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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-21 · 51 (21.12.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. Bl Dr. Dlocb's MocbenscbrtN. Sette 871 standen hat" ausgeübt worden sein, der sich doch „tue Gemeinden willig unterwarfen". Was ist das für eine Knechtschaft, der man sich willig unterwirft! Die Willigkeit setzt freie Entschließung voraus, also kann von Aufhebung der Freiheit des einzelnen keine Rede sein. Wirklich war es umgekehrt der ausgesprochenste Sinn für Freiheit und Unabhängigkeit, der die Juden auch nach dem Untergang des alten Gemeinwesens so gut wie vorher auszeichnete. Gerade die Rabbiner: gingen mit dem Beispiel geistiger Unbotmäßigkeit voran und ließen sich von keiner Autorität imponieren. Dieser Geist der Selbständigkeit und Unfügsamkeit gegen geistige Bevormundung wurde genährt durch die im Wesen der jüdischen Religionslehre begründete stete Anregung zum Nachdenken, zur Forschung, zur Bildung eines eigenen Urteils, und es war nicht die Unterwerfung der Gemeinden unter eine niemals dagewesene Hierarchie der Schriftgelehrten, sondern die selbstgewonnene Erkenntnis und freie Ueberzeugung, welche die Gemeinden bestimmten, am Judentum festzuhalten. Man wollte den einigen Gott nicht gegen den dreieinigen vertauschen, den unmittelbaren Verkehr mit ihm nicht für einen vermittelten hingeben, man wollte sich die Klarheit durch keine Mystik, dn geistige Gottesverehrung durch keinen Bilderdienst'trüben lassen, man fand in der Tora, in den Propheten, in den Psalmen und in den Lehren der Rabbiner: die ewigen, erhebenden und tröstlichen Wahrheiten ausgesprochen, deren Besitz mit der Preisgebung aller irdischen Vorteile und selbst mit dem Leben nicht zu teuer erkauft schien. Das Gottesreich des Völkerfriedens auf Erden hat das Christentum nicht gebracht. Unter seinem Szepter zerfleischen sich die Völker nach wie vor, herrschen Grausamkeit und Erdrückung des Rechtes, Vergewaltigung der Schwachen wie in den schlimmsten Zeiten heidnischer Barbarei. Israel aber gibt die Hoffnung nicht auf, daß die von seinen Propheten verheißene Zeit des Friedens unter den Menschen, das große messianische Zeitalter, dem es seit Jahrtausenden sehnsüchtig entgegenharrt, endlich einmal siegreich anbrechen werde. Diese Hoffnung verleiht ihm Trost und Zuversicht in den Zeiten der Not, Mut und Vertrauen inmitten der Drangsale der Jahrhunderte. Zu dieser Hoffnung bekennt es sich noch immer mit dem heiligen Bekenntniswort: Höre Israel, der Ewige, Dein Gott, ist einig und einzig! * * * Wir haben uns bemüht, die .hochinteressanten und überaus belehrenden Gedankengänge des Buches in seinen sieben Kapiteln möglichst mit den Worten des Autors unseren Lesern vorzuführen. Wir hegen den Wunsch, daß dieses Werk in keiner gebildeten jüdischen Familie fehlen möchte. Mcht Weihnachten — Chanuka! In wenigen Tagen feiern die Anhänger der christlichen Religion ihr Weihnachtsfest, das, in seinem Ursprung eine Anleihe bei unserer Lichterweihe und der Julfeier der Germanen, in seiner heutigen Gestalt eine große Anziehungskraft auch auf träumerisch verschwommene und kindliche Gemüter bei Andersgläubigen ausübt. Der Reiz auf die Kinderseele, die in ihrem lachenden Egoismus von Geschenken, Schleckereien und der Seltsamkeit eines geschmückten Tannenbäumchens gelockt wird und von Neid erfüllt ist auf die glücklichen Besitzer solcher Herrlichkeiten, veranlaßt nun viele jüdische Eltern zu einer verhängnisvollen Nachgiebigkeit. Sie glauben, ihre Kleinen dürften auch bei diesem Kinderfest nicht ausgeschlossen sein und öffnen ihre gute Stube christlichen Gebräuchen. Nicht etwa aus Liebe zum Christentume. Selbst der wertloseste Jom-Kippur-Jude kann nur äußerlich aus dem Judentum austreten, innerlich ins Christentum eintreten kann er nicht. Es sind auch gar nicht immer diejenigen, die aus Zufall und Gewohnheit noch in unseren Reihen stehen, deren Augen aber schon zwischen Mesusa und Weihbrunnkeffel herumwandern, es sind nicht immer die Juden von katholischer Zukunft, bei denen