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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 50 Seite 852 ör, jsiocb’a Mwcbenscbrlll. die mit deni Antisemitismus steht und fällt. Damit wankt das Fundament unserer Stellung im Staate. Bis jetzt stand uns der Staat kühl, aber noch in einem erträglichen Verhältnis gegenüber. Er beanspruchte von uns zwar volle Leistungen eines Bürgers und erhielt sie pünktlicher als von jedem anderen. Dafür gab er uns nichts, als was er nicht unbedingt mußte. Von Liebesgaben keine Spur; aber eine gewisse Sicherung unseres freien Erwerbes, einen gewissen Schutz durch das Strafrecht und Zivilrecht. Es ist schrecklich, zu wissen, daß diesen Stand jetzt ein Mann ändern kann, dessen ganze politische Tätigkeit bis jetzt in einem Kampf gegen die Staatsgrnndgesetze bestanden hat, dessen ganze Stütze nicht juristisches Wissen, nicht Persönliche Tüchtigkeit, sondern die christlichsoziale Partei ist. Was ist einem Manne zuzumuten, der schon vor Jahren seinen Beruf verlassen hat, um sich der Luegerpartei mit Haut und Haaren zu verschreiben, damit sie ihn weilertrage? Ihm wäre es gleichgiltig gewesen, wenn er Ackerbauminister geworden wäre; denn er ist nirgends der Fachmann, sondern der Parteimann gewesen, wie seine Leitung der piederösterreichischen Laudesbahueu beweist. Woher hätte Pattai die Eignung zum Landeseisenbahnminister nehmen sollen? Darnach fragte niemand. Nicht seine Kenntnisse, sondern seine Gesinnung wurde für diese Pfründe assentiert. Was herausgekommen ist, sah mau beim Prozeß des Laudeseisenbahnbeamteu Ulrich. Ueberall eine schreckliche Schlamperei, unfähige Beamt;'. Wenn sie nur Protektionskinder eines Christlich-Sozialen waren und bei den Wahlen tüchtig agitiert hatten, dursten sie Diäten schinden, Beamtinnen Blusen schenken, wurden vor Kassaskontrieruugen gewarnt und so fort mit Grazie. Das ist der Befähigungsnachweis zum Justizminister für Herrn Doktor Pattai, der nun vielleicht dieselbe Praxis in dem Ressort eiuführen wird, wo die Ehre, Reinheit, Unparteilichkeit die Grundbedingungen sind. Gerade für diesen Posten ist die Pfistererpartei in Betracht gekommen, diese Brutanstalt der Korruption, Lügenhaftigkeit und Gesinnungslumperei! Das ist ein Zeichen für die Studenten, die sich der Richterlaufbahn zuwenden, das ist ein Schlag für die österreichische Rechtspflege und -für die Juden, um deren Existenz bis jetzt die Gesetze einen Zaun gezogen haben. Die schärfsten Klagen, die flammendste Entrüstung werden die kommenden Ereignisse nicht verhindern. Der Kampf kann nicht mehr vor den Mauern, er muß in der Stadt geführt werden — der Kampf gegen die Gelüste des nächsten, des antisemitischen, Parlaments und die führende antisemitische Regierung. Aber rüsten müssen wir, schnell und tüchtig rüsten. Von allen Seilen läuten die Sturmglocken für uns. Wir brauchen nicht zu verzweifeln, aber seien wir in ernster Stunde ernste Männer, erfüllt von tiefer Liebe zu unserem unglücklichen, herrlichen Volke, zu uns selbst, zu unseren Kindern. Eine schwere Zeit hebt für uns in Oesterreich au. Sammeln wir alle Kraft, die wir haben, schaffen wir eine politische Zentralstelle, welche die geringen Rechte behütet, die Organisation der Gemeinden wachruft und ständig beschäftigt, sich über die Absichten der Regierung informiert, mit den Parteien des Abgeordnetenhauses über Bündnisse in den Provinzen verhandelt. Vor allem! Stellen wir die richtigen Männer auf die richtigen Plätze. Männer voll Kraft, Mut und Judentum. Alle Parteien ralliiereu sich, arbeiten, agitieren. Nur wir Juden schlafen und zanken ~ um unserer Ehre, um unseres Daseins willen ihr Juden, jetzt nicht, jetzt nicht! Pattai im Justizministerium! Unsere letzte Zuflucht, die Burg des Gesetzes, ist angegriffen. Führer her und Arbeit! Es ist die zwölfte Stunde. I. U p r i m n y. Zur Frage des Armenmesens. Die Reform des Armenwesens, das heißt, die Formänderung