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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift' Seite 855 drängern befreie. Und nun fließen wieder Ströme von Blut — aber nicht von den Türken vergossen, sondern von den Christen, die ihre eigenen Glaubensgenossen totschlagen. Rumänien widerhallt jetzt von Klagen über das in Makedonien von den Griechen vergossene christliche Blut. Die Griechen wollen die Gewalttaten, die sie an den Kutzowalachen verüben, als Repressalien darstellen, die wegen der von den Bulgaren an den Griechen begangenen Abschlachtungen ausgeführt worden sind. Die Bulgaren haben sich an Griechen und Serben vergriffen, so daß man sagen kann, alle christlichen Völker der Balkanhalbinsel sind im Kampfe gegeneinander und haben einander kaum weniger Schaden zngefügt, als es vorher die Muselmanen getan haben. Das also ist das Bild, das die befreiten christlichen Völker auf der Balkanhalbinsel darbieten, so sieht die christliche Nächstenliebe aus, beleuchtet von „Verax". Und die europäischen, christlichen Mächte, die ausgezogen waren, ihre Glaubensgenossen zu befreien, könnten jetzt abermals ausziehen, um eben diese christlichen Völker zu Paaren zu treiben, damit sie aufhören, sich gegenseitig die Gurgeln abzuschneiden. Was diese Gewalttätigkeiten, die von einem christlichen Volke an dem anderen begangen werden, noch häßlicher erscheinen läßt, als sie von menschlichem Standpunkte aus betrachtet sind, das ist der Umstand, daß sie unter direkter Mitwirkung der Kirche vollzogen werden, der orthodoxen Kirche, Alle diese Völkerschaften, die miteinander in blutigster Fehde leben, bekennen sich zu einem und demselben Glauben, die Priester dieses Glaubens ergreifen aber die Partei für eines der Völker und wirken mit bei der Unterdrückung, ja Ausrottung des anderen! Die politisch-nationale Parteistellung hat nämlich auch die orthodoxe Kirche ergriffen und der Klerus derselben ist so sehr vom griechischen Nationalbewußtsein erfaßt, daß er der kirchlichen Sendung uneingedenk ist und die Sache der Griechen zu seiner eigenen macht. Die Griechen streben nach dem Besitz Makedoniens. Obwohl dieses Land nicht herrenloses Gut ist, sondern unter türkischer Hoheit steht, deren Wert dem einer griechischen Verwaltung gewiß nicht nachsteht, betrachten sich dennoch die Griechen als die Erben des Padlschah und bemühen sich noch bei Lebzeiten, jeden anderen Erbsbcrcchtiglen durch Mord und Brand auszuschließen. Dasselbe tun die Bulgaren. Die Serben täten es auch, wenn sie nicht so degeneriert wären, daß ihnen die physischen Kräfte zu einer solchen Tat mangeln Ivürden. Die Kutzowalachen, der vierte christliche Volksstamm auf der Balkanhalbinsel, ist an Zahl der schwächste. Aber er lehnt sich an den stärkeren Bruder anr linken Donauufer an und deßhalb erweckt er die Eifersucht der anderen Völker. Die Griechen sehen sich durch ihn in ihren Erbsansprüchen bedroht und aus diesem Grunde werden die Mordbrennerbanden gegen ihn losgelassen und die orthodoxe Kirche schützt ihre Kinder nicht, wenn sie nicht Griechen sind! Es ist ein Krieg aller gegen alle, der jetzt auf der Balkanhalbinscl geführt wird. S. T. Moses Heß. Geboren 181^ in Bonn, gestorben 1875 in Poris. In unserer Zeit, iu der der Poale-Ziouismus eine lebendige Synthesis von jüdischem Nationalismus und universellem Sozialismus schafft, wendet sich unser Blick Moses Heß zu, der vor fast einem halben Jahrhundert Zionismus und Sozialismus in seinem Herzen und in den literarischen Erzeugnissen seiner Seele vereinigt hat. Heß hatte keine Kinder, seine Nachkommen sind die Jungjuden, die die „Not des Kopfes und des Herzens" zu Sozial-Zionisten macht. Die Persönlichkeit dieses Kommunistenrabbi ist hochinteressant und vermag auch nicht zionistisch-sozialistische Kreise zu fesseln. Trotz der verschiedenen Phasen seines Entwicklungsganges, der mannigfachen Einflüsse, denen seine Psyche unterworfen war, ist sein Wesen leicht faßbar. Denn sein Sein wurzelt im Mutterbodeu seines Stammes, in seinem Werden gibt es