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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 850 2)1. Biocb’s Mlocdenscvrltt. Nr. 50 Wer keine Gegenwart hat, oder nicht davon ausgefüllt wird, der lebt in der Zukunft. Nur wer an der Gegenwart seine Freude hat und davon befriedigt ist, wird sagen: Das Heil ist erschienen. Wer keine Gegenwart hat oder nicht von ihr befriedigt ist, wird sich mit der Hoffnung trösten: Das Heil wird erscheinen. In dem jüdischen Volke muß deshalb sehr früh die Würdigung der Gegenwart, der Wirklichkeit hinter den idealistischen Drang nach dem Unbekannten, hinter eine übermächtige Zukunstssehnsucht zurückgetreten sein. Der Prophetismus selber ist in seiner Totalität eigentlich bei aller Aktualität Zukimstshoffanug, Messianismus. Die Vergangenheit ist nur der Wegweiser für die Zukunft, die Gegenwart nur ein Atemholen für das Weiterstreben. „Das Frühere — siche es ist eingetroffen und Neues verkünde ich; ehe es hervorkeimt, mache ich es euch kund." „Gedenket an Vergangenes aus der Vorzeit, denn ich bin Gott und keiner sonst, Gott und nichts ist mir gleich, der vom Anfang das Ende verkündet, und in der Urzeit, was noch nicht geschehen." Diese Auffassung der Vergangenheit als einer Vorahnung und Vordeutung einer besseren Zukunft, in der die dort gepflanzten Keime zur Reife gelangen, ist ein Leitmotiv des Prophetismus. Das „Ende der Tage" ist ein im Volke Israel entstandener Begriff, dessen Inhalt zu allen Zeiten im Vordergründe des Interesses steht. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn der Messianismus nicht ein Gruudzug der Religion gewesen wäre, die also bei dem Gegebenen sich nicht beruhigt, sondern deren Lebensclement die Z'lkuttftsahttung und Zukunftshvffnnng ist. Die Bibel läßt schon den Stammvater Jakob auf seinem Sterbebette den Versuch machen, den um ihn versammelten Söhnen das „Ende der Tage" zu enthüllen. Der Z'lkunftsdrang, wovon zu jeder Zeit das Herz voll ist, wird schon an den Anfang verlegt, als ursprüngliche Anlage des Volkes, dessen Urbild Jakob ist, aber es ist ein feiner Zug der Hagada, wenn sie seine Absicht durch Gott vereiteln läßt. Das „Ende der Tage" ward allmählich rin Knnstansdrnck, für den das Schriftgelehrtentum die „Tage des Messias" gebrauchte. A b e r d e r M e s s i a n i s nr u s i st älter als der Messias. Jener hat sich in diesem als in dem „Sohn Davids" erst ziemlich spät verdichtet oder in ihm vergegenständlicht. Die Bibel weiß noch von keiner Persönlichkeit, selbst in den ältesten pharisäischen Kreisen wird dem Messias als Person noch keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und sogar von einer späteren Zeit ist richtig bemerkt worden: „Bei den Tannaiten. ebenso wie bei den Propheten, deren geistige Erben sie waren, spielt die Hauptrolle nicht der Messias, sondern das m e s s i a n i s ch e Zeitalter. Im Grunde genommen führt Gott selbst dieses Zeitalter herbei, so daß sogar der Messias selbst ihm nur als Werkzeug dient, wenn es betont wird, daß er das herrlichste der Werkzeuge Gottes ist, das je in einem irdischen Menschen verkörpert war." In dem Glauben an einen persönlichen Messias, wie er sich im Judentum herausbildete, hat also die Fundamentalüberzeuguug des letzteren von dem alleinigen und ausschließlichen Walten Gottes in der Welt keincsw gs Einbuße erfahren. Der Messias ist kein göttliches Ahsen und hat keine göttliche Macht, er ist kein Sündeuvergeber, er ist kein Erlöser, er ist kein Mittler, er ist nur der sichtbare Ausdruck der von Gott und nur von ihm allein h rbeizuführendeu Zukunft. Für ein transzendentes Messiasoild bietet das Judentum trotz aller Versuche, es in der jüdisch m Apokalyptik, sowie in den hagadischeu Aussprüchen zu suchen, keine Handhabe. Eher mag man in den einschlägigen hellenistischen Schriften den einen oder anderen supranaturalistischen Zug finden, der dann in der Messiaserscheinnng des Christentums durch dessen Zusammenhang mit dem Hellenismus weiter