Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021709--16017-3040814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 891 Dr. Llocb's MocdenscbrM. Nr. 52 - fei dies doch kein Grund zur Aufregung. Bei der vorsichtigen Budgetierung der Gemeinde stelle sich gewöhnlich im Frühjahrs schon heraus, daß die Einnahmen weit größer seien als sie arE genommen wurden. Bedauerlich sei es. daß trotz den hohen'^ Ausgaben für den Religionsunterricht sich die erwünschten 4 Fortschritte nicht einstellen, und zwar aus dem Grunde, weil das Elternhaus in diesem Punkte die Schule nicht so unterstütze wie ehemals. Die Gemeinde habe einen schweren Stand im Kampfe der Parteien. Sie müsse, wie sie es tut, einen Ausgleich treffen und bedacht sein, daß Lehrplan und Lehrerschaft auf der Höhe der Zeit stehen. Erfreulich ist es, daß sich die Vorträge aus jüdischer Geschichte und Literatur ständig eingebürgert haben und verdienen die ausgezeichneten Vortragendendenbesten Dank. Schließlich weist Redner auf die koloffale Belastung der Kultusgemeinde durch das Armenwesen hin, dessen Versorgung ein Ruhmesblatt für die Gemeinde bilde. Man muß sich nur vor Augen halten, wie vorzüglich das Spital, das Versorgungshaus geführt werden, daß die Gemeinde ihre soziale Pflicht sogar gegen die 120 jüdischen Findlinge erMe, nun auch den armen Juden Pflegerinnen heranbilden wolle, um sagen zu können, daß überall mit richtiger Erkenntnis der Bedürfnisse und mit großer Gewissenhaftigkeit vorgegangen werde, und von diesem Standpunkte gebühre dem neuen Finanzreferenten Dank und Anerkennung. Kaiser!. Rat Wilhelm Pollak: Da ich heute zum letzten Male, an den Beratungen dieser verehrlichen Körperschaft teilnehme, will ich von meiner bisher alljährlich geübten Gepflogenheit, zu den einzelnen Punkten des Voranschlages bei der Budgetdebatte das Wort zu ergreifen, Abstand nehmen mid mich auf eine Anregung betreffs der schon vielfach erörterten Affäre Dr. Fink beschränken, welche allerdings mit der Budgetpost „Religionsunterricht" im Zusammenhänge steht. Es ist gewiß e>ne undankbare Aufgabe, welcher ich mich unterziehe, doch schrecke ich vor deren Neubelebung nicht zurück und hoffe, dieselbe noch nicht als geich. itert betrachten zu müssen. Die Sache widerstrebt zwar meinen persönlichen Intentionen, weil Dr. Fink, wenn er noch so sehr im Rechte ist, sich gegen die Obrigkeit — was die Kultusgemeinde für ihn war — ziemlich arg vergangen und daher auf milde Beurteilung keinen Anspruch hat. Ich verlange aber Milde, Wohlwollen und Schonung, weil ich Recht suche. Es geht mir mit Dr. Fink fast so wie dem Soldaten in der Operette, der die Meldung erstattet: „Herr Gouverneur, ich habe einen Gefangenen gemacht, er läßt mich aber nicht aus!" Wie der Ertrinkende seinen Netter mit sich in die Tiefe hinabzieht, so hat Dr. Fink seine Freunde durch sein mit sich selbst uneiniges Wesen abgelenkt. Dreimal habe ich mich in den letzten zwei Jahren mit seiner Sache beschäftigt und dreimal habe ich sie bei der Aussichtslosigkeit, die vorhandenen Schwierigkeiten zu beseitigen, wieder fahren lasten. Allein ich glaube, daß man sich dort, wo es sich um bte Existenz einer Familie handelt, nicht von Sympathie und Antipathie, sondern nur von Wohlwollen und Gerechtigkeit leiten lassen soll, und dies veranlaßt mich, die Angelegenheit hier nochmals vorzubringen. Denn wie Sodom um eines einzigen Gerechten willen