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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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N. r.n Dr. WIo<D's MlocbenscbrM. Seile 8 5 setzung. Sv zum Vet,picl üb<l.>hlc er: „rvajlrves tzsovv 68' hahehauroh" (Gen. 25, 34), Esau verschmähte die Erstgeburt durch „Esew hat mewaseh gewesen die Bechauroh." Einmal übersetzte Chajim „leeh red" — steig Hinab. „Red“ — nieder, korrigierte Reb Jekew. Chajim verstand unter „red' nieder" soviel als sprich leise und er flüsterte kaum hörbar: „l6ch red, steig hinab"; red hoach/9) aber „red — nieder", Chajim rief laut und vornehmlich: „lech red, steig hinab", Reb Jekew schlug ihm wutentbrannt die Bibel an den Kopf: „Chamer,") haaßt*^) den lech red, steig hoach*9), lech haaßt steig und red haaßt nieder, aber reden sollst Du nichts zu hoach^7) und nichts zu nieder?9) Gegen halb 12 pflegte Reb Jekew auf eine Weile das Cheder zu verlassen, bis er zurückkam war die alte Schwarzwälder Uhr um eine halbe Stunde vorgerückt. „Rebbe es wird gleich Zwölf schlagen", riesen die Talmudschüler. „Der zwö fer Schlag soll eitl4>y am Weg treffen; brachts3") die Füß", antwortete Reb Jekew. Damit waren die Schüler entlassen. Wie eine wilde Horde stürzten sie aus dem Lehrzimmer, ihren Weg teils durch die Türe, teils durchs Fenster nehmend. Nur einige gesittete Jungen, darunter auch Chajim, warteten bis sich der Schwarm verlaufen und verließen dann ruhig das Cieder. Nachmittag um 1 Uhr kam der deutsche Lehrer Sorech B. B. B. Binkus. Er hieß eigentlich Minkus, nachdem.er aber die Gepflogenheit hatte, durch die Nase zu sprechen »so daß sich das M wie B anhörte) und dabei zu stottern, so nannten sie ihn B . . . inkus. Minkus ein kleiner schwächlicher Mann, mit starkem bräunlichen Bart, war ein aus der Kutte gesprungener Bochur mit sehr lückenhafter Bildung und schöner Handschrift. Nachdem er sich kein großes helräisches Wissen anzueignen vermochte, aber auch von der Natur mit äußern Gaben nur stiefmütterlich bedacht war. so gelang es ihm nicht, sich eine Ehehälfte zu erküren, trotzdem er zu jener Zeit schon 30 Jahre zählte, für einen Bochur schon ein stattliches Alter. Der Unterricht bestand in Schönschreiben und Rechnen, doch kam Minkus nie über das Multiplizieren hinaus; seine Kenntnisse reichten eben nicht weiter. Mit der Orthographie lebte er auf sehr gespanntem Fuße. Er war bei seiner Rechtschreibung weder von den Ergebnissen der Philologie noch auch von der Lautphonötik geleitet; er hatte seine eigene Worterklärung und schrieb statt brillant „brüllant", weil das von brüllen abstammt, wie er erklärend hin;ufügte; bestätigen schrieb er zumindest mit 3 t und Lehrer — weil von sich selbst schließend — von leer abstammend, mit doppelt e. Der größte Teil der Stunde wurde mit allerlei Allotria ausgesüllt; Minkus selbst diente seinen Schülern zur Zielscheibe des Spottes und es gab mehr als einen Jungen, der dem Doktor Heinzerling alias Minkus das Stottern und Näseln getreulich nachahmte. Um 2 Uhr hatte Reb Jekew sein Mittagsschläfchen absolviert und erschien im Cheder, um dem einen oder anderen nachzuhelfen oder ihn zu prüfen. Eine halbe Stunde vor dem Minchagebete") wurden die Schüler in den Hof gelaffen, wo sie sich bis zum Abendgebet herumtummelten. Das Abendgebet wurde im Cheder verrichtet, dann begann der Vortrag bei Talgkerzenlicht. Jeder Schüler mußte eine Kerze mitbringen und diese beim Unterrichte vor sein Buch stellen. Nachdem keine Lichtputzscheren vorhanden waren, wurde die Kerze mit der Hand geschneuzt (wie man im Cheder sagte) wobei sie zumeist verlöschte, was zu vielen Störungen führte. Um 8 Uhr Abends steckte jeher seine Kerze in die mitgebrachte Laterne; das Cheder hatte sein Tagwerk vollbracht und die Schüler eilten nach Hause. Chajim machte Fortschritte und erfreute sich Reb Jekews Wohlwollen. Einmal nur wurde er ausgezankt. Reb Jekew hatte die Gepflogenheit, ein bischen angebrannten Tabak auf den Tisch 43) laut. ") Esel. ") heißt. 48) hoch. 47) nicht zu laut. ") nicht zu langsam. 