Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021712--16042-3040840- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 Dr. Llocb's MocbenscdrM. Sette 9 eigenen Leibe erfahren, um wie vieles die brutale Sprache der Tatsachen eindringlicher zu reden vermag, als die abgeblaßten Schilderungen durch die Vermittlung eines Dritten? Den guten Willen des Herrn Kraus bestreite ich nicht. Allein das Gebiet der Wiener Gemeinde ist ein viel zu umfangreiches, die Aufgaben sind sehr schwer und die Erfahrung spricht für die alte Tradition. Besser aber als alle Auseinandersetzungen vermag ein einziges Erlebnis die Richtigkeit meiner Ansichten zu erhärten. Im vergangenen Winter bekam unser Verein ein besonders dringendes Gesuch einer armen Wöchnerin. Ich begab mich sofort in die mir namhaft gemachte Wohnung und war geradezu entsetzt von dem Anblicke, der sich mir beim Betreten derselben darbot. In einem finsteren, ungeheizten Loche lag da eine von Not abgehärmte Wöchnerin auf Stroh gebettet, und daneben ein wimmernder Säugling der vor 4 Tagen, wenn der Ausdruck erlaubt ist, vas Licht der Welt erblickte. Noch nie hat Not und Elend mich in so krasser Gestalt angegrinst. Meine erste Frage an die alte Mutter, welche die Wöchnerin zu betreuen hatte, war, warum man denn nicht die Hilfe der Armenanstalt unserer Kultusgemeinde angerufen habe? Mir wurde darauf erwidert, daß dies wohl geschehen sei, allein der Beamte wollte vor allem Legitimationen vorgelegt sehen. Als ihm darauf ein russischer Paß vorgewiesen wurde, meinte er, darin kenne er sich nicht aus, man solle ihn zunächst ins Deutsche übertragen lassen. Wo sollen die Aermsten einen Dolmetsch in der Eile aufsuchen? Die Uebersetznngsgebühr auftreiben? Was mich betraf, so wandte ich mich zunächst an den in der Nähe wohnenden Herrn Dr. Med. Isidor Reiniger, der sich sofort in bereitwilligster Weise mit voller Hingebung der Armen annahm. Meine Frau versah die Leute mit warmer Kost und von Seite unseres Vereines „Marpe Lanefesch" als auch von dem Verbände für jüdische Wöchnerinnen und von Herrn Jakob März wurden über meine Veranlassung namhafte Beträge zugewendet. Ich könnte noch mit einer größeren Anzahl ähnlicher Beispiele dienen. Allein schon das Berichtete dürfte genügen, um gegen den Vorschlag des Herrn Kraus Stellung zu nehmen. . Wilhelm Morgenstern. Eine interessante Erinnerung. Herr M. Beck, Rabbiner in Bukarest, sendet uns freundlich folgende Todesanzeige über das Hinscheiden und Leichenbegängnis des Oberrabbiners Moses S o f e r s. A. die am 3. Marcheschwan 5600 — 11. Oktober 1839 vom Preßburger Gemeindevorstande jüdisch-deutsch gedruckt und überallhin versandt wurde: Todesanzeige über das Hinscheiden und Leichenbegängnis des verdienstvolle«, hochgeehrten nnd allgemein geliebten Herrn Oberrabbiners b“t tbid rnwa TVna a*vr zu Preßburg. Einer dunklen Wolke gleich vor plötzlich hereinbrechendem Gewitter, umzogen und verdüsterten sich durch die schnelle, gefahrvolle Erkrankung unseres vielgeliebten, verewigten Herrn Oberrabbiners b"T “1S1D nwtt T'-imö die Gemüter aller unserer Glaubensgenossen. Eine noch nie erlebte Bestürzung wälzte sich von Stunde zu Stunde auf alle Herzen, die ihn so innig liebten und verehrten und für sein Leben die höchste Sorge trugen. Wehmut und Schmerz über die schreckliche Ahnung, daß der Tod ihn aus unserer Mitte reißen könnte, lähmten unsere Kräfte, es stockte alle Unternehmung, aller Geschäftsverkehr, und gleich den Kindern eines unbegrenzt liebenden Vaters eilte alles, Klein und Groß, Tage und Nächte mit zerrissenem Herzen in die Bethäuser und flehte und weinte mit den aufrichtigsten Gefühlen um die noch längere Erhaltung ihres guten Vaters, ihres liebevollen Erziehers und Lehrers. Anders war es aber im himmlischen Rate beschlossen! Es sollte dieser Engel nicht länger mehr unter den Menschen wandeln. Seine heilige Seele schwang sich ruhmgekrönt hinauf in den Chor der Engel und unter die verklärten Geister der Tugendhaften und der Gerechten. Sein Hinscheiden von dieser Welt (die NN'V) liefert die kräftigsten Beweise von seinem tugendhaften Lebenswandel. Sein unerschütterliches, festes Vertrauen auf Gott, seine beseligende, ruhevolle Vorbereitung, hinüberzuwandeln in das Reich des Ewigen, seine bis an den letzten Moment seines Lebens emporgesandten feierlichen Gebete übersteigen alle menschlichen Vorstellungskräfte; so lebte und starb er in Gott, Religion, Tugend, Frömmigkeit und Menschenliebe, üy rra *n Eine hier noch nie gesehene Volksmenge israelitischer Glaubensenossen strömte von allen Seiten hierher, dem Leichenzuge mb eizuwohnen, unter welchen mehrere vorzügliche Rabbiner vom Lande