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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-21 · 51 (21.12.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 870 L)r. jöiocd ö MocoenscorlN. Sir. 51 das Posaunenblasen vorgrschriebeu ist, stammen aus der nachexilischen Zeit. Der Boden, ans oem sie hervorgegaugen sind, ist der universalistische Messianismus. Es ist das Reich Gottes auf Erden, das im Vordergründe der Andacht steht und dessen Herbeikunft in schwungvollen Wendungen, die zum Teile den prophetischen Weissagungen von der dereinstigen Herrschaft Gottes über die Menschenwelt entlehnt sind, erfleht wird. „So lasse kommen, Ewiger unser Gott, Ehrfurcht vor Dir über alle Deine Geschöpfe, und Bangen vor Dir über alles, was Du erschaffen, auf daß Dich ehrfürchtcn alle Geschöpfe, und vor Dir sich neigen alle Wesen, und sie alle werden ein Bund, Deinen Willen zu tun mit ganzem Herzen, wie wir erkennen, Ewiger unser Gott, daß die Herrschaft ist bei Dir, die Macht in Deiner Hand, und die Kraft in Deiner Rechten, und Tein Name erhaben über alles, was Du geschaffen." „Darum hoffen wir auf Dich, Ewiger unser Gott, bald zu schauen den Glanz Deiner Herrlichkeit, daß Du wegräumest die Götzen von der Erde und all die eitlen Wahngebilde ränzlich tilgest, zu ordnen die Welt im Reiche des Allmächtigen, daß alle Fleischgeborenen anrufen Deinen Namen, Dir sich zuwenden alle Frevler der Erde, daß anerkennen und einsehen die Bewohner des Erdenrundes, daß Dir sich beugen müsse jedes Knie, schwören müsse jegliche Zunge. Bor Dir, Ewiger unser Gott, werden sie niederknien und hinsinken, der Herrlichkeit Deines Namens die Ehre geben, sie werden alle auf sich nehmen das Joch Deines Reiches, Du aber wirst herrschen über sie bald in Ewigkeit, denn Dein ist das Reich und in alle Ewigkeit wirst Du regieren in Herrlichkeit, wie in Deiner Tora geschrieben steht: „Der Ewige regiert immer und ewig." „Du gedenkst, was geschehen ist von Ewigkeit und hast vor Augen die Geschöpfe alle seit Anbeginn; vor Dir sind offenbar alle Geheimnisse, und die Fülle alles Verborgenen seit der Weltschö'pfung. Kein Vergessen gibt es vor dem Throne Deiner Herrlichkeit und nichts entgeht Deinen Blicken. Du bist eingedenk alles Geschehenen und kein Geschöpf ist Dir entrückt. Alles liegt offen und bekannt vor Dir, Ewiger unser Gott, der schauet und blicket bis ans Ende aller Zeiten. Denn Du führst herbei die festgesetzte Zeit der Erinnerung, da bedacht wird jeglichrr Geist und jegliche Seele, und Du Dich erinnerst der Fülle des Geschehenen und der Wesen Menge in unabsehbarer Zahl. Vom Uranfänge an hast Du solches kundgemacht und vormals geoffenbart. Dieser Tag ist der Beginn Deiner Schöpfung, ein Gedächtnis des ersten Welttages. „Ein festgesetzter Tag für Israel, ein Gerichtstag des Gottes Jakobs" (Ps. 81, 5.). Und über die Länder wird an ihm der Spruch gefällt, wo das Schwert und wo der Friede, wo der Hunger und wo die Fülle walten soll. Und die Geschöpfe werden an ihm bedacht, wer am Leben bleiben oder dem Tode verfallen soll. Wer wird an solchem Tage nicht gemustert! Die Erinnerung an jedes Geschöpf kommt vor Dich, eines jeglichen Tun und sein Verhängnis, was einer mit seinen Schritten bezweckt, was für Anschläge und Pläne der Mensch in sich trägt, was ein jeglicher, seinen Trieben folgend, ausführt. Heil dem Manne, der Dich nicht v e r g i ß t, u n d d e m M e n s ch e n s o h n, der a n D i r f e st h ä l t, d e n n d i e D i ch s n ch e n. w e r d e n n i ch t st r a u ch e l n, und n i ch t z u S ch a n d e n werden, die ans Dich vertrauen. Das Gedächtnis aller Geschöpfe gelangt vor Dich und Du durchforsch e st d a s T u n a l l e r." „Unser Gott und Gott unserer Väter! O, regiere über die ganze Welt in Deiner Herrlichkeit, und erhebe Dich über die ganze Erde in Deinem Glanze, und erstrahle in der Prachr der Hoheit Deiner Majestät über alle Bewohner Deines Erdballs, und erkennen möge jegliches Geschöpf, daß Du es geschaffen, und es erfasse jegliches Gebilde. daß Du es gebildet, und es spreche alles, was Odrm hat in seiner Nase: Der Ewige, der Gott Israels ist König und sein Reich waltet über alles. Heilige uns durch Deine Gebote, und laß unser Teil sein Deine Lehre, sättige uns von Deiner Güte, und erfreue uns durch Deine Hilfe, und läutere unsere Herzen, Dir in Wahrheit z u dienen, denn Du, o Gott, bist wahr und Dein Wort ist wahr und ewig bestehend." In diesen teilweise Jahrtausende alten Neujahrsgebeten, die auch heute noch den Mittelpunkt des Gottesdienstes an diesem Feste bilden, besitzen wir die authentischeste Auskunft über die Stellung des Judentums zur Menschenwelt und über seinen Begriff vom Reiche Gottes. (Ein Teil dieser Gebete ist auch in den täglichen Gottesdienst übergegangeu und bildet den Schluß jeder Andacht.) Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß es sich nicht um eine wirkliche Gerichtshaltuug Gottes handelt, sondern um eine für den Menschen berechnete, ihn zur Sinnesänderung und Büßfertigkeit anregende, sein Herz mit Trost, Mut und Hoffnung erfüllende und sein Gottvertrauen stärkende Vorstellung. Wellhausen hatte in der ersten Ausgabe seiner Geschichte in der Charakteristik Jesu (S. 315) gesagt: „Er nennt sich den Menschen, so nnjüdisch wie möglich." Dieser Satz ist in der 4. und 5. Ausgabe (S. 387) gestrichen. So richtig wie möglich. Er war eines der geistreichen Apertzus, von denen das Buch nicht zugunsten der historischen Akribie wimmelt. Wie es vielmehr echt und wahrhaft jüdisch ist, den Menschen hervorzukehren und zu betonen, das zeigen wohl die obigen Gebete deutlich genug. Da steht nichts von den Ungläubigen, wie in den Kirchengebeten, alle Menschen sind gläubig und in Gnade bei Gott ausgenommen, wenn die Bosheit aus ihrem Herzen schwindet und wenn sie von der Absicht durchdrungen sind, den Willen Gottes zu erfüllen. Was soll es dann aber heißen, wenn er die „jüdischen Gelehrten, die meinen, alles was Jesus gesagt habe, stehe auch im Talmud", mit der Entgegnung abfertigt: „Ja, alles und noch viel mehr. Das ist doch nur ein (auch von Haruack in Kolportage genommener) Witz, den wir nicht qualifizieren wollen. „Noch viel mehr" und sehr viel Unbequemeres steht auch im Neuen Testament. Stört es W e l l h a n s e n hier nicht, und schält er daraus die auf ihre Authentizität ganz unkontrollierbaren Aussprüche Jesu und dessen Lebensbild los, warum stört es ihn im Talmud und warum bezeichnet er ihn als „chaotischen Wust?" Duhm beschließt einen kürzlich von ihm gehaltenen Vortrag mit den Worten: „Aber der C h r i st glaubt, daß seine Religion, daß vielmehr sein Gott der Kräfte genug habe, die die Welt immer verjüngen können: das Gras verdorrt, d i e B l u m e w e l k t, doch Gottes Wort bleibt in Ewigkeit" (Duhm, die Gottgeweihten in der Alttestamentl. Religion (Tübingen 1905), S. 34). Die letzten Worte: das Gras verdorrt u. s. w. sind Jes. 4o,8 entnommen, also einem jüdischen Propheten, und unter Berufung ans den Ansspruch dieses jüdischen Propheten sagt Duhm: Ter Christ glaubt, daß ssine Religion, daß vielmehr sein Gott n. s. w. Und der Jude darf das unter Berufung auf eben diesen jüdischen Propheten von seiner Religion und seinem Gott nicht gleichfalls glauben? Das erinnert an jenen Juwelier, aus dessen Laden ein silbernes Tafelservice abhanden gekommen war. Eines Tages wird er von einem Freunde zu Gaste gebeten und kaum hat er am Tische Platz genommen, da ruft er plötzlich aus: Das sind ja meine silbernen Löffel! Duhm erlaubt sich auch, die silbernen Löffel, will sagen den Satz aus Jesaja umzuprägen, denn es heißt dort nicht: Das Wort Gottes, sondern das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.- Oder hat sich Duhm bereits auf die Umprägung I. Petr. 1,25 verlassen? Aber ist es kritisch und wissenschaftlich, aus zweiter Hand zu zitieren? Dieses Beispiel kennzeichnet das wissenschaftliche Verhalten der neueren christlichen Theologie gegenüber dem Judentum. Wellhauseu entwirft von den Rabbineu und dem Judentum nach dem Untergang des alten Gemeinwesens folgende Charakteristik: Im Grunde ging die Absicht (der Rabbinen) dahin, die Freiheit des einzelnen aufzuheben durch das Gesetz des Ganzen. Die alte Tendenz der Schriftgelehrtcn, das ganze Leben in die heilige Regel eiuzuspinnen, machte immer größere Fortschritte. Die Folge war eine geistige Knechtschaft, wie sie nie wirksamer bestanden hat. Die Gemeinden unterwerfen sich willig der neuen Hierarchie, der Nomokratie der Schriftgelehrten; sie wollten den Zweck, nämlich die Erhaltung des Judaismus, und so fügten sie sich den Mitteln. Daß diese Mittel zum Ziele geführt, daß sie das Judentum auch nach dem Untergang des Restes der Theokratie als internationale Gemeinschaft erhalten haben, darüber ist kein Zweifel." Von den Rabbinen zu sagen, daß sie eine „Hierarchie" oder „Nomokratie" gebildet hätten, ist unglaublich naiv. Besoldete Rabbinen hat es bis in das 14. Jahrhundert nicht gegeben, und auch dann noch kam es ihnen schwer an, Besoldung auzunehmen, und sie mußten sich dieserhalb rechtfertigen. Sie erwarben ihren Unterhalt als Arbeiter, späterhin durch Ausübung der Arzneikunde. Nun denke man sich eine Hierarchie aus Holzhackern, Schmieden, Kohlenbrennern, oder selbst aus Aerzten gebildet! Wer lacht da? Von ihnen soll „eine geistige Knechtschaft, wie sie nie wirksamer be-

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