Weihnachten gefeiert wird. Manche von ihnen sind vielleicht in der Lage, dem jüdischen Religionslehrer die Stunde absagen zu müssen, weil heute Kinderfeier ist, und das Festmahl ist vielleicht unter vollster Beachtung mosaischer Speiseregeln entstanden. Trotzdem leben sie einen Abend im Zeichen einer fremden Religion, einer Religion, welche die Erfindung der Nächstenliebe für sich in Anspruch nimmt, aber den Juden gegenüber keinen Gebrauch davon macht. In die Erklärung dieser Tatsache spielt ein Stück Dienstbotenfrage mit hinein. Sogar in den christlichen Mägden fühlt man etwas von der brutalen Gewaltherrschaft der Masse und kommt ihren Gefühlen mit feierlicher Veranstaltung entgegen. Das hauptsächlichste und häufigste Motiv aber liegt bei den Kindern, denen man auch die allgemeine Freude schaffen will. Es ist eine unbesonnene Schlamperei des Gemütes, eine kurzsichtige, mißverstandene Elternliebe, wenn man aus diesem Grunde im jüdischen Hause den Weihnachtsbaum aufpflanzt. Wir wollen das religiöse Moment nicht betonen — die Publizistik ist gewiß nicht dazu da, um die Geschäfte der Kanzel zu besorgen. Mag jeder mit sich und seinem Gewissen es ausmachen, ob er aus sich und seinen Kindern betende Juden machen will. Aber treue und aufrechte, stolze und starke Inden muß er seinem Volke s.eben, denn die Ehre wird für niemanden und nirgendwo mit zweierlei Maß gemessen. Wir brancheu Juden, die sich vor der allseitigen Feindschaft nicht ducken und flüchten, sondern die ihr Judentum als hohes Ideal vertreten und verteidigen. Dazu müssen sie erzogen werden. Das wird aber nie erreicht, wenn man als ersten Eindruck auf das junge Gemüt, der seine Kraft durch das ganze Leben behält, eine gleichgiltige Zuvorkommenheit gegen ein Bekenntnis zeigt, dessen Triumphgeschichte zum großen Teil die Leidensgeschichte der Juden ist. An dem Kinde huscht der Weihnachtsabend nicht als eine flüchtige Erscheinung vorüber. Die unerbittliche Logik des wachsenden Gehirns schafft ihm als Frucht des Weihnachtsbaumes die Meinung und das Gedächtnis hält sie dann wie eine eiserne Zange fest: Daß es freundlicher und lichter sei im Christentume drüben und daß man nicht ängstlich zu sein brauche in religiösen Dingen. Im Schatten der Weihnachtstanne im jüdischen Hause verwelkt das jüdische Gefühl der Kinder, aber auch das der Erwachsenen leidet. Es gehört kein Haß, sondern nur Takt und Selbstbewußtseiu dazu, daß man Feste nicht mitfeiert, an denen alles eher als freundliche Nachbarn teilnehmen und bei denen man durch sein Erscheinen spottende Heiterkeit und verletzende Bemerkungen hervorruft. Die jüdische Weihnachtsfeier ist ein Stoff für arische Unterhaltung, ist oft ein Brennstoff für lügnerische Böswilligkeit und dabei könnte der gutwilligste Verteidiger kein Wort der Entschuldigung finden. Schluß also vom Standpunkt der Erziehung, der Ehre und der Klugheit mit dem grünen Baum der Assimilation am jüdischen Tische! Unter gar keinem Gesichtspunkt ist ein Bedürfnis für jüdische Weihnachtsfeiern zu entdecken, auch nicht für Eltern, deren unvernünftige Liebe um jeden Preis Kinderfeste bereiten will. Haben wir denn nicht alljährlich zu derselben Zeit selbst ein reizendes Fest, aus dem alle Glocken der Poesie wiederklingen, ein stolzes Nationalfest für die Großen, deren Ahnen Heldentaten zur Befreiung des Tempels vollbrachten, ein helles Freudenfest der Kleinen, in welchem die Lichter des Juda Maccabäus glänzen? Wir werfen echte und tiefe jüdische Schönheit weg, um Flitter und Rauschgold dafür einzutauschen, wir feiern mit Selbsterniedrigung ein fremdes Fest statt einer Gedenkfeier strahlenden, jüdischen Heldenruhmes. Wir entfremden das Herz unserer Kinder dem Judentum, indem wir es Heiligenlegenden zugänglich machen, statt es dem Judentum zu gewinnen, indem wir sein heroisches Zeitalter in wahren, historischen Bildern erstehen lassen. Nicht nur dürfen wir Weihnachten nicht feiern, wir müssen Chanuka begehen, nicht am grünen Baum sollen wir die Lichter entzünden, sondern an der Menorah, deren

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