Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 Dr. Zölocb s Mlocbenscvrrn. Nr. 1 durch Heranziehung und Ansiedlung von Juden die früher unbedeutende Ortschaft gemacht. Welchen Wert die Stadt dadurch gewann, ersieht man aus dem Eifer, mit dem Kaiser Josef bei der ersten Teilung Polens für ihre Erwerbung eingetreten ist. Und zu frischerer und kräftigerer Blüte gelangte sie unter österreichischer Herrschaft, weil ihr, wie ein Reisender aus jener Zeit berichtet, die Rechte eines Freihafens verliehen wurden. Das heißt, die nun nahe der russischen Grenze liegende Stadt wurde dem österreichischen Zollgebiete nicht einverleibt; ausländische Waren konnten zollftei eingeführt und deshalb leichter in Rußland abgesetzt werden. Manches kam wohl auf Schmugglerwegen in die benachbarten Orte Galiziens. Auf einem Jahrmärkte in Galizien hörte ich einmal als Kind eine Verkäuferin ihre Ware mit den Worten: „Das ist gute Brodyer Ware, kein Wiener Schund", anpreisen. Das hat meinem vom national-ökonomischen Wissen noch ungetrübten Lokalpatriotismus zu großer Befriedigung gereicht. Der bereits erwähnte Reisende pries den lebhaften Handelsverkehr Brodys im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts in überschwänglicher Weise. Und dieser Verkehr ward zur Zeit der napoleonischen Kontinentalsperre noch lebhafter, da englische Fabrikate und Kolonialwaren, die früher auf dem Seewege nach Oesterreich und Deutschland eingeführt wurden, den weiten Umweg über Rußland machen mußten. Damals ließen sich viele deutsche und ausländische Kaufleute in Brody nieder, während die Brodyer die deutschen und russischen Messen, später auch die englischen Fabriksorte aufsuchten. Dieser lebhafte Verkehr mit dem Auslande hat den Charakter der Stadt und ihrer Bewohner stark beeinflußt, im Guten wie im Schlimmen ihr Schicksal bestimmt. Brody war gewissermaßen eine deutsch-jüdische Enclave im Polnischen Lande, die Bevölkerung aufgeweckter und weltkundiger als die vieler anderen Städte Galiziens. Ihre Sprache war wie die der anderen polnischen Juden, ein deutscher Dialekt mit Beimischung hebräischer und slavischer Worte; aber sie herrschte hier unbeschränkter als in anderen Gegenden Galiziens, wurde auch von den christlichen Einwohnern verstanden, von manchen auch ziemlich geläufig gesprochen. Ich habe den Sohn eines christlichen Beamten gekannt, der Gedichte in jüdischem Dialekt verfaßte. Als ein aus einer deutschen Provinz gekommener Staatsbeamter einem Juden sagte, er verstehe ihn nicht, antwortete dieser höchst entrüstet: „Warum verstehen Sie nicht? Ich spreche ja nicht türkisch oder tartarisch, ich red' doch jüdisch." Ein alter Mann aus meiner Verwandtschaft glaubte hochdeutsch zu reden, wenn er sein Jüdisch stark betonte oder die Selbstlaute vertauschte; so sagte er: „wann ihr wullt steien (statt stehen, jüdisch stein), kunnt ihr steien." Einer Frau erschien Sonntag zu deutsch, Sintig zu jüdisch, sie sagte daher immer Suutug. Andere wieder sprachen nur das Deutsch der Mendelssohn'schen Bibelübersetzung, das uns jüngeren, die wir schon Heine und Gutzkow lasen, manchmal komisch vorkam. Dagegen wußte der Schuldirektor Reitmann in seinem „Kittel", einer Nachahmung von Schillers „Glocke", den Dialekt meisterhaft zu handhaben und höheren Zwecken dienstbar zu machen. Dieses Deutschtum und Judentum war es aber auch, das den materiellen Rückgang der Stadt mitverschuldete, als das Polentum zur Herrschaft gelangte und durch Peitsche und Zuckerbrot die Stadt zu polonisieren suchte. Und die Wiener Zentralregierung hatte auch vor der Ueberhandnahme des Antisemitismus keine besondere Vorliebe für die „Judenstadt". Länger als andere Städte von gleichem Handelsverkehr mußte Brody auf die Eisenbahn warten und mit Aufhebung des Zollausschusses wurde nur Rußland — ohne jede Gegenkonzession — gedient. Triest ist für die Aufhebung seines Freihafens reichlich entschädigt worden, Brody hat für die seinen Wohlstand vernichtende Maßregel nicht die geringste Entschädigung erhalten. Sonst war aber die Lage der Juden, wenn man von dem Druck des absolutistischen Regierungssystems, den ja