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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-07 · 49 (7.12.1906) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 844 Dr. Llocb's WllocvenscvrlN. Nr. 49 Die Reisenden kehrten im gastlichen Hause ihres Anverwandten Reb Schajeh Geldes ein. Chajim wurde nach dem Essen zu Bett gebracht, begann aber bitterlich zu schluchzen, als er sich im Gastzimmer allein befand, und beruhigte sich erst, als auch sein Vater 'das Bett aussuchte. Der erste Weg am anderen Morgen war zum Melamed Reb Jekew Nyir. Reb Jekew wohnte in einem großen Zinshause am untersten Ende eines langen Hofes. Die freundliche alte Frau, Reb Jekews Gattin, kurzweg die Babe') genannt, antwortete dem nach Reb Jekew fragenden Neuburg, der Rebbe sei im Begriffe, nach Pest zu reisen und habe sich schon vor einer halben Schooh*) in das Wartezimmer des Stellwagenbesitzers Alter begeben, er wäre, wenn der Stellwagen noch nicht abgefahren, dort zu sprechen. Neuberg senior und junior gingen zu dem nahe wohnenden Stellwagenfuhrwerker. Im Wartezimmer befand sich nur ein Fahrgast, nämlich Reb Jekew. Reb Selig Neuburg schritt auf den alten Herrn zu, während Chajim an der Türe stehen blieb und seinen zukünftigen Lehrer aufmerksam betrachtete. Reb Jekew, eine hagere Gestalt mit langem, weißem, struppigem Bart und ebensolchen, langen, von den Schläfen abstehenden Pees 9), saß auf einen Stuhl, in der einen Hand eine lange Pfeife haltend, das bärtige Kinn in die andere Hand gestützt. Sein Haupt war mit einer schwarzen Pelzmütze bedeckt, unter welcher ein schwarzes, schmieriges Käppchen hervorlugte. Er trug einen Winterrock, über welchen er einen grauen Schlafrock mit gesteppten blauen Aufschlägen gezogen, dieser war mit einem Spagat zugebunden; der Hals war mit einem breiten, gestrickten, blauroten Shawl verbunden, um ja vor Erkältungen geschützt zu sein. Die Hellen, grauen Augen, die strenge dreinblickten, und die breite, weiße Stirne verliehen dem Manne etwas Hoheitsvolles. Achtunggebietendes, so daß Chajim trotz der bizarren Kleidung es nicht wagte, hell aufzulachen und nur den Mund zu einem kaum merklichen Lächeln verzog. „Sie sind Reb Jekew," fragte Herr Neuburg. „Wer soll ich denn sein," antwortete jener. „Sie senn ") ober kan bischer "), also Scholaum alechem Vl),‘‘ dabei reichte er Herrn Neuburg die Hand zum Gruße. „Ich bin aus Neuburg." begann Herr Neuburg; unser Rabbiner Reb Binjomin Wolf schickt mich zu Ihnen. mit meinem Sohne, der bei Ihnen lernen soll." „Wü ,3) ist das Jingel?" u). Chajim trat schüchtern näher. Reb Jekew musterte den Knirps vom Kopfe bis zu den Füßen, dabei legte sich seine Stirne in breite Falten, das Resultat der Musterung war: „Pees tragt er kane *5), der Schegez." ,6) Reb Selig Neuburg versuchte es, die fehlenden Stirnlocken mit den ortsüblichen Gebräuchen zu entschuldigen. Reb Jekew antwortete kurz, „bei mir müß n) er Pees tragen," womit sich Reb Seelig einverstanden erklärte, zumal wenn diese eine conditio sine qua non für den Stand des Bochurs bilden. Chajim begann zu weinen. Reb Jekew in der Meinung, Chajim wäre über den Mangel der Stirnlocken zu Tränen gerührt, sprach zu ihm: „Waan lö) niks. Du Narele, in zwa Chadoschim 19) hast Du Peeloch, die Du schon schnörkeln 20) kannst. Das Monatsgeld wurde mit acht Gulden und einen Gulden für den taitschen 21) Lehrer erhandelt. Der Beitrag für den deutschen Lehrer mußte entrichtet werden, damit auch ein Lehrer für die profanen Gegenstände besoldet werden könne, sonst wäre das Cheder als Winkelschule geschlossen worden. ') Großmutter. s) Stunde. 9i Schläfcnlocken. 10) sind. ") hiesiger. 12) Friede mit Euch; Gruß. ") Wo. ") Der Junge. ") Stirnlocken trägt er nicht. 16) Adscdeu; Schimpfname. ,7) muß. 18) Weine nicht. ,fl) Monaten. 