Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 30 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 2 die Forderung auf eine Ausgleichung ihrer Rechte und ihrer Pflichten durchzusetzen. Die politischen Jntereflen der Judenschaft Galiziens erheischen ihre Organisation, da die der jüdischen Bevölkerung prinzipiell zuerkannte volle Gleichberechtigung bisher faktisch nicht durchgeführt erscheint. Auch ihre ökonomischen Jntereflen bedürfen einer organisierten Abwehr jener Bestrebungen, welche auf Kosten der wirtschaftlichen Existenz der Judenschaft die ökonomische Stärkung anderer Gesellschaftsgruppen bezwecken. (Zustimmung.) Hierauf ergriff der Präsident der Lemberger Handelskammer Samuel v. H o r o w i tz, der zum Vorsitzenden der Versammlung mit Akklamation gewählt wurde, das Wort, um ebenfalls zu betonen, daß die Juden sich nunmehr vereinigen, hinsichtlich ihrer politischen Haltung eine Verständigung untereinander anbahnen und eine Organisation schaffen müssen, deren Aufgabe es sein soll, mit den leitenden politischen Kreisen des Landes in Fühlung zu treten und unter Wahrung der Jntereflen des Landes Galizien für die speziellen Interessen der Juden einzutreten. Man müffe öffentlich konstatieren, daß, insolange die den Juden gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung bloß theoretisch bestehe und nicht praktisch in das Bewußtsein der Mitbürger dringt, die Juden nicht in jeder Hinsicht als vollberechtigt anzusehen sind. Man werde daher immer noch von den besonderen Jntereflen der Judenschast sprechen müssen. Der gegenwärtige Moment könne für die weitere Gestaltung des öffentlichen Lebens in Galizien entscheidend werden, zumal mit der Einführung des allgemeinen Stimmrechtes unter Aufhebung der bisherigen Privilegien die gesamte Bevölkerung zur Teilnahme und Müwirkung am öffentlichen Leben berufen werden soll. Es sei somit für die Juden ein Gebot der Notwendigkeit, zu der neuen Konstellation Stellung zu nehmen. Die Juden erklären sich solidarisch mit den übrigen Gesellschaftsklassen in politischer, ökonomischer und kultureller Richtung. Sie sind dem Lande anhänglich, in welchem sie wohnen, allein sie wünschen in Wirklichkeit, auch wahrhaft gleichberechtigte Bürger dieses Landes zu sein und als solche zu gelten. In dem Augenblicke, da alle Gesellschaftsklaffen der Rechtsgleichheit in politischer Hinsicht teilhaftig werden, müssen die Juden dazu beitragen, daß diese demokratische Idee auch wirklich zur Geltung komme und daß die veralteten Vorurteile gegenüber den Juden und die Verfolgungen aufhören. Die Juden wollen an dem Kampfe für die Wohlfahrt des Landes sich beteiligen. Allein dieses Bestreben darf ihnen nicht etwa erschwert werden. In den breiten Massen der jüdischen Bevölkerung sei eine Bewegung entstanden, welche darauf abzielt, der Unzuftiedenheit und Verbitterung in leidenschaftlicher Weise und radikaler Form Ausdruck zu geben. Die Mehrheit der Juden mißbMge die zionistische Bewegung und bekämpfe dieselbe. Nichtsdestoweniger müsse zugegeben werden, daß die Unzufriedenheit und Mißstimmung über die Lage der Juden sogar schon in gemäßigten Kreisen einen Widerhall zu finden beginnt, da gewiffen Postulaten der jüdischen Jugend unmöglich die Berechtigung versagt werden kann. Jeder unvoreingenommene, einsichtige Politiker dürfte zugestehen, daß endlich die Zeit gekommen sei, in diesem Belange Wandel zu schaffen. Da genügen aber nicht Vertröstungen für die Zukunft; mit bloßen Zusagen werde man angesichts des Ueberhandnehmens der radikalen Agitation nichts ausrichten. Redner schildert das materielle Elend und die furchtbare Notlage eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Sämtliche jüdischen Gruppen, sagt er, stimmen darin überein, daß da geholfen werden müsse. Sonderbestrebungen jüdischer Parteien würden das Unheil nur noch vergrößern. Die Rede des Vorsitzenden wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Landtagsabgeordneter