Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021713--16059-3040858- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3 Dr. Wlocd's Mocbenscdrm. Seite 25 feine Professur haben konnte, obgleich er vielleicht der größte Gelehrte war, den Bonn aufzuweisen hatte". Die Königin schildert das Aussehen und Wesen des Gelehrten, dessen Stellung in ihrer Familie sie folgendermaßen charakterisiert: „Meine Eltern unterhielten sich stundenlang mit ihm und hatten unglaubliche Freude an der Größe und Weite seiner Anschauungen. . . . . Noch Jahre nachher wurde er oft in unserem Hause zitiert: „Bernays dachte so, Bernays sagte immer!" „Er hatte einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt durch die Macht seiner Persönlichkeit und seines ausgedehnten Wissens." Der Kummer, den er darüber äußerte, daß einer seiner Brüder zum Christentum übergetreten war, gibt Carmen Sylva Anlaß, sich darüber auszusprechen, daß „es keinen Zweck hat, die Kirche, in der man geboren ist, zu verlassen" .... „Es kommt ja doch wahrhaftig nicht auf die Formen an. Irgend eine Form ist aber notwendig, so lange Menschen sich genötigt fühlen, einen Gottesdienst zu haben, zu welchem sie sich versammeln, um gemeinsam andächtiger gestimmt zu sein. Wenn nun jahrhundertelange Streitigkeiten über das „Llioqus" entstehen, so hat man nur das Gefühl, daß die Kirche ebenso kläglich ist, wie alle anderen irdischen Dinge, die sich über sich selbst und ihre Kleinheit nicht erheben können. Alles soll materialisiert werden, was hätte hochgeistig aufgesaßt werden sollen. Und dann wundert man sich, daß denkende Menschen abtrünnig werden und schließlich jeder Religionssorm den Rücken wenden, weil sie alle zu materiell sind für den geistig Hochstehenden, der sich an äußere Gewandung nicht zu klammern braucht, um sehr fromm und andächtig zu sein. In unserem Hguse ist Nathan der Weise ein täglicher Gast, da wir alle Konfessionen in der eigenen Familie vertreten haben! Katholisch, protestantisch und orthodox, ebenso im Hause auch einen Juden als Sekretär haben! Und gerade ein Israelit ist es, der meine Hauptstütze in allen Wohltätigkeitssachen ist. Oberst Brociner trug im Kriege von 77 zwei schwere Wunden davon, wurde dann Sekretär bei uns und opfert sich mit Begeisterung auf für alle Armen und Leidenden, die von uns Hilfe erwarten. Und es hat noch nie den leisesten Zwist oder die kleinste Uneinigkeit gegeben, sondern jeder hat die Kirche des andern mit der größten Hochachtung behandelt; die Kinder haben nie empfunden, daß sie eine andere Kirche hatten als wir, also hier ist der-Beweis, daß es auf die Andachtssormen gar nicht ankommt! Man muß nur die Form mit Geist füllen und suchen, den Geist der ersten Christen hineinzulegen, aus der Zeit, da sie sich keinem Heidentume hatten anbequemen müssen und ihren Glauben den anderen mundgerecht zu machen suchten. Die Juden haben ihre Religion reiner erhalten als die Christen, das ist eine beschämende Tatsache, aber sie haben sich auch nie den vorhandenen Religionen angepaßt, um die ihrige einzuführen, sie haben jahrhundertelange Verfolgung ausgehalten und sind nicht abgewichen, und haben ihren Glauben nie aufgedrängt oder einzuführen gesucht. Die Judenverfolgung ist darum auch nicht Sache der Religion, sondern der Rasse, die Völker wollen sichs nicht gefallen lassen, ein anderes Volk in ihrer Mitte stärker werden zu sehen, als sie sich selbst fühlen. Es ist sehr einfach. In Rumänien ist es noch einfacher. Das Land ist schwach bevölkert, die Handwerke sind absolut in den Händen der Fremden, und da kamen nun die Hungerjahre, deren Folgen sich erst jetzt fühlbar machen. Es wird nicht mehr gekauft, noch gebaut, noch bestellt, und da sind nicht nur Juden, sondern auch Protestanten und Katholiken scharenweise ausgewandert, einfach weil sie keinen Lebensunterhalt mehr fanden. Sie haben keinerlei Verfolgung erfahren, denn das Land leidet unter ihrem Abgang; aber als die Bauern hungerten, hat die ganze Welt zugesehen, mit der größten Gleichgiltigkeit, nun da es die Gewerbetreibenden betrifft, ist die ganze Welt in Bewegung. In den letzten Monaten haben 36 protestantische Familien Bukarest verlassen, weil sie keinen Verdienst mehr fanden. Die Not war eben sehr groß und es wird noch ein paar Jahre dauern, bevor die beiden Hungerjahre vergessen und überwunden sind. Wenn kein