Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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(Seite 858 Dr. JBiocD’s Mtocoenscvclrr. Nr. 60 Geistes voll, sich ihre Ideale von Nächstenliebe und Toleranz unentwegt bis zum letzten Atemzuge bewahrt haben. Als 1892 der Ruf in der Oefftntlichkeit an alle Gebildeten erging, sich um das Banner des wirklichen Liberalismus zu scharen und zu jenem Liberalismus zu schwören, der nicht nur bei sich anhebt und bei sich wieder aufhört, da besann sich auch unser wackere, nun leider viel zu früh Abberufene nicht einen Augenblick, einzutreten in einen Verein, der die Besten und Edelsten an seiner Spitze sah, einen Hofrat Nothnagel, einen Baron Suttner, Baron Leitenberger, eine wirkliche Geistes¬ und Herzens-Liga, wie sie sich in solcher Auslese kaum wieder finden dürste. Allen Anwürfen zum Trotz, allen niedrigen Verunglimpfungen kühn die Stirne bietend, kämpfte er gleich seinen Gesinnungsgenoffen beharrlich gegen die mächtigen Schmutzwogen, die sich alsbald nach Gründung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" gegen die prinzipientreuen Männer an dessen Spitze heranwälztcn — er harrte bis zum letzten Tage bei seinem Programme aus! Von unermüdlicher Arbeitsfreude und von eisernem Pflichteifer beseelt, trat er nach dem so unerwartet frühen Ableben des Baron Suttner (gestorben 10. Dezember 1902) an dessen Stelle als Präsident an die Spitze des Vereins, nachdem er als Vizepräsident schon vorher durch ungefähr ein Dezennium gewirkt hatte. Seine Gewissenhaftigkeit, seine Aufrichtigkeit und tadellose Reinheit der Gesinnung werden allen, die mit ihm in Berührung kamen, unvergeßlich bleiben. Ehre seinem Andenken! Der Verblichene war einer der Söhne des ersten freigewählten Bürgermeisters von Wien Dr. Caspar S e i l l e r. Er gehörte der ausgesprochen liberalen Richtung an, die sich dadurch äußerte, daß er nach dem Ableben des Baron Suttner die Präsidentschaft des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, welchem Vereine er seit Gründung angehörte übernahm und bis zu seinem am 3. d. M. erfolgten Tode behielt. Von rüstiger Gesundheit bis in die letzte Zeit, erlag er jetzt einem Jnfluenza-Anfalle, welcher ihn in seinem 74. Jahre dahinraffte. Das Leichenbegängnis fand am 5. d. unter großer Beteiligung statt. Unter den zahlreichen Trauergästen, welche ihm das letzte Geleite gaben, befanden sich außer der Familie in Vertretung des Erzherzogs Friedrich der Kanzleidirektor Hofrat Emmerich Kohl, die Geheimen Räte Generalprokurator a. D. Ritter v. Cramer und Sektionschef a. D. Dr. Liharzik, die Sektionschefs Dr. Stadler v. Wolfersgrünn und Haberer, der Präsident des Landesgerichtes in Zivilsachen Dr. Peter Freiherr v. Fellner, der Präsident der Advokatenkammer Dr. Ritter v. Feistmantel mit dem Vizepräsidenten Dr. Freiherr v. Mayer und mit vielen Kammermitgliedern, der Präsident der Akademie der Wiffenschaften Dr. Eduard Sueß, der Präsident der Handels¬ und Gewerbekammer Reichsratsabgeordneter Ritter v. Kink, der deutsche Konsul Dr. v. Vivenot, Hofrat Dr. Seidl mit den Beamten des Obersthofmarschallamtes, die Hoftäte Dr. Giovanellia, Graf Montecuccoli, Prof. Dr. Chrobak und Prof. Dr. Toldt, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, Prof. Ritter v. Zumbusch, in Vertretung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, Herr Prof. Dr. I. Seberiny und der Schriftführer des Vereines, sowie viele a. m. Wie«. Der Brigittenauer israelitische Frauen - Wohltätigkeits - Verein veranstaltete Sonntag den 9. d. M. in den Lokalitäten des Brigittenauer israelitischen Kindergartens seine XI. ordentliche Generalversammlung. Dieselbe erfteute sich eines überaus starken Besuches seitens der Mitglieder und illustrer Gäste als Vertreter vieler humanitärer Vereine Wiens. Die Präsidentin des Vereines Frau Dr. Emilie Weiß eröffnete als Vorsitzende die Versammlung, konstatierte die Beschlußfähigkeit und begrüßte aufs Herzlichste die Mitglieder, sowie die sehr zahlreich erschienenen Gäste. Es hatten sich eingefunden als Vertreter der Frauen- Wohltätigkeits-Vereine für den II. Bezirk Präsidentin Dr. Berta Krüger, Berta Käs, Emma Frankl, für den VIII. Bezirk Berta Wakler, für den XII.