eine erkennbare Kontinuität und seine Unsterblichkeit strömt aus einem Werke. Seine verschiedenartigen Schriften leben für den Literarhistoriker, sein „Rom und Jerusalem" (1860 erschienen) lebt in einem zu kn n f t s starken Volke. Was er vor dieser Publikation schrieb, war gewissermaßen ein Prolog und was er nach diesem Meisterwerke veröffentlichte, war ein Epilog seiner Lebensoffenbarung. (Seine jüdischen Schriften gab Theodor Zloeisti heraus.) Zlocisti hat mit großem Geschick gezeigt, wie Heß' Lehre und Leben geworden, welche Wege aus seinen früheren Werken nach „Rom und Jerusalem" führten. Wahrhaft groß ist M. Heß nur als Bahnbrecher eines sozialen Nationaljudentums, als geschichtsphilosophischer Zionist. .Sonst war er weniger schöpferisch und mehr als Apostel seiner Meister und Freunde wirksam. Spinoza, Leibniz und Hegel bildeten das Dreigestirn seiner Jugend. Schleiermacher war sein Irrlicht, verführte ihn zu einer Überschätzung des Christentums, die sich freilich mit der Zeit verflüchtigte. „Die heilige Geschichte der Menschheit" (1837 erschienen) beschäftigte den Jüngling Heß, in dessen Unbewußtem die Vorliebe fürs Heilige und die Treue zur Menschheit als jüdische Eigentümlichkeiten schlummerten. Strauß und Feuerbach zogen alsdann ein iu die Seele unseres Moses, in dem Altjndentum und Junghegellehre eine Philosophie der Politik hervorbrachten. Wie unsere Propheten Religion und Moral iu der Politik suchten, so fand auch er Philosophie in der Politik. Die freie Tat war sein Ideal. „Die europäische Triarchie" (1841 erschienen) war ein großartiges Zeugnis politischen Philosvphierens. In dieser gedankenreichen Schrift wird auch das Judentum als Grundprinzip der gesellschaftlichen Bewegung bezeichnet. Bald sollte Heß in die geschichtliche Bewegung seiner Zeit eiugreifen. Bauer, Rüge, Marx waren seine Mitarbeiter iu der rheinischen Bewegung. Diese Kämpfer und Proudhons Lehre erzeugten in ihm die Philcsophie der Tat, die so ganz Ausdruck seines Wesens irar, die aber den Widerspruch seiner Freunde fand. Philosophie und Tätigkeit blieben seine Schutzengel. Die Philosophie bewahrte ihn vor dem Sklavenjoche kritikloser Annahme der Geschichtstheorie seines Führers Karl Marx. Tätigkeit in Wort und Schrift war seine Losung. Der Tätigkeitstrieb schützte ihn vor dem Versinken in liberalisierende Ideologie. Ferdinand Lassalle wurde so sein Meister. Die Neigung zur Philosophie der Politik, das Verständnis für die Philosophie der Geschichte, die Begeisterung für die freie Tat, die Würdigung der sozialen Revolution, die Vermengung des deutschen Idealismus mit den Heilslehren französischer Praxis, die Philosophie der Tat, ein prophetischer Blick rückwärts und vorwärts und eine echt jüdische Kindlichkeit, die immer wieder in seinem Gemütsleben ihre Auferstehung feierte, verdichteten sich zu seiner geistig-nationalen, praktischzionistischen, jüdisch-sozialistischen Weltanschauung. Seine jüdische Kindheit wollte er zur Höhe der jüdischen Jugendgeschichte heranreifen lassen. Das Judentum, das für Viele eine tote Philosophie ist, wollte er durch die lebendige Tat erlösen.. Ideale Praxis, praktischen Idealismus sah er im Judentume. Soziale Gerechtigkeit zu fördern und zu fordern, erkannte er als die Mission Israels. Israel erfaßte er als lebensstarkes Volk, das iu Palästina zu neuem Geschichtsdasein entstehen und in der national-gegliederten Menschheit fortbestehen soll. Den Gegensatz von Nation und Menschheit vermochte er auszugleichen, weil er den Unterschied zwischer Inter Nationalismus und Anti Nationalismus begriffen. Der Nationalgedanke hatte bei ihm einen kulturellen und darum ethischen Charakter. Die Idee der Auserwähltheit Israels wurde zu einer idealen Kraft. Die jüdische Geschichte erhielt eine besondere philosophische Weihe. Heß begeisterte sich für den begeisterten Historiker Grätz. Unser Held begnügte sich nicht mit einem historischen Judentum von Gestern, sondern wollte durch Kolonisationsarbeit in

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