Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021714--16075-3040875
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 40 Dr. Blocb’s MocbenscbrM- Nr 3 Jahre 1907 eine neue Aera anbrechen werde. In solchen epochalen Zeiten aber reizt es besonders, kleine Rückblicke zu werfen auf die Vergangenheit unseres Volkes. Da liegen uns einige vergilbte Blätter vor. Was enthalten diese der Vergangenheit angehörenden Schriften? Es sind Berichte eines Chronisten aus dem Jahre 1857, die über die Verhältnisse unserer Volks- und Glaubensgenossen in Oesterreich mannigfachen, zum Teil lehrreichen Aufschluß geben. 1857 bis 1907, — 50 Jahre, ein kleiner Zeitraum für die Geschichte; aber ein Blick in die Zeit vor einem halben Säculum belehrt, daß die Juden in Oesterreich in jenen Tagen ihre mannigfachen Leiden und wenigen Freuden ebenso wie heute hatten und sich ihnen gemäß einzurichten wußten. Lassen wir also, da 1907 naht, 1857 vor unserem Geiste vorüberziehen. Vielleicht wird mancher aus dieser Erinnerung Belehrung schöpfen und sei es auch nur die, welcher Koheleth Ausdruck gegeben in den Worten: „Sage nicht: Wie ging es zu, daß die vergangenen Zeiten bessere gewesen, als die heutigen, denn wahrlich nicht aus Weisheit hast Du danach gefragt." ' Akußere Lage. . 1907—1857! Welche Gegensätze! Welche tiefe Kluft tut sich vor unserem Auge auf! 1907 soll das demokratische Prinzip des allgemeinen Wahlrechts auch in Oesterreich zum Durchbruche gelangen, 1857 ist das Jahr des starrsten Absolutismus, zu dem die Monarchie nach dem Frühlingsstürmen von 1848 zurückgekehrt war. Das am 18. August 1855 abgeschlossene Konkordat lastete wie ein Alpdruck auf Oesterreichs Völkern, man muß wohl nicht hervorheben, auch auf den Juden. Die Verfassung vom 4. März 1849 brachte ihnen wohl die volle Gleichberechtigung mit den Bekennern der christlichen Religion. Aber welcher Rückschritt, Reaktion nennt man es, dann in den Fünfziger-Jahren eingetreten war, wird aus unseres Chronisten Berichten ersichtlich, die er, ein freisinniger Mann und liberaler Bekenner seines Glaubens, an eine in Deutschland erscheinende israelitische Zeitschrift richtet. Unter der kirchlichen Reaktion, die übrigens auch in Deutschland ihre Orgien feierte, haben nicht am wenigsten die Glaubensbrüder in Oesterreich zu leiden. „Das Schwert des Damokles, sie vom Grundbesitze auszuschließen, schwebt immer noch über ihren Häuptern und in der Tat, es muß ein eiserner Faden sein, woran dieses Schwert befestigt ist, daß derselbe vom jahrelangen Hangen uud Schweben noch nicht zerrissen ist." So wird in drastischer, aber sehr bezeichnender Weise in einem Rückblick auf das Jahr 1857 geklagt. Es wird von dem „Zurückdrängen der Juden in verlassene Judenquartiere" gesprochen, mächtig erhebt der böse Geist der Judenverfolgung sein Haupt und die uns wohlbekannte „Presse" versteht, es, dies Gift des Hasses noch mehr zu verbreiten. 1857 und 1907 zeigen in letzterer Erscheinung eine bedenkliche Aehnlichkeit. In einem Berichte vom Februar 1857 konstatiert allerdings unser Chronist, daß keine einzige große Tat im Judentume selbst zu verzeichnen wäre, die Anspruch hätte, hervorgehoben zu werden. Ein förmliches Stagnieren ist vielmehr in dem Judentume Oesterreichs zu bemerken. Keine erfrischende Tat, kein verjüngender Hauch macht sich bemerkbar. Natürlich beschäftigt sich die Regierung mit der „Judenfrage", aber einer Lösung bringt man sie nicht näher, man behilft sich mit „Provisorien". Bald hat man mehr Hoffnung auf die Lösung dieser ewigen Judenfrage, bald wieder weniger, je nachdem eben der Wind weht. Unser Berichterstatter beklagt sich mit Recht darüber, wie wenig man, oben und unten, das Judentum kennt. Aftika wird durchforscht, aber das Volk, mit dem man Jahrhunderte zusammenlebt, kennt man nicht. Er wünscht sich einen Reuchlin herbei, der die oberen und unteren Zehntausend mit dem Judentume bekannt machte. Verstehen wir unseren Chronisten recht, so spielt er damit auf gewisse Erscheinungen an, die wir auch in unserer Zeit beobachten und denen auch in unserem Abgeordnetenhause manchmal gehässiger Ausdruck gegeben wird. Siehe Wahlreformdebatte, Rede