Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 872 Dr. Llocv's Mlocvenscvrm. Nr. 51 silberne Arme den herrlichen Gedanken tragen, daß das Licht des jüdischen Glaubens sich auch in den Zeiten tiefer Not durch ein Wunder erhält. Schnöde lassen wir das Andenken an eine glorreiche Zeit versinken, neben der der Ruhm der Befreiungskriege von fast allen anderen Völkern verblassen muß. Eine Zeit, die Heine vorschwebte, als er die Worte niederschrieb: „Würde man die Juden nur aus ihrer Geschichte kennen, mau würde hundert Stunden weit reisen, nur um einem von ihnen die Hand drücken zu können." Dieses Stück Leben aus unserer Vergangenheit hat genug Würde und Weihe in sich, daß wir nicht im mindesten zu einer Anleihe bei der Kirche gezwungen sind und die Gebräuche zu seiner Erinnerung gaben stets ein Freudenfest der Jugend, an welchen! die Tyrannei und das Toben der heischenden und spielenden Kinder durch ein altes Herkommen gebilligt und geschützt wurde. Sonnentage der Kinderfreude gab es Jahrhunderte laug im vielverschrieeneu Ghetto, lange bevor irgend jemand auch von den Christen an einen Lveihnachtsbaum gedacht hatte, dessen Brauch in Oesterreich kaum hundert Jahre alt ist. Nicht Sinn, nicht historisches Recht unterstützen diejenigen von uns, die sich einer plumpen Nachäfferei der christlichen Weihnachten schuldig machen. Die Juden sollen die geborenen Kritiker sein. Aber sie verlieren offenbar jede Fähigkeit zur Kritik, wenn sie ihre eigenen Handlungen beurteilen sollen. Sie werden nicht zögern, zu erklären, daß es schmählich sei, einem Feinde nachzulanfen und ihm knechtisch nachzuahmen. Und doch tun sie es, indem sie eine einseitige Liebe zu fremden Nationen betreiben und ihre eigene Kultur und ihre stolzen Volksfeste vernachlässigen, um fremdes Wesen zu demonstrieren und fremde Gedenktage zu begehen. Einen Feiertag für ihre Kinder wollen sie haben und eine Trauerfeier für das Judentum wird daraus. Kein Optimist lomme und sage, mau solle doch nicht soviel Lärm schlagen wegen einer solchen Kleinigkeit, die ja keinen ernsten Hintergrund habe. Der äußere Unterschied zwischen Chanuka und Weihnachten ist ein winziger. Hier brennt die Menorah, dort der Baum — das ist alles. Hier wie dort Festmahl, Geschenke und der Jubel heller Stimmen. Aber in dem Geiste der beiden Feste, wenn sie von Juden begangen werden, beträgt der Unterschied eine Welt. Das eine bedeutet ein stolzes Bekeuntuis, historisches Bewußtsein, den Willen zu Treue und Liebe, das andere einen traurigen Volksverrat, laue Schwäche, unehrliche Feigheit. Jetzt aber sind Kriegszeiteu, Zeit zur Erklärung, jetzt gilt ein strenges Recht und strenge Ehre. Jetzt möge jeder die Feindesabzeichen von sich tun, die er aus Nachlässigkeit oder falscher Kenntnis noch getragen hat. Die jüdische Weihnachtsfeier ist so eines. Die Makkabäer sind gefallen, dannt sie nicht einen fremden Gebrauch zu feiern gezwungen sind — ihre Nachkommen nehmen die innere Knechtung freiwillig auf. sich. In jeder Fiber muß einem Juden, jeder jüdischen Hausfrau das Gefühl liegen, wie schmählich diese Nachäffung ist, die schließlich einen eigenen Gebrauch in fremder Form bedeutet. Warum die Seele der Kinder durch eine Verleugnung des eigenen Wesens verkleinern und beschmutzen, wo man sie doch durch die Wahrheit verklären, durch den Stolz schwellen lassen könnte? Nicht nur das Judentum im Kinde wird durch das Weihnachtsfest im jüdischen Hause verdorben, auch das Kind selbst, seine Ehrlichkeit und Geradheit. Darin liegt eine schwere Strafe für alle diejenigen, welche die vorletzte Forderung der Assimilatiou erfüllen und christliche Gebräuche halten. Unfaßbar, ein Fluch des Judentums scheint uns das zu sein: die eigene Schönheit, das eigene Gut zu mißachten und die Aehnlichkeit mit anderen herbeizusehnen. Weg mit dieser Schmach! Steckt Lichter in die Menorah und leuchtet euch und eueren Kindern zurück auf die Kampfplätze jüdischen Heldenmutes, auf die Schlachtfelder der Makkabäer und derer, die ihrer würdig sind. Im Lichte dieser Flammen werdet ihr euere Ehre und Kraft dann freudig