Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr. Bloch's Wochrnfchrifr. Seite 3 Nachdem die beanständete Notiz in einer Reihe von Zeitschriften, so im „Der Arbeiter" (Graz), „Landbote" (Warnsdorf), Tiroler Post" (Innsbruck), „Wiener Volkspost", „Mährischer Volksbote" (Brünn), „Grenzpost" (Zwittau) und anderen anstandslos erschienen war, bevor die „Linzer Post" dieselbe abdruckte, und es der christlichen Presse doch nicht verwehrt werden kann, dem Volke zu zeigen, wie weit die Frechheit des Judentums in einem christlichen Staate gediehen ist, so richten die Gefertigten an Se. Exzellenz den Herrn Justizminister folgende Anfrage: „Gedenkt derselbe dafür Sorge zu tragen, daß die christliche Presse nicht daran gehindert wird, jene Elemente an den Pranger zu stellen, die das religiöse Gefühl der katholischen Bevölkerung in der unglaublichsten Weise verletzten?" Wir beehren uns, zu dieser Interpellation zu bemerken, daß die darin aufgewärmte Lüge von einem gegen die Gestalt des Heilands gerichteten Schmähartikel eines Rabbiners ein altes Requisit des antisemitischen Arsenals ist. Der Artikel wurde zuerst vor etwa 18 Jahren der in Cincinnati (Amerika) erscheinenden Zeitung „Deborah" zugeschrieben und als Verfasser ein Rabbiner Wise genannt. Der Artikel ist eine Fälschung und stand nie in der „Deborah". In der Nummer vom 31. Dezember 1891 schreibt dieses Blatt: „Die „Wacht" (Elberfeld) hat am 28. November nochmals die oft gebrandmarkte Lüge aufgewärmt, daß ein gewisser, das Weihnachtsfest verspottender Passus vor Jahren in der „Deborah" erschienen sei. Nochmals sei es gesagt, daß nie in der „Deborah" ein solcher Passus erschienen ist." Und Isaak M. Wise schreibt in der „Hannoverischen Post" am 5. Juni 1894 : „Da ich der einzige schriftstellerisch bekannte Rabbi Wise bin, müßte ich als Schreiber dieses Passus gemeint sein. Ich fühle mich also veranlaßt, auf Manneswort zu erklären, daß ich nie diesen oder einen ähnlichen Passus geschrieben habe. Die neununddreißig Jahrgänge der „Deborah" enthalten weder diesen noch einen ähnlichen Passus. Da dieses Blatt auch in Deutschland gelesen wird, kann sich jeder selbst überzeugen, daß nichts dem Aehnliches darin erschienen ist." Diese Lüge wird Jahr für Jahr vor Weihnachten von den Antisemiten wieder vorgebracht. Sie ward — und diese Liste ist gewiß nicht vollständig — veröffentlicht: 1891: „Die Wacht" (Elberfeld), 28. November; 1892: „Christlicher Geschäftsanzeiger für Gelsenkirchen-Schalke", 19. Dezember; 1893: Mündlich durch Pastor Richter in Aerzen Juni, „Magdeburger Reform" 29. November, „Antisemitischer Generalanzeiger" (Berlin), Deutsch-sozialer Verein zu Schweidnitz in einem Inserat der „Schlesischen Zeitung" 12. Dezember, „Hannoversche Post" 24. Juni, „Westdeutsches Volksblatt" (München) 10. Dezember, „Münster'scher Geschäftsanzeiger" 16. Dezember; 1894: Abg. Liebermann v. Sonnenberg in einem Vortrag zu Sondershausen Ende Mai, Cand. Med. Habermann in einer Rede zu Nörten (gedruckt in der „Hannoverschen Post" vom 30. Mai), „Antisemitischer Generalanzeiger" (Berlin) 9. Dezember, 1895: „Deutsch-soziale Blätter" (Leipzig) 7. März, „Deutscher Generalanzeiger" (Berlin) 4. Dezember, „Christlicher Weihnachtsanzeiger der Moabiter Nachrichten"; 1897: „Volk" Jänner, Freiherr v. Lange im deutsch-konservativen Wahlverein zu Berlin (Februar), „Freideutschland" (Berlin) 21. Dezember; 1898: „Deutscher Generalanzeiger" (Berlin) 5. Dezember, u. A. m. Im Jahre 1895 teilte die „Eislebener Zeitung" mit, daß die sogenannte „Deborah"-Lüge, die trotz aller Widerlegungen immer wieder auftaucht, auf einenMcherz Fritz Reuters zurückzuführen ist, der im Jahre 1880 in einem Freundeskreise erzählte: „Ein jüdischer Handelsmann in Treptow habe die Aeußerung getan, „Christus sei doch ein großer Mann gewesen" und befragt, warum er dies sage, habe er geantwortet: „Bedenken Sie doch mal, was er nicht allein für Weihnachten