Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sir. L Sette 22 Dr. Liocb's MocvenscbrM. In moralischer Beziehung war er von seltener Gradheit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Und wenn er auch als ein harter, gefühlloser Mann galt, an seinem einzigen früh verstorbenen, hochbegabten Sohn Jakob hing er mit unendlicher Liebe. Er war sein Stotz und seine Freude. Er hat dessen Tod nie verwinden können, und deßhalb Wohl hat er sich im Alter auch körperlich vernachläsfigt. In seinem Testamente zeigte er aber, daß er an den Grundsätzen seiner Jugend festhielt. Da er weder Frau noch Kinder hinterließ, stiftete er, mit wenig Rücksicht auf die minder Wohlhabenden unter seinen Neffen und Nichten, mit seinem ganzen Vermögen Stipendien für Studierende an dem jüdischen Seminar in Wien, welche sich verpflichten, als Lehrer oder Rabbiner in Galizien zu wirken. In viel schlechteren ökonomischen Verhältnissen lebten stets seine Mitarbeiter Krochmal und Erter. Ersterer war früher Kaufmann, dann Angestellter einer Aktiengesellschaft und scheint auch diese Stelle mehr aus Mitleid als wegen seiner Fachkenntniffe bekommen zu haben. Er war von abschreckender Häßlichkeit und machte sich durch Benehmen und Geberden oft lächerlich. Dabei aber ein grundehrlicher und gutmütiger, für seine hebräischen und philosophischen Studien begeisterter Mann. Isaak Erter war Arzt und wurde gewöhnlich Doktor tituliert, obwohl er nur Wundarzt war. Er hatte neben den diplomierten Doktoren der Medizin einen schweren Stand, wenig Praxis und geringes Einkommen. Als Honorar für einen Krankenbesuch erhielt er gewöhnlich einen „polnischen" Gulden, das ist ungefähr eine halbe Krone. Einmal faßte er sich Mut und sagte einem wohlhabenden Manne : „Sie könnten schon einmal anfangen, mir einen ganzen Vierziger (ungefähr zwei'Drittel einer Krone) für die Visite zu zahlen." Ob dieser Rat befolgt wurde, weiß ich nicht. Dabei war Erter von außerordentlicher Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit. Es konnte ihm passieren, auf einem Seffel platzzunehmen, auf dem bereits jemand saß. Am letzten Pessachtage 5553 (1793) im Dorfe Dolabow am Dniester geboren, war er zuerst Privat lehrer und hat dann Chirurgie studiert. Schon lange vor Entstehen des „Cholez" hatte er durch Aufsätze in hebräischen Zeitschriften und prächtige Satyren sich einen Namen als eleganter, witziger, hebräischer Schriftsteller gemacht. Andern Kreisen jüdischer Gelehrsamkeit und einer ältern Generation gehörten Bensch Blumenfeld und der „Smiler", Verfaffer des „Rabijah" (,°V2*n, Ofen 1837), an. Dieser hieß mit seinem Familiennamen Mehlsack und gab an, Rabbiner in Smila in Rußland gewesen zu sein, was aber von dortigen bestritten wurde. Sein eben genanntes theologisches Werk soll nicht ohne Wert gewesen sein, er selbst machte aber den Eindruck eines Deklaffierten und war ein Trinker. Er kam oft zu uns ins Haus und mein Großvater pflegte ihn manchmal am Purim zu Tische zu laden. Dies war meiner Mutter gar nicht lieb, denn er benahm sich nicht eben manierlich bei Tische. Wenn ich ihn dann mit einer Kerze die unbeleuchtete Stiege hinuntergeleitete, dankte er mit den Worten: „Wenn Du so alt sein wirst, wie ich jetzt bin und ich ein kleiner Junge wie Du, werde ich Dir leuchten." Ich habe nun schon sein damaliges Alter erreicht, er aber ist nicht verjüngt wiedererschienen. Einen Gegensatz zu ihm bildete der geachtete, in seinem Aeußern sehr saubere Blumenfeld, der bis zu seinem vor ungefähr fünfzig Jahren erfolgten Tode die jüdische Tracht trug. Er war kinderlos und ist in hohem Alter in derselben Woche, wenn nicht gar am selben Tage wie seine Frau gestorben. Welchen Wert seine 1826 in Wien erschienene Uebersetzung nebst Kommentar des Hiob hatte, konnte ich in meiner Kindheit nicht beurteilen, aber sie erregte meine Bewunderung, weil sie mit deutscher Schrift gedruckt war.'Die Mendelssohn'sche Uebersetzung ist in