Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 854 Dr. Llocb s MocbenscDrlN. Nr. 50 Gerichtsdolmetsch fungiert, der nun die ihm gestellte Aufgabe glänzend gelöst hat. Sein Gutachten ist wichtig genug, in seiner Gänze auch zur Kenntnis eines größeren Leserkreises gebracht zu werden. Dasselbe lautet wörtlich, wie folgt: Nicht nur Bücher haben ihr Schicksal, sondern auch einzelne Wörter, die ihren Sinn und ihre Bedeutung gänzlich ändern; so hat z. B. das neuhochdeutsche Wort „schlecht" eine ganz andere Bedeutung, als dasselbe Wort im Mittelhochdeutschen hatte. Während dieses Wort als Epitheton für „einfach, ehrlich, gerade" gegolten hat. wie wir cs jetzt noch in dem Worte «schlicht" und in „schlecht" und „recht" haben, gilt es in der neuhochdeutschen Sprache als das gerade Gegenteil und bezeichnet das Böse, die Unehrlichkeit und die Jmmoralität. Genau so verhält es sich eigentlich mit dem Worte „Parach", welches mannigfache Wandlungen durchgemacht hat. Die Etymologie dieses Wortes führt auf den Pentateuch zurück, wo cs namentlich im III. Buche Mosis, bei Erwähnung der mannigfachen Erscheinungen der Hautkrankheiten vorkommt. So: Leviticus, Kap. 13 Vers 12: „Weim poranach tefrach“ etc. „Wenn aber der Aussatz in der Haut ausbluht". Tie lateinische llebersetzung lautet: „81 vero efflorescemlos efflorebit ltp’a in cute et contexerit lepra universam cutem plagae, a capite ejus usque ad pedem ejus“ etc. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes ist demgemäß „ausblühen", „ausschlagcn", weshalb wir noch die Hautkrankheit einen „Ausschlag" nennen. Ebenso wird es beim Blühen der Pflanzen angewcndet. So: I. B. M. Kap. 40 Vers 10, wo vom Traume des Mundschenken des'Königs von Egypten erzählt wird. Ter Mundschenk sah im Traume einen Weinstock, daran waren drei Neben, die grünten und blühten u. s. w. Noch klarer tritt diese Bedeutung des genannten Wortes in Numeri Kap. 17 Vers 20. Moses fordert nach der Empörung Korahs, die Stammessürstcn ans, ihre Stäbe, mit ihren Namen versehen, in das Heiligtum zu bringen, und nur der Name, dessen Stab Blüten treiben wird, ist von Gott erwählt. Hier wird der Ausdruck „jifrocb“ im Futurum gebraucht. Die lateinische llebersetzung lautet: Viri quem elegero illius (inquam) baeulus florebit ibidem. Vers 23: „Es war am nächsten Morgen, da trat Moses in das Zelt des Zeugnisses, und siehe da, es war der Stab Arons, für das Haus Lewi aufgeblüht und brachte Blumen." Die lateinische llebersetzung lautet: Eece effloreverat baeulus Aharonis, pröstribru Levi prodexerat enim florem. Hier findet sich das hebräische Wort „poi-ach-*, cs war aufgeblllht, ein veibein im Perfektum und gleich daneben das aus demselben gebildete Substautivurn ,.peraeha-tios-i8Iiinie. In ähnli hem Sinne wird das in Rede stehende Wort im Oantieurn Cauticorum Kap. 6, Vers II gebraucht. Die Stelle lautet: „Ich bin hiuabgestiegen in den Garten, um uachznschauen, .ob der Wrinstock schon blüht." Die lateinische llebersetzung lautet: „Xd portum desceadi. ad videudum, luiu effluruisset vitis“. Auch hier findet sich das mehrfach erwähnte hebräische veiburn. Die Zitate aus den verschiedenen Büchern der heiligen Schrift, zu welchen ich auch, um die Bedeutung des in Rede stehenden Wortes desto sicherer fcstzustcllen, die lateinische llebersetzung hinzngesügt habe, beweisen wohl zur Genüge, daß die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „ausblühen, ausblühen. ausich'agen" gewesen ist. Der Volksiuund hat sich namentlich an die letzte Bedeutung gehalten und nannten die Leute daher einen Ausschlag, der sich namentlich am Kopse zeigt „Paroch". Weil dem so ist, so lautet das Wort auch im Volksmunde „Parochkops" od.r mit dem Diminutiwnn „Parochkappele". Diese Krankheit zeigt sich zumeist bei jungen Kindern, daher gebraucht der Volksmund auch den Ausdruck „Parochjüngel". Der Volksmuud kennt auch ein Adjectivum „parehedig“. Oft findet auch eine Zusammensetzung mit der N'chsilbe ,.nib:! statt. Zusammen lautet daun das Wort . Parochuik". Der Volksmund will entschieden mit dem Worte tiefe V e r a ch t n n a ^ansdrücken. Man hört es ja oft: „So ein Paroch untersteht sich, ein Wort zu reden!" Oder: „Wie kommt denn der Paroch dazu?" Mit so einem Paroch werde ich noch fertig werden!" Auch in der Mehrzahl wird das Wort gebraucht und lautet: „Parchonim". Das hört mau in der