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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-11 · 2 (11.1.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 20 Dr. Llocv's Mlocoenscdrtrl. Nr. 2 Eine galizische Iudenstadt vor fündig (Nackkbrtttk verboten.) göl|Wttt Von Dr. M. L. II. Und das galt nicht bloß für die jüdische Tracht im Allgemeinen, sondern auch für manche ihrer Einzelheiten. Man sollte es kaum glauben, welche Wichtigkeit die Frommen jedem Stück ihrer Tracht und der Zeit, zu der es getragen werden sollte, beilegten. Sie hatten nicht weniger als fünf verschiedene Kopfbedeckungen. Zu Hause trug man eine schwarze Sammetkappe (polnisch Jarmulka), auf der Straße, je nach Stand und Zeit, Stramel, Spodek, Zobelmütze (Sobelhüttl genannt) oder FKzhut. Letzterer wurde nur an Wochentagen, Stramel und Spodek nur von Verheirateten getragen. Nur ein Trauernder trug am Sabbat den Spodek, dagegen wnrde das Stramel bei Hochzeüen und Beschneidungen auch an Wochentagen getragen. Vor ungefähr sechzig Jahren bildeten die verheirateten Zungen Leute eine Verschwörung für die Einführung des Hutes in die Sabbattoilette und entschlossen sich zur Ausführung des Unternehmens erst, als mein Großvater, ein Mann von anerkannter Autorität und Frömmigkeit, sich an ihre Spitze stellte. Er hatte eben Verständnis für den Wandel der Zeiten und wußte zwischen dem Wesen der Religion und äußerlichen Zutaten zü unterscheiden. Die Fußbekleidung bestand bei älteren frommen Leuten aus Kniehosen, weißen Strümpfen und Schuhen, war also ganz „Hoftracht". Die anderen trugen aber bis zum Knie reichende Stiefel über den Beinkleidern. Statt Rock, Frack und Ueberrock hatte man Pekesche, Kaftan, Tislik und Radziwilowka. Schnitt und Aufputz dieser Kleidungsstücke zu beschreiben, dazu reicht meine Kenntnis des edlen Schneiderhandwerks nicht aus. Ich weiß nur, daß an Wochentagen Pekesche oder Kaftan aus Kattun oder Lasting getragen wurde, für Sabbat und Feiertag war aber Ratzemore (8-aso moire) unerläßlich. Merkwürdig ist es, daß für die Tracht der Frauen keine so strengen Vorschriften bestanden. Wenn -sie nur statt des eigenen Haares ein Atlasband oder eine Perrücke und darüber ein mit Perlen besetztes Gebäude aus Pappendeckel, dem national-russischen Kokoschnik ähnlich, trugen, so durften sie im Uebrigen der neuesten Wiener oder Pariser Mode folgen. Dieser Kopfschmuck, Sternbindl (Stirnbinde) genannt, hatte manchmal einen hohen Wert und deßhalb viel Verlockendes für Diebe und Räuber. Sternbindelabreißer bildeten eine Spezialität in der Gaunerzunft. Vorsichtige Frauen pflegten daher, wenn sie nachts ausgingen, den Kopfschmuck abzulegen oder ihn mit einem Tuch umzubinden. Witwen trugen während der Trauer statt des Sternbiüdels eine Art Haube, Kupke genannt. Aeltere Frauen trugen ein goldgesticktes Brusttuch und statt Rock oder Mantel eine Juppe. 'Wie die Tracht stand auch der Speisezettel unter religiösem Einfluß, und dies nicht bloß in Hinsicht der allgemein geltenden jüdischen Speisegesetze. Außer dem Sabbat, dem sein „Schälet" und die „Kugel" genannte Mehlspeise nicht fehlen dursten, außer dem Freitag mit dem „Knisch" (eine Art Pastete) zum Mittag und den gekochten Fischen zum Nachtmahl, hatte auch fast jeder Feiertag seine besondere Speise, die sonst im Laufe des ganzen Jahres nicht gegessen wurde. Suppe mit fleischgefüllten Pastetchen, wie man sie mitunter in Italien unter dem Namen Capelletti bekommt, gehörten zum sechsten Tage des Laubhüttenfestes (Hoschanah rabbah), Hamantascherl selbstverständlich zum Pürimfeste, an dem außerdem noch kleines, herzförmiges Gebäck aus Honig und Nüssen genossen wurde. In' der ersten Nacht des Osterfestes wurde Suppe mit Knödel, in der zweiten „Barscht", eine säuerliche Suppe von roten Rüben und Eiern, gegessen. Aus den wieder zu Mehl gemahlenen „Mazzes" (flache Osterbrote) verfertigten Köchinnen allerlei österliche Mehlspeisen usw. ' Und was für wichtiges Geschäft war nicht das „Mazzesbacken"! Wochen vor Ostern