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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 lör. Llocd s Mocdenscbcirr, Seite 651 wenn der Sieg ihr Schade ist. Wieviel Beredsamkeit stoß nicht von den Lippen - der Geoßgrundbrsitzer und Konservativen, die vor der Wahlreform zittern als einer Gefahr nicht nur für ihren politischen Besitzstand, sondern auch für die großen und kleinen Sonderrechte ihres Standes! Wie oft behaupteten Dr. v. Grabmayr und seine Knappen, daß die Wahlreform hinter dem Rücken der Weisheitsgöttin ins Parlament einziehe, daß sie den Teil einer Kraft bilde, die das Gute will und das Böse schasst. Mit Tod und Teufel wurden Bündnisse geschlossen, um den unwiderstehlichen Einbruch der Freiheit aufhalten zu können. Das waren Leute, die nach so vielen Hunderten zählen, als wir Juden Hunderttausende haben; sie verteidigten ebenso viele ungerechte Vorteile, als wir Juden gerechte Lebensinteressen preiszugeben haben. Trotzdem war unsere Unterstützung einstimmig für Reform, ob wir nun einzeln odergesammelt, durch Rede oder Schrift zu Worte gekommen sind. Ein Idealismus zum Schaden seiner Besitzer, der nicht beklagt, nur festgeftellt werden soll. Wir Inden hatten wie niemand anderer ein Wort von Schiller bedenken können, ehe wir den letzten Rest von kluger Vorsicht aus der Gondel warfen, um unbeschwert zu den Höhen der Menschheit aufsteigen zu können. „Weh denen, die dem ewig Blinden — des Lichtes Hhnmelsfackel leih'n — Sie strahlt ihm nicht — sie kann nur zünden." Wir haben für die politische Großjährigkeitserklärnng aller Staatsbürger gestritten, wir waren tapfer dabei, ihnen die Macht der Freiheit zu schaffen. Was haben wir davon zu erwarten? Feindseligkeit, schwere Bedrängnis, ein antisemitisches Parlament unter antisemitischer Regierung. Als kürzlich ein Redakteur einen als geistreich bekannten, derzeit aktiven Staatsmann um die wahrscheinlichen Folgen der Wahlrefvrm befragte, antwortete dieser sarkastisch: „Schreiben Sie, mein Lieber: Rechts werden zweihundert tiefschwarze Klerikale fitzen, links werden zweihundert knallrote Sozialisten sitzen, der Rest wird im Buffet sitzen." Dieser Witz dürfte an der Wahrheit nicht allzu weit vorüberschießen. Beim zukünftigen Streit um die Vorherrschaft in Oesterreich werden die bürgerlichen nationalen Parteien lange nicht mehr die lungenstarken Herolde sein wie bisher. Sind nicht die Jungtschechen bei den Landtagswahlcn in Mähren von den Klerikalen christlich-sozialer und katholischnationaler Färbung und den Sozialdemokraten fast anfgerieben worden, trotzdem sie sich die Wahlkreise ganz ungestört so einteilen konnten, wie sie es für die eigene Sicherheit am praktischesten hielten? Die breiten Massen geben jetzt den Ausschlag und diejenigen Parteien haben jetzt die beste Aussicht, welche die volkstümlichsten Schlagworte am kräftigsten betonen. Das sind in Jndnstriebezirken der wirtschaftliche Zusammenschluß gegen die Ausbeuter, in Landbezirken das Christentum. Es ist dafür gesorgt und die Regierung hat kräftig nachgeholfen, daß die roten sozialdemokratischen Bäume nicht in den schwarz-gelben Himmel wachsen. Aber es steht fest, daß die Soutane das Amtskleid sehr vieler Parlamentarier der Zukunft sein wird. Wenn ein so freiheitliches Land wie Mähren zwanzig Klerikale aufbriugen konnte, wie wird das erst in den Alpenlündern sein, wo die Bauernschaft nur Männer des Vertrauens ihrer Pfarrer nach Wien delegieren wird? Gewiß wird es auch noch immer bürgerliche Parteien genug geben, deren'Anhänger nicht werden die Wut über ihre Ohnmacht im Buffet hinunterspülen müssen. Der Polenklub dürfte nach- Bestand und politischem Inhalt ziemlich unversehrt bleiben, im großen deutschen Lager und im tschechischen jedoch werden nur die Radikalen sich durchzusetzeu vermögen. Sogar die Partei des Zucker-Wolf wagt es, in Böhmen gegen zwanzig Mandate von den vereinigten Deutschen.zu beanspruchen, und man wird ihr aus Furcht vor ihrer Skrupellosigkeit und Agitationskraft