Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021712--16047-3040845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 14 £>i JSiocü* MocvenscbrM. Nr. 1 sogar Spuren von Verwesung waren nicht mehr zu verkennen. Wir beweinten ihn, wie es sich gebührt, einer von uns schrieb ihm in seinem ihn überlebenden Leiborgan einen warmen Nachruf und das Vermögen verteilten wir laut Verfügung des Testamentes, das heißt der Statuten, an die rechtmäßigen Erben: an einem Wohltätigkeitsverein den Ertrag der Möbelstücke und an die Gemeindebiblivthek die von ihm zurückgebliebenen Bücher. Zehn Jahre sind seit jener Zeit verstrichen. Niemand erinnerte sich mehr des Heimgegangenen Vereines, höchstens einmal im Jahre, nämlich zu den hohen Feiertagen, tauchte sein Name wieder unter den Lebenden ans, denn da hörte man von einem sogenannten „Minjan", das seinen Namen führte, als würde man alljährlich um diese Zeit nach altfrommen Brauche für sein Seelenheil die Jahrzecken abhalten. . . . Als ich nun vor einigen Monaten, nichts Arges ahnend, die Straße dahinschlenkerte, da fesselte auf einmal mein Blick ein riesengroßes Plakat, wo mit schreienden, farbeugrellen, man könnte fast sagen wahnsinnigen Lettern die Worte zu lesen waren: „Der Wächter" ruft!! „Der Wächter" ruft, wiederholte ich mir — von wo ruft er? Aus dem Grabe? War ich nicht einer von jenen, die den Tod konstatiert haben, die Auflösung? War ich nicht einer von den Vollstreckern des Testamentes? Und jetzt ruft er — kann ein Toter rufen? In der Tat aber erfuhr ich dann später, war es nicht der tote „Wächter", der rief, sondern vielmehr der ihn überlebende, verzweifelte Vater. . . . Nach einer langjährigen Abwesenheit kehrte der Vater dieses Vereines, bekannt unter dem Namen „der Vereinsmeier^, in seine Heimatstadt zurück und da erfuhr er, daß sein Schmerzenskind ,.Der Wächter" vor vielen Jahren eingegangen sei. Da erfaßte es ihn so wild, daß er sich wie wahnsinnig geberdete. Von einem zum anderen lief er in den Gassen und schwur hoch und heilig: „Der Wächter" sei nicht tot, er schlafe nur, er liege bloß in einem Starrkrampf, er werde ihn schon wieder znm Leben bringerr. In der Tat stellte er auch verschiedene Wiederbelebungsversuche an. Er schickte zu den früheren Mitgliedern, von einem zum anderen, um die Monatsbeiträge wie einstma's eiuzufordern. Aber diese hatten nur Worte des Mitleids für ihn, doch kein Geld. Als das nicht verfing, bestürmte er die früheren Komiteemitglieder, daß sie mit ihm im Vereine es laut verkünden, der „Wächter" sei zu neuem Leben erwacht. Auch sie aber hatten nur ein mitleidiges Achselzucken für ihn. Ihm aber gab es noch immer keine Ruhe, denn jetzt bedrängte er die Erben, daß sie ihm das Vermögen des Vereines zurückgeben, den Ertrag der Möbel und der Bücher, sie hätten kein Recht, einen Lebendigen zn beerben. Trotzdem aber, daß er auch hier Mißerfolg erlitt, erlahmte er noch immer nicht und schrie vermittelst riesiger Plakate mit farbeugrellen Lettern in die taube Welt hinein: „Der Wächter" ruft! Er hatte aber auch nicht wenig Unglück mit seinen Kindern, wie er immer seine Vereine nannte, der arme Vereinsmeier. Alle starben sie ihm weg bald nach der Geburt. Und was ihm der Schmerz um so herber und unerträglicher machte, war das Bewußtsein, daß er selber ihren Tod verschuldete. Alle sielen sie nämlich seiner Biedermanie zum Opfer. Unser Vereiusmeier war nämlich nicht nur von der Biedermanie besessen. Vereine auf Vereine zu gründen, sondern auch lange Reden zu halten. Diese Reden jedoch setzten sich aus solchen Bestandteilen zusammen, daß sie auf den zarten Organismus des jungen, kaum erst ans dem Ei herausgekcocheuen Vereines tätlich wirkten, so daß die Rede, mit wächer er sein neugeborenes Kind ins Leben einführte, zugleich seine Grabrede wurde. Man mußte ihn eberl bei einer solchen Rede gehört und beobachtet haben, um das zu verstehen — wie er mit Augen, Händen und Füßen arbeitete, edk zweite Minute stockte und