Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021714--16073-3040873- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 38 Dr jbiocDö Mocvenscvrrn. ihr. 3 richtigsten und tüchtigsten Männer zu finden; große Fonds zu sammeln angefangen, die nötig sein werden und zu denen alle Juden beitragen müssen, weil auch sie Anwälte bekommen; ist man mit den zahllosen jüdischen Vereinen in Fühlung getreten; hat man Agitationsmaterial, Flugblätter rc. vorbereitet; hat man mit Delegierten der jüdischen Studentenschaft konferiert; Vertrauensmänner-Versammluugen abgehalten?? Auf diese Scherzfragen darf man natürlich keine Antwort verlangen. Es genügt, zu wissen, daß ein und das andere jüdische Komitee — die Komitees sind jetzt häufiger wie die Greißler — auf eigene Faust christliche Kandidaten für jüdische Wahlbezirke des Westens aufgestellt hat. Dahin konnte es kommen, weil iwch immer geheimnisvolles Gewölk um uusereu politischen Olymp gelagert ist und kein Sterbenswörtchen der Offenbarung in die demutsvoll harrende Menge drang. Wir sind tolerant, tolerant bis zum Exzeß. Aber in dem Fall nicht. Nicht ein bischen. Was heißt denn das, daß sich Freibeuter von allen Seiten auf unser bischen Habe stürzen, die Juden wie Kammerkuechte anschaueu, die froh sein müssen, wenn ein Arier gnädigst das Protektorat über sie übernimmt und ihm unsere Leute noch die Türen öffnen. Kann ein Christ denn jemals die jüdischen Interessen vertreten? Er kennt sie ja gar nicht. Er müßte einen ständigen Adjutanten haben, der ihm immer eiusagt. Denn das Judentum läßt sich nicht einstudieren und uachfühleu. Mau muß es einfach kennen und fühlen. Wir können keine kühlen Automaten des Liberalismus auf der Tribüne brauchen, über die haben wir schon genug Erfahrungen, und was für Erfahru»gen! Wir danken schön, wir da»ken bestens, wir danken wirklich aufrichtig, meine Herren, für die geleisteten schätzbaren Dienste, aber wir brauchen glühende, echte, jüdische Juden, die ihr Volk und seine Bedürfnisse genau kennen, die aus dem Herzen sprechen und nicht aus dem Kopfe flüstern. Die müßten wir haben und alle Sorgen mrd alle Taten und alle Stunden der führenden Judenheit müßten jetzt schon dieser Aufgabe gehören, keine faule Sorglosigkeit, keine Paragraphendeutuug dürfte es aufhalten, daß eine herzhafte jüdische Parole ausgegeben und in herzhafte Taten umgesetzt werde im männlichen, ehrlichen Zusammenwirken aller jüdischen Elemente, die unser Volk lieben, weil es so herrlich ist. „Nicht durch Geduld, durch Ungeduld werden die Völker frei", sagt Börne. Wollen wir uns diese Wahrheit merken? Und da wir frei sein wollen von Beschimpfung, Roheit und sklavischem Druck, wollen wir sie befolgen? Intelligenzen müssen jetzt gesucht werden, wo man sie findet, die jungen Agitatoren ausgeschickt und unterstützt werden, nachdem die gemeinsame Platform geschaffen ist.' Jetzt ist die Zeit, Leben in den Körper des österreichischen Judentums zu flößen, über dessen Indolenz man so klagt, die man jetzt aber, iu der Zeit der Not und Erregung, vielleicht für immer bannen könnte. Irgendwie, irgendwo muß die politisch-jüdische Zeutralkommission zusammentreten, die wir jetzt brauchen, weil wir nicht ohne tiefste Schande vor unseren Nachbarn und Kindern bestehen könnten, wenn wir wieder den Augenblick versäumen, wo wir unser Schicksal aus lauge Zeit selbst gestalten können. Ein Anfang ist gemacht und der ist uns Freude und Hoffnung. Am Ende dieser Woche konferiert das Komitee, das aus dem Schoße der zionistischen Partei hervorgegangen ist und den Bedürfnissen der kiKimeuden Zeit dienen soll. Was dieses Komitee will, kann und muß jeder ehrliche Jude freudig unterschreiben. Es wird bezweckt, mit allen Mitteln den nationalen Besitzstand der Juden zu wahren. Einzelheiten über die Tagung werden erst später verlautbart werden,^ doch ist der beste Erfolg nnS erwünscht und den Absichten ziemlich sicher. Denn von den Teilnehmern der Konferenzhaben alle schon große Beweise ihrer reinen Liebe zum Juden-i tum gegeben und hinter ihnen steht fast einmütig die jüdische? Jugend mit ihrer prächtigen Treue zum Volke, mit ihrer Existenz eine Gewähr für die Zukunft. Unsere regsten Hoffnungen gehen nun dahin, daß gleiche Energie, gleiche Kampfbereitschaft und solcher Fleiß sich baldigst in allen jüdischen Kreisen regen, in denen jüdisches Leben steckt, damit man bald in mächtigem Zusammenschluß der brennenden Notwendigkeit entspreche. Diesmal harrt wirklich die größte Aufgabe der österreichischen Judenheit ihrer Lösung. Mögen bald alle Männer erwachen, die ihr gewachsen sind, und mögen sie an die Arbeit schreiten, eingedenk der Größe unserer Vergangenheit, der Schwere unserer Zukunft, gestärkt von der Liebe zu ihrem Volk und einst herrlich bedankt von der Liebe des Volkes zu ihnen. _ I. Up ii m n y. Eine neue Dichterleier. Rumänien meldet sich laut. Man wird nervös. Denn Rumänien ist stolz darauf, ,daß es als Musterland des Antisemitismus bezeichnet wird, und ist stets eilfertig dabei, ausreichende Beweise für die Berechtigung dieser Bezeichnung zu geben. Man liest : Carmen Sylva über die Juden; und man erwartet, daß Elisabeth Fürstin von Wied, verehelichte-Königin von Rumänien, wieder um die eifrig gesuchte, lässig gebrachte Volkstümlichkeit werben geht, indem sie der größten rumänischen Volksleidenschaft schmeichelt, dem Antisemitismus. So hat sie es in Amerika gehalten, wo sie in vielen Blättern einen wackeren Feldzug gegen ihre Untertanen jüdischen Bekenntnisses geführt hat, die als Soldaten und Steuerträger die Stützen ihres Thrones bilden, als Bürger aber seine Last. Die edle Dichterseele erhob ihre Stimme so laut als möglich zu einer Verteidigungsrede der Bestie im Menschen. Ging sie nun auch in Deutschland den Befähigungsnachweis als rumänische Königin erbringen, schrieb sie wieder um den Applaus von Schneider und Pückler. denen die Herzen zucken aus Neid auf die ungehinderte Betätigung der russischen Bestien des Antisemitismus? Man las und traute seinen Augen nicht. War das in Sinaia geschrieben, dem Waldschloß Karl I, oder vor dem Sinai? Carmen Sylva verherrlichte, pries, beglückwünschte die Juden, bewunderte ihre Religion, ihr Leben, ihre Arbeit. Gäbe es in Rumänien einen Verein "zur Abwehr des Antisemitismus, Ihre Majestät bekäme das Ehrendiplom im goldenen Rahmen. Hätte die Bibel jemals einer Anpreisung bedurft, wollte man für die Größe Mosis noch eine Vermehrung — es war in keiner Beziehung etwas Besseres zu schaffen. Von Dichtergeist durchwehte Gedanken, von Dichtkunst geprägte Worte malen die erhabene Schönheit des Alten Testamentes, das aus den Niederungen menschlichen Getriebes in schlichter Majestät aufragt wie ein ewiger Berg. Tiefste Verehrung zollt die Königin dem großen Propheten, dessen Weisheit von den Lehren der Jahrtausende immer von neuem bestätigt wird und der von unserer Kultur noch nicht einmal erreicht wurde. Und schließlich wird der erste Absatz mit einer schwungvollen Liebeserklärung an die Juden beendet und ausgesprochen, daß es unbegreiflich wäre, wenn man ein so hervorragendes, tüchtiges und braves Volk verfolge. Wir sind verwirrt von so viel Gnade, erhabene Königin. Wir sind es gewöhnt, daß die Waldvöglein von Sinaia ins Kreischen gerieten, wenn sie über die Juden sangen; daß Ew. stimmungsvolle Majestät mit aller Macht Ihres flammenden Dichterherzens das Elend in den dumpfen Hungerlöchern der Ghettos vermehren halfen. Daß Carmen Sylva ganz unbesorgt war um die Tränen, die über den Lumpenlagern am Elend verstorbener jüdischer Kinder geweint wurden. Dafür, daß die rumänischen Juden an Moses und der Bibel festhielten, vor denen die königliche Dichterin im Staube versinkt, mußten sie Leiden erdulden, wie sie nur von der Phantasie selbst ausgedacht werden können und die bewundernde Anbeterin von heute hat gestern noch die elende Kunst geübt, auch ihren Fuß auf den Nacken eines wehrlos Getretenen zu setzen. Will sie jetzt amerikanische und andere Palte Eindrücke verwischen; ist ihr der Dichterruhm doch lieber