Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021707--15980-3040775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 50 D>r. Slortz^s UDodirujilinft. Ve'te 859 •L'jiäSlä^ijw: 6. Uebersicht über die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Mähren und Schlesien. 7. Kurzgefaßte Darstellung der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Mährens und Schlesiens. 8. Gedenktage ausgezeichneter Männer der mährisch-schlesischen Judenschaft. Im literarischen Teile wird das Jahrbuch durch Abhandlungen und wissenschaftliche Beiträge diejenigen Bestrebungen fördern, welche in den Statuten des Verbandes (§ 2) zum Ausdrucke gelangen. Das Jahrbuch sei jedoch im Wesentlichen ein Sammelpunkt für das auf die Juden in Mähren und Schlesien bezügliche Geschichtsmaterial. Alle erreichbaren schriftlichen Aufzeichnungen aus älterer Zeit, die für die jüdische Literatur-. Wirtschafts-, Gemeinde- und Familiengeschichte von urkundlichem Werte sind, sollen hier zur Veröffentlichung gelangen. Hauptsächlich sollen hier die Vorarbeiten zu einer „Uoravia Liloaia Judaica“ gefördert werden, in welcher die äußere und innere Geschichte aller mährisch-schlesischen Gemeinden in alphabetischer und chronologischer Reihenfolge zur Darstellung gelangt. Das Jahrbuch wird auch die Photographien hervorragender Persönlichkeiten aus Mähren und Schlesien bringen, die sich als Gelehrte oder Philanthropen ausgezeichnet und als Juden ihrer Heimat beziehungsweise ihrem Wirkungskreise zur Ehre gereichen. Auch sollen Abbildungen von solchen Leuten reproduziert werden, die vom jüdischen Standpunkte aus historischen Wert aufweisen. Indem wir bei Ihrer altehrwürdigen Gemeinde das nötige Verständnis und die Opferbereitschaft für unser Vorhaben voraussetzen, bitten wir, Euer Ehrwürden, Ihre schätzenswerte Kraft dem Jahrbuche zu widmen und dahin zu wirken, daß Ihre Gemeinde 1. uns ihr Maskirbuch und die in ihrem Besitze befindlichen Archivalien, die für die gegenwärtige Verwaltung nicht mehr in Betracht kommen, auf einige Zeit leihweise zur Verfügung zu stellen. Wir verbürgen uns für die Rückstellung der entliehenen Akten und Bücher nach erfolgter Kenntnisnahme des historischen Materials. 2. Die mit Namen und Jahreszahl versehenen Inschriften in der Synagoge, Leichenhalle und auf den Grabsteinen hervorragender Männer Ihrer Gemeinde (Vorsteher, Rabbiner Gelehrte, Mitglieder berühmter Geschlechter) für uns kopieren zu lassen. 3. Die Baudenkmäler, die zu Kultus- oder humanitären Zwecken dienen und etwaige charakteristische Ghetto-Straßenbilder für uns photographieren zu lassen. Die Abzüge sind in zwei Exemplaren vorzulegen, das zweite für das jüdische Museum in Wien, Praterstr. 33. 4. Den beiliegenden Fragebogen entsprechend ausgefüllt einsenden zu wollen. Unser Bestreben geht dahin, zur Ehre des Judentums in unserer engeren Heimat alle geschichtlichen Erinnerungen der Vergangenheit zu erhalten. Das Präsidium: Dr. I. F r e i m a n n, Rabbiner in Holleschau. Dr. R e a ch, Dr. B. O p p e n hei n, Rabbiner in Gaya, Rabbiner in Olmütz. Brief- und Paketsendungen — letztere entsprechend versichert — sind an Rabbiner Dr. Fr ei mann, Holleschau, Jahresbeiträge an den Vereinskassier Rabbiner Dr. Tauber. Prerau. zu richten. Prag. (Z en t ralv erei n zur Pflege jüdischer Angelegenheiten.) Beim Vereinsabend am 29. v. M. hielt Herr Siegfried L i e b e r s einen Vortrag über Gottlieb Bondy's vorbesprochene „R e g e st e n", die seit ihrem Erscheinen — nicht nur in der jüdischen — Gelehrtenwelt berechtigtes Aufsehen erregen. Indem der Vortragende seine Ausführungen gleich zu Beginn auf Umfang und Inhalt eines sachlichen Referates einschränken zu wollen erklärt, zeigt er in chronologischer Reihenfolge die wichtigsten Dokumente auf, die für künftige Geschichtsschreibungen eine wertvolle historische und kulturgeschichtliche Fundgrube bilden werden. Das Buch behandelt in zwei Teilen an der Hand von 3146 Aktenstücken Geschehniste im Rechts¬ und sozialen Leben der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien und reicht, im Jahre 906 beginnend, bis zum Jahre 1620, weist somit, abseits von nur sagenhafter Ueberlieferung, urkundlichdiebereits allenfalls vor genau 1000Jahren erfolgte Anfiedlung der Juden in Böhmen nach, das beste Zeugnis, daß dieselben dortselbst keine Fremden sind. Die Dokumente, die aus Archiven des Museums, der Universität, Statthalterei, der