auch die Christen fühlten, absieht, in mancher Beziehung nicht schlechter als jetzt, und auch diesen Druck spürte man in Brody weniger als anderswo. Die Regierung germanisierte, und das war den Juden ganz recht, viel lieber als die später begonnene Polonisierung. Steuern wurden weniger gezahlt als jetzt, da die verschiedenen Volksvertretungen, mit denen Oesterreich gesegnet ist, in der Erfindung neuer und Erhöhung alter Steuern miteinander zu wetteifern scheinen. Bis zum Jahre 1848 hatten die Juden freilich auch die besonderen Steuern auf das Koscherfleisch und die Schabbesbeleuchtung zu tragen. Und letztere war besonders drückend, da auch arme Leute, die sich das Geld zu einem Pfennigkerzchen erbettelten, sie zahlen mußten. Diese Judensteuern waren gewöhnlich verpachtet, leider an Juden. Ein solcher Pächter soll einmal einem armen Glaubensgenossen, der beteuerte, er habe nicht einmal das Geld, um eine Kerze zu kaufen, den Rat gegeben haben, er solle, wenn er schon um eine Kerze betteln müsse, sich auch die paar Kreuzer für die Steuer zusammenbetteln. Der Arme antwortete: „gehen sie selbst betteln". Und der Fluch soll später beim Pächter oder seinem Sohne in Ersüllung gegangen sein. Die Fleischsteuer wurde weniger drückend empfunden, da ja der Arme äußerst selten in die Lage kam, Fleisch zu essen. AberdieRegierung kümmerte sich nicht bloß umdie materielle Kost und Beleuchtung der Juden, sondern auch um ihre geistige Ernährung und Erleuchtung. So durfte keine Trauung stattfinden, bevor nicht das Brautpaar seine Kenntnis der in der Volksschule gelehrten Gegenstände und der jüdischen Religion nachgewiesen hatte. Unter Religion verstand man die Zehn Gebote und die „Moral", die nach dem trockenen Handbuche „Bne-Zion" von H. Homberg gelehrt wurde. Wer sich nicht durch ein Schulzeugnis ausweisen konnte, mußte sich zur Prüfung in die vier Meilen-von Brody entfernte „Kreisstadt" Zloczow begeben, und manchen Bräuten wurde erst kurz vor der Hochzeit die erforderliche „kreisämtliche Bildung" eingetrichtert. Man erzählte von einer solchen Braut, sie habe in ihrer Verwirrung, den Kopf voll von den Zehn Geboten, auf die Frage des prüfenden Beamten, wer sie sei, geantwortet: „Ich bin der Ewige, dein Gott .... Mitunter war aber die Braut so dumm, daß ihr das nötige kreisämtliche Wissen nicht eingetrichtert werden konnte, da soll man sich geholfen haben, indem man ein „gebildetes" Mädchen unter ihrem Namen die Prüfung ablegen ließ. Andere wieder, die jedes nicht reinjüdische Wissen verschmähten oder aus irgend welcher Ursache sonst eine Bewilligung nicht erlangen konnten, heirateten, wie der Ausdruck lautete, „ohne Büchel". Sie schlossen eine bloß kirchliche Ehe, wie es auch in unsern Tagen viele italienische Katholiken taten, die von der Zivilehe nichts wissen wollten. Solche Ehen wurden übrigens so streng gehalten, wie die mit kreisämtlicher Bewilligung geschloffenen. Sie sind mit der Verbreitung der Bildung immer seltener geworden und kommen jetzt wohl nicht mehr vor. Für die Volksbildung haben aber die vermöglicheren Juden Brodys viel getan. Schon im Jahre 1817 oder 1818 haben sie eine Real- und Handelsschule, die erste ihrer Art in Oesterreich, errichtet. Diese Schule wurde ganz auf Kosten der Juden erhalten, obwohl die meisten Lehrer Christen waren und christliche Schüler unter denselben Bedingungen wie die jüdischen Zutritt hatten. Um dem sogenannten „Cheder" Konkurrenz zu machen, wurde dann gegen Mitte des fünften Jahrzehnts von Osias H. Schorr und andern Volksfreunden eine Schule errichtet, in der Bibel und hebräische Grammatik nach moderner Methode gelehrt wurden. Um die niederen Volksschichten zu deren Besuch zu animieren, ließen auch wohlhabende und freisinnige Eltern ihre Kinder, die sonst von Hauslehrern unterrichtet wurden, diese Schule besuchen. Ich selbst und mein verewigter Freund Jakob, Sohn von Osias H. Schorr, gehörten ein halbes Jahr lang zu diesen Reklamschülern. An Stelle dieser Schule trat einige Jahre später eine vollständige jüdische Volksschule, an die auch einige.Lehrer aus Deutschböhmen und Norddeutschland berufen wurden.