Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Cttte 84» MM Dr. JBlocb s Mocdenscvrm. in welches die Anwesenden begeistert einstimmten. Der greise Jubilar dankte tiefgerührt mit wenigen, herzlichen Worten und wurde sodann von allen Seiten auf's Wärmste beglückwünscht. Kuttenberg (Böhmen). Konfessionslos hat sich erklärt: Arthur Auerbach, technischer Adjunkt der k. k. priv. Zuckerfabrik M. B. T e l l e r in Kuttenberg. Derselbe wurde in Zablocie (Galizien) geboren und ist nach Bielitz in Oesterreichisch-Schlesien zuständig. Bäg-D«ßtercze. Am 23. November wurde hier Herr Joachim Grün unter großer Teilnahme aller Kreise der Bevölkerung zu Grabe getragen. Der Dahingeschiedene, 92 Jahre alt, wirkte über 50 Jahre lang als Lehrer, die letzten 15 Jahre als Rabbmatsverweser und Matrikelführer. Als Lehrer genoß er im ganzen Komitate einen außergewöhnlichen Ruf; eine Menge seiner Schüler, darunter viele, die aus seiner Schule direkte sich diversen Berufen widmeten, gelangten in hervorragende Stellungen, haben den Grundstein ihres Wissens ihm zu verdanken. Selbst besser situierte Andersgläubige haben ihre Kinder mit Vorliebe in dessen Schule gesandt. Die Leiche wurde im Tempel aufgebahrt, woselbst der Puchor Rabbiner und der Nagy-Bicier pensionierte Lehrer Herr Grünberger, als gewesener Schüler, in tief ergreifenden Reden die Verdienste und Tugenden des Verblichenen würdigten. Das Andenken des hochverdienten Mannes wird bei allen, die ihn kannten, fortleben. Köln fl. Rh. Herr N. So ko low hat auf Grund eines vom E. A.-K. gefaßten Beschlusses die Führung des Generalsekretariates der zionistischen Organisation im Zentralbureau in Köln übernommen und wird nunmehr in dieser Eigenschaft die vom Zentralbureau ausgehenden Schriftstücke unterzeichnen. — Präsident David Wolffs ohn hat eine größere Seereise angetreten. Eine Reizung der Stimmbänder — eine ungefährliche, aber störende Indisposition — geben ihm die Veranlassung hierzu. London. Ein jüdisches Blatt hatte vergangene Woche gemeldet, daß Jakob Schiff in New-Iork der Jto eine Million Dollars zur Verfügung gestellt habe. Diese Meldung ist jedoch unrichtig. Nicht der Jto, sondern dem Fonds für die Verbreitung der jüdischen Einwanderer in Amerika über das Innere des Landes hat Schiff die genannte Summe übermittelt. Hamburg. Wie neulich berichtet, haben die Herren Dr. Petuchowski-Berlin und Dr. Freimann-Holleschau hier Gastpredigten gehalten; seitdem sind zu gleichem Zweck hier gewesen: Dr. Nobel-Leipzig, Dr. Fink-Wien und Dr. Funk-Boskowitz. Wie es heißt, soll noch ein Herr aus Süddeutschland kommen und dann wird die Wahl vorgenommen. Wird diese Angelegenheit erledigt sein, dann beginnen wieder Kantorenproben, da der bewährte und hier sehr beliebte Oberkantor Süßkind mit Ablauf des Kalenderjahres aus der drei Jahrzehnte innegehabten Stelle eines Oberkantors scheidet, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Feuilleton. Chajiml) beim Melamed.) Von Dr. F. Rich. Heinschel. Es war am ersten Tage der Laubhütten-Halbfeiertage des Jahres 5635, als Chajiml Neuburg in Gesellschaft seines Vaters nach N. in Nordungarn reiste, um das Cheder') des berühmten Melamed Reb Jekew Flaumfeder, auch nach feinem Geburtsorte Reb Jekew Nyir genannt, zu besuchen. N. war zu jener Zeit noch abseits vom Weltverkehre, noch unbetreten vom eisernen Rosse, vom Schienenstrang, und die Reise von Neuburg, dem Geburtsorte Chajimls, nach N. war noch sehr beschwerlich. Man mußte bis P. vier Stunden per Achse reisen, von dort bis T. vier Stunden Eisenbahnfahrt; von T. nach N. wurde man in zwei Stunden mittelst Stellwagen, einem alten Rumpelkasten, transportiert. Chajiml, auch Chaimele genannt, war ein kleines schmächtiges Bürschlein von 11 Jahren, dem der Schalk ans den munteren Augen blitzte. ') Diminutiv von