Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 rur. Dlocb s IPdlocbenscbciti, Seite IS Die Zentralisation des Armenwesens. Die Diskussion, zu welcher der Leiter des Armenwesens der Wiener Kultusgemeinde, Herr Kraus, die dankenswerte Anregung gab, hat zwei Resultate zutage gefördert. Erstens waren alle, die in der „Wochenschrift" ihre Meinung über diese wichtige Frage zum Ausdruck brachten, eines Sinnes darüber, daß die Zentralisierung eine Notwendigkeit sei; zweitens stimmten alle damit überein, daß die Armenpflege durch freiwillige Mitwirkende und nicht durch Beamte zu erfolgen habe. Kaiserlicher Rat Dr. Krüger legte überdies ein wohldurchdachtes Programm für die Durchführung der Zentralisierung vor. Man könnte sonach mit dem Resultate der journalistischen Enquete, die unaufgefordert zustande gekommen ist, wohl zufrieden sein. Selbst wenn die von Herrn Kraus gegebene Anregung ein beabsichtigter „Fühler" gewesen wäre, hätte man alle Ursache, die Wirkung freundlich zu begrüßen, von der sie begleitet war, denn man hat in Erfahrung gebracht, welche Anschauungen über die Form der Armenpflege in der Bevölkerung herrschen, und kann nun, wenn man will, darauf gestützt eine Aktion einleiten. Wenn man will! Darauf kommt es eben an! Wenn bei den maßgebenden Persönlichkeiten der Wille vorhanden ist, wird es keinen unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen, die Reform einzuführen, über welche ja alle Faktoren einer Meinung sind: die Zentralisierung. Sowohl diejenigen Sachverständigen, welche der Armenpflege durch Beamte das Wort reden, als diejenigen, welche den praktischen und ethischen Wert der freiwilligen Armenpfleger Hochhalten, verlangen mit Nachdruck die Zentralisierung. Es gilt daher vor allem, den Weg zu suchen, auf welchem dieser positive und allen gemeinsame Teil des Programmes für die Reform durchzusühren wäre. Da es keine Zwangsmittel gibt, deren sich zu diesem Zwecke die isr. Kultusgemeinde bedienen könnte oder wollte, wäre der Weg der Verhandlung mit den einzelnen Vereinen der unmittelbarste. Dazu gehört aber, daß diejenigen Persönlichkeiten, welche seitens der Kultusgemeinde mit der Leitung oder Einflußnahme auf die Armenpflege betraut sind, aufrichtig nicht nur die Zentralisation wollen, sondern auch von vorneherein auf die bisher festgehaltene Idee der ausschließlichen Besorgung der Armenpflege durch Beamte verzichten. Die Haltung, welche diese Persönlichkeiten eingenommen,haben, hat nur zu sehr mit der von Herrn Kraus vertretenen Anschauung übereingestimmt, als daß nicht die Befürchtung und das Mißtrauen erweckt werden würde, daß die von Herrn Kraus so warm empfohlene und wohl von ihnen gleichfalls beabsichtigte Zentralisierung nur dem Zwecke dienen sollte, die gesamte Verfügung über das Armenwesen in die Hände von Beamten zu legen. So lange diese Befürchtung und das hierdurch entstandene Mißtrauen nicht durch die bestimmte Erklärung beseitigt sind, daß die freiwillige Armenpflege die Basis der Zentralisierung sein wird, würden die Verhandlungen zu keinem guten Resultate führen und der der Sache der Zentralisierung so wohlgemeinte — wenn auch mit einem nicht schwer zu beseitigenden Geburtsfehler behaftete Vorschlag des Herrn Kraus würde ebenso wirkungslos bleiben, wie alle bisherigen, auf die Reform des Armenwesens in der israelitischen Kultusgemeinde abzielenden Bestrebungen. So viele Vorschläge auch gemacht worden find, alle scheiterten an dem Widerstande derjenigen maßgebenden Persönlichkeiten, welche es sich in den Kopf gesetzt hatten, daß nur die Besorgung der Armenpflege durch Beamte dem Zwecke entspreche. Obwohl gerade das Gegenteil durch die Erfahrungen und Beobachtungen in deutschen und englischen Städten bestätigt wurde, waren sie nicht dazu zu bewegen, dem guten Zwecke der Zentralisierung das Opfer zu bringen, daß sie der Majorität der Stimmen nachgaben, und sie verzichteten lieber auf die Zentralisierung, als daß sie zugegeben hätten, Zentralisierung und freiwillige Armenpflegschaft miteinander zu verbinden. Wenn alle, die bisher das Wort gegen den Vorschlag des Herrn Kraus geführt haben, sich für die Beibehaltung der freiwilligen Armenpflegschaft als System aussprechen, so geschieht dies wahrlich nicht deßhalb, weil sie auf die