Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021713--16065-3040864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Siedlce 1× ep/1000982
OCR text
Nr. 2 Vr. Bloch-s Wochenschrift. Sette 31 Dr. M. Kohn zum Präsidenten, Herr Gemeindevorsteher Löwner aus Kladno zum zweiten Präsidenten und Herr Brandeis zum Schriftführer gewählt wurde, erstattete Herr Mautner das Referat, in welchem er nachwies, wie notwendig es ist, sowohl den allgemeinen Volksschulunterricht für jüdische Kinder auf ein höheres Niveau, als es die allgemeine Simultanschule bietet, zu stellen, und wie insbesondere es notwendig ist, den Religionsunterricht an den Volks- und Bürgerschulen zu regeln. Der Schwerpunkt für die Lösung dieser Fragen liegt in der Lehrerfrage und wird es sich der Schulverein zur Aufgabe machen, jüdische Studenten durch Stipendien zu veranlassen, daß sie sich dem Lehrfache widmen. Der Schulverein wird ferner die Pensionen der Lehrer nach Möglichkeit verbessern, notleidende Gemeinden unterstützen und in den reichen Gemeinden Anregung und Beisteuer zur Errichtung jüdischer Schulen geben. Der Schulverein wird aber auch ängstlich darüber wachen, daß die bestehenden Gesetze betreffs des Religionsunterrichtes genau beachtet werden und wird seine Stimme unentwegt erheben, um Abschaffung von Mängeln des Gesetzes zu verlangen. Der Schulverein wird auf der breitesten Basis der allgemeinen Beteiligung des jüdischen Volkes in Böhmen angelegt sein, indem er nur K 1.— Jahresbeitrag fordern wird. Bis alle 100.000 Juden in Böhmen diese Krone dem Schulverein erlegt haben, dann hat alle geistige Judennot in Böhmen ihr Ende erreicht. Das Referat wurde mit großer Begeisterung ausgenommen und hat eine lebhafte Debatte hervorgerufen, an welcher sich die Herren Dozent Mahler aus Prag, Dr. Altmann aus Neustadtl, ferner die Prager Herren Lieben, Lebenhart, Löwy, Dr. Deutsch, Winternitz, Dr. Kuh, Rab. Abeles Redisch und Frau Sophie Roubitschek beteiligt haben. Sämtliche Redner begrüßten den zu gründenden Schulverein aufs Herzlichste. Nach dem Schlußworte des Referenten wurde einstimmig die Gründung eines jüdischen Schulvereines beschlossen und zu diesem Behuse ein großes Exekutiv-Komitee bestellt, welches nunmehr alle weiteren Schritte einleiten wird. Wir begrüßen auch unsererseits diesen mannhaften Schritt der böhmischen Judenschaft aufs Herzlichste und wünschen ihrem löblichen Unternehmen bestes Gelingen und Gedeihen. Czernotvitz. (Die Auszeichnung des B ü r g er m e i st ers D r. Reiß.) Vorige Woche fand in dem festlich geschmückten Rathaussaale von Czernowitz die feierliche Ueberreichung des dem Bürgermeister Regierungsrat Dr. Eduard Reiß vom Kaiser, verliehenen Offizierskreuzes des Franz Joseph-Ordens durch den Landespräsidenten Dr. Oktavian v. Bleyleben statt. Der Landespräsident schilderte in einer Ansprache an den Bürgermeister dessen segensreiche Tätigkeit, worauf der Bürgermeister seinen Dank für die Auszeichnung und die Bitte aussprach, der Landespräfident möge ihn auch weiter in seiner Tätigkeit unterstützen. Der Bürgermeister schloß seine Rede mit einem Hoch auf den Kaiser, in welches die Versammlung einstimmte. Sodann fand ein Bankett statt, welches die Gemeindevertretung zu Ehren des Bürgermeisters veranstaltete und welchem auch der Landespräfident Doktor v. Bleyleben beiwohnte. Bei den Toasten kam das freundschaftliche und vertrauensvolle Verhältnis zwischen der Gemeinderepräsentanz und dem Landespräsidenten zum vollen Ausdruck. Rücktritt des Generals Kanlbars. Odessa. Die Nachricht, daß der Hauptkommandierende der Truppen des Odessaer Militärbezirkes General Kaulbars seinen Posten verläßt, hat in dem fortschrittlich gesinnten Teile der Bevölkerung der Stadt große Freude hervorgerufen. General Kaulbars war der Beschützer der hiesigen Abteilung des reaktionären „Bundes des russischen Volkes". Mit seiner Erlaubnis wurden in der Typographie des Hauptstabes Proklamationen gedruckt, die zur Organisation von Judenhetzen in vielen Städten Rußlands verbreitet wurden. In Bialyostok hat man eine Menge solcher Proklamationen gefunden, welche die Aufschrift. hatten: „Gedruckt in der Typographie des Hauptstabes des Odessaer