aren, namentlich auch der weltberühmte und achtbare Rabbiner aus Wien pn-vfl “ijKbn mniv ann der im Hause des Verewigten eine fassende Leichenrede nsan hielt. Die Beerdigung miap fand am Abende seines Hintrittes statt. Voran fuhr der Leichenwagen, gezogen von vier mit schwarzem Tuche belegten Rosien. Die Leiche selbst wurde von dem Hause bis zur Grabstätte pabp N'2 von den angesehensten Männern unserer Gemeinde mit tiefer Rührung getragen. Seine Zöglinge und Schüler DTöbn trugen zu Ruhm und Ehre des Verblichenen seine in einigen fünfzig bestehenden, selbst verfaßten, äußerst gediegenen Manuskripten bl?i mmn bj? T anaa D’tpn D'pDöl im Gebiete der rabbinischen Theologie, welche auf die an ihn von den vorzüglichsten talmudischen Gelehrten unserer Station aus allen Staaten nnd Reichen bis von Jerusalem zugestellten Fragen rob*w die scharfsinnigsten und gelehrtesten Beantwortungen i-naivn enthalten, nach dessen Ausspruch pca sie sich richteten. Eltern. Witwen und Waisen, Arme, Kranke und Notleidende weinten und jammerten über ihren verlorenen Ratgeber, über ihren Vater, über ihren Tröster und Beschützer. Sein würdiger Sohn, unser jetziger Herr Oberrabbiner, -2 rpnii b«iäw T-imö a"H hielt eine sehr gediegene Leichenrede, sowie auch der achtungswerte und tugendvolle gelehrte Greis, pcna bnan ttihö erster Jurist Ta WK"i bei der hiesigen Gemeinde. Preßburg, 3 Marcheschwan p“B'b Tn. Kaiser!. Rat Salomo» Buber. Aus Lemberg traf die Trauernachricht ein von dem Hinscheiden des allverehrten Gelehrten und Forschers S a l o m o n Buber, welcher am 28. Dezember nach schwerem Leiden in seinem 80. Lebensjahre sein der Wisienschaft und dem Judentum gewidmetes Leben beschlossen hat. Salomon Buber war kaiserlicher Rat, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Lemberg, Ehrenmitglied vieler wissenschaftlicher und gemeinnütziger Gesellschaften u. s. w., Großgrundbesitzer und Seniorchef der Firma Salomon Buber, er war Vizepräsident der Volksküche, Mitglied der Bernstein-Stiftung und hat sich auch um die Literatur und die Wissenschaft des Judentums wie vielleicht keine zweite Persönlichkeit in der gegenwärtigen und vergangenen Generation verdient gemacht. Mit Mühe, Fleiß und Erudition hat er alte schlummernde Schätze geweckt, aus dem tiefsten Dunkel ans Tageslicht gefördert und derart eine ganze Bibliothek voll wichtiger Geistesarbeiten unserer Väter dem lebenden Geschlecht geschenkt. Wir erinnern z. B. an die „Pesikta de Rab Kahana" (1868), an den Midrasch Abkir (Wien 1883), Midrasch Iiskaed-Iod (Wilna 1884), den Originalmidrasch Tanchuma (Wilna 1885), Midrasch Elehha-Debarim Zutta (Wien 1885), Sifre d'Agadta (Wilna 1886), Midrasch Tehillim (1891), Midrasch Mischte (1893), Midrasch Agada (1894) rc. rc. Sämtliche alte Manuskripte, welche der verehrte Editor herausgab, versah er mit gelehrten und wissenschaftlich bedeutsamen Einleitungen, welche ebenso sehr von seinem Fleiße, seiner ungeheueren Belesenheit, als auch von seinem Scharfsinn Zeugnis oblegen. Außerdem hat er eine große Zahl historischer Aufsätze publiziert, welche in den verschiedensten wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen find. Auch zu den Werken anderer gelehrter Zeitgenossen hat er wertvolle Anmerkungen und Ergänzungen geliefert. All seine Werke vollständig zusammenzustellen, reicht der uns zugemeffene Raum in den Spalten unseres Blattes nicht aus. Wir verweisen auf die ausführliche Biographie B u b e r s in der „Jüdischen Encyklopädie" Band HI, Seite 409. Die jüdische Wisienschaft und Literatur ist Salomon Buber al§ ihrem eifrigsten und erfolgreichsten Pfleger und Förderer zu hohem Danke verpflichtet. Der Heimgang dieses ausgezeichneten Mannes bedeutet einen herben Verlust für die jüdische Wiffenschaft, die in ihm einen ihrer opferwilligsten und erfolgreichsten Förderer und Forscher besessen hat. Ehre seinem Andenken. Aus Lemberg wird uns geschrieben: Wir haben an Salomon Bubers Bahre gestanden, Freitag Früh hat der große Gelehrte sein Leben ausgehaucht. Er ist über 80 Jahre alt geworden, aber bis zum letzten Atemzuge war sein Dasein der Pflege des jüdischen Schrifttums gewidmet. Noch ist unser Herz von dem schmerzlichen Verluste zu sehr bewegt, um seine literarische Bedeutung nach Gebühr zu würdigen, es wird dies von berufener Hand in diesen Blättern versucht werden. Gibt es ja kaum in der ganzen Welt eine Stätte, an der jüdische Wissenschaft gelehrt und gefördert wird, an welcher Bubers Name nicht rühmenswert genannt wäre. Man muß ihn aber persönlich gekannt haben, um zu wissen, welch ein hohes Maß von Liebenswürdigkeit, Menschenfreundlichkeit und Bescheidenheit der Verklärte beseffen