Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 882 Dr. Mocb's Mocbenscbrltt. Nr. 51 frorene Aepfel, welche Wonne! Die Aepfel waren hart wie Stein, kalt wie Eis und man mußte lutschen und lecken, bis man ein Stückchen abbeißen konnte, welches dann wie die köstlichste Eiscreme auf der Zunge zerfloß. Gefrorene Aepfel war die herrlichste Delikatesse' der Chederbesucher. Man bekam 3—4 Stück für einen Kreuzer. Die Kinder aus besseren Häusern, die jeden Tag einen oder zwei Kreuzer Taschengeld bekamen, kauften diesen Leckerbissen, -er gleichzeitig eine Erfrischung bildete, gegen den üblen Geruch und die Hitze, die im Cheder herrschte. Chajim hatte ein Taschengeld von drei Kreuzern, wovon er vormittag zwei und nachmittag einen Kreuzer verausgabte. Seine Lieblingsspeise war Studentenfutter, d. h. Rosinen und Mandeln. Im Winter pflegte aber auch er gefrorene Aepfel zu kaufen und teilte diese redlich mit den mittellosen Kindern. Der kleine Schimon Flaumfeder, ein schwächlicher Junge mit schmutziger Nase, ein kluger, geriebener Bursche, war sein Intimus, der von allem, was er verteilte, den Löwenanteil bekam. Schimon war aus armem Hause und nannte nie einen Kreuzer sein eigen. Es war an einem kalten Winternachmittage, die Kehlen waren von dem Singsang und Schreien beim Lernen ausgetrocknet, die Hitze im Cheder verpestete die Luft und die Bachurim verbrannten vor Durst; doch keiner besaß einen Kreuzer mehr, um gefrorene Aepfel zu kaufen. Schimon saß nachdenkend auf der Bank; gegen 4 Uhr, als die Pause eintreten sollte, erhob er sich und sprach: „Jingloch 93) kommet Aepfel kaufen." Die Mitschüler blickten ihn ungläubig an, wußten sie doch alle, daß Schimon keinen Kreuzer besitzt. „Jingloch kommt's," wiederholte er, „und wenn ich euch keine Aepfel verschaffe, könnet ihr mich auspracken." Das Auspracken war eine in den Talmudschulen eingeführte Strafe. Jeder neue Schüler wurde geprackt, das heißt über deu Tisch gezogen und bekam von jedem Mitschüler einen Streich auf den Unaussprechlichen. Die Streiche wurden durch das Hersagen des Alphabets gezählt und mehr als zweimal durfte das Alphabet nicht wiederholt werden. Man konnte sich aber auch vom Pracken durch ein paar Kreuzer, die von den Mitschülern vernascht wurden, auslösen. Geprackt wurde auch jeder Verräter. Die Mitschüler folgten Schimon und schwelgten schon im Vorgeschmäcke des Prackens, denn daß Schimon ihnen gefrorene Aepfel verschaffen wird, daran dachte Niemand. Willig folgten sie Schimon, der sie bis an das äußerste Ende der Judengasse führte. Dort saß ein altes Höckerweib in ihrem Tuche vermummt und wärmte Hände und Füße an einem Topf glühender Holzkohlen. Sie saß auf einem niedrigen Stühlchen und hatte ein Holztischchen, auf welchem die gefrorenen Aepfel in Häufchen aufgeschichtet waren; drei Aepfel waren im Dreieck nebeneinander gelegt, der vierte lag oben drauf. Ein solches Häufchen kostete einen Kreuzer. Schimon schrttt auf das Tischchen zu, hob bald das eine, bald das andere Häufchen in die Höhe, an jedem fand er etwas auszusetzen und zu nörgeln, der eine Apfel war wurmstichig, der andere angefault. Er feilschte lange hkk und her, endlich sagte er, sie möge ihm sechs um einen Kreuzer geben. Als das Weib nicht einwilligte, warf er die Aepfel unwillig auf den Tisch, stieß dabei das Tischchen um, daß die hartgefrorenen Aepfel auf den harten Boden kollerten, dann lief er davon, das Weib hinter ihm her. Er hatte flinkere Beine als das alte Weib. Mttten im Laufen drehte er sich um und rief: „Chapts," 91) das war für die Mitschüler, die in der Ferne standen und die müßigen Zuschauer des ganzen Vorganges bildeten, ein Zeichen, sich über die auf der Erde liegenden Aepfel zu machen und damit davon zu lausen. Als Schimon das sah, rief er dem keuchenden Weibe zu: „Wozu laufen Sie mir nach, drehen sie sich um, die anderen gehen ja mit ihren Aepfeln davon." Nun lief das Weib den Aepfeldieben 93) Jungens. 