Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 1 Dr. Wlocb's Mocbenscvrrn. Sette 5 Man spricht jetzt viel von Ueberbürdung der Schüler, aber mir scheint, daß in meiner Jugend ihre Zeit noch mehr in Anspruch genommen wurde. Von den Schülern der erwähnten, nur dem Hebräischen gewidmeten Schule wurden manche in den „deutschen Gegenständen" von Privatlehrern unterrichtet oder besuchten gleichzeitig die vom Staate erhaltene Volksschule, die „Normalschule", wie ihr offizieller Name lautete. An dieser mußten auch die, welche Privatunterricht erhielten, Prüfung ablegen, wenn sie in eine Mittelschule eintreten wollten. Und dazu bedurfte es gewöhnlich eines besonderen Einpaukers. Die Unterrichtssprache an dieser Staatsschule war die deutsche, aber der Direktor war ein Pole, der mit der Sprache Schillers nicht eben sehr vertraut war. Doch um auf die Ueberbürdung zurückzukommen. An der Realschule dauerte der Unterricht täglich sechs Stunden, wozu dann noch die Hausaufgaben kamen. Außerdem wurden manche noch privat in Bibel und Talmud unterrichtet. Ein Gegengewicht boten freilich die vielen Feiertage. Denn an dieser Schule mit christlichen Lehrern und meistenteils jüdischen Schülern wurde am Samstag und Sonntag, sowie an allen christlichen und jüdischen Feiertagen nicht unterrichtet. Ja, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, hatten wir nicht bloß an den katholischen Feiertagen, sondern auch an denen der unierten Griechen frei. Ueberhaupt hatte die Teilung der Brodyer Christen in zwei Konfessionen ihr Gutes für die Juden, welche drei Viertel der Stadtbevölkerung bildeten und deren Uebergewicht gegen das geteilte Viertel dadurch verstärkt wurde. Zu den in diesem Viertel die Mehrheit bildenden unierten Griechen, der Nationalität nach Ruthenen (Kleinruffen), gehörten meistens die Handwerker, Kleinbürger und die dienende Klaffe. Römisch-katholisch waren die wohlhabenderen Klassen, Kaufleute und Beamte, der Nationalität nach die Polen und die wenigen Deutschen. Die Zahl der Protestanten und nichtunierten Griechen war verschwindend gering. Diese Zahlenverhältniffe drückten sich auch in der Physiognomie der Stadt aus. Am Sabbath und jüdischen hohen Festtagen feierten uoleus voleus auch manche christliche Geschäftsleute, denn sie hatten ja keine Kunden zu erwarten, während die Juden an christlichen Feiertagen ihre Geschäfte offen hielten, da an diesen die Christen gewöhnlich mehr Zeit zum Einkäufen hatten. An jedem Eingang der Stadt war ein „Eruw" zu sehen, am Versöhnungstage gingen manche in ihren weißen Kitteln in den Straßen herum, laut und ungeniert wurde beim Beginn des ersten Viertels der junge Mond mitten in den lebhaftesten Straßen mit den vorgeschriebenen Gebeten und üblichem Hüpfen begrüßt. Mitten in der Nacht wurde man manchmal von Straßenmusik geweckt — die Eltern und Verwandten eines Brautpaares wurden nach dem Hochzeitssouper mit Musik nach Hause geleitet. Auch wenn ein frommer Mann eine neugeschriebene Thorarolle in ein Bethaus stiftete, wurde sie unter Musikbegleitung dahin gebracht. Die Straßen hatten offizielle deutsche Namen, wurden aber im gewöhnlichen Verkehr mit anderen jüdischen Namen benannt. So hieß z. B. die Straße, in der meine Eltern wohnten, die Georgsgasse, wurde aber nur „Reb Berisches Gaß" nach einem verstorbenen Rabbiner genannt. Gefahren wurde in der Stadt überhaupt nicht viel, aber am Sabbath war mit Ausnahme der k. k. Post kaum ein Wagen auf der Straße zu sehen. Daß übrigens die jüdischen Bäume nicht in den Himmel wuchsen, dafür sorgten die k. k. Beamten und Offiziere. Als mein Bruder einmal auf einer Bank in einem öffentlichen Garten saß, befahl ihm ein Leutnant, fie zu räumen, du er sitzen wolle. Auf die Antwort meines Bruders, daß die Bank für zwei Personen und mehr Raum habe, rief der tapfere Krieger einen Polizeidiener herbei und befahl ihn zu arretieren. Der Wächter der öffentlichen Sicherheit