Dr. Fruchtmann besprach ebenfalls die Verhältnisse der Juden in Galizien. Reichsratsabgeordneter Dr. K o l i s ch e r trat in sehr energischer Weise gegen gewiffe Schlagworte der zionistischen Partei auf, welche hinsichtlich der Existenzfrage der Judenschaft eine ganz unpraktische Auffaffung beende. Durch Isolierung würden die Juden im künftigen Reichsrate, auch wenn sie ein ansehnlicheres Häuflein bilden würden, schwerlich, etwas für sich erreichen. Gemeinderat Dr. A s ch k e n a s e warnte die Juden davor, sich als Werkzeug einzelner nationalpolitischer Cliquen mißbrauchen zu lassen. Die Juden haben sich dem Volke anzuschließen und einzig und allein demokratischen Prinzipien Vorschub zu leisten. Der Bürgermeister der Stadt Stanislau Dr. Nimhin hob hervor, es wäre erwünscht, wenn die Juden ihre Postulate genau formulieren. Man müsse es an geeigneter Stelle den Führern nahelegen, daß es gerade kein Unglück sei, wenn in einem oder dem anderen Bezirke ein Jude in den Reichsrat gewählt werde. Ebenso müsse man darauf dringen, daß die Juden in ihrer Erwerbsfähigkeit nicht beschränkt und beeinträchtigt werden. Der Bürgermeister von Buczacz, Bernhard Stern, bezeichnete die Wahrung der städtischen Interessen seitens der jüdischen Abgeordneten als notwendig. Die Advokaten Dr. Nußbrecher und Dr. Boral wendeten sich in ihren Ausführungen gegen jede Zersplitterung der jüdischen Kräfte. Dr. D i a m a n d vertrat den sozialistischen Standpunkt. Gemeinderat Feldstein führte aus, daß die Juden nur von kulturellen Rücksichten sich leiten lassen dürfen. Der Bürgermeister von Skalat, Dr. Ehrlich, behauptete, daß fortan die Juden in Galizien infolge Einführung des allgemeinen Wahlrechtes das Zünglein an der Wage bilden werden und nach dem Grundsätze clara pacta faciunt bonos amicos ihre Forderungen nachdrücklichst Vorbringen und entschieden auf deren Verwirklichung bestehen sollen. Robinson aus Przemysl legte eine Lanze für die Zionisten ein, deren Kooperation in jedem Falle für alle ersprießlich wäre. Es geht nicht an, eine so weitreichende Bewegung und viele tausende von Anhängern der zionistischen Idee, wenn dieselbe vielleicht auch utopistisch sei, mit einem Federstrich zu vertilgen. In seinem Schlußworte mahnte Abg. Dr. Löwenstein zur Eintracht und erörterte neuerdings die zu erwartende gleichmäßige Behandlung der Juden. Einstimmig wurde nachstehende Resolution des Abg. Dr. Fruchtmann angenommen: „Die jüdische Volksversammlung beschließt, eine jüdische Landesorganisation zur Wahrung der politischen Rechte und wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung des Landes zu schaffen in der Ueberzeugung, daß mit dieser Aktion am erfolgreichsten den allgemeinen galizischen und nationalpolnischen Interessen gedient sein wird. Die Versammlung wählt zu diesem Behufe ein Exekutivkomitee mit dem Sitze in Lemberg und nominiert in den Provinzstädten die Delegierten, welche im Einvernehmen mit dem Exekutivkomitee sich mit der Organisierung der Lokalwahlkomiiees befassen werden. Das Exekutivkomitee wird aufgefordert, das Aktionsprogramm festzustellen, die Postulate der galizischen Judenschaft zu formulieren, energisch sich für die Verwirklichung dieser Postulate einzusetzen und zu diesem Zwecke bei den staatlichen und autonomen Behörden sowie auch bei den öffentlichen Vereinigungen des Landes die geeigneten Schritte zu unternehmen." Prag. (Gründung eines jüdischen Schulvereines für Böhmen.) Einer Einladung des Komitees zur Gründung eines jüdischen Schulvereines folgend, fanden sich Sonntag den 6. Jänner um 2 Uhr nachmittags an 90 Delegierte von Kultusgemeinden in Böhmen und verschiedener Korporationen in Prag in den Räumen der Toynbee-Halle ein, um die Gründung eines jüdischen Schulvereines zu beschließen. Nachdem der Obmann des genannten Komitees Herr Dr. Gustav Kuh in Prag die Versammlung in beiden Landessprachen aufs Herzlichste begrüßte und aus der Mitte der Versammlung Herr