—XV. Bezirk Emilie Milhofer, für den XVIII. Bezirk Präsidentin Charlotte Leuchtag, des Kinderhortes im XV. Bezirk Präsidentin Juni Schnabl, des Bethausvorstandes Fünfhaus Herrn Weinberger, der „Zuflucht" Präsidentin Laura Goldschmiedt, Dr. Bertha Hopfinger, des Brigittenauer Tempelvereines Obmann Hermann Eltbogen, Jakob Goldner, Leop. Preßburger, des Kinderbekleidungs-Vereines „Die Brüder" Obmann Heinrich Weiner, des Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender Emil Jelinek, des „Freundschaftsbund" Obmann Julius Wottitz, des Vereines zur Unterstützung jüdischer Kurbedürftiger Obmann Dr. Isidor Braun, Prof. Salzmann u. v. a. Hierauf erteilte die Vorsitzende dem Beirat des Vereines Herrn Kohn das Wort zur Erstattung des Tätigkeitsberichtes für das abgelaufene Vereinsjahr, der mit einigen Worten und Ziffern das Wirken des Vereines im Vereinsjahre 1906 schilderte. Er wies darauf hin, daß für die Armenpflege im XX. Bezirk der ansehnliche Betrag von K 14.106.— aufgewendet wurde, daß zusammen mit dem unter der ersprießlichen Leitung des verdienstvollen Obmannes Heinr. Weiner stehenden Vereine „Die Brüder" 365 arme Schulkinder mit guten Schuhen und Winterkleidern bedacht wurden, daß dank dem Verbände zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen die stattliche Zahl von 211 Wöchnerinnen aus dem XX. Bezirke, d. i. mehr als 35 Prozent aller in ganz Wien von genanntem Verbände beteilten Wöchnerinnen mit einem Auswande von K 7162.— unterstützt wurde. Der Brigittenauer israelitische Frauen-Wohltätigkeitsverein sieht in diesem Verbände, einer Schöpfung des Wiener Kultusvorstandes, dem 14 Frauen-Wohltätigkeitsvereine Wiens unter vollständiger Wahrung ihrer Autonomie angehören, der unter dem segensreichen Präsidium der hochherzigen Frau Baronin Charlotte Königswarter so ruhmvoll wirkt, ein« hervorragendes Beispiel gedeihlichen Zusammenwirkens zu einem großen edlen Zwecke. Redner gab eine kurze Uebersicht über die bisherige Tätigkeit des Vereines, der für die offene Armenpflege im XX. Bezirke den Betrag von K 132.174.— bereits aufgewendet hat. Hieraus verlas die Kaffierin Frau Anna Goldner den Gebahrungsausweis pro 1906, indem sie hervorhob, daß der Verein, welcher eine Thesaurierung seiner Einnahmen, die Zweckspenden ausgenommen, grundsätzlich vermeide, bloß mit einem Saldo von K 32.— ins neue Vereinsjahr träte und mit großer Besorgnis dem enormen Andrang Notleidender entgegensähe, der sich durch die Ansiedlung zahlreicher aus Rußland flüchtiger Familien im XX. Bezirke ungeheuer gesteigert hätte. Frau Goldner gab dem Wunsche Ausdruck, es möge die Devise der Präsidentin: „Gott wird uns weiter helfen" in Erfüllung gehen. Sodann ergriff Frau Kontrollorin Kath. Kohn das Wort zum Kontrollberichte und beleuchtete das Wirken des Vereines in allen Zweigen seiner altruistischen Tätigkeit. Reicher Beifall lohnte die Ausführungen der Rednerin. .Nun hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Grunwald einen Vortrag „Ueber die jüdische Frau". Nachdem die Präsidentin unter dem jubelnden Beifalle aller Anwesenden dem ehrwürdigen Redner für seinen ausgezeichneten Vortrag herzlichst gedankt hatte, schloß sie die festliche Versammlung. Aus Mähren. Der Vorstand des Verbandes der Rabbiner in Mähren und Schlesien versendet an die Vorstände der Kultusgemeinden und an die Rabbiner folgendes Zirkular: Im Jahre 1907 wird ein Jahrbuch des mährischschlesischen Rabbinerverbandes erscheinen. Dasselbe soll umfassen: 1. Eine Uebersicht sämtlicher Gemeinden der beiden Kronländer (Seelenzahl, Steuerträger, Vertreter der Gemeinde und der Vereine, Beamtenkörper, Höhe des Quotienten, Jahreseinnahmen und Ausgaben.) 2. Einen Schematismus der Schulen an den jüdischen Gemeinden. (Namen der Mitglieder des Ortsschulrates und des Lehrkörpers, Zahl der Klassen und der Schüler.) 3. Einen Führer durch die politischen Jsraelitengemeinden in Mahren. 4. Verzeichnis der jüdischen Vereine und Anstalten in beiden Kronländern. 5. Behördliche Entscheidungen und Verordnungen in jüdischen Angelegenheiten,