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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-01-11 · 2 (11.1.1907) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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_i'iji)Hii '• mniT«;— imiiii i jmiiiiminuiyi;~*"r! \ \ i a I ff 1 § '!' i Sette 18 Dr. Vlocb's MocbenscbrLkt. mv 2 die Minister berieten, wie sich ihnen gegenüber Väterchen als Vater zeigen werde, und daß sie es also nicht verdienen, mit Gerechtigkeit behandelt zu werden. Zwar kann nicht einmal der serbische König seinen Erstgeborenen zwingen, sich wie ein Europäer zu benehmen. Nach der Ansicht der russischen Regierung aber sind die jüdischen Väter verantwortlich für die Taten ihrer Kinder und müssen dafür büßen. Es ließ sich jedoch diesmal nicht einmal dieser sinnlose Wahnwitz behaupten. Gerade der Ansiedlungsrayon war der ruhigste Bezirk in der letzten Periode der russischen Revolution und man konnte ihn nicht einmal unter einem Vorwand bestrafen. Der Vorwand wurde aber auch weder gebraucht noch angewendet. Mau hatte schon erreicht, was man erreichen wollte, und weitere Spiegelfechterei wurde als zwecklos aufgegeben. Die Wahrheit ist, daß ernste Verhandlungen über die Judenfrage im russischen Ministerrat wahrscheinlich niemals stattgefuuden haben. Man hat erfundene Telegramme darüber nach Europa bugsiert und zwar aus einem Rest von Anstand, weil man ja eine Besserung der Lage im Ansiedlungsrayou den jüdischen Bankiers versprochen hatte, als man die letzte Anleihe von ihnen borgte und so die Reibung zwischen ihrer Ehre und ihrer Gewinnsucht mit einem Schuß idealistische» Oeles verminderte. Viel dringender aber für ihre schönen Telegramme dürfte der russischen Regierung noch der Grund gewesen sein, daß man trotz aller Abmachungen mit den Finanziers doch noch einmal mit dem Hute in der Hand um neues Geld nach Europa betteln gehen und die jüdischen Bankiers nicht erzürnen wollte. Hat nun Väterchen Schuldenmacher auf seine neuerlichen Anfragen doch eine abschlägige Antwort bekommen, oder hat sich ein Finanzminister einen neuen Raubzug auf die Taschen der Bevölkerung ausgedacht — der Plan zu einer neuen Anleihe wurde fallen gelassen und als deutlicher Beweis dafür wurde statt der vielen schönen Telegramme die Wahrheit kurz und barsch verkündet: Für die russischen Juden ist auf lange Zeit jede Hoffnung geschwunden. Damit ist der schleichende Pogrom in Permanenz erklärt. Ein Pogrom, dessen Folgen in längerer Zeit dieselben sind wie die eines kurzen Einbruches bewaffneter Hundertschaften von Räubern. Denn der Ansiedlungsrayon ist überfüllt von Menschen, die einen verzweifelten Daseinskampf mit einander führen und von denen jeder im kleinen Kreise des Zwischenhandels seine Existenzmöglichkeiten findet. Verliert er diese in einem Jahr der Mißernte oder des Unglücks, so kann er fast nie daran denken, bei seinen bedrängten Leidensgenossen Hilfe zu finden, um sich wieder aufzuraffen, und immer mehr Luftmenschen versinken in der Gefangenschaft des Ansiedluugsgebietes, von der Grausamkeit der russischen Regierung festgehalten, in jenem Elend, für das der Tod ein Erlöser ist. Dieses Ende und diese Qualen werden noch gefördert von der Niedertracht der Kerkermeister, welche mau wegen ihrer Fähigkeiten als Folterknechte ins jüdische Gebiet versetzt hat. Das alles zusammen gibt ein Martyrium, welches nicht ertragen werden kann und auch uicht ertragen wird. Jetzt umso weniger, als mit der letzten Hoffnung auch die letzte Geduld der Märtyrer geschwunden ist. Was von ihnen noch Lebenswillen besitzt, ergreift je nach der Möglichkeit die Flucht oder es stellt sich seinen Henkern zum Verzweiflungskampf. Das „Deutsche VoWblatt", das keine Gelegenheit zu einer Lüge vorLbergehen läßt, ohne diese auszusprechen, hat fast gleichzeitig mit der Nachricht vom Beschluß des russischen Miuisterrates einen Leitartikel über die Juden in der russischen Revolution gebracht, natürlich strotzend von gemeinen Erfindungen und von einem korrespondierenden Ehrenmitglied der schwarzen Banden geschrieben. Anknüpfend