stolperte, stellenweise in einen j solchen Redesumpf hineingeriet, daß er vergebliche Anstrengung machte, sich aus demselben herauszuziehen; da' stieß er in der großen Augst seines Herzens jedesmal den Hilferuf ans : „Meine Herren! Meine Herren!", aber auch olle Herren hatten nicht das Herz, diese Qualen und Siedekoliken, unter welchen er sich wand und krümmte, miranzuseheu und sie retteten sich, als kaum die Lage kritisch zu werden aufiug zur Türe hinaus. Manche gar — und das waren die Besorgten — weideten sich an diesem Anblick, und je verzweifelter der Zustand wurde, umso lauter lachten sie, ja viele brachen gar in ein lautes Gezisch aus, was den Unglücklichen in eine Art von Raserei versetzte, so daß er mit einem lauten Fluch von der Reduerbühne stürzte — und da war es um den armen Verein geschehen . . . Unverdrossen aber wie eine Bruthenne setzte er sich auf neue Eier, um einen neuen Verein auszubrüten, aber das verwünschte Gakern dieser Henne war es dann wieder das der jungen Brut das Leben kostete. Das ging so lauge fort, bis es ihm endlich doch einmal gelang, ein gesundes, wiederstandsfähiges Kind in die Welt zu bringen. Und dieses nannte sich „Der Wächter". Aber auch „Der Wächter" wäre ganz bestimmt demselben Schicksale erlegen wie die andern, wenn er sich nicht rechtzeitig genug von der Vormundschaft seines Vaters befreit hätte, so daß dieser gar nie dazu kajn, eine Rede zu halten. -Als nämlich die erste Versammlung zusammentrat, war der erste Beschluß, den sie faßte, ihn nicht allein von dem Präsiomm ferne zn halten, sondern ihm überhaupt jede Einflußnahme auf das Gebühren und Gestalten des Vereines zu entziehen. Der Arme machte dann die traurige Figur einer Henne, die Enteneier ausgebrütet und die zusieht, wie ihre Jungen lustig im Wasser herumplätschern, während sie ihnen ferne bleiben muß. Er beklagte sich schwer über diese unerhörte Widerspenstigkeit seines Kindes, aber cs half ihm nur wenig, denn dieses sagte sich ganz von seiner Vaterschaft los und wollte von ihm nichts wissen. Vor lauter Herzgram zog er aus der Stadt weit weg, um es wenigstens nicht vor Augen zu haben, wie Fremde sich das Recht über sein Kind aumaßen und ihn, den Vater, aus seiner Nähe verdrängen. Trotzdem aber, oder richtiger, eben dadurch wuchs der Verein und prosperierte und brachte es mit der Zeit zu einer großen Fabrik, die den Ehrgeiz von Vorstehern für die ganze Gemeinde besorgte. Die Führer, nämlich des Vereines, stürmten nämlich die Bastei des alten Vorstandes, daß dieser sich erschüttert fühlte, und um die alte Sicherheit wieder zu gewinnen, sich dazu bequemen mußte, die Unruhestifter liebevoll zu sich hinüberzunehwen. Der Betrieb jedoch war dadurch nur für kurze Zeit eingestellt, denn es kamen bald wieder neue Führer ans Ruder, die ebenfalls gegen den Vorstand sturmliefen, so daß man auch sie zu besänftigen suchte, indem auch sie vom Vorstände Mandate erhielten. Das ging so lauge, bis der „Wächter" im Vrlaufe der Jahre seine Kraft ganz abnützte und da mußte er auch den Weg alles Fleisches gehen . . . Der Vater des „Wächters" jedoch, der inzwischen wieder in die Stadt eingezogen ist, hält fest daran, sein Kind sei nicht tot, es sei nur ein Scheintod, eine Lethargie, er werde cs schon zu neuem Leben wachrufen, denn der „Wächter" habe lange noch nicht seine hohe Aufgabe erfüllt. Noch gibt es ehrbedürftige Männer genug, die tu sich den Drang fühlen, die Gemeinde zu vertrete». Noch fehlt es bei uns nicht an Rohmaterial für die Erzeugung von neuen Vorstehern! .... Im Grunde genommen, hat ja auch der Betrieb während der ganzen Zeit nicht aufgehört, aber der „Wächter" hat schon lange seine Zeit ausgelebt, denn man arbeitet jetzt nach einem neuen System und mußte man zu diesem Ziele für die Erzeugung von Vorstehern eine neukonstruierte Werkstätte ins Leben rufen, mit neuen Triebfedern und eimm neuen originellen, gleichsam mystifizierenden Namen, denn jene Werkstätte nennt sich jetzt „Der Literatur verein".