Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Sette 21 richtigen Verhältnis der Bevölkerung lieferten. Dem konnte man«« Mein ältester, leider schon vor mehr als einem Viertelsich freilich nicht entziehen, aber man suchte wenigstens dieHjahrhundert verstorbener Bruder erzählte mir, er sei einmal als jungen Leute aus anständigen, frommen und wohlhabenden si Kind wegen eines in der Nacht ausgebrochenen Brandes geweckt Familien dem Militärdienste zu entziehen und das vorgeschriebene, 5:. worden. Als er die Flammen erblickte, habe er fröhlich gerufen: Quantum durch Freiwillige und Stellvertreter zu erreichen. Der Messias ist gekommen, da ist schon die Feuersäule!" Auch dafür bestand ein besonderes unabhängiges Komitee, dessen Tätigkeit mitunter in zu große Nähe mancher Paragraphe des Strafgesetzes geriet. Wenn man aber bedenkt, daß damals noch keine allgemeine Wehrpflicht in Oesterreich bestand, daß der Dienst, während dessen der Soldat beständig die Speise- und Sabbatgesetze verletzen mußte, acht, bezw. vierzehn Jahre dauerte, daß die Behandlung der Soldaten eine rohe, manchmal unmenschliche war, so wird man begreifen, welche Kalamität die Einreihung unter die Soldaten für den frommen Juden sein mußte. Ueberdies konnte es der Jude in Friedenszeiten nicht höher als bis zum Feldwebel bringen. - In Kriegszeiten war dafür die „Freimachung" um so schwieriger. So wurde im Jahre 1848 ein Lehrer der hebräischen Schule „assentiert". Um ihm wenigstens das Los des gemeinen Soldaten zu ersparen, wurde beschlossen, ihm eine Stelle als Kadett, ungefähr dem jetzigen Einjährig-Freiwilligen entsprechend, zu verschaffen. Dazu bedurfte es der Ablegung einer Prüfung, zu der er die erforderlichen Kenntnisse besaß, und der Erlegung einer Taxe von achtzig Gulden, die er nicht besaß. Da machten zwei seiner Schüler sich auf den Weg und sammelten bei Bekannten ihrer Eltern das nötige Geld ein. So ist unser Lehrer Kadett geworden, aber zum Offizier hat er's nicht gebracht. Den Gegensatz zu diesem eleganten jungen Manne, den die Uniform ganz gut kleidete, bildete mein — richtiger einer meiner — Talmudlehrer. Ein „Cheder" habe ich nie besucht, wie ich auch nie die polnisch-jüdische Tracht getragen habe, aber neben meinem schon recht modernisierten Lehrern des Hebräischen genoß ich vorübergehend den Unterricht eines antediluvianischen, rothaarigen Jeschubabachurs ') Er führte aber den Namen Bachur nur aus alter Gewohnheit, denn er war verheiratet. Seine Frau verkaufte Zucker und Kerzen und Seife usw. in einem kleinen Kramladen. Und wieder den Gegensatz zu ihm bildete mein Lehrer in „Deutsch" und Französisch, bevor ich die Schule zu besuchen anfing. Er schämte sich gar nicht, ja, ich glaube, er war noch stolz darauf, daß sein Bruder getauft war. Und dieser Bruder war ein Dichter, dessen Gedichte sogar gedruckt worden sind. . Mein allererster Lehrer, der mich in die Geheimnisse des ' hebräischen Alphabets einweihte und einige Gebete lehrte, war ein „Belfer". Einmal hat er sich mit mir produziert, um Schüler anzuwerben. Man nannte dies „bsn Hasmanim (zwischen den j Semestern) gehen". Da ging der Lehrer oder sein „Behelfer"!. zu den Eltern schulpflichtiger, das heißt religiös, nicht staatlich ' schulpflichtiger Kinder, mit einem seiner besten Schüler, den er vor dem Vater des Anzuwerbenden Prüfung ablegen ließ, um die Erfolge seines Unterrichts zu beweisen. Und dieser mein Urlehrer hat alle andern überlebt ^und mich vor einigen Jahren in Wien besucht. Er hatte hier noch andere ehemalige Schüler und setzte sie in Kontribution, um eine Tochter oder Enkelin verheiraten zu können. Auch sonst fand sich manche interessante Figur unter.. meinen vielen Lehrern, aber es würde zu weit führen, sie alle - hier zu schildern. Und merkwürdig, einen eigentlichen Religions-* lehrer habe ich nicht gehabt. V In der staatlichen Volksschule wurde den christlichen Schülern * Auch ich habe als Kind an dem Messiasglauben festgehalten und, lange bevor es Zionisten gab, die Wiederervberung des heiligen Landes geplant, sogar Freiwillige angeworben. Die