Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 61 Dr. Bloch's Wochrnfchrifr. Leite 873 richtige Verbindung zwischen beruflicher und freiwilliger Armenpflege herstellt, wird man die Vorteile beider genießen, ihre Mängel abstreifen. Auch die freiwillige Armenpflege ist keine einwandfreie. Sie leidet insbesondere an dem Fehler, daß viele in deren Dienste sind, die die Eignung nicht besitzen! Man kann dies am besten beurteilen, wenn man als Armenrat der Stadt Wien gedient hat. Da sieht man Mängel und Vorzüge der freiwilligen Armenpflege, Mängel und Vorzüge der beruflichen in innigster Verbindung. Da lernt man aber auch erkennen, daß die berufliche für sich allein niemals die Aufgabe erfüllen kann, welche die Armenpflege in sich schließt. Die freiwillige leistet aber auch nur dann die von ihr erwarteten Dienste, wenn die Auswahl der freiwilligen Armenpfleger nicht zur Parteisache gemacht wird, wenn die Fähigkeit und der gute Wille in Betracht gezogen werden und wenn man den Armenpflegern auch die Stellung gibt, deren sie zur Ausübung ihres schweren Amtes nnd zur Erfüllung ihrer idealen Mission bedürfen. Man braucht nur die Ziffern der Wiener Armenpflege ins Auge zu fassen, um zu erkennen, daß diese ohne freiwillige Helfer überhaupt nicht durchgeführt werden könnte, und um sich vorzustellen, wie viele Berufsorgane die Stadt anstellen müßte, wenn die Armenpflege ausschließlich durch solche besorgt werden sollte. Die Armenbeteilung genossen im Jahre 1903 seitens der Stadt 109.000 Personen, seitens der Privatwohltätigkeitsvereine 118.000, Krankenpflege außerhalb der Heilanstalten auf Kommunalkosten 156.000 Personen; die Zahl der unterstützten Kinder belief sich auf 113.000; in den Versorgungsanstalten waren 5500 Personen. Die Summe aller von der Kommune und von der Privatwohltätigkeit verwendeten Beträge belief sich auf 21,000.000 X. Und all dieser Dienst soll von Berufsbeamten allein versehen werden? Alles, was Herr Kraus gegen die freiwilligen Armenpfleger einwendet, läßt sich mit ebensoviel Recht gegen berufliche geltend machen und ebenso findet man die guten Eigenschaften einiger beruflicher Armenpfleger, wie die des Herrn Kraus, auch bei freiwilligen. Mit dem Generalisieren ist da nichts getan. Man schadet der Sache auch, wenn man im Prinzips schablonifiert. Sowie man einen guten Beamten suchen muß, ist man auch verpflichtet, bei Auswahl der freiwilligen Armenpfleger vorsichtig zu sein und nur die besten werden eben gut genug sein, um den schwierigen Dienst zu versehen. Befreunden sich die Vertreter der beruflichen Armenpflege mit dem Gedanken, die freiwillige anzuerkennen, dann werden sie in der letzteren die verläßlichsten Bundesgenossen zur Durchführung der Zentralisation finden. Verzichten sie aber auf ihren Standpunkt nicht, so vermehren und stärken sie nur die Zahl derjenigen, die zum Schaden einer guten Armenpflege auf der Dezentralisation unter dem Schlagworte der Erhaltung der Autonomie verharren. Johann Lichten st ad t. Znr Frage des Armenwesens. Sehr geehrter Herr Redakteur! Den sehr interessanten Ausführungen des Herrn Rudolf Kraus in dieser Angelegenheit möchte ich als Fachmann, der sich seit vielen Jahren mit Armen-Agenden freiwillig befaßt, nur in einem Punkte entgegentreten und darauf Hinweisen, daß in dem feit 1844 bestehenden Vereine für Krankenpflege und Unterstützung Handlungsangehöriger Israeliten, I., Seitcnstettengasse 4, alle Arbeiten, außer den schriftlichen des Sekretärs, von den Vorstandsmitgliedern, an deren Spitze der verdienstvolle Herr S. Heit steht,. ausgeführt werden. Wenn man bedenkt, wie viel Mühe dazu gehört, den mannigfachen Anforderungen auch nur teilweise nachzukommen, wird man für die vielen Inspektionen freiwilliger Armenpfleger gewiß auch Anerkennung finden; im großen Ganzen pflichte ich jedoch gerne den auf Grund seiner erfahrungsreichen Empfindung ausgeführten Reformplänen des Herrn Kraus bei. Der obgenannte Verein bietet seinen Mitgliedern, wie kaum ein zweiter, Benefizien, indem er dieselben während ihres Krankenstandes bestmöglichst unterstützt und ihnen Aequivalentbeträge, sowie den Arzt zuweist, im Erfordernisfalle in einem eigenen Raum des israelitischen Spitals Betten frei hält und bezahlt, sowie nach Eintritt ihrer Erwerbsunfähigkeit eine jährliche Pension von K 600.