Chajim. J) Hebräischer Lehrer. Schulstube. Sein Vater, ein streng religiöser Mann, wollte ihn, seinen Aeltesten, zu einem Bochur*) machen; aus welchem man ja bekanntlich später alles machen konnte. Der Abschied vom Elternhause fiel dem Zukuuftsbochur nicht schwer, saß er ja doch im Fonde der halbgedeckten Kalesche an der Seite seines Vaters. Die Mutter weinte bitterlich, als sie ihren Sohn zum Abschiede in die Arme schloß. Der Kutscher schnalzte mit der Zunge und der Wagen setzte sich bei heftigem Regengüsse um 5 Uhr morgens langsam in Bewegung. Reb Selig Neuburg rauchte seine Zigarre und klein Chajim, der um 3 Uhr schon aus den Federn mußte, wurde durch das Rütteln und Schütteln der altmodischen Kalesche bald in den Schlaf gelullt. Um 7 Uhr früh waren die Reisenden in R. bei Reb Schmul Neuburg, einem Bruder Reb Seligs, angelangt, dort wurde für eine Stunde Rast gemacht. Nachdem die Reisenden das Morgengebet verrichtet und Lulow geschüttelt, wurde ein warmes Frühstück eingenommen und die Reise in Begleitung von Reb Schmule, der in P. Geschäfte hatte, fortgesetzt. Reb Schmul mußte vis-a-vis Platz nehmen und in etwaS gebückter Stellung sitzen, weil vom Halbverdeck des Wagens bis zum Kutschersitze ein Schutzleder gezogen war, um die Insassen vor dem Regen zu schützen. Freilich konnte auch das Schutzleder nicht hindern, daß der vom Sturme gepeitschte Regen zu beiden Seiten in den Wagen drang; Reb Schmul wurde vom kalten Naß am meisten getroffen. „Samuel, Du hast einen neuen Anzug." begann Reb Selig; „Tischadesch/) Du sollst ihn gesund zerreißen." „Danke, danke," antwortete Reb Schmul. „Der Anzug ist schön, aber der Stoff könnte besser sein," fuhr Reb Selig fort, dabei prüfte er den Stoff auf seine Qualität durch Betasten mit zwei Fingern. „Ich bin darin praktischer als Du", antwortete Samuel. „Ich kaufe meine Anzüge bei Rosenzweig in P.; dieser zum Beispiel hat fünfzehn Gulden gekostet und wenn er in einem Jahre abgenützt, dann kaufe ich einen neuen. Du kaufst alle Stoffe bei Wallich in W. und glaubst wie billig Du dabei fährst, wenn sich Dir ein Anzug mit Arbeiterlohn ans dreißig Gulden stellt. Aber länger als zwei Jahre trägst Du ihn doch nicht und wenn Du ihn ein Jahr lang getragen, sieht er nicht mehr hübsch aus. Für dasselbe Geld gehe ich immer modern." Es war 9 Uhr vormittag, als die Reisegesellschaft im Auwirtshause zu P. anlangte. Samuel Neuburg sprang zuerst aus dem Wagen; er reckte sich und war wieder herzlich froh, in aufrechter Haltung stehen zu können. Dann bückte er sich, um die verschobene Hose, die über die Zugstiesel geschlüpft, wieder herunterzuziehen. Aber o Schreck, die Hose rührte sich nicht vom Flecke. Der nichtdekatierte Hosenstoff war durch das Naßwerden eingegangen, so daß die Socken und ein Teil der weißen Unterhosen sichtbar waren; Samuel Neuburg sah wie ein Steirer ohne Lodenrock und Gamsbart aus. Chajim schüttelte sich vor Lachen und auch Reb Selig mußte sich die Tränen aus den Augen wischen, die er vor Lachen vergoffen. „Siehst Du Samuel, wie Deine Mezies^) aussehen," sprach Reb Selig zu seinem Bruder. Nun war guter Rat teuer. In einem solchen Aufzuge konnte Samuel nicht in die Stadt ' gehen, aber auch das Wirtshaus zu betreten schämte er sich, es blieb also nichts anderes übrig, als sich in den Wagen zu setzen, der in die Remise gestellt wurde, und zu warten, bis der Konfektionär Rosenzweig eine neue Hose sandte. Der Bote, der diese überbrachte, hatte ein schweres Stück Arbeit, dem Samuel Neuburg die nasse Hose von den Beinen herabzuziehen. Vormittag um 12 Uhr wurde die Reise auf dem Schienenroß fortgesetzt und um 5 Uhr abends waren Vater und Sohn in T. angelangt; von T. nach N. mußten sie noch zwei Stunden im Stellwagen fahren. 4) Talmudschüler. s) Gratulation beim Anlegen neuer Kleider. °) Billige Käufe.