Strauchers und Zwischenrufe Sturms. Im Dezember 1857 wird vom Chronisten berichtet, daß die Verhältnisse der Juden noch immer nicht geregelt seien. „Die Zustände der Juden in Oesterreich erscheinen festgefroren zu sein." Ein in der Tat ungemein realistisches Bild. Aber es paßte auf die Zustände in Oesterreich überhaupt in jener Zeit. Nicht die leiseste Bewegung wird verspürt. Es ist alles ertötet durch des Absolutismus eisigen Hauch. Es gab „provisorische Gesetze, provisorische Zustände und — provisorische Religion". — Wir verstehen unseren, wie man sieht, manchmal satyrischen Korrespondenten. Man formte auch damals die Religion, wie man sie eben brauchte, man rief den Herrn bald reformiert, bald orthodox an. In dieser Richtung scheinen wir uns von 1857 nicht so zu unterscheiden, wie gleiches Wahlrecht vom Absolutismus. Das ist „die Weisheit des Polonius" ins Religiöse übertragen. Wie genügsam übrigens die Juden Oesterreichs in Bezug auf die Gleichberechtigung in der Besetzung von Stellen damals waren, ersieht man aus folgender Tatsache. In Wien sollte eine Handelsakademie eröffnet werden, was wirklich im Jahre 1858 geschah. Ueber die Besetzung der Lehrerstellen scheinen die maßgebenden Herren nicht ganz im reinen mit sich gewesen zu sein. Offenbar herrschte gerade kein Ueberfluß an passenden Bewerbern christlicher Konfession, man mußte also in den saueren Apfel beißen und auch jüdische tüchtige Lehrkräfte zur Konkurrenz zulassen. Man machte diesen die Konzession, daß sie in der Mathematik und Kalligraphie unterrichten dürfen. Mit Recht fragen wir, welches konfessionelle Moment etwa mit der Geographie und Handelswissenschaft verknüpft ist, daß den Juden der Zutritt zum Lehren dieser Disziplinen versagt blieb? Wie man also sieht, war die Zeit vor einem halben Jahrhundert für unsere Glaubensbrüder in Oesterreich gerade keine paradiesische. Einige freiheitliche Gesetze waren aus dem Sturme der Revolution zwar gerettet worden, aber der Absolutismus knetete fich die Formen der Regierung nach seinem eigenen Gutdünken. Etwas Freiheit auf dem sehr geduldigen Papier, Mittelalter in der Wirklichkeit; das war die Signatur der Zeit. Es mag ja 1907 auch noch manchen dunklen Punkt für uns Juden geben. Wenn du aber sagst, die vergangenen Zeiten wären besser gewesen, „hast du dies nicht aus Weisheit gesprochen". In einer Korrespondenz vom Mai 1857 berichtet der Chronist: die Juden studieren genau den „offiziellen Teil der politischen Journale". Sie erwarten noch immer „die Lösung der Judenfrage". Auf Befehl des Kaisers kommt sie wiederholt zur Beratung. Es sind Gutachten von den Statthaltereien eingelaufen. Aus den Ministerial-Beratungen ging die Frage ins 'bn ins 'bz (ungerupft und gezupft) doch ziemlich günstig hervor. Wie man sieht, hat unser Berichterstatter bei allen Schmerzen, den Humor doch nicht verloren. Er versichert weiter, die Frage sei im >,Reichsrate", (soll wohl heißen Kronrate), denn einen Reichsrat gab es damals noch nicht, auf eine sehr heftige Opposition gestoßen, „die allerdings von einer Minorität ausging". Was aber ist der Inhalt der brennenden Judenfrage, auf deren Lösung die „arme Judenschaft" von Tag zu Tag hofft? Es handelt sich um das R e ch t, G r u n d u n d B o d e n z u e r w e r b e n, das den Juden, trotz der Grundentlastung, versagt blieb, ferner um das Privilegium, Beamtenstellen zu bekleiden, trotzdem die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ein kostbares. Erbe war, das aus den Stürmen der Revolution auch in das absolutistisch regierte Oesterreich gerettet worden. Unser Berichterstatter verhehlt es nicht und scheut sich auch nicht, es auszusprechen, daß sich die Juden am besten beim Geschäfte befinden. Wenn sie aber Grundbesitz erwerben wollen, so ist es nicht ihr, sondern des Staates Vorteil. Denn der Preis von Grund und Boden sinke von Tag zu Tag, da die Konkurrenz mangle. Es fehle auch an Beamten, „um die Staatsmaschine zu leiten". Alle diese Erwägungen aber nützen nichts, denn wann hat jemals Vernunft Recht behalten, wenn das Vorurteil den harten Kopf erhob?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.