herausgearbeitet ist. Wie stellt sich nun das uiessianische Zukunftsbild im Judentum dar? In voller und reichster Ausführung erscheint die bei Micha und Jesaja gleichlautend vorkommende Zukuuftsschilderuug, die beide Propheten wohl einem älteren entlehnt haben: „Und es wird geschehen am Ende der Tage: gegründet wird stehen der Berg des Hauses des Ewigen au der Spitze der Berge und über die Hügel erhaben, und zu ihm strömen Völker. Und es gehen viele Nationen und sprechen: „Auf! hinan laßt uns ziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre von seinen Wegen und wir wandeln in seinen Pfaden: denn von Zion geht die Lehre ans und des Ewigen Wort von Jernschalajim. Dann wird er richten zwischen vielen Völkern, schiedsrichten mächtigen Nationen bis in die Ferne, daß sie schmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Sperre zu Wiuzermeffern, nicht hebt Volk gegen Volk das Schwert und nicht lernen sie fürder den Krieg. Dann wohnt ein jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum?, und niemand schreckt: denn der Mund des Ewigen der Heerscharen hal's geredet." Hier ist ohne Berufung ans den Messias das durch Gott allein herbeizuführende messianische Zeitalter so weltumfassend, so erhaben und so ohne alle verpflichtende Vorbedingung dogmatischer Ueberzeugnng hingestellt, wie es nie und nirgends sonst geschehen ist und man es sich nicht vollkommener denken kann. Ist dies nicht die Idee der Weltbeglücknng in vollendetster Ausführung? Die gleichlautende Schilderung liegt in zwei Propheten vor. Darf man danach nicht vermuten, daß sie damit einer auf dem Grunde der Volksseele ruhenden Vorstellung Ausdruck gegeben haben? Und da behauptet Siegfried vom Judentum: „An idealistischen Träumen der Weltbeglücknng hat dasselbe niemals gelitten und ist durch dergleichen in seiner Ruhe nicht gestört worden!" Wie die Weissagung Michas vom Ende der Tage ebenso bei Jesaja sich findet, so tritt uns .der jesajanische Vergleich der alle Völker überflutenden Gvtteserkenntnis mit den den Meeresgrund bedeckenden Gewässern auch bei Habaknk entgegen. „Denn voll sein wird die Erde, zu erkennen die Herrlichkeit des Ewigen, wie Wasser bedecken die Meerestiefe." Diese wörtlichen Uebereinstimmungen können doch nur als Beweis dafür angesehen werden, wie verbreitet die Messiasidee war und wie sie an dem Spalier eines feststehenden Bildes und Ans druckes von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpslanzte. (Schluß folgt.) KInrmgLockerr. Hätte das österreichische Parlament nicht so lauge durch unwürdige Komödien die Freunde des Parlamentarismus diesseits der Leitha allzu mürrisch gemacht, so batte man gewiß am Geburtstag der Wahlreform geflaggt, beleuchtet und gesungen. Denn an diesem Tage war die politische Vormundschaft des Geldes in der Monarch e zu Ende, das heilige Selbstbestimmungsrecht des Mannes ans das Leben, sei es nun das persönliche oder öffentliche, wurde durch die Tat anerkannt. Daran dürfte, bei allem Grimm in der Miene, das Herren-hans nichts mehr ändern, in welchem wir kaum die Herren von Oesterreich zu suchen haben. Ihre Lordschafteu. sind nicht darnach, daß sie eine magna cliarta, ein Privileg für ihre Privilegien, dem Kaiser abtrotzen, der die Reform mit kräftigem Eingriff beschleunigte. In dem Hanse, welches das Reich der österreichischen Völker im Kleinen ist, wurden schon mit dem Beschlüsse des Reichsrates alle Tore aufgerissen zum festlichen Empfang des hohen Geistes der Freiheit. Das vollendete Werk der Reform hatte auch die Juden zn eifrigen urd besorgten Mitarbeitern, die Juden, deren Sinnen und Trachten von dem Spruche beherrscht wird, der die Krönung ist ans dem ragenden Gedankenturm ihrer Bibel: „Brüder seid ihr!" Die Juden halfen und wirkten und zeigten damit, , daß sie nicht das auf den Vorteil lauernde Krämervolk antisemitischer Lügenmärchen sind, sondern eine auserlesene Vortruppe im Kampfe um das Ideal, selbst

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