2U) Drehen, gelockt. 2I) Deutsch. „Der Schiur, 22) so sagte Reb Jekew, „begine am Jsru Chag; 23j er reise in seiner Eigenschaft als Schadchen24) nach Budapest und käme erst nach den Feiertagen zurück. Damit war die Unterredung geschlossen und Vater und Sohn in Gnaden entlassen. Der Rest des Tages war der Installation ■ Chajims bei seinen Quartiergebern, Josef und Edel Melech, und der Rücksprache mit seinem Mentor in den profanen Gegenständen, Akiba Gleiser, gewidmet. Josef Melech war ein älterer Mann mit blondem, stark ergrautem Bart, der eine kleine Greißlerei, verbunden mit einem Schnapsausschank, betrieb. Herr Melech war ein sehr frommer und braver Mann, ein starker Schnupfer und Pfeisenraucher und dabei ein Lotteriebruder schlimmster Sorte. Einen großen Teil des Tages verbrachte er mit Beten, Tehillim und Maimodes ’2b) Sagen. Der große, beleibte Mann war sehr furchtsam. Allabendlich küßte er sieben Mal die Mesusah und suchte alle Ecken und Winkel nach Dieben ab; nach dem Schemahlesen kroch er auch noch unter die Betten. Edel, seine holde Gattin, eine Kusine von Chajims Großvater, war eine kleine, sehr kurzsichtige Dame, welche die kleinen, glänzenden Aeuglein immer zusammenkniff, um besser sehen zu können; sie hatte ein rotes Spitznäschen und eine noch spitzere Zunge. Der einzige Sohn des Ehepaares lernte auf der Jeschibah 26) zu H. Akiba Gleiser, der Chajim in den profanen Gegenständen unterweisen sollte, war ein höckeriger und etwas schwerhöriger, aber sehr gebildeter Mann. Bei ihm war die Aufnahmsprüfung schon etwas komplizierter als bei Reb Jekew; doch Chajim bestand diese glänzend. Es wurde der Stundenplan beraten und auch die anzuschaffenden Bücher ausgeschrieben; der Unterricht sollte nach den Feiertagen beginnen. Am dritten Chaulhamauedtage reiste Reb Selig Neuburg wieder ab. Chajim weinte, daß es einen Stein erbarmen konnte, aber auch die Augen seines Vaters schimmerten tränenfeucht, doch Chajim sollte ein ben Auroh 27) werden, dazu sollte der berühmte Melamed Reb Jekew den Grundstein legen, er mußte sich also — so schwer es ihm auch auf's Herz drückte — in die Trennung von seinem Bochaur 2Ö) fügen. Chajims Heimweh hielt auch über die letzten Tage des Festes an; der Tränenquell schien unversiegbar zu sein und seine Kostgeber waren ratlos; aber schon am Jsruchag, am ersten Chedertage, schwand in der lustigen Gesellschaft der Mitschüler die Sehnsucht nach dem Elternhause. Es waren an dreißig Schüler, darunter vier Enkelkinder Reb Jekews, ausgelassene Rangen, die auch in der großen Judengasse zu N. nicht mehr ihresgleichen fanden. Diese vier Flaumfeder Namens Mödchele, der kleine und große Schimon, sowie Dovidl, wohnten bei dem Großvater und aßen Tag, das heißt genossen Wanderkost, in den Häusern der begüterten Gemeindemitglieder in N. Der älteste Schüler, Salme Tarkl, das heißt Türk, weil sein Vater vor vielen Jahren einmal einen Fez besaß, war ein hochaufgeschossener, rotwangiger Bursche mit blonden, gelockten Pees, der des Stumpfnäschens halber, dessen er sich erfreute, auch Ohnos-ohne Nase genannt wurde. - Ja, das Sprichwort nomen est omen wurde im Cheder Reb Jekews zum Wahrworte, denn jeder Schimpfname — und eines solchen erfreute sich jeder Schüler — hatte eine Bedeutung, einen realen Hintergrund. Haschele Parosch, ein blasser Junge, verdankte diesen Namen seinem Kopfausschlage, Mendele Rotz seiner schmutzigen Nase, Samoel Rettoch seiner Vorliebe für Rettig, Jankele Krumkopf seinem schiefen Kopfe und Boruch Piepezor seiner piepsenden Stimme. 2i) Vortrag. 23) Der Tag nach dem Feiertage. 21) Heiratsvermittler. 25) Psalter und für jeden Tag vorgeschriebene Gebet und Mischnastücke. 2S) Talmud-Hochschule. 27) Torahgelehrter. Erstgeborener.

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