichts Gutes zu berichten. Im Gegenteil, er macht uns mit einer „Affäre" bekannt, die damals wirklich viel schädlichen Staub aufgewirbelt zu haben scheint und sogar eine gelehrte Entscheidungsschrift des Rabbiners Leopold Stein zu Frankfurt a. M. veranlaßte, welche das Datum „Frankfurt a. M. am Lichtfeste 5618" führt. Die Angelegenheit, um die es sich hier handelt, kann betitelt werden: „Die Beschneidungsfrage von Home", ihr Held aber ist der Rabbiner Dr. Ehrentheil. Beschäftigen wir uns zunächst ein wenig mit der Person des Dr. Adolph Ehrentheil. Er war ein Schüler Hirsch B. Faffels. Nachdem er als Rabbiner in Kaposvür gewirkt, kam er nach Horic. Wir besitzen von ihm Deraschoth, homiletische

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