der Grundlagen einer Organisation zur Linderung der Armut ist seit Jahr und Tag eine Frage, an deren Lösung Praktiker wie Laien mit mehr oder minder Erfolg gearbeitet haben, und als Ehrenzeu misse einzelner hervorragender Politiker in Armensachen stehen die verschiedenen von Philanthropen errichteten Humanitätsanstalten da, den mannigfachen Arten des Elends hochherzig gewidmet. Um der Armut in jeder Art zu steuern und den Armen ihr trauriges Los zu mildern, haben der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Humanitätsvereine, sowie edle Männer und Frauen Institute errichtet, einzelne Vereine üben die Wohltätigkeit in der direkten Verabreichung von Spenden in Geld und Naturalien, andere wieder spenden ihren Schutz verwaisten oder verlassenen Kindern durch dauernde oder zeitweilige Versorgung: Sie wirken, indem sie Kinder während der schulfreien Z.'it beaufsichtigen, nützlich beschäftigen und ausspeisen, Kinder, und Lehrlinge im Sommer in einen Landaufenthalt, Kranke und Rekonvaleszente in einen Kurort schicken, Knaben und Mädchen die Erlernung eines Berufes ermöglichen, Kinder und Greise bekleiden, Frauen zur Zeit des Wochenbettes pflegen, Kranke besuchen, trösten, erquicken und speisen, Arzneien und Bandagen spenden, Beschäftigungslosen Arbeit erwirken, Darlehen verabfolgen, Greise und Sieche pflegen und versorgen, oder blinde, taubstumme, krüppelhafte Arme ausbilden — also in welcher Art von Not auch immer sich der Arme momentan oder dauernd befinden mag, er findet für sein Leiden in einem Institute, wenngleich nicht immer Heilung, so doch oft einen wohlgemeinten Rat, dadurch Linderung, Aufrichtung und Erhebung aus der Niederung, in die er aus eigener Schuld oder ohne sein Verschulden geraten ist. In der großen Stadt, „der Stadt mit dem goldenen Herzen", finden sich hochgesinnte und-edeldenkende"Persönlichkeiten, die im Vereine mit Gleichgesinnten einzelne Zweige des Armenwesens mit der ganzen Fülle und Eigenart ihrer Hochherzigkeit ausüben und die rastlos vorwärtsstrebend, helfend vorwärts schreiten. Unauslöschliche Denkmale ihrer Wirksamkeit sind die großartigen Erfolge, die sie erzielen, und das Dankeswort des durch sie beglückten Armen ist ein Gebet um Segen für die ihm in den meisten Fällen unbekannten Wohltäter. Hat jedoch jede Institution, jeder einzelne Verein seine Ezistenzberechtigung? Karin jeder, der sich einem solchen freiwilligen Amte widmet, dieses so ausführen, um den Zielen und Zwecken seiner Institution zu nützen; und ist es bei manchen nicht oft und oft nur Ehrgeiz und Eitelkeit, die zur Gründung eines Vereines veranlassen, dessen Zwecke von einem anderen, bereits bestehenden im großen Maßstabe gut und segensreich erfüllt werden? Die Ueberwucherung von Vereinen einer Tendenz schwächt diesen ganzen Zweig des Armenwesens und die 'Auswahl der Armen wird dadurch erschwert. Hier wäre durch das Zusammengehen der die gleichen Ziele erstrebenden Vereine in einen Verband die Reform angebahnt, und vielem Unfug, sowie scheinbar unausweichbaren Unregelmäßigkeiten in der Behandlung der Agenden wäre zum größten Teile gesteuert. Wer mit Armensachen sich befaßt hat, wird die verschiedenen Spezies von Bewerbern kennen, von dem wahrhaft verschämt Armen, der durch die Ungunst der Verhältnisse — geschäftlicher oder familiärer Natur — sich in Bedrängnis befindet, bis zu dem vorsätzlich betrügerischen oder gewohnheitsmäßig einschreitenden Gesucheschreiber, der kein Schamgefühl besitzt und die Ehre seiner Angehörigen mitbesudelt. Und wer einmal durch vermeintliche Arme betrogen, wem für viele Mühe, jemanden rationell zu helfen, schnöder Undank zuteil wurde, der wird, falls er nicht gegen jeden weiteren Armen argwöhnisch wird und seine Ausgaben für die Wohltätigkeit ein-- schränkt, vorsichtiger und genauer in der Auswahl der Armen werden, an denen er ein gutes Werk üben will.

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