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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-07 · 49 (7.12.1906) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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**■ 49 Dr. Dwcd's Mocbenscdrm. Seite 339 nach der Ermordung des Polizeichefs Gelzer geschehen war. Der Gouverneur schenkte, wie es schien, meinen Beweggründen Gehör, mochte sich einige Notizen und versprach, die nötigen Maßregeln zu treffen. Bis zum 26. August sah ich noch ein paarmal den Obersten Tichanowsky, er war damals mit der Ausarbeitung einer Instruktion für das Militär beschäftigt, den Schutz der Stadt betreffend. Es stand darin unter anderm, daß bei dem Alarm in der Stadt das Telegraphenamt die Entgegennahme von Privattelegrammen einzustellen verpflichtet sei. Ich fragte um den Zweck dieser Verordnung. Oberst Tichanowsky antwortete, daß er diese Verordnung gebe, damit die Einwobner der Ltadt nicht telegraphisch um Einstellung des Pogroms bitten können. Sehr charakteristisch für die Persönlichkeit des Obersten Tichanowsky sind auch andere Tatsachen. So zum Beispiel sagte er dem Polize'.chef, den Plan einer allgemeinen Hausdurchsuchnng wiederum besprechend: „Möge der Rittmeister Pjetuchow nicht meinen, daß wir jemanden verhaften werden; diejenigen, welche in dem Verzeichnis, das er uns gab, stehen, werden sich schon gewiß unter den Verhafteten nicht befinden." Das dient zugleich zur Erklärung der Tatsache, daß Lazarettwagen und Sanitätspersonal für die Zeit der Hausdurchsuchungen vorbereitet wurden. In der ersten Nacht der Beschießung von Siedlce gegen 3 Uhr, am 27. August, wollte Oberst Tlchanowsky aus den Kasernen des Dragoner-Regiments das Militärorchester zu sich kommen lassen, was ihm jedoch verweigert wurde. Da versammelte er einen Soldatenchorus, und der Gesang erscholl mitten unter dem Schußgeknall, dem Blutvergießen, den Plünderungen und der Feuersdrunst. Oberst Tichanowsky erklärte späier, daß er damit den Geist der Soldaten heben wollte. Wie es scheint, stellte er sich dabei vor, auf dem Schlachtfelde von überlegenem Feinde umzingelt zu sein. Endlich einige Tage nach den Unruhen, als ein Gerücht im Umlauf war, daß Oberst Tichanowsky ermordet sei, kam er in die Schwadron, deren Kommandierender er früher war, teilte den Soldaten dieses Gerücht mit und bat sie, daß, falls er wirklich getötet werden sollte, sie sich seinem Andenken zu Ehren ordentlich bis an die Ohren im Blute baden sollten. Das erzählten mir später bei einem Frühstück die Dragoneroffiziere und stellten solches Betragen der Bravheit des Obersten Tichanowsky zum Vorbild hin. Am 26. August um halb 7 Uhr abends erschollen in der Stadt, wie ich schon berichtete, einige Revolverschüsse, und darauf antwo teten vie Truppen sofort mit einer Beschießung der Stadt, wobei sie durchaus nicht in Betracht zogen, ob aus dem betreffenden Hause geschossen wurde oder nicht. So zum Beispiel sind bereits in der ersten Nacht im Pensionat der Töchterschule, aus der schon sicherlich nicht geschossen wurde,, für 30 Rubel Fensterscheiben von den Kugeln zertrümmert worden. Die Fensterscheiben wurden auch zertrümmert im Gendarmerieamt. Die Truppen handelten schonungslos gegen die friedliche Bevölkerung. Ich selbst war zugegen, als in das Polizeiamt einige Menschen, hauptsächlich alte Juden, hingeschleppt wurden, und sah, wie eifrig die Soldaten in Gegenwart des Obersten Tichanowsky dieselben mit Kolben züchtigten. Ich sah auch, wie ein Dragoner in der Nähe des Polizeiamtes in die Wohnung des K'eisrichters Herrn Mudrew Schüsse abfeuerte. Ich war auch Zeuge, wie ein Dragoner zum Obersten Tichanowsky kam, um Patronen zu erbitten, und wie der letztere bemerkte: „Es sind zu wenig Tote." Als ich dies alles sah, bat ich den Obersten