den alten Ausgaben mit hebräischen Lettern gedruckt, die Zunz'sche war damals eben erschienen und ist erst viel 'später zu unsgelangt. Auch ein anderer Blumenfeld, Isaak mit Vornamen, Herausgeber des „Ozar nechmod“, 1856—63, war ein Brodyer; ich habe ihn aber erst um 1867 in Wien kennen gelernt. Er ist 1890 in Genf gestorben. Gewissermaßen ein Brodyer war auch der berühmte Musiker Rubinstein. Sein Großvater, der in einer kleinen Stadt Rußlands lebte, stand mit dem meinigen von mütterlicher Seite in Geschäftsverbindung. Um seinem Sohne einen besseren Unterricht zu verschaffen, schickte er ihn nach Brody, wo er im Hause meines Großvaters Gastfreundschaft genoß und die Realschule besuchte. Aüs dessen Ehe mit einer Brodyerin (Nathansohn) stammten der berühmte Anton und ein zweiter, ebenfalls musikalisch begabter, früh verstorbener Sohn. Später hat, wie ich aus Erzählungen meiner Mutter und der älteren Geschwister weiß, die Frau Brody besucht und die beiden Knaben haben sich mit ihrem schon damals viel bewunderten Spiel vor ihrer Großmutter produziert. Die Familie war zur Zeit dieses Besuches noch eine jüdische. Der Künstler selbst hat sich an diese Abstammung nicht gern erinnern lassen. Er galt als Russe und die Nationalrussen haben den berühmten Mann gern annektiert, mit demselben Recht, mit dem sie die Mandschurei annektieren wollten. So bin ich mit meinen ein halbes Jahrhundert zurückreichenden Erinnerungen, an so vielen Gräbern vorbei, unwillkürlich in die lebendigste Gegenwart geraten. Und da erinnere ich mich noch, wie einmal gerade um der Toten willen die Ruhe der Lebenden gestört wurde und ein wenig Fanatismus aufflammte: Als die Fortschrittlichen einen Totenwagen Herstellen ließen, damit die Leichen nicht nach dem weit entfernten „Haus des Lebens" getragen werden müßten, ist es zu einem Tumult gekommen, der nur durch Eingreifen des Militärs gestillt werden konnte. Die Ruhe wurde zwar schnell hergestellt, aber den Sieg behielten die fanatifierten Tumultuanten. Die Reformfreunde , als die Klügeren, gaben nach und die Toten wurden auch weiter auf der Bahre zu Grabe getragen. Da ich somit mit meiner Schilderung züm Schlußpunkt alles Lebens gelangt bin, so will ich auch hier Schluß machen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Das allgemeine Wahlrecht in der Kultusgemeinde Anläßlich der letzten Wahlen in die Kultusgemeinde kam auch das allgemeine Wahlrecht für die Kultusgemeinde zur Debatte. Wir traten dagegen auf, und zwar mit folgenden Argumenten: Das allgemeine Wahlrecht im Staate hat seine Begründung. Der Staatsbürger muß billigerweise Wähler sein, auch wenn er keine direkten Steuern zahlt, denn er trägt neben der Blutsteuer auch noch die große Last der indirekten Abgaben. (Zum Beispiel Zinskreuzer, Zuckersteuer.) In der Kultusgemeinde gibt es aber keine indirekten Steuern, daher auch nach herkömmlichen Grundsätzen keine Rechte, weil keine Pflichten existieren. Weiters bemerkten wir, daß bei einem allgemeinen Stimmrecht in der Kultusgemeinde breite Schichten der Bevölkerung zu Worte kommen könnten, deren sozialdemokratische Interessen Umwälzungen Hervorrufen würden, deren Ende und Folgen nicht abzusehen seien. Schließlich sagten wir noch, das allgemeine Wahlrecht für die Kultusgemeinde sei nirgends in der Welt eingeführt, auch niemals eingeführt gewesen, trotz des demokratischen Geistes im Judentum, und ganz ohne Beispiel. Darauf erhielten wir nun von Herrn Dr. Karl Jeremias aus Posen folgende freundliche Mitteilung über die Sache: Eingesandt. Bei der Diskussion, die zur Zeit in den österreichischen Kultusgemeinden betreffend die Erweiterung des Wahlrechtes gepflogen wird, begegnet man öfter der Behauptung, das allgemeine Wahlrecht wäre nirgends in der Welt für die Kultusgemeinden eingeführt und' die Einführung in österreichischen Gemeinden sei darum ein gefährliches Experiment. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß