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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Bloch’s Jahrgang XXIV Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 18. Jänner 1907. - LrsiDetnt jeden Freitag. - Brief-Adreffe: Mien, IX/i« Werggasse 39. Teleqramm-Ndreffe: Wlo<L's HAoebensebritt. Mlten. Inhalt: Leitartikel: Freiwild. — Eine neue Dichterleier. — Vor einem halben Jahrhundert. — Korrespondenzen: Das Archiv der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Die Erzherzog Rainer-Feier. David Simon. Religionslehrer-Konferenz der israelitischen Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen in Wien Die kroatisch-slavonische Landesrabbiner-Konferenz in Agram. Prag. Hamburg. Der junge „Verein zur Förderung jüdischer Kunst" in Berlin. Jüdische Universität in Philadelphia. — Vermischtes: Wien. Jüdische Toynbeehalle. Jüdischer Schulverein für den X. Bezirk. St. Pölten. Mährisch-Weißkirchen. Nikolsburg. Boskowitz. Preßburg. Drohobycz. Bodenbach. Frau Regine Neisser. Die reaktionären russischen Blätter. New-Dork. — Feuilleton: Budapester Spaziergänge. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. a— --« Bezugspreis für Vesterrrirtz: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äiir's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. %-* Ä-& A. ft. Postsparkapen-Arni Clearing-Werke br Nr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1. Werggasse Nr. 39. 'Telefon Nr. 14.847. ©-* * Freiwild. Wer jetzt Vereinsobmann ist und 15 Manderln zusammentrommeln kann, wächst derzeit in seiner Würde auf das Doppelte. Große Herren bemühen sich um ihn, drücken ihm die Hand, sind sogar neugierig auf die Zahl seiner Kinder. Denn der Herr Obmann ist vermöge seiner Amtsgewalt eine Stütze der Politik geworden und wird mit Syrup an seinem Platze befestigt. Die Parteien organisieren sich jetzt, werben Gemeinden an, Distrikte, Dörfer, Korporationen bis herunter zum Verein für Kanarienvögelzucht. Im politischen Bienenkorb summt es gewaltig und viele Schwärme suchen wetteifernd das Eiuflugsloch am Wiener Franzensriug. Sind alle reichlich mit Gift für die Feinde versehen und mit scharfen Stacheln und mit viel Honig für die braven Kinder, die schön folgen. Wenigstens versprochen kriegt ihn jeder kleine Mann. Bald kanns losgehen. Und jeder glaubt, daß seine Partei wachsen wird wie der Sand am Meere. Vielleicht wird er später erkennen, daß es Flugsand war, den der politische Sturmwind davonträgt. Vorderhand ist er siegessicher, und kampfesfroh und gedenkt, mit seinen Parteifreunden vier Drittel der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder sicher zu erobern. Was gedenken wir Juden? Schreib' dem Marconi, lieber Freund, er soll nach Delphi um ein Orakel an die Pythia telegraphieren. Vielleicht weiß sie es. Und wenn Du jehen Juden einzeln fragst, so weiß er es auch. Aber alle zusammen wissen gar nichts. Es ist jedem vollständig überlassen, nach seiner besten Ueberzeugung Propaganda zu machen und zu wählen, und er wird Gelegenheit genug besitzen, eine Meinung zu haben. Denn sämtliche Parteien von Oesterreich und noch einige neue, die sich erst bilden werden, wollen sich um die paar jüdischen Mandate bewerben. Die antisemitischen auch? Die antisemitischen auch. Wenn' Lueger in der Leopoldstadt gewählt werden konnte, warum soll es den andern nicht gelingen? Wie ich unsere tüchtigen und pflichteifrigen Juden kenne, werden sie die Hintertreppchen des Hofrat Geßmannschen Jesuitenantrages auf allgemeine Wahlpflicht allgemein benützen, um sich ihrer Bürger- und Ehrenpflicht zu entziehen, und es ist ganz gut möglich, daß in jüdischen Bezirken mit Hilfe der von den Juden bezahlten christlichsozialen Hausmeister, Hausknechte und Arbeiter Kandidaten gewählt werden, die den päpstlichen und den Schneiderschen Segen erhalten. Warum auch nicht? Fällt es denn den kompetenten Leuten im Traume ein, die Juden zusammen anzufeuern und anzuführen, einen großen Schwung in die gute jüdische Sache zu bringen und sie zu einem gedeihlichen Ende zu führen? Wir halten es für verflucht au der Zeit, daß verschiedene Faktoren den Kopf aus dem Sande ziehen, die drohende antisemitische Gefahr bemerken und ihre Maßnahmen treffen. Man sollte denn doch einmal bei der herrschenden Klarheit der politischen Atmosphäre erkennen, daß die Zeit der Zurückhaltung und des Kompromisselns ein Ende mit Schrecken genommen hat, daß eine scharf abgegrenzte jüdische Position da ist und scharf vorgeschriebene Pflichten für ihre verantwortlichen Verteidiger. Wir haben eine Waffe, aber wenn es noch lange so weiter geht, wird eine Narrenpritsche daraus. Seinerzeit hat eine zielbewußte und äußerst lobenswerte Arbeit den Juden einige Mandate für ihre Wort- und Beschwerdeführer vor dem kommenden antisemitischen Parlament gerettet. Wer sanftmütig genug ist, mag' sich darüber freuen, daß nicht noch weniger von den ursprünglich gewährten geblieben sind, trotzdem viele maßgebende Parteien bei dieser wichtigen Frage ihren Schlaf des Gerechten fortsetzten, statt bei Wahrung des jüdischen Besitzstandes dem Ministerpräsidenten im einstimmigen Chorus die Hölle heiß zu machen. Jubeln wir! Die Mandate sind da. Für wen? So altliberal ist kein Mensch auf dieser schönen Welt, daß er die Behauptung bezweifeln möchte, daß die Juden nicht das bischen Macht brauchen, das man ihnen gelassen hat, daß sie es brauchen, wie ein bischen Luft, um nicht politisch zu ersticken. Ja, zum Teufel, macht man aber auch etwas, um die Macht zu erhalten? „Jokele, geh' du voran, du hast die großen Stiefeln an!" — dieser Schwabenspruch ist das niederträchtige Motto der gegenwärtigen jüdischen Politik, in weiten und mächtigen Kreisen rührt sich nicht einmal ein Finger, um unseren Besitz auch wirklich festzuhalten. Hat man versucht, in den galizischen Verhältnissen Klarheit durch Aussprache zu schaffen; für die jüdischen Mandate im Westen die

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