Tichanowsky, das unsinnige Schießen und Schlagen einzustellen und lieber sich mit planmäßiger Ausfindung der Revolutionäre zu beschäftigen, welche wirklich die oben erwähnten Revolverschüsse abfeuerten. Dabei lenkte ich seine Aufmerksamkeit darauf. daß die Truppen, besonders ohne Nahrung, bald ermüdet sein werden und daß gegen Abend die Revolutionäre etwas Ernsteres niöglicherweise vornehmen können. Ich bekam zur Antwort, daß die Schlacht bei Liaojang zwölf Tage dauerte, und daß, wenn es nötig sein wird, er zwei Wochen auf dem Stuhle vor dem Polizeiamt zu sitzen bereit sei, und weiter, daß es in der Stadt genug Läden mit Nahrungsmitteln gäbe, so daß sie für alle ausreichen würden. Das alles wurde in Gegenwart der Soldaten gesprochen. Nicht in der Laune, Zeuge solcher Szenen zu sein, und nicht imstande, denselben ein Ende zu machen, ging ich um 9 Uhr morgens (-7. August) nach Hause. Gegen 10 Uhr morgens ließ mich der Oberst Tichanowsky zu sich rufen, ich kam aber nicht, weil ich meine Gegenwart für überflüssig hielt, umsomehr, als sich dort die ganze Zeit Rittmeister Potosky oder Grigoriew befanden. Auch der stellvertretende Polizeichef. Stabskapitän Protopopow, suchte den Obersten Tlchanowsky zu beschwichtigen, aber alles umsonst. Alle Argumente stießen auf die Antwort: „Es geht Sie nichts an!" Die Unteroffiziere meines Gendarmerieamtes, welche auf der Sokolowschen Chaussee wohnten, wurden bis zur Morgendämmerung des 27. August in die Stadt durch die Wachposten nicht hereingelassen, welche ihnen dabei erklärten, daß es verboten sei, jemanden in die Stadc hereinzulassen. Nach der Morgendämmerung nahmen die Gendarmerie-Unteroffiziere an den Haüsdurchmchungen teil, später wurde ihnen aber mitgeteilt, daß die Truppen in Abwesenheit der Offiziere gar keine Hausdurchsuchungen vornehmen, sondern einfach plündern und die Menschen ohne jeglichen Grund totschlagen. Einer von den Dragonern, welchen der Gendarmerie-Offizier Efimow daran hindern wollte, zog gegen ihn den Säbel. Die Polizeidiener wurden an einer Stelle von den Soldaten durch Kolbenschläge verjagt. Schon in der ersten Nacht wandten sich die Dragoner an die Gendarmene-Uuteroffrziere Andrejuk und Sajaz und baten um Petroleum. um die Häuser anzustecken Von den letzteren befragt, wieso sie es tun dürften, antwo.teten die Soldaten: „So ist es befohlen." Dre Plünderungen fanden auch in der ersten Nacht statt. Zur Zeit der Abenddämmerung am 27. August sind die Truppen ganz zügellos geworden. Alle Bierhallen und Weinlager wurden von ihnen überfallen; alles wurde ausgeplündert, zum Teil auch ausgetrunken. In der zweiten Nacht waren die Truppen fast durchwegs besoffen. Den 5. September kam aus Petersburg der Beamte für besondere Aufträge beim Minister des Innern. Herr Gubonin, welcher mich bat, ihm behilflich zu fein, die Wahrheit über die Siedlcer Ereignisse vom 27. bis 28. August zu ermitteln. Ich hielt mich nicht für berechtigt, etwas einem Beamten zu verheimlichen, der im Aufträge des Ministers gekommen ist, um die Lage der Dinge zu untersuchen. Deshalb informierte ich ihn genau über die Per'önlichkeit des Obersten Tichanowsky, über die unter den Truppen herrschende Stimmung und überhaupt über die letzten Siedlcer Ereignisse. Dann ließ vi), seiner Bitte folgend, diejenigen Personen ins Gendarmeneamt .ommen, welche am meisten Schaden erlitten hatten, und half der dem Verhör denjenigen von ihnen, welche nicht genügend Russisch verstanden. Ungefähr 40 Privatpersonen und alle Gendarmerie-Unteroffiziere wurden von Herrn Gubonin verhört. Der Hausbesitzer Ksentepolsky bewies durch Zeugenaussagen seiner Diener, daß seine Speicher von Dragonern in Brand gesteckt wurden. Dasselbe ist auch in betreff von zwei bis drei anderen Häusern durch Zeugen festgestellt worden, wobei es sich