an die Ermordung des Stadthauptmanns von Petersburg wird darin behauptet, alles in der russischen Revolution sei ein Werk der Juden, die um jeden Preis die Herrschaft über Rußland an sich reißen wollen. Königliche Herrscher, die von einenl betrunkenen Polizisten nach Belieben mißhandelt werden, bis sie ihm den letzten Groschen gegeben haben, die für ein freies Wort in Sibirien unter Martern ihr Leben in der Jugend beenden, die Sträflinge sind nach hartem Urteil und ohne Schuld! Wenn die Helden des österreichischen Antisemitismus nach Recht und Verdienst den Lohn ihrer vielen Verbrechen in Stein genießen würden, sie hätten noch ein besseres Los als die Luftmenschen unter der Knute, die nach dem Zarenthron ebenso eifrig streben sollen, wie Vergani nach Obligationen. Es ist nicht ein Füllhorn des Gedankens, aus welchem dem Leitartikler des „Deutschen Volksblatt" die Einfälle Zuströmen, sondern es sind zwei und sie sind ihm rechts und links über der Stirne angewachsen. Es war allerdings nicht anders zu erwarten, als daß die Henker von Polna die Henker von Petersburg unterstützen. Ihnen gegenüber aber müssen wir einen Bund der Abwehr gründen und mit allen Mitteln entgegentreten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Auswanderungsfrage wieder sehr dringlich werden wird und daß unsere Lage im Westen sich durch jüdischen Zufluß aus dem Osten verschärfen wird, durch die Wanderung jener Armen, die den Judenhaß an den Sohlen tragen, wie ein Wort des verewigten Herzl lautet. Da vereinigt sich nun die Eigenliebe mit der Bruderliebe in uns zur Aufforderung, alle jene Bestrebungen zu unterstützen, welche den Märtyrern unseres Volkes eine Ruhestätte zu schaffen bestrebt sind. Auch jenen Gesellschaften muß man zur Hand gehen, welche aus der Einwanderung in unsere Monarchie eine Durchwauderung machen wollen. Das hat mannigfache Gründe. Die zunehmende Macht der Antisemiten in Oesterreich kann sehr leicht Einwanderungsbeschränkungen erreichen, wenn die Zahl der Emigranten eine auffällig große wird, ohne daß man ihre Weiterbeförderung nachweist. Auch kann unsere Lage hier durch eine Vermehrung unserer Zahl nur eine Schwächung statt eine Stärkung erfahren. Fürs dritte ist es nur ein Vorteil für die Auswanderer, wenn sie aus unseren armen Gegenden wieder hinauskommen, weil es ihnen überall anderswo besser geht als bei uns. Das wird natürlich sehr viel Geld in Anspruch nehmen und dem Bürger schwere Lasten auferlegen; der österreichische Jude hat aber eine Tradition der opferfreudigen Brüderlichkeit und er wird sie ganz gewiß bewahren. Biel wichtiger aber noch als die materielle Hilfeleistung scheint uns die moralische. Es muß ein Druck ausgeübt werden auf die vom Schicksal am meisten Begünstigten unter uns, welche noch lange nicht nach Tunlichkeit und Möglichkeit ihren jüdischen Brüdern aus dem Osten zu Hilfe gekommen sind, sei es zur Erleichterung der Wanderung, sei es zur Erreichung eines Wanderzieles. Diesbezügliche dringende Resolutionen zu fassen, wird Sache jüdischer Korporationen und Versammlungen sein. Für die russischen Hooligans aber gibt es nur zwei Antworten. Sie dürfen nie und nimmermehr durch ihre Schwindeleien einen Kreuzer jüdisches Geld erreichen, wie man ihnen mehr als leichtfertig so große Summen trotz ihrer Feindseligkeit gegen die Juden zur Verfügung stellte. Und die Juden, die irgendwo und irgendwie Zutritt zu Regierungen haben, müssen es zu erreichen trachten, daß Europa in Petersburg geharnischten Einspruch gegen die antisemitischen Barbareien erhebt. Uns im Westen aber mögen die Ereignisse eine eindringliche Lehre geben. Vor drei Jahrzehnten noch waren die russischen Juden fast um gar nichts ärger daran als ihre christlichen Mitbürger. Dreißig Jahre haben genügt, um sie gesetzlich zu wehrlosen, mißhandelten Sklaven zu machen. Auch bei uns lauert viel Moskowitertum. Seien wir auf der Hut und verlegen wir ihm mit Verstand, Einigkeit und Kraft beizeiten die Wege, damit wir später nichts zu bereuen haben. I. Uprimny.

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