Bekannten meiner Eltern gingen darauf ein, nur Einer hat es mir ernstlich übelgenommen, als ich ihn mit der Erklärung, er sei untauglich, zurückwies. Der Mann war in der Tat kränklich und ärgerte sich, daß ein Kind es an seinem Aeußern bemerkte. Ich erklärte damals auch, ich würde, wenn ich nach Amerika käme, nur beim Präsidenten der Vereinigten Staaten speisen. Ob ich mir Nordamerika auf dem Wege nach Palästina gelegen dachte, ist mir nicht erinnerlich, aber ich weiß, daß damals die Sage ging, Präsident Polk (gewühlt 1844). sei ein Jude. Später habe ich freilich viel von meiner Frömmigkeit und mehr noch meine Mutter an Zutrauen zu ihr verloren. Und nicht bloß in unserer Familie, in der ganzen Gemeinde herrschte ziemlich viel Toleranz, oder, wie manche klagten, Indifferenz. Selbst unter den Strenggläubigen gab es wenige entschiedene Fanatiker und noch weniger unter den Fortschrittlichen, die meistens der wohlhabenden Klasse angehörten. Langsam und vorsichtig suchten sie dem Fortschritt den Weg zu bahnen und wohlweislich begannen sie mit den Reformen nicht beim Kultus. Sie erbauten keinen Tempel, beriefen keinen Prediger, sondern gründeten zuerst eine Schule und begannen die Herausgabe einer Zeitschrift „Der Gerüstete" (p*?n n), um das Volk aufzuklären und den Aberglauben zu bekämpfen. Redakteur und Herausgeber dieser Zeitschrift war der vor zehn Jahren verstorbene Ofias H. Schorr; Jsaac Erter, Krochmal jun. und andere wirkten mit. Auf die literarische und reformatorische Wirksamkeit dieser Männer einzugehen, ist nicht meines Amtes. Ich will mich begnügen. hier einiges rein Persönliche von ihnen zu berichten. Sie waren alle nicht ausschließlich Schriftsteller oder Theologen; sie hatten jeder seinen bürgerlichen Beruf. Schorr war Kaufmann und zuerst Forscher und Gelehrter, später erst Reformer. Er hat, nach damaligen jüdischen Begriffen, spät geheiratet und schon als Junggeselle, lange nach Absolvierung des Cheder, sich als Autodidakt den größten Teil seines Wissens, das überaus gründlich in hebräischer Sprache und Literatur war, leider nicht auch genügend Kenntnis der klassischen Sprachen erworben. Ich erinnere mich noch, welch ein Freudentag es für ihn war, als eine Sammlung von ihm erworbener hebräischer Manuskripte aus Italien eintraf. Als sich seine Vermögensverhältnisse verschlechterten, mußte er freilich einen Teil derselben verkaufen; seine Studien hat er aber in guten, wie in bösen Tagen nicht unterbrochen und nicht vernachlässigt. Und dabei war er, wie überhaupt in seiner ganzen Lebensweise, von einer bewundernswerten Regelmäßigkeit. Den ganzen Vormittag saß er an seinem Schreibtische, um die Mittagsstunde machte er seinen Spaziergang, ohne Rücksicht auf das Wetter, so daß ihm einmal bei großer Kälte ein Ohr erfror. Und diese Spaziergänge machte er jahrelang auf demselben Wege. Sein Ziel war eine Telegraphenstange außerhalb der Stadt, welche die Nummer Tausend trug; nie ist er bei Nr. 999 oder 1001 umgekehrt. von einem Katecketen R-liaionsnnterrickt erteilt diweniaenH Nachmittags nnd abends saß er wieder bei seinem Schreibtische; von einem Katecheten vi-ligionsnnlerricht erteilt, blwenigen Nachtmal ein, das stets aus einer Buch. jüdischen mußten während der dazu bestimmten Stunden aus^ . . . dem Flur oder der Straße warten. Es wurde ihnen aber auchR., izensuppe epan - t _ in der mosaischen Religion kein eigentlicher Unterricht erteilt,H ®on kräftiger Konstitution — lerne $änbebtude toarert man lehrte nur die Gebete und Zeremonien. Im übrigen wurdeM berühmt und gefürchtet — und hoher Statur, schritt er stets die Religion gewissermaßen praktisch in der Familie gelehrt undA stramm aufgerichtet einher, den Stocks nicht als Stutze gedie Kinder nahmen davon so viel an, legten später so viel ab,«Krauchend, sondern mit chm stark aufs Pflaster ausschlagend. Er als ihrer Eigenart entsprach. i»muß sehr früh kahl geworden sein, denn so wert ich mich er- _' Winnern kann, hat er stets eine Perrücke getragen, was in drody ') Frei übersetzt: Student der Talmudistik. reine große Seltenheit war.