Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021709--16024-3040821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 52 Dr. Vlocb's Mocbenscbrttt. Seite 901 Freiwaldau. Samstag den 15. d. M. fand in den Saallokalitäten des Herrn A. Lichtenstern eine Makkabäerfeier statt, um deren Zustandekommen sich in hervorragender Weise Herr Baukommissär der k. k. Staatsbahnen Ing. Emil Schlesinger und Frau und Herr und Frau Dr. Max Wasservogel betätigt haben. Das sehr reichhaltige Programm wurde mit einem Prolog über die Bedeutung des Festes von Herrn Ing. Schlesinger eingeleitet und seine Ausführungen . lebhaft akklamiert. Die hierauf folgenden Lieder und Kuplets, vörgetragen von Kantor I. Selenko, Dr. Wasservogel.. Frau Ing. Schlesinger und Herrn Ing. Mayer fanden ebenfalls reichen Beifall, besonders das Singspiel „Eine fidele Gerichtssitzung" mit Frau Ing. Schlesinger als Richter, Herrn Mayer als Häftling und Jelenko als Kerkermeister. Der Einakter „Die Naturheilmethode" war sehr gelungen in Szene gesetzt, und fand die Feier, die als sehr gelungen bezeichner werden kann, mit einem Tcmzkräinchen ihren Abschluß. Prag. (M a k k a b ä e r f e i e r.) Der jüdische Volksvercin veranstaltete am 16. d. M. im „Heinesaale" seine diesjährige Makkabäerfeier, welche sich würdig an die in früheren Jahren abgehaltenen anreiht. Eröffnet wurde der Abend mit einer Begrüßung von Seite des Obmannes Herrn Dr. Kohn in deutscher Sprache, worauf Herr Professor Wertheimer die böhmische Eröffnungsansprache hielt. Hicrar f erfolgte d s Anzi'mden der Channkalichter. Der jüdische Musik- und Gesangsvereiu exekutierte unter der trefflichen Leitung des Herrn Oberkantors Leo Körnitz er das LIoaus-2or. Die von Sr. Ehrwürden Rabbiner Dr. D e utsck gehaltene Festrede gab ein instruknves Bild über die Entwicklung der zionistischen Bewegung, ihrer Leistungen und Erfolge und eröffuete auch einen hoffuungsfrendigen Ausblick in die Zukunft. Einen schönen Anblick boten die von Mitgliedern des jüdischen Turnvereines unter der Leitung des Herrn Turnlehrers Saar gestellten lebenden Pyramiden. Den Glanzpunkt des Abends bildete die Aufführung von Heyermann's „Ahasver", um welche sich die Damen Tänzer, Löwy, Katz, sowie die Herren Kaminsky, Stein, Blum, -Taußig große Verdienste erworben haben. Der von Herrn M. U. E. Oskar Stein verfaßte Epilog, vorgetragen von Frl. Paula Löwy bildete einen harmonischen Abschluß des schönen Abends. An dem Gelingen des Festes haben die Mitglieder des Festkomitees, an dessen Spitze Herr Redisch unermüdlich tätig war, den vorwiegenden Anteil. Der fiuanzielle Erfolg war ein überaus günstiger, wozu das von den Damen des jüdi'chen Fraueuvereincs veranstaltete Buffet nicht wenig beigetragen hat. Die Sammlung für den Nationalfond ergab einen namhaften Betrag. Stanislau Die Stanislauer Gemeinde hatte am 27. v. M. einen großen Verlust zu verzeichnen. Herr A. H. Weißhaus ist im 70. Lebensjahre friedlich verschieden. Der Gottselige war äußerst gebildet, unterstützte auch jedes moderne und kulturelle Unternehmen, stiftete ein eigenes Siechenhaus, baute eine herrliche Synagoge, gründete eine weltberühmte Jeschiwa „Or Thora“, war in allen Vereinen mit Rat und Tat betätigt. Er vermachte größere Beträge für verschiedene Zwecke, darunter: Rabbiner-Seminarschüler-Stipendien, Talmud- Tora, Hochnosath-Ivalaj rc. rc. Die ganze Stadt erwies den Verblichenen dankbar die letzten Ehren. Viele Rabbiner, darunter sein Schwiegervater Rabbiner Klüger aus Brody hielten andachtsvolle Hespedim. Gott tröste die Hinterbliebene jugendliche Witwe. F. S. Makkabäerfeier in Essegg. Man berichtet uns aus Osijek (Essegg): Am 20. Dezember fand die vom zionistischen Verein „Theodor Herz!" veranstaltete Makkabäerfeier statt. Es war ein elegantes Publikum erschienen, das den großen Saal des „Hotel Royal" bis auf das letzte Plätzchen füllte. _ Zum erst n Male hat hiemit in Kroatien eine Makkabäerfeier stattgefunden — und daher ist der Erfolg desto überraschender. Nach einer gehaltvollen Festrede des VereinspräsidenteuHrn. I. N. S ch u lh o f folgte eine Deklamation von Rosenfelds „Der Sturm" in kroatischer Uebersetzung. Sodann las Frau von Saltariello vom hiesigen Stadttheater Aork-Steiners „Die tote Frau" vor, Frl. Weber-Weis sang die herrliche Romanze aus der Oper,, Die Jüdin" und Herr