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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Dr. MLocv s MLocbensLvrtN. Seit- 39 wie der Beifall der Antisemitenliga und braucht sie die Juden, dieses für Kunst so empfängliche Volk; fischt sie bei jüdischen Millionären Beiträge für ihre neue große Blindenanstalt, die sie der italienischen Königin Elena nachmacht; oder ist es gar tätige Reue eines Herzens, das frühere schwere Verirrungen aufrichtig bedauert? Nichts von alledem. Die ganze Verherrlichung der Juden und des Judentums ist nichts als der fadenscheinige Mantel einer neuen Art antisemitischer Propaganda. Die rumänische Königin hat mit kühler Berechnung diese Einleitung angewendet, um mit dem Nachfolgenden desto sicherer zu wirken. Denn wenn man sich auf eine Schätzerin alles Jüdischen aufspielt, so verdient man das größte Vertrauen, wenn man die jüdische politische Frage beleuchtet. Diese Beleuchtung ist der Zweck der ganzen Arbeit, alles andere nur verdeckendes Beiwerk, für unverständige Laien berechnet. Die Königin hat nicht einen Moment daran gedacht, die Volksleidenschaften zu stören, im Gegenteil sie hat den armseligen rumänischen Politikern einen Dienst erwiesen, die alles so gehen lassen, wie es Gott gefällt, und einen Judenrummel veranstalten, wenn es dem Volke nicht mehr gefällt. Zugunsten dieser Führer und zu ihren eigenen Gunsten, der es schließlich nicht paßt, daß man sie immer als die Regcntin eines Staates ansieht, der sich vor allem durch brutale Rückständigkeit auszeichnet, hat es nun die Königin im Anschluß an die übergroße Bewunderung unternommen, den rumänischen Antisemitismus überhaupt zu leugnen. Sie setzt sich die gemütlich philosophische Miene aus und erzählt Europa, der Judenhaß existiere gar nicht in Rumänien. Man brauche sich nicht auszuregen, behüte. Es war nur eine schlechte Zeit in Rumänien, miserable Ernten, niemand hat etwas verdient, die Gewerbetreibenden am wenigsten, und da die notleidenden Gewerbetreibenden eben meistens Juden sind, so hat es für den oberflächlichen Augenschein nur so ausgesehen, als würden die Juden in Rumänien verfolgt; es hat ihnen aber niemand etwas getan, als die Mißernten und die hätten die arischen Rumänen genau so betroffen, wie jeden anderen. Diese Behauptung aufzustellen, ist ein unerhörtes Wagnis für eine Königin — eine Königin, von der man doch blind erwaUet, daß ihr Wort ein Fels der Wahrheit ist. Man kann Carmen Sylva doch unmöglich zubilligen, daß sie sich in Unkenntnis der nackten Tatsachen befindet. Wie kann sie es über sich bringen, das Wort auszusprechen, daß die Juden ebensowenig wie die ausgewanderten Katholiken und Protestanten eine Verfolgung erlitten hätten? Die Königin hat sich mit der Judenfrage ihres Landes viel zu eingehend besaßt, um nicht jene erschütternden Wahrheiten über das Los unserer unglücklichen Brüder zu kennen, welche in diesen Blättern leider nur zu oft zu lesen waren, in lapidarem Auszug in dem „Offenen Brief an meine geehrten Kollegen in der italienischen Deputiertenkammer" von Dr. Josef S. Bloch enthalten waren und ausführlich als ein historisches Dokument niedergelegt sind in der Broschüre „Die Judenfrage in Rumänien — Eine Aktensammlung vorgelegt dem Brüsseler Kongreß zum Schutze der Armenier 1902, verfaßt und verlegt in der Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift". Wir stellen fest, daß diese Wahrheiten das gerade Gegenteil von dem sind, was Carmen Sylva jetzt behauptet.' Mit zweifelsfreien Belegen, für welche Beweise fast ausschließlich aus den Reden rumänischer Staatsmänner genommen wurden, wird dargetan, welche unerhört brutale Sonderpolitik gegen die Juden in Rumänien stetig und auch heute Tagesordnung ist. Man weiß ja, daß man die Juden als „Fremde" behandelt, daß man ihnen keine Rechte gibt, dagegen Steuer und Blutsteuer auferlegt, daß man sie vom flachen Land vertrieben, ihnen die meisten Berufe verschlossen hat und sie der frechsten Willkür der Behörden, blutigen Gelüsten des Pöbels schonungslos überläßt. Die Barmherzigkeit muß alltäglich Unsummen aufwenden, um wenigstens so viele Juden als möglich vor der rumänischen^ Kultur zu