49) Euch. S°J brechet. M) Vespergebet. zu legen. uu‘!ri)iii er aus die prinli gestopfte Pfeife gab, damit diese rascher in Brand gerate. Cyaftm waes den angebraunlen Tabak auf die Erde. „Chammer" waaßt') du denn nicht, daß angebrannter Tabak sich leichter chapt"), sei kan guter Wart.") Ich muß mit die Schwebeloch") sparen." Inzwischen war die Chanukazeit herangenaht. Acht Tage vor dem Feste wurde Chajiml von Reb Jekew ins Privatzimmcr gerufen. „Schreib deinem Tate, daß die andere Woch Chanukoh", sagte ihm Reb Jekew. „Mein Vater", antwortete Chajim, „wird das selbst wissen". „Ich müß aber ach^) wissen, daß er es waaß?7) schreib nor 9) un9) geh", erwiderte jener. Damit war Chajim entlassen. Als er wieder zu den Mitschülern kam und ihnen das sonderbare Gespräch des Melamed erzählte, gab ihm keiner die Aufklärung, daß Reb Jekew ein Obulus in Form von 25 Kubazigarren wünsche; ja sie schwelgten vielmehr schon im Vorgefühle der Verwünschungen, die Reb Jekew beim Fehlen des Chanukageschenkes aus.ioßen werde. Chajim kam am ersten Chanukatage ohne Geschenk ins Cheder; die Mitschüler hatten die Geschenke, wie dies i-Ll'ch war, im Privatzimmer abgegeben. Reb Jekew kam wie gewöhnlich gegen 10 Uhr in's Lehrzimmer. „Chajim lru sen dü Ci gares?t,ü) „Welche Z'garren?" antwortete jener. „Wie haaßt welche, die blitzblaue, die Chauukohzigares. Schneid dir achtzigtausend Kries/'') begeh an dir a' Selbstmord, brach'") die Händ und die Füß und schreib deinem Tate bei mir is e' Minheg9') as" Chanukah 25 Cigares zu schicken, ober kann Karze"7). de soll dein Tate nor elan"6) rachen?7)" Nach dieser Forderung, die mit einer Deutlichkeit gestellt wurde, die nichts zu wünschen übrig ließ, erhielt Reb Jekew vor Ablauf des Lichtst stes die 25 Z-garren. Trotz der reichlichen Geschenke hatte der Schaboschanuka doch einen bitteren Beigeschmack für Reb Jekew. Reb Jekews Gattin, die Babe"'') buck zu Schaboschanuka, Topfendalkerl und Mendel Rotz spielte ihr dabei arg mit. Am Freitag drückten sich immer einige vorlaute, ausgelassene Burschen in der Küche herum. „Deine Mamserim"9), deine Misrapen'") sen schaun7') wieder doh"7''), rief sie ins Wohnzimmer, doch Reb Jekew wußte bereits aus Erfahrung, daß fie nur schimpfe, aber seine Schüler gerne in der Küche dulde, weil sie ihr Handlangerdienste leisteten und zum Einkauf ausgesandt wurden, deshalb verwies er seinen Schülern niemals die geheiligten Räume des Kochherdes. „Brachts des Genack79) aus der Koch7*) heraus"; ries Reb Jekew; „die Babe hat uns gerufen", tönte es im Chorus zurück. „Me79 schneid Krioh noch enk7") und ihr," rief Reb Jekew zurück Die Topfendalkerl sollten dem Chanukah zu Ehren gut werden. Sie mengte den Topfen mit Eier und Zucker, mit Butter und Rosinen und rührte so lange, bis eine flaumige süße Masse daraus wurde. Während fie aber den Teig aus dem Zimmer holte, wo er zum Gähren aus dem Kachelofen stand, nahm Mendel Rotz eine Handvoll Salz und eine Handvoll Gyps, welches er zu diesem edlen Zwecke bereits einige Tage in seiner Tasche trug, streute diese Spezien in den Topfen und rührte die Masse gut durch. Reb Jekew hatte ein eigenes Minjan77) und betete am Samstag um 7 Uhr Früh Schacharis 7S) und Mussaf79) zusammen. Alle Schüler, die in der Nähe des Melamed wohnten, mußten sich zu dem Gottesdienste in seinem Hause einfinden; die entfernter Wohnenden besuchten andere Gotteshäuser, in welchem um 7 Uhr morgens nur das Morgengebet verrichtet wurde, frühstückten, gingen dann zu Reb Jekew, um den „gut Schabos-Gruß" zu entbieten und verrichteten das Mussafgebet in der großen Schul. m) 5i) weißt. r-3) fängt; anbrn nt. 34) Wirt, tüchtig im Haushalte. 55) Züni Hölzer. 56) auch. 37) weiß. 58) nur. s9) und. 6°) Zigarre». S1) Fluch. 6*) breche 6J) Brauch. 64) auf. 6S) Kurze Zigarren. B0) allein. °7) rauchen. 6S) Großmutter. 69) Bastarde. 70) misera plebs 71) sind schon. 7J) da. 73) Brechet das Genick. 74) Küche. 75) Man. 76) auch. 77) nötige Zahl zur Abhaltung des Gottesdienstes. 78) Morgengebet. 7J) Vormittagsgottesdienst. So) Große Gemeindesynagoge.

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