verschont bleiben sollte, so will auch ich die Sache nicht fallen lassen, so lange nur ein Punkt da ist, die Hebel anzusetzen, diesem armen Manne, dieser brotlos gewordenen Familie wieder aufzuhelfen. Dies soll das letzte Werk sein, welches ich in der Kultusgemeinde, wenn möglich, vollbringe. Es liegt mir vollkommen ferne, irgend jemandem in diesem Kollegium oder vom Präsidium nahezutreten, denn ich habe mir hier im langjährigen Verkehr Freunde erworben, die mir teuer sind, deren persönliche Jntegrttät mustergiltig ist und deren Wohlwollen ich mir auch bei meinem Scheiden aus dem Kultusvorstande als angenehme Erinnerung bewahren möchte. Mich leitet keine andere Absicht, als Sie zur Milde uud Nachsicht zu stimmen. Ich gebe zu, Dr. Fink hat der Kultusgemeinde viele Unannehmlichkeiten bereitet, ich kann es nicht billigen, daß er gegen den Präsidenten und mehrere Mitglieder des Kultusvorstandes Ebrenbeleidigungsklagen kerhoben und die Antisemiten gegen Kultusvorstand angerufen hat, aber über einen Punkt kann ich nicht hinwegkommen: Seine Familie ist brotlos geworden, der Mann kämpft um seine Existenz, und darauf ist auch seine krankhafte Aufregung zurückzuführen. Bisher hat weder eine Vernehmung, noch eine Disziplmaruntersuchung stattgefunden; es liegt aber im vitalen Jutereffe der gesamten Beamtenschaft, daß niemand be- oder verurteill wird, ohne gehört zu werden. Man wird mir vielleicht einwenden, daß Dr. Fink gar nicht der Disziplinargewalt des Kultusvorstandes untersteht und vom Ministerium seines Amtes enthoben wurde. Aber der Kultusvorstand ist trotzdem für sein ferneres Schicksal maßgebend, da er seine ihm vom Ministerium in Aussicht gestellte Wiederanstellung durch sein Veto hindert. Nennen Sie das Forum, das in dieser Angelegenheit entscheiden soll, meinetwegen Kommiffion und geben Sie dem Genannten Gelegenheit, sich dort rechtfertigend zu verteidigen. Gewiß hat Dr Fink Fehler begangen, aber es spricht für ihn nicht nur seine verzweifelte Situation, sondern auch die Liebe und Anhänglichkeit Schüler und die ausgezeichneten Zeugnisse, welche er nebst den i minder guten — Sie sehen, ich bin objektiv — anfzuweisen hat. Auch Idie Belobungen nnd Anerkennungen, welche Dr. Fink während seiner ^früheren Lehrtätigkeit von seiner Vorgesetzten Schulbehörde erhalten f hat, liegen in Abschrift vor. In dem Verfahren gegen ihn scheinen formelle Fehler begangen worden zu sein, so mit den 500 Kronen und dem angeblich sehr groben Antwortschreiben Dr. Fink's an den Herrn Präsidenten, welches sich leider nicht vorfindet. Ich erinnere weiters an die, wenn auch nicht absichtlich, sondern in der Hitze des Gefechtes gefallenen Aeußerungen des Herrn Präsidenten in der Wählerversammlnng. Ich bin nicht üir eine Wiederanstellung Dr. Fink's als Mittelschul-Professor — ich sage dies offen. Geben Sie dem Manne einen anderen Posten, welcher Art Sie wollen; dadurch kann die Kultusgemeinde dem Manne zu einem Erwerbe verhelfen, ohne ihn zu degradieren, aber auch ohne sich für alle Zeiten des Rechtes der Wieder-Amoviernng zu begeben. Keinesfalls hat Dr. Fink etwas verbrochen, daß wir Juden uns von ihm abwenden dürfen, ohne die Sache geprüft zu haben. Ich setze mich nicht für ihn ein, weil ich weiß, daß er Recht hat, sondern weil ich die Wahrheit in dieser Sache zu Tage gefördert wissen will. Aber noch ein Moment möchte ich erwähnen. Der Herr Präsident wird