Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021709--16015-3040812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eite 892 Dr. Dlocb's Mocvenscvrm. Nr. 83 Kennicott und de Rosst zusammengetragenen Lesearten aus verschiedenen Bibelmanuskripten, Belege im Talmud sucht, ist an sich kein wissenschaftlicher Fehler. Jedenfalls ist durch dieses Werk die Frage nicht erledigt. Der Verfasser der vorliegenden Prologomena xoitf nun diese Arbeit bieten. Bei einer gründlichen Lektüre seiner Schrift nnd Nachprüfung seiner Aufstellungen gewinnt man die Ueberzeugung, daß er seine Vorarbeiten genau kennt, das rabbinische Schrifttum gründlich beherrscht und im Besitze der wissenschaftlichen Methode ist, seine Kenntnisse für den festgesetzten Zweck verwerten zu können. Sympathisch ist dem Referenten, daß der Verfasser ohne stürzlerische aber auch ohne konservierende Ideen an seine Sache herantritt. Es soll nicht geleugnet werden, daß eine große Idee, eine Phantasievorstellung dem Forscher auch im Erkennen und der Feststellung der Details sehr nützlich sein könne. Aber dies ist subjektiv nicht immer der Fall und nicht dort, wo die Tatsachen auf rein literarhistorischer Basis erforscht werden müssen. Eine kritisch gesicherte Sammlung von Varianten zur heiligen Schrift bietet freilich Anhaltspunkte für Schlüsse in dogmatischer, religionsgeschichtlicher und sprachwissenschaftlicher Beziehung. Der Sammler muß jedoch zuerst eine rein positivistische Arbeit verrichten. Seine Konjunkturen sollen sich nur auf literarhistorische Behelfe stützen. Die im vorliegenden Versuch zusammengetragenen Varianten sind zum größten Teil aus den Quellen geschöpft. Selbst der Leser, der nicht wie der Referent Gelegenheit hatte, den Verfasser bei der Arbeit zu sehen, muß den Eindruck gewinnen, kein Produkt einer Zitatengelehrsamkeit vor sich zu haben. Als Beispiel für die Art der Gewinnung feiner Ergebnisse möchte ich die Behandlung des Tanchuma zu ripn § 19 anführen (S. 46—47), wo man aus dem Contexte zu der Ansicht verleitet werden könnte, Tanchuma habe I Sam. 12, 19 "121 »n "a nn 13-122 '2 isntan gelesen. Aptowitzer gibt eine zureichende Erklärung, wie Tanchuma zu dieser' Verwechslung der Worte König Sauls (I. Sam. 15, 24) mit denen des Volkes (12,19) kommt. Während hier die Variante abgelehnt wird, findet er die schon von Wellhausen festgestellte Variante, “rann nwn (I Sam. 14, 18) auf Grund einer tcxkkritischen Behandlung in jeruschalmi Schekalim VI, 1 bestätigt (Prolog. S. 48—50). In der Sache selbst ist ihm Rainer in seiner Einleitung zum Sseder Olam rabbah zuvorgekommen. Die Beweisführung, die allerdings etwas breit geführt wird, gehört jedoch ihm selbst an. Ohne die Richtigkeit des Resultates anzweifeln zu wollen, scheint mir aus der Verschiedenartigkeit der formalen Explikation der Gründe (“ibwp in der eigenen Rede mp im Berichte des Redaktors) nichts zu folgen. Diese Frage ist eine rein methodologische und verdient als solche, auf das ganze Gebiet des Talmuds ausgedehnt, eine selbständige monographische Behandlung. Der mir bemessene Raum erlaubt mir leider nicht, viel Proben zu bringen, um dem Leser einen zureichenden Begriff von der Art und dem Werte der Arbeit zu vermitteln. Es sollen deshalb nur noch einige Bemerkungen hier Platz finden. S. 25. Gegen die Auflösung rnr* bn -naö irrniv bibö (Erubin 65 a) in ">ö w spricht die gleich darauf folgende Stelle ->22 std rrw bx -122 nian ^atö xb nmn »ara mi n mv bx kann auch sonst schwerlich eine tanaitische oder gar amoräische Prägung sein. Die Leseart in Halachot Gedolot (aä. Berlin) 120 (statt ->'2ön)? würde schon besser passen. Hiezu wäre zu vergleichen die von Toffafot im Namen des Rabbi Kalonimus gebrachte Erklärung. S. 29. Das Sadia in Jes. 11, 2 statt rnoai die Leseart nsnm hatte, scheint mir mindestens nicht evident zu sein. Der indirekte Beweis, daß für mi23 Beispiele von Gideon und Jephta gebracht