Aeußerlichkeiten Wert legen, welche mit der Selbständigkeit so vieler Vereine verbunden find, sondern weil sie von der Ueberzeugung ausgehen, daß einerseits die Spezialisierung der Armenpflege, wie sie durch verschiedene Vereine besorgt wird, große Vorteile in sich schließt, andererseits die Mitwirkung einer großen Zahl von Personen zu den Erhebungen unentbehrlich ist. Sie verhehlen nicht, daß das System auch mit Mängeln behaftet ist, die hauptsächlich darin ihren Grund haben, daß nicht alle mit der Armenpflege betrauten Personen auch wirklich „berufene" und „auserwählte" find, allein diese Mängel werden eben durch die Zentralisierung paralysiert und korrigiert, so daß der aus diesem Grunde abgeleitete Widerstand auf die Dauer nicht aufrecht erhalten werden kann. Wird dieser Anschauung Rechnung getragen, so wird es gelingen, auch jenen Widerstand zu beseitigen, der von solchen Vereiuen oder Vereinspersönlichkeiten ausgcht, die um ihre Autonomie besorgt find. So wie es schon kaiserlicher Rat Dr. Krüger in seinem Artikel und in seinem Programmentwurfe hervorgehoben hat, schließt die Zentralisierung die selbständige Verfügung der Vereine über Mittel nicht im Geringsten aus. Sie soll nach wie vor fort« bestehen. Es soll nur verhindert werden, daß durch diese Einrichtung der Professionsbettel allein Vorteil ziehe, daß der wahrhaft bedürftige Arme verkürzt werde, weil die vorhandenen Mittel von den geschickteren Profesfionsbettlern vorweg genommen werden. Durch die Zentralisierung soll auch nicht im Entferntesten die diskrete Armenpflege oder die Unterstützung einzelner Personen in besonderen Notfällen tangiert oder einer undelikaten Veröffentlichung preisgegeben werden. Man braucht sich also vor der Zentralisierung nicht zu fürchten. Sie verursacht nicht Böses, sondern schafft nur Gutes. ES ist gar nicht notwendig, auf das segensreiche Zusammenwirken der Vereine zu Gunsten armer Wöchnerinnen hinzuweisen, weil dieses ja allgemein bekannt ist, um den Nutzen der Zentralisierung zu demonstrieren. Die Anführung dieses Beispieles hat aber den besonderen Zweck, zugleich den Weg zu zeigen, den man einschlagen könnte, um, wenn es nicht mit einem Schlage ginge, schrittweise zum gewünschten Ziele zu gelangen. Sowie zu diesem Zwecke gleichartige Vereine sich verbunden haben, ließe sich auch eine Bereinigung anderer Vereine, die sich eine gleiche Aufgabe gestellt haben, durchführen. Wenn die maßgebenden Faktoren eine gruppenweise Zusammentretung und Besprechung solcher Vereine zur Beratung eines kollektiven Vorgehens veranlassen würden, ließe sich allmälig eine Zentralisation durchführen. Vorzuziehen wäre allerdings, wenn alle israelitischen Wohltätigkeitsvereine sich zusammentun wollten, um die Zentralisierung zu bewerkstelligen, und da eS vielleicht nur hundert solcher Vereine gibt, wäre es nicht unmöglich, die Vorstände aller dieser Vereine einzuladen, selbst die Bedingungen festzusetzen, unter welchen sie der Zentralisierung bei Aufrechthallung ihrer Autonomie zustimmen würden. Wenn der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde die Einladung an sämtliche Vereinsvorsteher richten würde, möchte sich wohl keiner von ihnen ausschließen, und es wäre ein großer Schritt auf dem Wege zur Reform selbst dann getan, wenn nicht alle sich für die Vereinigung aussprechen wollten. Dieser Besprechung wäre aber nur die Frage, ob die Zentralisierung — unter ausdrücklicher Anerkennung der Autonomie und der Mitwirkung der freiwilligen Armenpfleger—durchzuführen ist, zur Entscheidung vorzulegen, damit die Diskussion nicht zersplittert werde, und wenn, wie vorauszusehen ist, diese Frage bejaht würde, wäre, etwa mit Zugrundelegung deS von Herrn kaiserlichen Rat Dr. Krüger vorgelegten Programmes, durch ein Spezialkomitee das Statut für diese Zentralisierung auSzuarbeiten und einer nächsten Versammlung zur Genehmigung vorzulegen. Es wird sich dann zeigen, welche Vereine bereit find, sich mit einander zu verbünden und das Armenwesen in der israelitischen Kultusgemeinde von den Schädlichkeiten zu befreien, die ihm jetzt anhaften, ihren eigenen Zwecken bester zu dienen, als es bisher geschehen konnte, und zugleich den Armen zu dienen, indem sie dieselben von Parasiten befreien. Johann Lichten st ad t.