Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 860 L)r. Dlocv s MocvenscvrlN. Nr. HO David Groß evangelischen Glaubensbekenntnisses ist und einer evangelischen Familie entstammt, deren lebende Mitglieder zurzeit im Armenhause zu Weil im Dorf untergebracht sind. Die Tatsache, daß alttestamentliche Namen in der protestantischen Bevölkerung Württembergs nichts Seltenes sind, ist Ihnen zweifellos bekannt. Wenn in Ihrer Notiz trotzdem David Groß als „jüdischer" Gipser bezeichnet ist, glauben wir dies darauf zurückführen zu können, daß in den Schwurgerichtsberichten des „Stuttgarter Neuen Tageblattes" vom 16. d. M. und anderer Stuttgarter Blätter übereinstimmend der Verbrecher als der „ledige" Gipser David Groß bezeichnet wird und in Ihrer Druckerei das Wort „ledige" irrtümlich durch „jüdische" ersetzt worden ist. Im Jnteresie unserer Glaubensgenoffen, die durch solche Jrrtümer geschädigt werden, richten wir an Sie das höfliche Ersuchen, die in Ihrer Stuttgarter Notiz enthaltene Angabe der Konfession des p. Groß, die Sie selbst durch Anfrage an zuständiger Stelle als irrtümlich erkennen werden, baldmöglichst zu berichtigen." Die Redaktionen beider Zeitungen haben bis heute vollauf Zeit gehabt, sich in Stuttgart an amtlicher Stelle zu erkundigen, es aber offenbar nicht der Mühe wert gehalten, ihre falsche Angabe zu berichtigen, und obgleich ihr Verhalten sie leicht dem häßlichen Verdacht einer absichtlichen Fälschung und Verleumdung aussetzen könnte. Wir enthalten uns jeder weiteren Bemerkung und überlassen die Beurteilung solcher Redaktionen allen Unparteiischen. Berlin. Am 5. Dezember fand hier eine Versammlung des Zentral-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt, in der Dr. Paul Nathan über die russische Revolution und die russischen Juden sprach. Unter den 150 Millionen Ruffen befinden sich 6 Millionen Juden, eine Menge, die zwar an Zahl die der Bevölkerungen einer ganzen Reihe von europäischen Staaten wesentlich übersteigt, aber doch unmöglich imstande sei, auf die 25 Mal größere Gesammtbevölkerung den ihr von den Antisemiten zugeschriebenen Einfluß auszuübeu. Diese Gesammtbevölkerung werde von der den Zaren mächtig beeinflußenden Beamtenschaft in solcher Unwissenheit gehalten, daß sich in Rußland unzählige Analphabeten'befinden. Um die Mafien im Zaume zu halten, Hetzen die russischen Machthaber seit Jahren beständig die Schichten der Bevölkerung gegeneinander und haben dadurch wiederholt Blutvergießen verursacht. Unter dem Druck dieser rücksichtslosen Machthaber, insbesondere durch die Hemmung der agrarischen Reform ist nicht nur das Kulturniveau immer tiefer herabgegangen, sondern auch die materielle Wohlfahrt der landwirtschaftlichen russischen Bevölkerung so geschädigt worden, daß sich fast alljährlich eine bittere Hungersnot einstellt. Ihre Linderung wird durch die Korruption der Beamten nahezu vereitelt. Die Degeneration der Massen hat auf die Heeresverhältnisse zurückwirken müssen; auf die zunehmende körperliche Untauglichkeit der Heerespflichtigen sind die Mederlagen im russisch-japanischen Kriege teilweise zurückzüführen. Daß in einer Bevölkerung von 150 Millionen in solchen Verhältnissen sich der Drang nach Befreiung vom Druck geltend machen und zur Empörung führen muß, ist so einleuchtend, daß es fast einer Beleidigung des russischen Volkes gleichkommt, die jüdische Minderheit, die sich zum Teil dem Befreiungskämpfe angeschloffen hat, als die alleinige Ursache der elementaren Bewegung hinzustellen. Der Vortragende schilderte die unwürdige Behandlung, die die Juden seit den Erlässen des Grafen Jgnatiew erfahren, und den Anteil, den die russischen Verwaltungsorgane an den Judenhetzen genommen haben, die an 640 russischen Orten 38.225 jüdische Familien elend machten und zur Hinschlachtung von 985 Juden führten, die von 380 Witwen, 211 Vollwaisen und 328 Halbwaisen betrauert werden. Der Redner wies dann ziffernmäßig nach, wie eine in den verschiedenen Kulturstaaten durch den Hilfsverein deutscher Juden und andern jüdische Organisationen bewirkte systematische Hilfsarbeit dazu gedient habe, das russische Elend zu lindern, warnte aber vor der irrtümlichen Annahme daß die schwierige russische Judenfrage durch humanitäre Mittel gelöst werden