9l) Nehmet. nach, doch Schimon nützte diese Zeit, um sich selbst die Taschen mit Aepfeln zu füllen. Sie mußte im Laufen innehalten, und als sie zurückblickte und sah, wie Schimon bei ihrem Standplatz in aller Gemütsruhe die Taschen füllte, lief sie zu ihrem Tischchen zurück; inzwischen waren alle Bachurim glücklich entkommen. „Nun," sagte Schimon, als sich die äpfelkauenden Mitschüler wieder im Cheder cingefunden hatten, „habe ich Euch belogen. Es ist keine Kunst, für Geld Aepfel zu kaufen, das trifft jeder, aber ohne Kreuzer für zwei Sechser Aepfel holen, das ist eine Kunst", dabei lachte sein Auge freudetrunken. Der Aepfelraub hatte aber auch ein kleines Nachspiel. Die Oebstlerin hatte Erkundigungen eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß es die Schüler des Lehrers Reb Jekew waren, die ihr diesen Gaffenbubenstreich ausgeführt. Am andern Tag kam sie ins Cheder, um Klage zu führen. Der streng rechtliche Reb Jekew geriet in große Aufregung und als sie den Schimon als Rädelsführer bezeichnet, da kannte sein Zorn und Fluchen keine Grenzen. Er ersetzte der Frau den Schaden und die Bochurim mußten fast eine Woche lang mit ihren kleinen Taschengeldern den vom Lehrer ausgelegten Betrag ersetzen. Die Aepfeldiebe wichen aber dem Standplatze der Oebstlerin aus und machten lange Wochen einen großen Umweg zum Gange ins Cheder, um von der Oebstlerin, die ihnen Furcht eingeflößt hatte, nicht gesehen zu werden. Inzwischen kam die Purimzeit heran. Purim, liebliches Fest der Mackewnickel9'), genannt Kindel, der Maskeraden und Purimspiele. Auch die älteren Schüler, Reb Jekews führten ein solches auf, es war eine Premiere, direkt vom Marschalik^) Mechel aus Sziget. Ein Akt bestand aus dem Gespräche zweier' Batlonim,9^) die in ihrer originellen Art ihren Anschauungen über Politik und Erfindungen Ausdruck verliehen. Der zweite Akt, ein Liebesakt, behandelte das Lieblingsthema der Bachurim, den Kampf zwischen Bachur und Seminaristen. Der Bachur blieb Sieger und führte die fromme Braut heim. Das Stück war ein Sammelsurium fauler Witze und doch ernteten die jugendlichen Darsteller schon bei der ersten Vorstellung, welche im Hause Reb Jekews am Purimabend stattfand, reichen Beifall; in den folgenden 14 Tagen ward immer in einem anderen Privathause eine Abendvorstellung gegeben, die außer guter Verköstigung noch ein schönes Stück Geld einbrachte, welches die Darsteller unter einander teilten. Chajim war der unbesoldete Kassier; auch er hatte seinen Nutzen von den Aufführungen. Er gewann den Darstellern im Einundzwanzig, ein bei den Bachurim beliebtes Kartenspiel, das Geld ab; er spielte dieses Hazardspiel mit so viel Glück und Ueberlegenheit, daß er stets im Vorteile sein mußte. Vierzehn Tage nach dem Purimfeste erkrankte Reb Jekew an einer Lungenentzündung; nach achttägiger Krankheit hauchte er seine fromme Seele aus. Er war bis zum letzten Augenblicke bei vollem Bewußtsein. Alle seine Schüler umstanden sein Sterbebett, er segnete jeden einzelnen und mit dem Schma auf den Lippen zog er aus der Welt des Scheines in die Welt ewigen Seins. Ein unübersehbarer Leichenzug folgte seiner Bahre, welche von seinen zahlreichen Schülern aus Nah und Fern abwechselnd getragen wurde. Trotz des^Nissanmonates wurden Trauerreden gehalten Dann senkten sie ihn ins kühle Grab. Den Sarg zimmerte man, seinem letzten Willen gemäß, aus dem Tische, auf welchem er ein Menschenalter hindurch seine Schüler in die Mysterien des Talmud eingeführt. Reb Jekew war der letzte Melamed in N. Die Talmud-Toraschule, welche das Torastudium mit dem der profanen Wissenschaften vereinte, nahm die jüngeren Schüler Reb Jekews auf; die reiferen besuchten den Schiur99) des Rabbiners. Nur Chajiml und zwei andere Kinder aus gutem Hause 9°) Eine gebackene Mehlspeise, die die Form eines Wickelkindes hat. 9°) Schalksnarr. 97) Müßiggänger, Menschen, die vom Leben und Treiben der Welt nichts wissen. 9g) Lehrvortrag.