heraussteüte, daß die Soldaten, um die Häuser in Brand zu stecken, das Petroleum auch auS den Straßenlaternen nahmen. Dr. Stein und ein Diener des jüdischen Krankenhauses erzählten, wie auf dem Hofe des Krankenhauses ein dorthin gebrachter verwundeter Jude von den Soldaten zu Tode geschlagen wurde. Die Jüdin Wolf erzählte, wie am 27. August um 3 Uhr nachmittags Dragoner, mit einem Offizier an der Spitze, in ihrer Wohnung erschienen. Ihr Mann mit den Söhnen saß in Gebetkleidern und betete. Der Offizier schimpfte ihn einen verkleideten Hallunken und schlug ihn mit dem Kopfe gegen den Türpfosten. Dann Mepplcn ihn die Dragoner auf den Hof und töteten ihn durch Kolbenschläge vor den Augen seiner Frau trotz ihres Flehens. Der Vorsteher der Firma Girard, Rubinstein, erzählte, daß die Soldaten bei ihm eine bedeutende Summe Geldes, einen Schein der inneren Anleihe und für 3000 Rubel Wechselscheine geraubt hätten. Er berief sich dabei auf einen Zeugen, dem Stavskapitän des 129. Infanterie-Regiments, Stojanew. Eine jüdische Schuhwarenhändlerin nannte einen ihr bekannten Dragoner Akimew, welcher in ihren Laden kam und zusammen mit anderen Soldaten die Waren plünderte. Es waren auch Aussagen über Vergewaltigung von Frauen, aber diese Tatsachen sind noch einstweilen nicht gelingend festgestellt woroen. Viele erzählten auch, daß die Soldaten in eine Wohnung eindrangen, nichts suchten und einfach Geld forderten; diejenigen welche dieser Forderung keine Folge leisteten, wurden getötet oder verhaftet. Die Juden gaben, wie diese Aussagen lauteten, alles was sie hatten, und als für die nächste Gruppe der Soldaten schon nichts zu geben übrig war, wurden die Männer verhaftet und weggeführt. Es gab auch Aussagen über provozierende Schüffe seitens der Polizeidiener. So sah zum Beispiel ein Besitzer einer Flinten- und Völocipedehandlung, Behrenstein, wie ein Polizeidiener, den er erkennen kann, in die Lust einen Schuß abfeuerte und dann den Soldaten das Haus zeigte, aus dem der Schuß gekommen sei; die Soldaten beschossen hierauf das betreffende Haus. Die Tatsache, daß die Soldaten plünderten ist jedenfalls absolut festgestellt. Das Geplünderte wird jetzt von einigen Teilen der Truppen in das Polizeiamt zurückgebracht. Während der Unruhen konnte man auf der Straße Soldaten sehen, die eine Menge Sachen mit sich trugen. Soldaten nahmen, was sie nur konnten, die anderen Sachen, z. B. Möbel, vernichteten sie auf der Stelle. Dasselbe bezeugt auch ein Befehl des Chefs der Siedlcer Garnison vom 30. August d. I. unter Nr. 77 mit der Ueberschrift: „Geheim zu halten." In diesem Befehl wird es den Chefs der einzelnen Truppenteile vorgeschrieben» aus Anlaß der stattgefundenen Unruhen alle Sol, daten, welche in die Kasernen zurückkehren, einer Untersuchung zu unterziehen, auch in den Kasernen eine Untersuchung vorzunehmen und das Verzeichnis der Soldaten und der ihnen abgenommenen Sachen einzufenden. Die Bevölkerung von Siedlce ist bis auf den letzten Mann überzeugt, daß die Siedlcer Ereigniffe die Folge einer Provokation seitens der Dragoner und teils auch seitens der Polizei find. Und auch davon, daß die Jni.iative dieser Provokation dem Obersten Tichanowsky zuzuschreiben ist. Man hat bemerkt, daß die Dragoner, die sonst das Gewehr auf dem Rücken trugen, schon am 26. August dasselbe in der rechten Hand hielten. Gegen Abend erklärten die Dragoner den Kaufleuten, daß es erlaubt sei, bis halb 10 Uhr abends Handel zu treiben, während früher die Läden um 8 Uhr geschloffen werden mnßten. Unerklärlich erscheint den Einwohnern auch die Tatsache, daß von den Soldaten nur einer am Frnger verwundet war, worauf sich alle Verluste der Truppen beschränkten. Ein Pferd wurde mit einem Säbel am Ohr verwundet und ein anderes

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