könne. Die deutschen Juden würden sicher darin eines Sinnes mit der Reichsregierung sein, daß eine Einmischung des Auslandes in die inneren Angelegenheiten des Zarenreiches nur das russische Nationalgefühl derart aufstacheln würde, daß, ganz abgesehen von dem Unheil eines Weltkrieges, die jüdische Bevölkerung Rußlands dadurch erst recht ins Unglück geraten könnte. Es gäbe eine Solidarität der Zivilisation, die sich geltend machen werde, wenn die europäische Finanzwelt sich der Pflicht bewußt werde, dem Zarenreiche keine weiteren Geldmittel zu verschaffen, die nur den grausamen Gewalthabern die Fortsetzung ihrer Greueltaten ermöglichen. Der Vortragende berichtete, daß die russischen Minister, die er gesprochen habe, keineswegs diese Tat billigen, aber keine Macht besitzen, dem Unwesen ein Ende zu machen, weil eine aus ziemlich minderwertigen Elementen zusammengesetzte Nebenregierung den Zaren verleitet, in de-m sogenannten „Schwarzen Hundert" gute Patrioten zu erblicken, die seine Autokratie am besten stützen. Auf die Dauer können sie dies aber unmöglich; denn die Verhältnisse sind so morsch, daß jetzt in Rußland mehr auf dem Spiele steht, als das Schicksal der jüdischen Bevölkerung — die ganze Großmachtstellung des Zarenreiches, die Freiheit und das Lebensglück der gesammten russischen Bevölkerung. Einwanderungsstatiftik. N e w - I o r k, 20. November. Die G e s a m t e inwand e r u n g in die Vereinigten Staaten scheint wieder bedeutend zuzunehmen. Einer soeben erschienenen Uebersicht des Handels-Departements zufolge sind in den sechs Monaten, die mit dem 31. Oktober ihr Ende erreichten, 632.137 Einwanderer angekommen, während in der gleichen Zeit des Jahres 1905 nur 442.685 eintrafen. Daß die Zahl der Ankömmlinge aus Rußland von 91.674 auf 142.740 stieg, wird niemanden verwundern. Bemerkenswert ist es, daß auch die übrigen Einwanderer um 138.386 zugenommen haben. Die Einwanderung in die Sndftaaten. New-Aork, 17. November. Gestern ist in Nashville im Staate Tennessee eine aus allen Südstaaten beschickte Tagung zu Ende gegangen, auf welcher die Frage, wie europäische Einwanderer nach dem Süden zu bringen seien, erörtert wurde. In diesem Teile der Vereinigten Staaten hat sich nämlich eine umfangreiche Bewegung entwickelt, Einwanderer zur Niederlassung, besonders in den neu aufblühenden Jndustriebezirken, zu veranlassen. Es fehlt den Industrien dort an zuverlässigen Arbeitskräften, da der Neger ein sehr unsicherer Kantonist ist und eigentlich nur arbeitet, wenn er nicht mehr weiß, woher er die nächste Mahlzeit nehmen soll. Während die Südstaaten früher geneigt waren, den Einwanderer über die Achsel anzusehen, begrüßen sie ihn jetzt in der zuvorkommendsten Weise; man macht Pläne, wie der Völkerstrom, der sich alljährlich nach Amerika ergießt, zum Teil wenigstens in die Südstaaten zu lenken wäre, und man veranstaltet sogar Feste, wenn ein Auswandererschiff anlangt. Die Tagung traf denn auch Anstalten, eine permanente Körperschaft zur Förderung der Einwanderung nach dem Süden zu schaffen und sie wählte den Gouverneur von Süd-Karolina, Herrn D. C. Haywood als ersten Präsidenten. In jedem Staate der konföderierten Staaten sollen besondere Einwanderungs-Bureaus gegründet werden, die Bundesregierung wird ersucht werden, bessere Facilitäten für die Abfertigung von Einwanderungsschiffen in südlichen Häfen zu schaffen; schließlich soll in Europa Propaganda für den Süden gemacht werden, wobei sowohl die Erlangung verläßlicher Arbeitskräfte als auch die Besiedlung mancher noch brachliegender Landstrecken im Auge gehalten wird. Der Staat Süd-Karolina hat einen besonderen Einwanderungs'Kommissär, Herrn E. I. Watson, angestellt, der kürzlich auf einer Europareise „das Land auskundschaftete", wie er sich ausdrückt. Er meint, man habe nur nötig, den Europamüden die Vorzüge des Südens zu schildern, um sie den nordwestlichen Staaten, wohin sich die Schritte der meisten lenken, abspenstig zu machen. Herr Watson scheint bei den Behörden keine besonderen Schwierigkeiten gefunden zu haben, er sagt, die belgische Regierung habe sich sogar seiner Mission sehr günstig gezeigt. London, -27. November. Nach New-Iorker Meldungen macht sich in den südlichen Staaten, insbesondere in den Staaten