wiederfinden. —y. Die Zentralisation des Armenmrsens. Die alte Seeschlange taucht wieder auf. Man spricht schon wieder von der Zentralisation des Armenwesens in unserer Kultusgemeinde. Und es ist ein Berufener, der seine Stimme zugunsten der Zentralisation erhebt: der Leiter des Armenwesens der Kultusgemeinde Herr Rudolf Kraus. Wer das Armenwesen kennt, wird ihm beipflichten, daß nur die Zentralisation der Professionsbettelei ein Ende zu bereiten vermag, daß nur durch Zentralisation die zerstreuten, im Armenwesen tätigen Kräfte gesammelt werden könnten, daß nur die Zentralisation imstande wäre, der Verschwendung von Regicauslagen und der schädlichen Thesaurierung entgegenzuwirken. Ebenso richtig ist es auch, daß die Armenpflege eine intensivere sei, sich auf neue Aufgaben erstrecken könnte, wenn nicht Geld- und Arbeitskräfte zersplittert wären, wenn nicht ein und dasselbe Ziel gleichzeitig von verschiedenen Vereinen verfolgt würde. Wenn ein im Armenwesen so erfahrener Mann, wie Herr Kraus, nach Zentralisation verlangt, dann haben ihn der langjährige Dienst, die tägliche Beobachtung, das reife Urteil zu dieser Ueberzeugung geführt und seine Stimme verdient gehört und beachtet zu werden. Und die Mängel müssen schon sehr bemerkbar geworden sein, wenn aus diesem Lager der Ruf nach Zentralisation mit so kräftigem Laut ertönt. Im Prinzipe sind wir vollständig mit ihm einverstanden. Dennoch gehen unsere Wege auseinander, nicht was das Ziel betrifft, das auch wir anstreben und wofür wir schon vor Jahren unsere Stimme erhoben haben, aber was das Mittel anbelangt. Herr Kraus will die Zentralisation, um den Dienst in die Hände von Beamten zu legen, wir perhorreszieren eine Organisation der Armenpflege, welche den Dienst ausschließlich von Beamten versehen läßt. Die beiden Arten der Armenpflege: freiwillige und berufliche, stehen einander schon seit langer Zeit feindselig gegenüber. Die Freunde der freiwilligen Armenpflege sind nicht imstande, 1>ie Freunde der beruflichen von der Richtigkeit ihres Prinzipes zu überzeugen, und vies versa. Da aber in den Vereinen die freiwillige Armenpflege überwiegt, während die berufliche nur in einem kleinen Kreise besteht, wäre es um der Sache willen doch richtiger, daß die Minorität sich der Majorität füge und den Versuch, die Zentralisation einzuführen ohne das nicht notwendige Beiwerk der beruflichen Zentralisation, zur Ausführung brächte. Es werden sich alle Freunde der Zentralisation — und welcher im Armendienst erfahrene Mann wäre nicht ein solcher — um die Fahne gewiß viel freudiger scharen, wenn man ihnen nicht durch die Aufoktroy'erung des beruflichen Armendienstes die Freude am Werk vergällen würde, und da auch die beruflichen Arnicnpfleger die Zentralisation wollen, würden sie viel eher Mitarbeiter finden, als wenn sie, wie bisher, auf der beruflichen Organisation beharren. Daß Herr Kraus die berufliche Armenpflege warm vertritt, ist durch sein Amt vollständig begründet. Allein so hoch wir speziell seine Dienste schätzen, halten wir das von ihm vertretene Prinzip für ein verfehltes. Der Mitwirkung freiwilliger Armenpflegcr kann vielleicht eine kleine Landgemeinde entbehren, in welcher ein Beamter leicht den Dienst versehen, die Verhältnisse aller Armen zu überblicken und,individuelle Armenpflege zu leisten vermag. In einer großen Stadt ist das ganz unmöglich. Man müßte nicht nur ein Heer von Beamten haben, um allen Anforderungen gerecht zu werden, sondern es müßte eine Organisation zur Ueberwachung und Dirigierung dieser Beamten geschaffen werden. Der Gefahr der schablonenhaften Armenpflege entgeht man bei Einführung der beruflichen nicht und die Gewähr vollständig objektiver Armenpflege und insbesondere individualisierender bietet die berufliche Organisation auch nicht. Herr Kraus verdient in vollstem Maße das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird, aber wie viele solcher Herren müßten wir haben, damit der Dienst klaglos versehen werde! Und welche Kosten würde das Beamtenkorps verursachen! Der freiwilligen Mithelfer kann man nicht entraten und nur, wenn man eine