Militärbezirkes." Auch in Siedlce wurden derartige Proklamationen bei den Truppen vorgefunden. — Ueber die Ursachen der Demission des General Kaulbars find hier verschiedene Versionen verbreitet. Die einen sehen den Grund in dem Streik der russischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, welche General Kaulbars gezwungen hatte, an Stelle der streikenden Matrosen Mitglieder des russischen Bundes zu setzen, die aber ihr Geschäft so schlecht verstanden, daß die Gesellschaft große Verluste hatte; eine Anzahl Dampfer geriet auf Sandbänke, der Dampfer „Noworoffijks" verbrannte und zwei Dampfer wurden in die Luft gesprengt. Sehr hochgestellte Persönlichkeiten, welche Aktionäre der russischen Gesellschaft find, bestanden darauf, daß der General seine Demission gebe, damit dem Streik ein Ende gemacht werde, da die Gesellschaft schon lange nachgeben wollte. Andere glauben die Ursache darin zu sehen, daß General Kaulbars aus den dunkelsten Elementen des „Ruffischen Bundes" eine Kampfschar unter dem Namen „Weiße Garde" organisiert habe. Die Mitglieder dieser mit Revolvern und Gummistöcken bewaffneten „Garde" zogen durch die Stadt und schlugen jeden Paffanten, der ihnen ein „Intelligenter" oder ein Jude zu sein schien, nieder. Jeden Tag wurden von dieser „Garde" viele Einwohner geschlagen. Als aber auch einige ausländische Untertanen geschlagen wurden und einer sogar infolge der Schläge starb, beschlossen die Konsuln in einer Versammlung, sich an den Minister des Innern mit der Bitte um Schutz der ausländischen Untertanen zu wenden. Auf den Befehl des Ministers wurde General Kaulbars veranlaßt, die Tätigkeit der „Weißen Garde" einzustellen. General Grigorjew, der schon beschlossen hatte, seinen Dienst zu verlassen, bleibt jetzt aus seinem Posten und die Bevölkerung hofft, daß sie von den Gewalttätigkeiten des „Russischen Bundes" befreit wird. Judenexzesse in Rumänien. Aus Bukarest wird gemeldet: In Craiova veranstaltete der zionistische Verein „Harfinai" in Craiova im Saale Mizmor anläßlich des Chanukafestes ein Fest, auf welchem die bekannten zionistischen Vorkämpfer Dr. Niemirower aus Jassy und Dr. Jsak Leon aus Bukarest für den Anlaß paffende Vorträge halten sollten. Während im Saale die festlich gestimmte Menge den Vorträgen lauschte, veranstalteten mehrere hundert Zöglinge des Lyzeums, des Gymnasiums und der Handelsschule vor dem Saale eine feindliche Kundgebung und drangen dann mit Knütteln bewaffnet gewaltsam in den Saal ein, wo sie alles devastierten und Seffeln in die Menge warfen, wobei mehrere Personen schwer verwundet wurden. Mehrere Frauen fielen ohnmächtig nieder und wurden von der Menge mit Füßen getreten. Ein Teil der Exzedenten verbarrikadierte die Türe und hinderte das Publikum, sich zu retten, während die Uebrigen fortfuhren, auf die im Saale Anwesenden loszuschlagen. Unter den am schwersten Verletzten befindet sich Herr Jsak Klein, der ein tiefes Loch im Kopfe davontrug, und Frau Sali Peretz, die, als sie sich verstecken wollte, in den Eiskeller fiel und sich die Hände und die Füße verrenkte. Dr. Jsak Leon und der Handelsangestellte Redner wurden schwer mißhandelt und auch der Journalist Demetre Marcu, den die Exzedenten für einen Juden hielten, bekam eine Tracht Prügel ab. Als der Polizei-Inspektor Melinescu eintraf, um die Ruhe wiederherzustellen, sprangen die Schüler auf ihn zu und mißhandelten ihn unter den Rufen: „Nieder mit der Polizei". Die Polizei erwies sich den Exzedenten gegenüber vollständig machtlos und die Schüler zogen unter den Rufen „Nieder mit den Juden" und unter Abfindung nationaler Lieder durch die Straßen der Stadt, wobei sie sich neuerdings Ausschreitungen zu Schulden kommen ließen und die Scheiben am jüdischen Tempel einschlugen. In der Strada Madona-Dudu attakierten sie das zumeist von Juden besuchte Cafe Arsenti, wo sie die Scheiben einschlugen und die Gäste mißhandelten, wobei auch einige christliche Gäste Schläge bekamen. Erst ^um 7 Uhr zerstreute sich die Menge. Auf das anfänglich geplante Aufgebot von Militär wurde^verzichtet und am Abend bloß eine Anzahl von Gendarmeriepatrouillen ausgeschickt, um den Wiederausbruch der Skandale zu verhindern. Eine Anzahl von