für das Geschäft getan". In der „Zeit" (Wien, 16. Februar 1897) machte sich der einstige Redakteur des Stöcker'schen „Volk", Herr v. Gerlach, mit Recht über Freiherrn von Lange und dessen Zuhörer in folgender Weise lustig: „daß einzelne dieser Schlager, wie der angebliche Artikel eines Rahbinerblattes mit der schamlosen Beschimpfung der Jungfrau längst als antisemitische Fälschung erkannt find, wußte natürlich ebensowenig der Redner, wie die meisten seiner Zuhörer. Darum tat es dem Beifall keinen Abbruch". Schließlich fanden die antisemitischen Zeitungen den Ausweg, die „Deborah" zu unterdrücken und fich auf die oben angeführten Journale und Vorträge als Quelle zu berufen. So ist noch der „Kasseler Sonntagsbote", 15. Jahrgang, Nr. 18, zu einer unbestreitbaren Autorität für die „Linzer Post", den „Arbeiter" (Graz), „Landbote" i Warnsdorf), „Tiroler Post" (Innsbruck), „Wiener Volkspost", „Mährischer Volksbote" (Brünn), „Grenzbote" (Zwittau) und schließlich für die Interpellanten Sturm, Geßmann, Steiner und Oberndorfer geworden. Wir bitten Ew. Exzellenz, diese Mitteilungen geneigtest zur Kenntnis nehmen zu wollen. In tiefster Ehrerbietung „Oesterreich.-Jsraelitische Union": Der Sekretär: Siegfried Fleischer. Der Präsident: Sigmund Mayer. Nachträglich erhalten wir aus Kaffel die Mitteilung, daß der fragliche Artikel im antisemitischen „Kaffeler Sonntagsboten" Nr. 18 des 15. Jahrganges vom 9. April 1893 mit folgender Einleitung erschienen ist: Die „Berliner Staatsbürgerzeitung" bringt mehrere Weihnachtsbetrachtungen aus Blättern, die von Juden redigiert werden. Wir greifen nur eine heraus, die eines Rabbiners Wise. Derselbe widmete dem Christfeste die Worte: „Es ist ein Glück, daß der Gekreuzigte in die Welt gekommen ist rc." So fieht also der Originalartikel des Rabbiner Wise im „Kasseler Sonntagsboten" aus. Eine galizische I«de«stadt vor fnvf;t$ (Nachdruck verboten.) Von Dr. M. 8. Man macht fich in Deutschland mitunter recht sonderbare Vorstellungen von den „polnischen Juden", namentlich von den Galiziens, und mancher Reisende, der dieses Land nur vom Eiienbahncoupö oder Hotelfenster aus kennen gelernt hat, glaubt bei Schilderung von dessen Einwohnern seiner Phantafie fteien Lauf lassen zu können oder erzählt uralte, auf Juden übertragene Anekdoten. Andererseits passen wahrheitsgetreue Schilderungen gegenwärtiger Verhältnisse und Sitten nicht mehr auf die vor einem halben Jahrhundert. Da nun meine eigenen Erinnerungen so weit zurückreichen und ich seit mehr als dreißig Jahren Galizien nicht besucht habe, so glaube ich besonders befähigt zu fein, ein von Einflüssen der Gegenwart ungetrübtes Bild jener Zeit geben zu können, das kulturhistorischen Wert hat. Dabei wird eS fich auch zeigen, daß schon damals der polnische Jude besser war. als sein Ruf in Deutschland. Dies gilt besonders von den Bewohnern der Grenzstadt Brody, die eine ganz aparte Stellung unter den Städten Galiziens eingenommen hat. Diese Besonderheit hat fich im Laufe der Zeit fast ganz verloren, zum großen Teile auch der Wohlstand, der schon damals abzunehmen begonnen hatte. Dagegen haben von den Menschen, die damals dort lebten, manche fich um daS Judentum verdient, ihren Namen auch außerhalb der Mauern Brodys bekannt gemacht. Und Mauern ist nicht bloß bildlich gesagt. Im siebzehnten Jahrhundert zum Schutze gegen Einfälle der Türken und Tartaren errichtet, find die Festungswerke erst im Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts gesprengt worden, ein Teil der Kasematten, der erhalten blieb, wurde und wird vielleicht noch als Magazin benutzt. Polnische Chronisten erzählen sogar von einer um die Mitte des fiebzehnten Jahrhunderts in Brody errichteten Universität, die aber wahrscheinlich nur ein Lyceum war und jedenfalls nur ein kurzes Leben gehabt hat. Größer und dauernder war die Bedeutung Brodys als Handelsstadt und zu einer solchen hat ein polnischer Magnat