vom neu ergänzten Vorstande bald wieder zum Präsidenten gewählt werden und damit wieder zur Macht gelangen. Einem alten Brauche zufolge übt derjenige, der zur Macht gelangt, Werke der Amnestie, des Wohlwollens und ich möchte dem Herrn Präsidenten empfehlen, auch sein Amt in dieser hehren Weise voll zu erfassen und wünsche nicht mehr, als daß der Fall Dr. Fink einer genauen Prüfung unterzogen werde, um den Mann vor weiteren Fehlwegen zu bewahren, die Kultusgemeinde vor weiteren Verdrießlichkeiten zu schützen. Lassen Sie mich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen, .meine Herren, die mich jetzt so lange angehört haben, meinen Dank für alles Wohlwollen aussprechen und damit die Bitte verbinden, mir ein angenehmes Andenken bewahren zu wollen. Präsident Dr. Stern weist die Behauptung des Vorredners, daß formelle Fehler begangen wurden, auf Grund der vorliegenden Sitzungsprotokolle zurück. Unter anderem bringt er das Protokoll der Vertretersitzung vom 1. Juli 1904 zur Verlesung, aus welchem hervorgeht, daß die erwähnte Remuneration von 450 K an Dr. Fink ihm nicht für die Teilnahme an den Konferenzen, von welchen er immer fernblieb, sondern nur aus demselben Konto mit dem ausdrücklichen Bemerken bewilligt wurde, daß diese Zuwendung nur mit Rücksicht auf die prekären Verhältnisse in seiner Familie erfolgt sei. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n bemerkt hierzu, daß er sich lange Zeit in der besten Absicht mit der Affäre Fink beschäftigt habe, er habe jedoch seine Bemühungen aufgeben müssen, da Dr. Fink — übrigens ein gelehrter und tüchtiger Mann — sofort alle möglichen Behörden, auch die antisemitischen, angerufen habe, nur nicht den Kultusvorstand selbst, der für ihn nur Kriegspartei, sonst aber Luft gewesen sei. Schließlich seien alle Behörden gegen ihn aufgetreten. Kais. Rat Jonas Weil zollt dem Budgetreserenten seine Anerkennung, der den bewährten Traditionen des leider zu - früh verstorbenen kais. Rates Hirsch gefolgt sei. Er will nur kurze Anregungen geben und sagt, man söffe die fortschreitende Reform des Unterrichtes gewiß keinen Augenblick lang vernachlässigen. Für die Konzentration des Armenwesens sind in der letzten Zeit beachtenswerte Vorschläge gemacht worden. Hoffentlich sei die Kommission bereit, diese Vorschläge zu untersuchen und eventuell auszuführen. Die Konzentration werde Gelegenheit geben für große Ersparnisse an Arbeitskraft und Geld. Redner stellt weiter die Anfrage, wie weit es mit der Frage des Pflegerinnenheims steht, und beantragt, ein Spezialkomitee einzusetzen, welches diese Angelegenheit vorwärts bringen solle. Sehr wünschenswert wäre ferner die endliche Errichtung eines Kinderspitales. Es seien 325.000 Kronen als Baukosten genannt worden, aber es wäre eine Schande, wenn die größte Kultusgemeinde Oesterreichs diesen Betrag unter ihren Mitgliedern nicht aufbringen würde. Redner beantragt schließlich Ln bloc- Anuahme des Budgets und Dank für den Referenten. Dr. Berger kritisiert, daß im Budget eine wichtige Post, eine Subvention für die Talmud-Tora-Schule, fehle. Nachdem man sich entschlossen hat, sie in einem eigenen Hause unterzubringen, ist nun Gefahr vorhanden, daß der Bau ins Stocken gerät. Die Schule ist aber ein wichtiges kulturelles Bedürfnis. Sie wird von Kindern besucht, die aus nicht deutschsprachigen Ländern kommen und in den gewöhnlichen Schulen Zurückbleiben