Ministerien und mannigfacher Städte, voran Prags, geschöpft' und in deutscher, tschechischer und lateinischer Sprache abgefaßt find, bieten in bunter Abwechslung zumeist ein Bild der Leiden, Vexationen, Brandschatzungen und Konfiskationen dar, denen die Juden noch weit über das Mittelalter hinaus ausgesetzt waren und nur vorübergehende Lichtpunkte finden sich, so unter der Regierung Przemysl Ottokars II., der sogar den Anlauf zu einer rechtlichen Gleichstellung der Juden nimmt — dann Karls IV., weiters Ferdinand I., — der jedoch, unbeständig und verhetzt, die erteilten Privilegien wieder zurücknimmt und schließlich das Tragen des gelben Ringes an der Brust dekretiert, — und Rudolf II. unter dessen Aegide nebst den Brüdern Basewa, insbesondere Mordechei Meisel. der Gründer der nach ihm benannten Prager Synagoge zu Rang und Ansehen gelangt, was jedoch die Einziehung seines Nachlasses nach seinem Tode nicht hindert. Jntereffant ist auch, wie nicht selten die Steuerschraube gegen die Juden gehandhabt wird, insbesondere bei der Türkensteuer, oder wenn es gilt, sie zur Deckung des für die Prager Schloßverschönerungen nötigen Aufwandes heranzuziehen. Aber auch mancher päpstlicher, für die Verbesterung des Loses der Juden eintretender Bullen, interestanter Rechtsfälle und Kompetenzkonflikte geschieht Erwähnung und auch das Wüten der Pest in Prag im Jahre 1607 findet hier seine quellenmäßige Bestätigung. Zum Schluffe seines wirkungsvollen, mit reichem Beifall der Zuhörerschaft belohnten Vortrages betont Redner noch, daß eine baldige Fortsetzung dieses für alle Geschichtsforscher gleich schätzenswerten Werkes, das der Munifizenz und dem Sammelfleiße eines außerhalb zünftiger Gelehrsamkeit stehenden Mannes seine Entstehung verdankt, aufrichtig zu wünschen wäre. Bei dem fich anschließenden Geselligkeitsabend knüpfte der Vereinsobmann Herr kais. Rat F a l k o w i c z, indem er dem Redner dankte, an einzelne Punkte seines Vortrages an und führte deren Beziehungen zu den gegenwärtigen aktuellen Fragen in überzeugender Weise aus. In der Debatte, an der fich, außer E. Liebers, noch die Herren Dr. Brandeis, Ad. M. Lederer, Dr. Oppenheimer und Leipen beteiligten, waren dann noch vielfache, die Jetztzeit beschäftigende Erscheinungen des jüdischen öffentlichen Lebens Gegenstand einer intereffanten Erörterung. „Echt jüdisch". Unter diesem Schlagwort meldet das Berliner Abwehrorgan : Vor fünf Jabren fieht ein 16-jähriger Knabe in Libau in Rußland ein, daß den Juden in Rußland kein Heil blühen könne. Trotzdem die Eltern und Geschwister ihn dringend bitten, daheim zu bleiben, wandert Jakey Kaplan nach Amerika aus. Bei seiner Landung besitzt er nicht einen Pfennig. Die jüdische Einwanderungsgesellschaft gibt ihm 3 Dollar, genug, ihn eine Woche vor Hunger zu schützen. Der Knabe kauft für das ganze Geld Schuhsenkel, Knöpfe und dergl. Er schläft in Torwegen und lebt von Brotrinden, obgleich er schwindsüchtig ist. Er hat nur einen Gedanken, er will seine Familie vor den Verfolgungen, die er kommen fieht, retten. Zwei Jahre, die er unausgesetzt gearbeitet und gehungert hat, sind hin, und er ist imstande, für seine Eltern und seine drei Geschwister die Ueberfahrt zu bezahlen. Als es ihm jetzt bester geht, steht er anderen bei, und mit 21 Jahren stirbt er und hinterläßt ein Vermögen von 80.000 Mk. Als man ihn zu Grabe trägt, stehen Männer und Frauen entblößten Hauptes auf der Straße, um dem jungen Menschen, von besten Kämpfen, Leiden und wohltätigem Wirken sie gehört, die letzte Ehre zu erweisen. Antisemitische Wahrheitsliebe. An die Redaktionen der „Staatsbürgerzeitung" und der „nationalen" Tageszeitung „Das Reich" in Berlin hat das Organ des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" am 24. Oktober d. I. gleichlautende Briefe folgenden Inhalts gerichtet: „In der Beilage zur Morgenausgabe Ihrer Zeitschrift vom lt<. d. M. haben Sie nachstehende Notiz veröffentlicht: „Stuttgart. Das Schwurgericht verurteilte den neunzehnjährigen jüdischen Gipser David Groß aus Weil im Dorf wegen Vergewaltigung einer achtzigjährigen Frau zu zwei Jahren Gefängnis und den üblichen Zusatzstrafen." Von zuverlästiger Seite ist uns aus Stuttgart auf Grund von Informationen an amtlicher Stelle berichtet worden, daß der zu 2 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrenrechtsverlust verurteilte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.