gehorchte und mein Bruder mußte einige- Stunden im Arrest zubringen. Noch im Jahre 1849 hat ein Beamter, der einen Juden lange warten ließ, als dieser ungeduldig wurde, ihm zugerufen: „Kannst nicht warten, emanzipierter Hund?" Mit S i e wurden nur wohlhabende oder irgend eine angesehene Stellung einnehmende Juden von den Beamten angesprochen. Zur verächtlichen Behandlung der Juden trug auch ihre eigentümliche Tracht bei, die fie beim ersten Anblick als solche kenntlich machte. Und an dieser Tracht hielten nicht bloß die älteren und frommen Leute mit Zähigkeit fest, sondern auch viele jüngere, freisinnige, aus Rücksicht auf Eltern, sonstige Verwandte und Vorgesetzte. In den verschiedenen Werken über Kostümkunde ist meines Wissens die Tracht der Juden nicht berücksichtigt worden; und doch böte fie dem Ethnologen und Psychologen interessanten Stoff; weniger dem Geschichtsschreiber der Mode, denn in Bezug auf diese waren die Juden stets sehr konservativ. Teils dem Zwang — ich erinnere nur an die bunten Hüte und an die Lappen auf dem Rock — teils dem eigenen Trieb gehorchend, haben fie eine Tracht angenommen, die mehr religiöse als Nationaltracht war. Wie sie in jedem Lande, in dem fie längere Zeit weilen konnten, sich die Landessprache aneigneten, so nahmen fie auch die Landestracht der Bürger an. Während sie aber bei der Aussprache des ihnen neuen Idioms mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, konnten fie die Tracht viel leichter annehmen und sie scheinen sie auch vollkommen angenommen zu haben, da sonst die christlichen und mohammedanischen Regierungen keine Veranlassung gehabt hätten, ihnen besondere Erkennungszeichen und Schandflecke aufzunötigen. Mußten fie dann ein Land, in dem sie sich eingebürgert hatten, verlaffen, so nahmen fie gewöhnlich Sprache und Tracht mit, in die fie dann nur weniges im Laufe der Zeit aus ihrer neuen Heimat aufnahmen. So ist Kern und Grundlage von Sprache und Tracht der Juden in Polen wesentlich Deutsch geblieben mit slavischen Zutaten und Modifikationen. Und dieses Produkt der Wanderungen und Bedrückungen hat sonderbarerweise religiöse Weihe erhalten. Sich wie der christliche Nachbar zu kleiden, galt bei dem Strenggläubigen beinahe für ebenso sündhaft wie eine Verletzung der Sabbat- oder Speisegesetze. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen. Ans der Plenarsitzung des Kultusvorftandes vom 30 Dezember unter dem Borsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr. Gegenstand: Errichtung eines jüdischen Krankenpflegerinnen Institutes in Wien. — Referent Herr Vizepräsident Dr. Gustav K o h n. Der Referent weist in seinen Ausführungen auf die Notwendigkeit der Errichtung eines jüdischen Pflegerinnen-Jnstitutes hin. Sowol in der Privatals auch in der öffentlichen Krankenpflege ist in den letzten Jahren — und wie ausdrücklich hervorgehoben werden muß — nicht zum Schaden der Sache, das konfessionelle Moment stärker hervorgetreten. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, daß das religiöse Empfinden des Menschen in Tagen der Krankheit am stärksten zutage tritt, und es würde zweifellos auch auf das physische Emfinden des Kranken einen heilsamen Einfluß ausüben, eine Pflegerin seines Glaubens um sich zu wiffen. In der Erkenntnis dieser Tatsache haben unsere Glaubensgenossen in Deutschland schon vor vielen Jahren die Errichtung jüdischer Pflegerinnen-Jnstitute in Angriff genommen und diese Institute find heute, getragen von der Sympathie der gesamten jüdischen Bevölkerung, zu einer weit verzweigten, blühenden Organisation, zu einem wichtigen Gliede in der Kette der Wohltätigkeits- Institutionen unserer Glaubensgemeinschaft geworden. Auch einige Städte in Oesterreich, wie z. B. Prag und Preßburg, haben solche Institute ins Leben gerufen. Angesichts solcher Bestrebungen und durchdrungen von der vorhandenen Notwendigkeit hat sich der Kultusvorstand schon vor Jahren veranlaßt