werden, was der Fall nicht gewesen wäre, wenn mi2ai gestanden hätte, verliert seine Kraft, wenn man bedenkt, daß N22 nra naan rc. intellektuelle, demnach wenn nicht Passive so doch Zustandseigenschaften bedeuten, während >11123 ein ag6H8 vorstellt, weshalb die Teilung in zwei Klassen sich dem philosophierenden Schriftsteller von selbst ergibt. Beispiele für jede einzelne der anderen finden sich überdies nicht. Der positive Beweis aus Seite 2 des Jezirah Kommentar wird durch ein Zitat auf derselben Seite paralysiert, wo der gebrachte Text dem unsrigen konform ist. (Hiezu zu vergleichen die Bemerkung Bachers.) S. 37. Das Berachot 31b in I Sam. 1,10 ^snrii tt bx gelesen, verlangt der Text nicht. Der Agadist hat sich eben durch vrr zu seinem Ausspruch '£>*?2 b'-o*t nrvtsn nan veranlaßt gesehen. Hiedurch angeregt verzeichnet er andere derartige Ungehörigsten, die er durch 'ipn bx formell zu begründen sucht. Bei der Leseart *6 fällt dieser formelle Ausgangspunkt weg. Indes hat auch der Standpunkt des Verfassers seine Berechtigung und kann durch sachliche Momente gestützt werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mir eine Bemerkung über den Wert solcher Varianten erlauben, die sich als Sprachverbesserungen des überlieferten Textes geben. Solche Abweichungen scheinen mir nicht aus verschiedenen Vorlagen hervorgegangen zu sein. Wenn Midrasch Samuel in I. Sam. 1, 2 — ein Beispiel für viele — statt n:n rinn n» unseres Textes nrwi av hat, muß es freilich, da es auch anderswo bestätigt wird, als Variante ausgenommen werden. Der Sammler muß sich damit begnügen, festzustellen, daß im Midraschtexte nnun kein Kopistenfehler sei, daß jedoch der Agadist rinn.-, vor sich hatte, ist nicht notwendig anzunehmen. Zitate Pflegen sogar während der lebendigen Entwicklung der.Sprache nach dem ideellen grammatischen und stylistischen Schema als der zwar unwahren aber leicht zu beherrschenden Norm zu erfolgen, geschweige denn zu einer Zeit, wo die Sprache lediglich Gegenstand der Auslegung wird. Während der Chronist nns gut schreiben konnte, erfolgt bei dem späteren Ausleger unbewußt die grammatische Korrektur. S. 43 "2 als scheint mir gewagt. Es wird also bei dem sonst auch belegten an seine Bewandtnis haben. Die 3-Zahl die auch sonstwo in den Aussprüchen Simon ben -Jochajs wiederkehrt, kann in unserer Stelle auf Grund einer logisch synttaktischen Analyse gewonnen, werden. S. 513 die Abfertigung Wellhausens auf Grund der vom Verfasser konstatierten Tatsache scheint mir nicht stichhältig. Es konnten ja auch nicht korrigierte Codices existiert haben. So wird überhaupt ein Wellhausen nicht widerlegt. Die Wellhausensche Theorie kann durch eine andere Deutung oder gar Bestreitung der Tatsachen sicherlich widerlegt werden. Dies bleibt jedoch eine rein wissenschaftliche Sache. Ein nationales oder religiöses Interesse kann ich hier nicht erblicken, was freilich auch von Aptowitzer nicht behauptet wurde. Man darf nie den Bericht des Talmuds über die Uebertragung der LXX aus dem Auge lassen. Man sieht deutlich die Opferung des Formalen zu Gunsten einer großen Idee. Es mußten Jephet in seiner Art die Religionsdokumente Sems zugänglich gemacht werden. Dies war eine bewußte Tat. Derselbe Bericht erzählt uns auch, mit welchem Ernst man an diese Aufgabe ging N2-2 n'na bxw pn runm Innerhalb der eigenen Mitte vollzog sich jedoch unbewußt die fortwährende Umbildung der Religionsvorstellungen durch fortwährendes Anpassen an die gewonnenen Erkenntnisse, ein ewiges Zeugnis des religiösen Genies der alten Juden. Diese meine Ausstellungen berühren jedoch den Kern der vorliegenden Arbeit nicht. Bei solchen Untersuchungen kann schwerlich durchgehends mathematische Gewißheit erzielt werden. Durch den gebotenen Versuch hat der Verfasser den Befähigungsnachweis reichlich erbracht. Möge nun die Fortsetzung dieser Arbeit nicht lange auf sich warten lassen. Dr. B. W a ch st e i n.