wohl große Konzessionen machen. Der Rest gehört zum kleinsten Teil der antisemitischen Fortschrittspartei, zum kleineren Teil den radikal-antisemitischen Alldencfchm, zum Teil der antisemitischen Volkspartei. Was hier geschieht, vollzieht sich mit geringen Aenderungen bei den Tschechen. Hier ist die tschechisch-radikal-antisemitische Partei der Baxa und Klofac, die antisemitische Partei der Agrarier unter dem Hetzer Hollansky und Zazvorka Vorhand und die übrigen Mitspieler sind die jungtschechischen Leser der „Narodni Listych der begeisterten Verteidigerin der russischen Hooligans. Wen haben also die Inden als gesetzgebende Körperschaft über sich zu erwarten? Ein paar schwachmütige Vertreter des Freisinns, Bürger und Sozialdemokraten, die es aber kaum versuchen werden, die politische Dummheit zu begehen und der Bevölkerung den verhaßten jüdischen Prügelknaben wegzuuchmeu. Im allgemeinen kommen aber gierige Antisemiten aus allen erlog neu Gründen der Rasse und des Glaubens, darunter die Klerikalen in Masse. Das kann bedeuten, daß die russisch gefärbten Anträge von Sturm, Schönerer und ähnlichen Geistesherocn, die bis jetzt als närrische Einleitung jedem Pailamenr vorliefen, einen schweren Ernst erlangen können und jedenfalls im Abgevrdneteuhause nicht viel Widerstand gegen Gesetze und Vorschriften zu finden sein wird, die auf Kosten der Jnden gehen. Mag nun einer auch die Abneigung des deutschen Kaisers gegen Schwarzseher haben, entweder ans angebvrner Heiterkeit des Gemüts oder weil die Musik aneinanderklingender Goldstücke seine Bangigkeit vertreibt, so wird er mit allen Wenn und Aber eine Tatsach' nicht vertreiben können, das Kommen einer antisemitischen Regierung. Der gegenwärtige Ministerpräsident ist, ohne daran zu denken, ein Schwarzseher in Bezug auf die Inden. Er glaubt mit uns, daß die Zukunft der Christlich-Sozialen und Klerikalen eine glänzende sein wird, und entspricht diesem Glauben schon jetzt, indem er ihnen die gebührende Vertretung ihrer Macht im Ministerium zumeist. Es ist das Ende jenes Hosfnnugstraumes bequemer jüdischer Politiker, welche den Ereignissen nachhinken, das Ende ihrer Erwartung, der christliche Sozialismus sei eine Wiener Lokalsenche, die in Wien bald erlöschen werde, daß nun Pattai Justizminister werden und Dr. Ebenhoch den Klerikalen zu Gefallen ins Ackerbauministerium berufen werden soll. So wird es von gut informierter Seite als nahe ben vorstehend gemeldet und kann fast als sicher angenommewerden. Es wäre auch geradezu unnatürlich, wenn di^ voraussichtlich stärksten parlamentarischen Parteien ohne Vertretung in der Regierung bleiben sollten. Es ist auch bis jetzt nur darum nicht geschehen, weil die Klerikalen, diese schlauen Füchse, wahrscheinlich glaubten, das Ministerium Beck werde über die Wahlreform oder die ungarische Krise stürzen. Nun sie aber ein lebensfähiges, kräftiges Kabinett vor sich sehen, müssen die Platzhalter ans dem Beamtenstande, Dr. Klein und Graf Auersperg, verschwinden und die Klerikalen setzen sich behaglich auf die reservierten Ministerfauteuils. Das ist eine weitere große Gefahr, ein schwerer Schlag für uns Inden. Denn nun hat der Antisemitismus Sitz und Stimme auch im Ministerrate und man kann nie wissen, welche Energie er bei den vier sicheren, parteimäßigen Vertretern der Judenfeindschast, die jetzt darin sitzen werden, noch entfalten wird. Außerdem kommt jeder der neuen Minister noch als Leiter seines eigentlichen Ressorts in Betracht. Mit Dr. Ebenhoch, dem avauzierenden Landeshauptmann von Oberösterreich, braucht man sich in dieser Beziehung nicht allzu eingehend zu beschäftigen. Als Ackerbaumiuister kann er den zahlreichen tüchtigen jüdischen Landbesitzern und Pächtern nichts anhaben, höchstens den wenigen jüdischen Viehhändlern Beschwerden und Kümmernisse bereiten. Geradezu eine Katastrophe ist jedoch das Jnstizportefeuille in Händen des Pattai, eines Führers jener Partei £FmaßC!mH«i

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