— zuerkennt. Im Jahre 1906 beliefen sich die Kranken-Aushilfen auf X 5091.—, die Zahlungen im Spitale auf X 1984.— und wurden an 32 Mitglieder X 19.350.— Pensionen bezahlt. Diese Ziffern mögen ein Ehrenzeugnis abgeben für die rührige Tätigkeit dieses Wohltätigkeits- Vereines für verschämte arme Handelsangestellte und möchte ich die Philanthropen dieser Stadt mit dem goldenen Herzen, wie Herr Kraus — aus Erfahrung! — schreibt, aufmerksam machen, und sie veranlassen, diesem Vereine Spenden und Legate zuzuwenden, oder als unterstützende Mitglieder beizutreten. Besten Dank, verehrter Herr Redakteur, für die Aufnahme dieses Schreibens in Ihrer vielgelesenen Wochenschrift. Ihr Sie hochschätzender Wien, am 18. Dezember 1906. —r —n. Dom Jahrmarkt des Lebens. Eine Reminiszenz an christliche Toleranz gegen — Christen. In der großen Woche der feierlichen Wiederbestattung der irdischen Ueberreste Rakoczys und seiner Gefährtin, seines bedeutendsten Generals B e r c s 6 n y , sowie der heldenmütigen Verteidigerin der Festung Munkacs Helene Z r i n y und Emerich von Thököly*) wurde auch für letzteren, einen Protestanten, in der evangelischen Kirche am Deak-Platz in Budapest durch den evangelischen Bischof Gustav Scholz der Montan-Diöcefe eine bedeutsame Rede gehalten, deren geschichtliche Zitate gerade in der gegenwärtigen Periode von besonderem Interesse find, da sie die bekannte „christliche Nächstenliebe" jener mächtigen Partei, die auch heute wieder stark an der Arbeit ist, in das richtige Licht stellen. Der berühmte Kirchengelehrte und zugleich wackere Streiter für Glaubensfreiheit und Aufklärung, Üniv.- Prof. Dr. Szeberiny, welcher schon wiederholt und unerschrocken unter anderm auch im Verein zur Abwehr des Antisemitismus — er ist daselbst Mitglied des Vorstandes — seinem von edelster Begeisterung getragenen Liberalismus Ausdruck gegeben, hat diese Rede für den „Evangelischen Hausfreund" (Nr. 5, 1906) ins deutsche übersetzt und wir bringen hieraus das wichtigste, was auch für den nichtprotestantischen Leserkreis von besonderem Wert ist. Nach einigen einleitenden Worten sprach der Bischof am Sarge: „Grüß dich Gott, du guter, durch und durch edel angelegt, r Emerich von Thökölh! Aber ach, selbst in seiner Helle» Freude mutz das Herz des Patrioten schmerstich aufschreien beim Klang dein s Namens! Du warst ja Zeuge schrecklicher Zeiten, zumal für unsere evangelische Kirche. „Unbeschränkte Willkür unterjochte alle Gebiete des öffentlichen Lebens, Gefängnisse uud Galeerenschiffe fühlten sich nnt den Opfern der Glaubens- und Gewissensfreiheit." Diese paar Worte, nicht von mir, auch nicht von einem glaubensgenössischen Historiker stammend, kennzeichnen am treffendsten das Zeitalter, welches den jugendlichen Helden, Emerich Thökölh, an die Spitze der Verzweifelten stellte! Die Verfolgung der Protestanten artete aus zum Vernichtungskampf der Ungarn. „Das Land muß römisch-katholisch sein, wenn es deshalb auch zum Knecht, zum Bettler würde!" forderte Erzbischof Kolonitsch. „Der König von Ungarn ist mit Nichten verpflichtet, die die Glaubensfreiheit bestimmenden Landesgesetze zu halten, verkündigte Bärsonh. „Entweder der Uebertritt — oder Verbannung" befahl Erzbischof Szelepcsenpi nnd die Galeeren von. Blicc.iri und Neapel füllten sich mit den unglücklichen protestantischen Geistlichen, deren Trübsal nnd Elend in den Memoiren einzelner von ihnen so erschütternd heute noch unsere Herzen ergreifen. „Der Ungar, wenn er Protestant ist, gehört aufs Schaffot," sprach der schreckliche General Caraffa und 50 Patrizier aus Debreczin und Eperies wurden in Eperies enthauptet, was dieses mensch iche Ungetüm von einem General *) Gestorben 3. September 1705, wiederbeerdigt 30. Oktober 1806 zu K e s m a r k.