retten. Leute, welche die Sklavenarbeit in den kanadischen Kohlengruben und tasmanischen Goldbergwerken als einer Erlösung von dem Jammer ihrer Heimat ansehen. Wir habend uns leider an diesen Zustand schon gewöhnt und betrachten ihn mit abgestumpften Sinnen. Nur von Zeit zu Zeit, wenn mit Elend angepfropfte Schiffe unsere Nerven auspeitschen, ballen wir wieder einmal die Faust, um sie dann ohnmächtig wieder in die Tasche zu stecken und neue Münzen hervorzuholen, mit denen wir die rumänische Judenpolitik bezahlen. Davon allem weiß die große Dichterin nichts, wie sie glauben machen will. Wie es aber offenbar ist, geht sie genau so vor, wie die Taschenspieler, die dem Publikum etwas Vorreden, um die Leute von ihren Kunststücken.abzulenken. Unter großen Lobreden auf Moses und die Juden versucht eS Carmen Sylva vor den Augen von ganz Europa eine felsenhohe Tatsache wegzueskamotieren — die rumänische Bestialität. Alles Geschicklichkeit, keine Hexerei! Man tritt als Judenfreund auf und sagt dann auf Umwegen, daß die Juden keinen Grund zur Klage haben, also Verleumder sind. Denn — versteht ihr mich — es könnte einmal eine Großmacht närrisch werden (wir haben leider in dieser Beziehung keine Sorge) und aus Erfüllung des famosen 8 44 des Berliner Vertrages dringen, der die Emanzipation der rumänischen Juden verlangt. Oder man möchte einmal so ein kleines Anleihchen haben und die jüdischen Bankiers find im Wege. Oder die rumänischen Antisemitenführer genieren sich, zu tanzen, wenn ihnen Europa beständig zuschaut. Oder man hat das seelische Bedürfnis, das gerade der Verbrecher hat, ja gewiß als anständiger Mensch zu gelten. Aus einem dieser Gründe oder aus allen zusammen hat die rumänische Königin die neue Dichterleier ergriffen, um damit ihr neues Loblied auf die Juden zu begleiten und schließlich darauf ganz leise die alte Melodie zu spielen: daß die Rumänen brave Leute find und die Juden Ruhestörer und Verleumder. Man. soll im Ausland glauben, daß es in Rumänien keine Judenfrage gibt, damit sich ja niemand hineinmischt. Wenn es der Königin ernst darum zu tun ist, in einem zivilisierten Staate zu regieren, warum leistet sie den Hooligans im Lande keinen Widerstand? Sie ist intelligent, warum stimmt sie nicht die Parteiführer und Minister um? Warum setzt sie es beim König nicht durch, der doch voll Energie Rumänien aus einem Räuberstaat erschaffen hat, daß die niederträchtigsten Gesetze nicht sanktioniert werden? Carmen Sylva denkt nicht daran. Sie betreibt im Gegenteile nach wie vor die Publizistik der Antisemitenliga. Manchmal offen, manchmal versteckt. Diesmal sehr versteckt. Wir haben uns jedoch im Vorstehenden alleruntänigst erlaubt, eine Königin zu demaskieren. _ —y. Uor einem Halde« Jahrhundert. Aur den Berichten eines Korrespondenten vom Jahre 1857, mitgeteilt von Dr. M. Grünfeld. Immer näher rückt das Jahr 1907 heran, das, wie es scheint, ein epochales werden soll für die Entwicklung Oesterreichs. Denn nach neuen Beschlüssen wird in diesem Jahre die Reichsvertretung zum erstenmale nach dem demokratischen Grundsätze des allgemeinen Wahlrechtes gewählt werden. Wieder stehen wir vor einem großen Fragezeichen. Wie werden sich die Verhältniffe dieses alten Kaiserstaates nun gestalten? Vorläufig können Weise und Toren diese Frage aufwersen, ohne daß ein Weiser mit Bestimmtheit die bangen Zweifel, die sich an sie knüpfen, zu beschwichtigen vermöchte. Auch für uns Juden beginnt eine neue Zeit in unserer Monarchie. Lauter denn je wird nun an uns der Ruf ergehen: „Sorge für Dein Haus." Traurige Erfahrungen belehrten uns, daß von allen Parteien, an denen doch wahrlich unser Reichsrat nicht arm war, es keine ehrlich mit uns meinte. So haben wir denn aus bitteren Lehren, die uns zuteil wurden, den Schluß gezogen: Nun gilt es, selbst an die Arbeit zu gehen, _ Männer als Vertreter des JudenWs zu wählen, die wissen, daß der Jude als Bürger dieses Staates auch ein blutiges Recht hat, auf der Sonnenseite zu wandeln und man über ihn »nicht zur Tagesordnung übergehen kann. Wir vermuten demnach ^mit Recht, daß auch für die Juden in Oesterreich mit dem

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