Paul Hubl trug Grün aus Gedicht „Die Heimkehr" vor. Alle Vorträge wurden lebhaft akklamiert, so daß die einzelnen Künstler Zugaben machen mußten. Nach dem Konzerte folgte ein animiertes Tanzkränzchen. Fiume. Unser Frauenverein, der unter der Leitung der Präsidentin Fra« Felix Neuberger de Hlinik wirkt, hat am 5. d. M. 40 arme Kinder bekleidet. Anläßlich dieser Feier hielt unser Rabbiner Dr. Josef Frank die Ansprache. Smolensk. Die Polizei hat eine Anzahl Juden vorgeladen und ihnen eröffnet, daß die Juden sich nicht an den Dumawahlen beteiligen möchten, so sie in Smolensk in Frieden wohnen wollen. Auf diese Eröffnung hin find zahlreiche Schreiben von Juden bei der Wahlkommiffion eingelaufen, in denen fie ihren Verzicht auf das Wahlrecht erklären. Feuilleton. Der „R«ach". (Eine wahre Begebenheit aus dem Ghetto.) Von Dr. Leo Ehrentheil. „Was rennt das Volk, was wälzt sich dort, die „lange Gasse" brausend fort?" Der bekannte Dichtervers paßte, wie eigens geprägt, wörtlich und genau auf das bunte Gewoge und Gewühle, welches an einem sonnig-heiteren Sabbat-Nachmittage in der Judengasse, auch „Lauge Gaffe" gcninnt, anno äomini 1868 in der altehrwürdigen Judengemeinde Nikolsburg herrschte. Denn ein langer Zug, Männlein und Weiblein, Knaben und Mädchen, Alt und Jung, in buntem Gemisch, bewegte fich, lebhaft gestikulierend und die zu erwartenden Ereigniffe nach Volkessitte laut besprechend, in breitem Strome durch die „Lange Gasse" — die Hauptverkehrsader der „Judenstadt" — dann das „Berget" — eine steil abfallende Nebengasse — hinunter, direkt nach dem „I ud e n g art en", auch „Gürtel" genannt, an dessen oberem Ende ein langgedehntes, ebenerdiges Gebäude, das jüdische S p i t a l, gelegen, war. Die herkulische Gestalt des, trotz seines traurigen Amtes wegen seiner Jovialität allbekannten und beliebten Spitalsvaters und „Liberers", Awrohom E p st e j n, welcher hier sein wiewohl strenges, dennoch barmherzige Szepter führte, stand vor der kleinen Eingangstüre und say dem, allerdings nicht unerwarteten, dennoch wegen der großen Menge überraschenden. Besuche mit krauser Stirne entgegen, da er, die räumlichen Verhältnisse des Hauses gegen die anrückende Masseninvafion abwägend, für die von ihm stets hochgehaltene Ordnung und Reinlichkeit — wie sich später zeigte, nicht ohne Grund — arge Besorgnisse in seiner weit über das gewöhnliche Maß hinausreichenden breiten Brust hegte. Denn gegen solche große Massen konnte selbst der nicht weit vom Spital ansässige, jüdische „Polizei" P i s k mit seiner Autorität und weithin schallenden Stentorstimme nichts ausrichten! . . . . Und der eigentliche Grund dieser kleinen Völkerwanderung nach dem jüdischen Spital? Die in der Gemeinde bewahrte und hochgehaltene althergebrachte Sitte des „Bikur Cholim' war es diesmal nicht! Nur eine einzige Patientin „süllte" die zwei großen Säle des jüdischen Hospitales, und auch diese war keine Schwerkranke, dazu der großen Menge völlig unbekannt. Vor wenigen Tagen war sie aus fremden Landen g.-kommen, von weit her zugereist und wegen eines plötzlich eingetretenen, transitorischen, leichten Leidens ins Spital ausgenommen worden. Und dennoch schon nach zwei bis drei Tagen eine allen intereffante Patientin, so interessant, wie sie das Epstein'sche Haus seit langem Gedenken noch nicht unt'-r seinem Dache geborgen. Denn anfangs schüchtern, dann aber immer lauter und lauter, endlich sogar schreiend, hatte fich das Gerücht in der Gaffe verbreitet, daß die kranke Fremde v o m „R u a ch" befallen sei, daß in ihr der „Ruach" stecke und sein Unwesen treibe! . . . . Freundlicher jüdischer Leser, Sohn des XX. Jahrhundertes, du schüttelst ungläubig das Haupt? Magst es wohl nicht so recht glauben und faffen, daß in dem eingangs genau bezeichneten Jahre,, also vor kaum vier Dezennien, noch derlei Vorkommen, erzählt, verbreitet und — geglaubt werden konnte? Gemach! Ich selbst bin deffen ein lebender Augen- und Ohrenzeuge gewesen, und wenn ich zur weiteren Bekräftigung noch hinzufüge, daß der damalige Rabbiner in Nikolsburg, Dr. Feuchtwang sel. Andenkens, mein unvergeßlicher Lehrer und Meister, fich selbst auch durch Autopsie von dem weiter unten noch zu schildernden phänomenalen Ereigniffe überzeugte, glaube ich dem nun Folgenden den Stempel der Wahrhaftigkeit vollends ausgeprägt zu haben!-