Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N-. 2 Dr. Bloch’s Jahrgang XXIV Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 11. Jänner 1907. Lrs<Delnt jeden zfrettag. Brief-Adreffe: Mien. IX/i, Werggasse 39. Telegramm-Adresse: Wlocb's MiocLenscbritt. Mlten. »----S K. k. PostfxsrkÄffen-Arnt Lleartng-Verkebr Nr. 610.976. Redaktion und Administration: »int IX/i, Werggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847 V-* D-.-« Vrzugsprris für Vrflrrrrnh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 * Anzeigen: Die 4mal gespaltene Peiitzeile 24 Heller. »-* Inhalt: Leitartikel: Eine begrabene Hoffnung. — Die Zentralisation des Armenwesens. — Eine galizische Judenstadt vor fünfzig Jahren. — Jahrmarkt d es Lebens: Das allgemeine Wahlrecht in der Kultusgemeinde. Bravo Reiter! Warum ein Dichterpreis vergessen wurde. Alfred Freiherr v. Berger über die jüdische Raffe. Die Königin von Rumänien über Juden und Judentum. — Korrespondenzen: Aus der öffentlichen Plenarsitzung. Die Generalversammlung des »Israelitischen Bethaus-Vereines" im IX. Bezirke Wien. Eine politische Organisationsversammlung in Galizien. Prag. Czernowitz. Rücktritt des Generals Kaulbars. Judenexzesse in Rumänien. Galveston. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden 2t. Tempelspenden. Wien. Wien-Mariahilf. Wohltätigkeitsakademie der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Jüdische Toynbeehalle, XX., Othmargasse. Jüdische Toynbee- Halle — Bildungsheim. Wien. Jüdischer Schulverein für den IX. Bezirk. Spendenausweis des Brigittenauer israelitischen Unterstützungsvereines. Brüun. Jglau. — Feuilleton: Ein schlafender Sänger. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Eine begrabene Hoffnung. In drei Zeilen Telegramm ist wieder ein vernichtendes Urteil über sechs Millionen Menschen ausgesprochen, ist der gewaltig erschütternde Bibelfluch wiederholt worden: „Unstet und flüchtig sollst Du sein!" Der russische Ministerrat hat beschlossen, die Reformvorlage zur Lösung der Judenfrage zurückzustellen. Kein Wort der Begründung ist in die Oeffentlichkeit gedrungen. Wer wird sich auch Juden gegenüber diese überflüssige Mühe nehmen. Die Regimenter im Ansiedlungsrayon sind Begründung genug, und wenn Jemand protestieren wollte, so wird ihm bald der Mund geschlossen — auf ewig. Noch einmal wurde es mit aller Brutalität ausgesprochen, daß über die russischen Juden nicht das Szepter, der Stab des obersten Richters, der über Recht und Billigkeit wacht, wie über Bürger herrscht, sondern die Peitsche wie über die niedrigsten Sklaven. Man war nicht darauf gefaßt. Man glaubte nicht, daß die Regierungszeit Ivan des Grausamen und des Strelitzenschlächters Peter bis in unsere Zeit dauern werde, daß die Ströme heißen Blutes umsonst vergossen seien. Man nährte die Meinung, daß die Lenker des russischen Staates vor neuen Hekatömbenopfern von Menschen an den Stufen des absolutistischen Thrones zurückbeben würden, daß sie nach ihren Pyrrhussiegen in Moskau, Kronstadt und Sebastopol Furcht haben werden vor neuen Kämpfen mit den Revolutionären, deren endlicher Sieger ja doch zweifelhaft ist, weil aus jedem durchschossenen Herzen eines Freiheitskämpfers zwei neue hervorwachsen. Das war nach europäischer Rechnung der Beginn einer Neuzeit der russischen Juden, für deren Elend ein Stückchen vom Brudermahl der Versöhnung zwischen Volk und Negierung abfallen müßte. Die russischen Staatsmänner aber haben den traurigen Mut, allen stillen und lauten Bitten der Kulturwelt ein trotziges Nein entgegenzusetzen, sie lassen die gepanzerte Faust nicht locker, mit der sie ihre Feinde, aber auch den Wohlstand ihres Reiches Niederhalten und der Krieg geht unabsehbar weiter, in welchem einander die Gegner bei jedem Zusammentreffen wie tolle Hunde niederknallen. Und den Juden wurde der erste Hoffnungsschimmer des Tages wieder verdunkelt, den sie aus ihrer Hölle heraus hatten erblicken können. Den Juden geschah damit viel, viel Schwereres als den Russen. Die Christen des Zarenreiches leiden unter dem Drucke auf Herz und Seele, sie sind nur politisch get knechtet, die Juden aber auch körperlich. Man braucht nichauf die Pogrome hinzuweifen, bei denen die Tobsucht der Banden sich in starken Anfällen entlädt. Ihre Verbannung in den Ansiedlungsrayon, wo sie gezwungen sind, einander jeden Atemzug freier Luft und jeden Bissen Brot streitig zu machen und wo die Schwächeren in der Fäulnis ihrer Kellerwohnungen ersticken oder verhungern müssen, ist ein weit größerer Greuel als der makedonische, der entrüstete Großmächte veranlaßt, Panzerschiffe und Landungsdivisionen mobil zu machen. Der russische Ministerrat hat nun beschlossen, diese Greuel bestehen zu lassen. Wenn man will, kann man diesen Entschluß sogar bewundern. Es liegt Größe auch in der Schurkerei. Wer von uns hätte es über's Herz gebracht, einen Beschluß zu fassen wie diese russischen Torquemadas, diese Inquisitoren, die tausenfachen Mord mit einem Federstrich auf's Gewissen nahmen, unbekümmert um die zahllosen Opfer des Hungertyphus, die weiter fallen werden dank der infernalischen Grausamkeit der obersten Hooligans. Noch schwärzer als zuvor wird die Nacht der russischen Juden werden, nachdem man sie eine hoffnungsvolle Morgenröte hat schauen lassen, ohne daß die Sonne aufgegangen ist. Man hat sie mit frohen Hoffnungen erfüllt, um die Genarrten dann mit einem gemeinen, schuftigen Wortbruch in ihr Elend zurückfallen zu lassen. Mit einem infamen Wortbruch. Denn was war denn diese ganze Komödie einer beginnenden Judenbefreiung in Rußland? Der plötzliche, völlig grundlose, nicht einmal im geringsten schamhaft verhüllte Rücktritt hat deutlich genug gezeigt, daß es mit diesem Plane ja niemals ernst war, daß man offenbar nur auf einen günstigen Zeitpunkt wartete, um sich zu demaskieren und in seiner wahren Natur als Sklavenhalter zu zeigen. Man hätte doch sagen können, wie es uns als abgedroschene Phrase schon so oft anfgetischt wurde, daß die Juden die geistigen Führer der russischen Revolution seien, daß sie auch nicht geruht hätten, während