Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Seite 845 Dr. jbiocd s tRaocöenscDnn. Das Cheder war ein großer, ungedielter Raum mit rusfigen Wänden und empfing von zwei Hoffenstern das Licht. Um ins Cheder zu gelangen, mußte man durch die Küche gehen; doch die meisten Schüler nahmen von diesem Umwege Abstand und zogen es vor, den Weg ins Cheder durch die Fenster zu nehmen, die zur größeren Bequemlichkeit der Talmudbeflissenen der Riegel längst beraubt waren. Die Einrichtung des Cheders war sehr primitiv. An der untersten Querwand standen zwei Betten für die Enkelkinder des Melamed. Rechts und links an den beiden Längswänden stand je ein langer Tisch. Am obersten Ende des rechtsstehenden Tisches stand ein Lehnsessel mit Strvhgeflecht; das war der Sitz des Lehrers. Die Schulbänke zu beiden Seiten der Tische waren nicht aus Brettern gezimmert, sondern auf je zwei Stühle wurde ein langes Brett gelegt, welches von Zeit zu Zeit auf der einen oder anderen Seite abruschte, mit einem lauten Gepolter zur Erde fiel und einen Teil der Daraufsitzenden mit sich zog. Auf der linken Seite, wo die kleineren Schüler saßen, wurden die Stühle durch Ziegel ersetzt; diese Bänke konnten, je nach der Größe der Schüler, höh-r oder niedriger gemacht werden. Gegen 10 Uhr vormittag erschien Reb Jekew im Cheder; bis zu dieser Stunde verweilte er in seinem Privatzimmer, welches durch die Küche vom Schulzimmer getrennt war. Er war in seinen Schlafrock gehüllt und hatte die Pelzmütze auf dem Kopfe. In der einen Hand trug er Pfeife, Schnupftabakdose und Zündhölzchen, in der anderen den Tabaksbeutel und einen braunen, irdenen Henkeltopf; in letzteren verwahrte er die in der Pfeife zurückgebliebenen und feuchtgewordenen Tabakreste, welche er als Bagv (Kautabak) an Holzhacker und Taglöhner verkaufte, und zwar ein Häufchen, was er so mit drei Fingern erfassen konnte, um 1 Kreuzer. „Guten Morgen Rebbe," erklang es im Chorus, „ersticket", lautete die bereits stereotyp gewordene, lakonische Antwort des Lehrers. Der Rebbe schritt langsam feinem Sitze zu, plazierte die Rauchrequisiten auf den Tisch und ließ sich in den Lehnstuhl nieder. Dann warf er einen Blick auf Chajim und rief: „Wu is (wo ist) der Wiesenborger 29), der Oedenborger 30), der Preschborger 3'), der Neuborger 32), Schagaz ohne Pees." Chajim näherte sich dem Sitze des Lehrers. „Wie haaßt33) Du?" „Chajim," antwortete er, kaum hörbar. „Also Chajim das will ich Dir sagen, warst ") Du lernen, ist gut, wenn nicht, dann soll sich Dein Tatexs) auf einen Orach36) auf Schabes gerechenen:i7) und die Kugel größer machen." Chajim begang zu weinen. „Tipefch,38) warum Wanst (weinst Du), Du fuhrst39) doch noch nicht," beschwichtigte Reb Jekew den laut aufschluchzenden Schüler. Dann gab er ihm sein Pensum auf. Auf die Einwendung Chajims, daß er den Talmud nicht einmal lesen, geschweige verstehen könne, antwortete er: „Ich weiß, aber Nauach wird Dir schon helfen." Die Methode dieses Mannes bestand eben darin, daß die älteren Schüler den jüngeren nachhalfen, jeder Schüler aber gewissermaßen denn doch auch auf sich selbst angewiesen war, und dieser Autounterricht bewährte sich so gut, daß die Schüler Reb Jekews schon nach zwei Lehrjahren die Lehrvorträge des Rabiners ohne fremde Nachhilfe besuchen konnten. (Fortsetzung folgt.) Mitteilung der Redaktion. Versehentlich blieb in der letzten Nummer unseres Blattes beim Feuilleton der Name des Autors aus. Wir stellen nun fest, daß der Verfasser von „Schreckensherrschaft" Herr Nathan S a m u e l y in Lemberg ist. *9) Wiesenburg. 3j) Oedenburg. 31) Preßburg. 3*) Neuburg. 33) Wie heißt Du? ") wirst. 15) Vater. 36) Gast. 37) vorbereiten. 3S) Narr. 39) fährst. Literatur. Jun.-Inda, Zeitschrift für unsere Jugend, VII. Jahrgang, erscheint in Prag, SlefanSgasse 630, alle 14 Tage. Abonnement halbjährig K 2.50. Diese gilt ausgestattete Jugendzeitschrift bietet geeigneten Lesestoff. der belehrend und anregend auf unsere Jugend wirkt und in den besten Familien der Großstadt und der Provinz mit steigendem Interesse gelesen wird. Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben, Geoichte, Reiseschilderungen, Rätsel, Illustrationen :c. tragen reichlich da;u bei. Anläßlich der bevorstehenden C b an u k a-F e stt a g e darf dieses israelitische Jugend-Blatt unseren Familien warm empfohlen werden. Probehefte werden Interessenten auf Wunsch gerne eingeschlckt. „Maohasoth ve-sippurim“, Skizzen und Erzählungen von D. S. Silberbusch. (Krakau, bei Joses Fischer.) Es ist eine erfreuliche Erscheinung und zeigt von nicht geringem Interesse, welches man unserer alten, doch ewig jungen und sich verjüngenden hebräischen Sprache entgegenbringt, wenn Novitäten wie die eben angezeiaten auf den literarischen Markt kommen. Silberbusch ist schon lange kein Neuling mehr unter den begeisterten Fabnenträgern der hebräischen Literatur und hat sich stets durch die eminente Darstellungswerse des von ihm behandelten Stoffes bei allen Kennern und Fachgenossen einen vorzüglich geachteten und anerkannten Namen in der Belletristik gesichert. Von den fünf in obigem Bande enthaltenen Stücken sind die ersten leicht hingeworfene Skizzen, die bei aller Reinheit der Sprache hie und da denn doch eine festere Charakteristik vermissen lassen; hingegen bietet die letzte Erzählung „Midechi el dechi“, obgleich sie auf dem Gregerscden Original aufgebaut ist, ein herrliches Meisterstück, sowohl der Uebersetzungskunst, als auch des besonders fein ausgeprägten Sprachgefühls, das der Verfasser — d-nn der Uebersetzer tritt hier zurück — für beide Idiome neu bekundet hat. Man wird diese spannende Erzählung mit immer steigendem und regerem Jntereffe lesen. — ss — Rene Bücher. Martin Buüer. DieGeschichten des Rabbi N a ch m a n. Preis geheftet Mk. 3.—, gebunden Mk. 4.50. Literarische Anstalt Rütten und Löning, Frankfurt a. M. Dr. med. L., Berlin, Licht und Irrlichte. Drama in 5 Akten Verlag Julius Goldschmidt, B er lin, C. Heiligegeiststraße 52. gmfbaftat* Preuße. Der neue Staats- und Landwirtschaftsminlster Herr von Arnim-Crieoen hat von mütterlicher Seite Hohenzollern- und jüdisches Blut in den Adern. Sein durch große Bildung ausgezeichneter Later August von Arnim-Cneven und Densen, der vor zwei Jahren, vierundachtzigjährig, starb — er war ein sehr unterrichteter Herr und hinterließ eine schöne, seitdem versteigerte Bibliothek - war mit dem Fräulein Klara v. Prillwitz verheiratet, einer Tochter des Prinzen August von Preußen aus dessen Verbindung mit einem Fräulein Marie Arndt, einer Berliner Israelitin einfachen Standes. Prinz August von Preußen und Marte Arndt sind demnach in mütterlicher Lime die Großeltern des neuernannten Minlsters. D. F. in B. Das ist nichts gar so Neues, daß im ungarischen Parlament der Antisemitismus aufgetaucht ist und ein Abgeo'dneter den Ministerpräsidenten anfragte, was er gegen die große jüdische Einwanderung vorzukehren gedenke. Wir erinnern uns, daß vor einigen Jahren in Ungarn eine Grenzpolizei geschaffen wurde, die vorgeblich die allgemeine wilde Einwanderung zu regulieren hatte, de facto aber gegen die jüdische Immigration aus Rußland und Rumänien einzuschreiten hatte. Weder damals noch jetzr hat man von einem energischen Eingreifen der jüdischen Abgeordneten etwas gehört, man war leider wieder jüdisch verschämt bei antisemitischer Unvrrichämthert. Die Herren sollten denn doch bedenken, daß auch in Oesterreich der Anfang vom Ende des Liberalismus kein anderer war und sollten sich rechtzertrg ihrer Haut wehren. Der gegenwärtige Antrag wurde von einem Mitglred oer Volkspartei gestellt, wahrscheinlich zum Dank dafür, daß besonders viele Kandidaten dieser Partei mlt Hilfe der Juden gegen die Kandidaten der Nationalitäten gewählt wurden. R. Z. Die Kolonialdebatte im deutschen Reichstage ist die beste Antwort auf die Debatte über die Ausweisung russischer Juden im preußischen Landtag. Wie warfen sich nicht damals die junkerlichen Konservativen in die schwarz-weiß-rote Männerbrust, um feierlich zu erklären, sie würden jüdischen Geist nie und nimmer über die östlichen Grenzpfähle einziehen lassen. Unter jüdischer Geist hatte man die Definition zu verstehen, die antifemititche Blätter über denselben gegeben haben. Aber alle Lügen Stöckers, Ahlwardts, Böckels, Liedermanns von Sonnenberg find von der Wahrheit übertroffen worden, welche preußische Konservative in Deutsch-Afrika geliefert haben. Grau-