wurde schon das Mehl eingehandelt und mit dem Bäcker akkordiert, wobei man besonderes Gewicht darauf legte, den „ersten Ofen" zu bekommen, der noch als besonders rein und „koscher" galt. Da pflegte meine Großmutter schon in aller Früh in das Backhaus zu gehen, um die Arbeiter zu überwachen und aufzumuntern. Diese Leute waren in der Mehrzahl keine ständigen Bäckergesellen, deren es ja nicht genug für den vorübergehenden außerordentlichen Bedarf gab, auch wurden sie nicht gleichmäßig entlohnt, sondern je nach Art ihrer Tätigkeit als Kneter, Schieber und Radler nach einem eigentümlichen Tarif. Besonders fromme Leute begnügten sich nicht, das fertige Ostermehl zu kaufen, für sie mußte es gewissermaßen von seiner Geburt an, ich glaube sogar noch vor der Getreideernte unter Aufsicht stehen. Die daraus bereiteten Osterbrote nannte man „Schmieremazzes" (bewachte). Andererseits wurde aber von wohltätigen Leuten dafür gesorgt, daß auch die Armen ihr genügendes Quantum Osterbrote, teils gratis, teils zu billigerem Preise erhielten. Ebenso bestand ein „Komitee", um den Armen im Winter Holz, während einer Teuerung billiges Mehl oder Brot zu liefern. Brody hatte lange vor Wien seine Volksküche. Das Armenbrot wurde manchmal nach einer ganz miginellen Methode hergestellt. Es war nämlich der Brauch aller wohlhabenden Familien, am Freitag Brot für den Hausbedarf der ganzen Woche zu backen. Nun wurde von dem Komitee (heute würde man sagen Verein) des Armenbrotes Mehl eingekauft und unter die wohlhabenden Hausfrauen verteilt, welche es zusammen mit dem für den eigenen Gebrauch bestimmten bucken und dann das Brot dem Komitee ablieferten. Sie brauchten dazu nicht mehr Holz als sonst und nahmen das Bißchen Mehrarbeit gern auf sich. So ersparte man die Kosten des Backens, und da man das Mehl im großen und gegen bares Geld, daher viel billiger als die Bäcker, .einkaufte, konnte man den Armen das Brot erstaunlich billig liefern, ohne etwas zu verlieren. Auch dessen Verkauf wurde von jungen Männern und Frauen gratis besorgt und ebenso stellte oft irgend ein Hausherr Magazin und Verkaufslokal ohne Entgelt zur Verfügung des Komitees. Während der Cholera wirkten freiwillige Krankenpfleger. Fast alle diese wohltätigen Veranstaltungen wurden nicht von Vereinen, sondern von „Komitees" besorgt, die aus wenigen aber eifrigen Mitgliedern bestanden. Nur die Lotterie von Frauenhandarbeiten, aus deren Ertrag den Armen zu Ostern Kartoffel geliefert wurden, präludierte schon den modernen Wohltätigkeitsbazaren, bei denen das Sichzurschaustellen oft mehr Zweck als Mittel ist. Alle diese Veranstaltungen waren von dem jüdischen Kultusvorstand ebenso unabhängig wie von dem aus Christen und Juden bestehenden Gemeinderate. Sie waren rein private, jeder amtlichen Sanktion entbehrende Institutionen, die sich aber recht gut bewährten. Auch manche zu wohltätigen Zwecken testamentarisch bestimmte Kapitalien waren auf den Namen einzelner Personen eingetragen, da man die Einmischung der Regierung und die bureaukratische Bevormundung von öffentlichen Stiftungen scheute. Dies führte zu manchen Unzukömmlichkeiten. Ich hatte daher im Jahre 1860 mit jugendlichem Eifer einen Plan zur Vereinigung aller wohltätigen Institute und Vermächtnisse unter eine gemeinsame Oberleitung entworfen. Der Plan fand Beifall, aber keine Ausführung. Es hätten eben manche persönliche Eitelkeiten und Interessen verletzt werden können. Amtlich anerkannte wohltätige jüdische Institute waren, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, nur das Spital, das Waisenhaus und der Schulkinderbekleidungs-Fonds. Neben dem jüdischen Kultusvorstande gab es, wie eben erwähnt, einen interkonfessionellen Gemeinderat mit umfangreichem Wirkungskreis. In diesem mußte nach dem Gesetze wenigstens die Hälfte der Mitglieder Christen sein, obwohl diese nur ein Viertel der Bevölkerung bildeten. Dagegen sorgte die väterliche Regierung dafür, daß die Juden Rekruten nach dem

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