Halm mehr steht, die Felder aussehen wie Tennen, das Vieh mit Erde im Magen zu Tausenden stirbt, dann gibt es auch kein Gewerbe mehr, dann steht eben alles still. Die Christen haben ihren Judenhaß und die ewige Verfolgung, die sie dieses bewundernswürdige Volk haben erdulden lassen, mit der Kreuzigung Christi entschuldigt. Seien wir ganz ehrlich gegen uns selbst. Was würden wohl die heutigen Christen tun, wenn Christus wiedererschiene? Ich fürchte, sie würden nicht einmal Hosiannah schreien, sondern ihn sofort für einen gefährlichen Sozialisten erklären und wenigstens in ein Irrenhaus sperren. Tolstoi hat dem Christentum schnell nachleben wollen und es in der Tat verwirklicht, und er ist moralisch, so gut wie gekreuzigt worden, zumal als er die Schächer aus dem Tempel zu jagen anfing und sie Otterngezüchte nannte, als er so viel Wahn und Heuchelei aufdeckte, mit dem das Christentum umhängt worden. — Die Juden sind das einzige Volk, das keinen Verfall erlebt. Sie bleiben fest und stark und einig, in sich geschlossen, einander hilfreich, gesund und kinderreich und mächtig. Und das alles verdanken sie einem einzigen Manne, dem größten Herrscher, den die Welt gesehen, dem König der Könige, dem weisesten Arzte, dem größten Psychologen und Physiologen, den es je gegeben: Moses. Wer könnte auf dem Throne leben, ohne vor Moses in Anbetung niederzuknien. Er ist ein Herrscher, der sein Volk erst gemacht hat und der es so gebaut hat, daß es allen Stürmen trotzen konnte. Hätte die Welt die mosaischen Gesetze angenommen, sie würde vor Tuberkulose und Krebs, Diphtheritis und wie alle die verheerenden Seuchen der Reihe nach geheißen haben, bewahrt geblieben sein." Carmen Sylva sührt diesen Gedanken weiter aus, indem sie Moses als Universalgenie, als Feldherrn und Arzt feiert und über Karl den Großen, Harunal-Raschid und Cesar stellt; alle diese „müssen sich vor Moses beugen, denn alle ihre Reiche sind nicht mehr, aber Moses' Reich verbreitet sich unablässig und wächst immerfort." Die Dichterin und Königin kommt dann aus die Bibel zu sprechen, auf Wahrheit und Dichtung, wie sie nie wieder erstehen kann. Denn mit unerschütterlicher Wahrhaftigkeit ist die Geschichte erzählt, wo die größten Dichter der Welt mit wohl die Propheten gewesen. Von David nicht zu reden, der vielleicht kein großer König, aber ein wahrhaftiger Mensch und ein sehr großer Dichter war . . ." „Es ist sonderbar. Wir leben und zehren alle von der Bibel und gestatten uns, das Volk zu verachten, welches das Buch der Bücher hervorgebracht. Wir verachten es auch wohl nicht, sondern wir fürchten es eher, weil wir seine Kraft ahnen und. immer uns wehren, in der Furcht, ganz von demselben überflutet und unsererseits unterdrückt zu werden. Aber warum lernen die Christen nicht von ihnen? Wir find ja aus dem Judentum hervorgegangen, warum wenden wir uns ab und verleugnen unsere Herkunft? Wenigstens unsere geistige Herkunft ist dort, und nirgends anders. Jawohl, Indien, aber in direkter Linie Judäa! — Sagen wir, daß Dante, Shakespeare, Sophokles, Michel Angelo, Goethe keinem Volke angehört haben, und Christus erst recht nicht, so müssen wir doch gestehen, daß es nicht ohne Bedeutung ist, in welchem Volke der Menschheit höchste Geister erscheinen, und daß man sich fragen sollte, warum hier und nicht dort, warum in diesem Gewände und in keinem andern? Christus konnte nur in einem leidensvollen, unterdrückten, traurigen Volke des Leidens Apotheose errichten, zu den Armen sprechen, und die Reichen mit Schande überhäufen. Die Juden könnten ihn nicht verstehen, da sie den Messias erwarteten, der sie äußerlich wieder zu Macht und Glanz und Herrlichkeit bringen sollte, und im Leiden keinen Glanz und keine Macht erkannten. Das Christentum selbst blieb nur so lange rein, als es verfolgt war. In der Stunde, da es zu Macht und Ehren gelangt war, hörte es vollkommen auf. Christentum zu sein. Kehrte Christus jetzt wieder, so würde er erstaunt sein, zu sehen, wer sich Christ nennt! — Die Juden haben keine solchen Entzweiungen in ihrer Mitte wie die Christen, die Juden wären nie in die Verrücktheit der Kreuzzüge verfallen, die Juden haben, keine Dogmen gemacht, die von den anderen bestritten werden können. Wo find Christi Dogmen? In der Bergpredigt? Oder in seinen Worten, wenn er sagte, wir sollen arm sein und den Armen helfen? Er hat