Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021707--15970-3040765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 50 Dr■ Bloch’s Jahrgang 11)11 Zentraloroan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 14. Dezember 1906. — Erscheint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Mlen, IX/j, Verggasse 39. Telegramm-Adresie: Dlocb's MockenscbrM. Mien. »-K K. ft. Postsparftassen-Dmi Lkearing-Verkebr Br. 810.976. Lrdaftlion und Rdmlnistralion: W i r rr IX/1, Verggasse Br. 39. Telefon Nr. 14.847 K-U a—.-- Sexusspreks für Vestrrreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äür's Ausland: Halbjährig 10 Ikronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzetle 24 Heller. *-* Inhalt: Leitartikel: Jüdische Apologetik. — Sturmglocken. — Zur Frage des Armenwesens. — „Parech". — Die arischen Gurgelabschneider am Balkan. — Moses Heß. — Korrespondenzen: Wahlen in den Wiener israelitischen Ku tusvorstand. Leichenbegängnis des verewigten Preßburger Oberrabbiners Schreib.'r s. A. Dr. Josef Freiherr von Seiller. Preßburg. Aus Mähren. Prag. Berlin. Landverkauf in Argentinien. Einwanderung in Argentinien. Weizen- und Lein-Ernte in Argentinien im Jahre 1905/1906. Bukarest. — Vermischtes: Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte. Wien. Verein zur Hebung der Gewerbe. Ein Verein „Bezalel" in Wien. Jüdische Tcyibeehalle. Leopoldstädter Bethausverein „Montefiore" in Wien. Kaiserin Elisabeth» Lehrmädchen- und Arbeiterinnen-Heim. Wien-Floridsdorf. St. Pölten. Bielitz. Uebertritt. Baron Edmond Rothschild. «Danksagung und Bitte". — Feuilleton: Chajiml beim Melamed. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. „Indische Apologetik. Von Dr Moritz Güdemann, Oberrabbiner in Wien." vir. Die Zuknnftsidee des Judentums. Prof. C. Siegfried beschließt eine Abhandlung, betitelt „Die Episode des jüdischen Hellenismus in der nachexilischen Entwicklung des Judentums" mit folgender Betrachtung: „Die große Klarheit im Begreifen des eigenen Wesens und der unerschütterliche Wille, dieses und nur dieses unter allen Umständen zu behaupten und sich vor allen Dingen durch nichts imponieren zu lassen; in diesen Eigenschaften, die bekanntlich den Deutschen in hervorragendem Maße fehlen, liegt die Erklärung der großen weltgeschichtlichen Erfolge des Judentums und der Vergeblichkeit jedes antisemitischen Ansturms gegen dasselbe. Au idealistischen Träumen der Weltbeglückuug hat dasselbe niemalsgelitten und ist durch dergleichen in seinerRuhenichtgestörtworden." Anders freilich lautet das Urteil eines anderen protestantischen Theologen. W o b b e r m i n (I. Allg. Beiträge zur Weiterentwicklung der christlichen Religion. S. 348) sagt: „Diese Religion Israels, dessen einzigartige religiöse Veranlagung ganz unverkennbar und unbestreitbar ist, wird durch nichts in dem Maße charakterisiert, wie durch die „meffianische" Hoffnung, ^ie Hoffnung auf das „messianische" Reich. Der Verfasser skizziert die Entwicklungsgeschichte der großen Zuknnftsidee des „Gottesreiches". In den jüdischen Erziehungsschriften des Mittelalters wird der Rat erteilt, den Fleiß des Kindes zunächst durch materielle Versprechungen und Belohnungen anzuspornen. Der Lehrer läßt dem Kinde von hinterrücks eine Süßigkeit zukommen und sagt ihm: Der Engel hat dir dies zugeworfen. Mit zunehmendem Alter bedient sich der Lehrer edlerer Anspornungsmittel, bis der Schüler zuletzt begreift, daß das Studium sich durch sich selbst belohnt. So werden die Ziele immer weiter gesteckt. Im Grunde ist, wie wir schon zu Ende des vierten Kapitels bemerkt haben, dieser Weg der. Erziehung derselbe, den die Vorsehung das Volk Israel geführt hat. Trachtete es zuerst „nach der Ruhe und dem Besitz", so gewährten sie doch, nachdem sie erreicht waren, keine Befriedigung. Ja sie sollten keine gewähren. „Und unter diesen Völkern wirst du nicht rasten, und es wird keine Ruhstatt sein für den Ballen deines Fußes". In der Ruhe, im behaglichen Genuß der Gegenwart wären die Keime der Religion verkümmert, man würde nicht an die Zukunft gedacht haben, erst die Rastlosigkeit, die Erkenntnis der Vergänglichkeit der zeitlichen Güter eröffnete dem Volke die Gewißheit, daß es in den göttlichen Wahrheiten den einzigen unverlierbaren Schatz, der ihm auch die Zukunft verbürge, besitze. Die Hagada macht die sinnige Bemerkung: Der Fluch, den der Prophet Achia aus Sikoh gegen Jsrml geschleudert hat, war besser, als der Segen, den ihm der Bösewicht Bileam gespendet. Jener verglich das Volk mit dem schwankenden, vom Sturme hin und hergepeitschten Schilf, das sich aber dadurch um so tiefer einwurzelt, während dieser ihm mit dem Bilde der Zeder schmeichelte, die der Sturmwind infolge ihrer Unnachgiebigkeit zerbricht. Diese Betrachtung wird durch den Verlaus der israelitischen und jüdischen Geschichte gerechtfertigt. Der Fluch ist dem Judentum zum Segen, und der Segen zum Fluch ausgeschlagen. Aus der Unruhe der jedesmaligen Gegenwart haben sich die erhabensten Zuknnftshoffnungen entwickelt. Es kann angesichts dieser ruhelosen Geschichte, die einzig in ihrer Art ist, nichts Abgeschmackteres geben, als zu sagen, wie Siegfried tut, das Judentum sei „von idealistischen Träumen der Weltbeglückuug in seiner Ruhe nicht gestört worden." „Idealistische Träume!" Die sollten dem Judentum fremd sein? Wer denn hat ihnen nachgehangen, wenn nicht die Makkabäer, die jüdischen Streiter gegen Rom, die jüdischen Gemeinden zur Zeit der Kreuzzüge, deren Blut den Rhein rot färbte, die deutschen Juden zur Zeit des schwarzen Todes, die spanischen und sizilischen zur Zeit Ferdinands des Katholischen, die Haus und Hof und Leben für ihre „Träume" opferten und denen sich die rumänischen und russischen Juden von heute anschließen. Das erste der fünf Bücher Moses ist ein Traum- und Träumerbuch. Das Judentum hat sich darin selbst dargestellt. Nur in einem Volk von Träumern konnte der Prophetismus, konnte die Mesiiasidee entstehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.