Redensart „so ein Parchonim-Gesindel". Aus den angeführten Beispielen wird wohl notwendig die Konklusion erfolgen müssen, daß die Bezeichnung „Paroch" entschieden eine E h r c n b e l e i d i g u n g bedeutet." Quod erat demonstrandum! Dr. Leo Ehrentheil, Hof- und Ger'chtsa>vokat. Die arischen Gnrgelabschrreider amKatkan Aus Bukarest wird uns geschrieben: Dieser Tage ist uns eine Broschüre aus Paris eingeschickt worden, die von Griechen und Rumänen handelt. Der Verfasser nennt sich „Verax". Der Name ist uns aufgefallen. „Verax" war das Pseudonym eines rumänischen Schriftstellers, man sagt, er sei Minister gewesen, der eine Schmähschrift gegen die Juden in Rumänien veröffentlichte, eine Schrift, die von Unwahrheiten und falschen Beschuldigungen gegen die Juden strotzte. Der Name ist natürlich jedem Rumänen, der ein Jude ist, unvergeßlich, wie etwa Hamans Namen. Kann von „Verax" etwas Gutes kommen? So viel Mißtrauen der Name weckt, man nimmt die Broschüre zur Hand, denn die Beziehungen zwischen Griechen und Rumänen sind gespannte und sie interessieren auch uns Juden. Ganz abgesehen davon, daß uns die Entwicklung der Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel nicht gleichgiltig sein darf, weil so viele unserer Glaubensgenossen in den Balkanstaaten leben, hat dieser Boden für uns noch ein höheres Interesse, denn er ist gedüngt mit dem Blute unserer Brüder und die schwärzesten Taten der christlichen Völker waren die gegen die Juden verübten Verbrechen. Diese sind nicht bloß in alter, historischer Zeit begangen worden, sie ragen bis in die Neuzeit, fast in die Gegenwart herein. Unvergessen ist das perfide Verhalten des rumänischen Volkes, welches den Verpflichtungen, die seiner Unabhängigkeit auferlegt wurden, untreu wurde und die Juden nicht nur nicht befreite, sondern durch alle Schikanen zwang, den Boden zu meiden, auf dem sie früher bodenständig waren als die Rumänen. Unvergessen ist, daß die erste Tat der vom türkischen Joche befreiten Bulgaren das Judengemetzel von Kasanlik war. Unvergessen sind die Judcnmordc in Griechenland und auf den Ionischen Inseln. Die christliche Humanität hat wahre Orgien gefeiert, indem sie sich in Judenmordeu hingab! Weßhalb wir diese schmerzlichen Erinnerungen wachrufen? Weil in der vorerwähnten Broschüre ein rumänischer Schmerzensschrei erhoben wird wegen der an den Volksverwandten der Rumänen, den Kutzowalachen, in Makedonien von den Griechen verübten Morde. Die Rumänen beklagen sich _ über Verfolgungen! Gracclii de seditione quaerentes! Das ist der Humor der Geschichte. Oder ist es das Strafgericht der Geschichte? Die Weltgeschichte ist das Weltgericht! Hat die Stunde der Vergeltung für die Rumänen zu schlagen begonnen? Beginnen Sie einzusehen, wie weh' der Todschlag tut? Lernen Sie es kennen, was es bedeutet, wenn ein Pöbelhaufe sich über die Häuser von Unschuldigen wälzt, sie in Brand steckt, die Insassen erschlägt, das bewegliche Gut raubt? So haben es ja die Rumänen selbst getrieben, als sie sich an ihren jüdischen Landesgenossen vergriffen. Nun tun die Griechen das Gleiche den Kutzowalachen. Aber der Gesichtspunkt der Talivn ist es nicht, von dem wir bei Betrachtung der Broschüre von „Verax" ausgehen. Wir können zwar den Hinweis auf geschichtliche Tatsachen nicht unterdrücken, aber unser Augenmerk richtet sich dennoch vornehmlich auf eine andere Seite des Verhältnisses, das „Verax" so sehr beklagt. Wir haben ebenso viel Mitleid mit den unschuldig versolgten Kutzowalachen, als wir vom Weh ergriffen waren zu jener Zeit, in der unsere Brüder die Opfer der Unduldsamkeit waren. Ob die Intoleranz eine national-politische ist, wie sie von Griechen gegen Kutzowalachen verübt wird, oder eine national-religiöse, wie sie von den Rumänen gegen die einheimischen Juden verübt worden ist, das Wesen ist immer dasselbe, eine unmenschliche Verwilderung. Der politische Zweck rechtfertigt niemals das unmenschliche Mittel. So lange noch die christlichen Balkanvölker unter dem türkischen Joche schmachteten, riefen sie Europa zu Hilfe gegen die türkischen Greuel und die „Bulgarian atrocities", deren Existenz vielfach bezweifelt wurde, haben bekanntlich einen großen Einfluß auf den Gang der Geschichte genommen. Europa mußte diesen Greueln ein Ende machen und Ströme von Blut wurden vergossen, damit man die Christen in der Türkei von ihren Be-