Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 840 Dr jsiocb s Mlocvenscvrm Nr. 49 durch eine Kugel an den Nasenlöchern. Die Einwohner bemerkten ganz richtig, daß wenn die Revolutionäre wirklich irgend einen Schaden den Schutzwachen und den Patrouillen zufügen wollten, so würde es im ersten Moment der Unruhen jedenfalls irgendwelche Verluste unter den Truppen gegeben baden. Denn es war den Revolutionären ganz leicht, gegenüber einem jeden Schutzposten hinter den Zäunen zwei bis drei Mann mit Brownings aufzustellen, die Soldaten aus denselben zu beschießen, und dann, die Dunkelheit benützend» zu verschwinden. Jedenfalls batten die Revolutionäre obne ein bestimmtes Ziel nicht geschossen. Wenn wir sogar zugeben, daß die Geschosse der Revolutionäre im ersten Momente feblgingen, so blieb ihnen auch in diesem Falle nach den mißlungenen Attentaten nichts übrig, als zu entfliehen, und sie hätten nicht so unsinnig die Patronen verschwendet, welche zu bekommen so viel Muhe kostet. Es fällt schwer, die Truppen selbst der Provokation zu beschuldigen, und jedenfalls ist es kaum möglich, eine Provokation seitens der Truppen zu beweisen. Meiner Meinung nach könnte es sich hier vielleicht eher um eine Provokation seitens der Revolutionäre handeln. Die Revolutionäre kanntcn nämlich ganz genau die Stimmung der Truppen und sie wünschten vielleicht, das hervorzurufen, was geschehen ist, sie wollten auf solche Weise die Regierung und die Truppen in den Augen der ganzen öffentlichen Meinung diskreditieren und die Sympathien der Siedlcer Bevölkerung auf ihre Seite lenken, einer Bevölkerung, welche über die letzten Ermordungen der für die Stadt sehr nützlichen Personen, des Präsidenten Mirowitsch und des Polizeichefs Kapitän Golzew, höchst entrüstet war. Wenn wir annehmen, daß es wirklich so der Fall war, so haben die Revolutionäre ihr Ziel erreicht. Die friedlichsten itith die loyalsten Einwohner sagen jetzt: „Der Gouverneur versprach, daß, so lange er in Siedlce sei, es keinen Pogrom geben werde. Und was sehen wir? Wir brauchen keine Untersuchungen seitens der Behörden. Wir werden unsere eigenen Uniersuchungen vornehmen und werden auf den Grund der Wahrheit kommen." Die Soldaten werden jetzt sogar von der russischen Gesellschaft nicht mehr als Beschützer betrachtet, und das Erscheinen der Dragoner zu Pferde auf der Straße erfüllt alle mit dem Gefühl der Unruhe. Die Abberufung des Obersten Tichanowsky hatte eine beruhigende Wirkung auf die ganze Bevölkerung. Die ganze Schuld für die Ereignisse in Siedlce fällt nicht nur auf den Obersten Tichanowsky, der nicht einmal rechtlich befugt war, in der Stadt wie ein Oberbefehlshaber zu wirtschaften. Die Schuld fällt auch auf den provisorischen Generalgouverneur, Generalmajor Engelke, welcher tatsächlich die ganze Gewalt dem Obersten Tichanowsky übertrug und auch ans den Gouverneur, der als ständiger Chef des Gouvernements Siedlce die Gewalt in einem so wichtigen Moment aus seinen Händen ließ und sie nicht wieder in seine Hände nahm, als die Umstände es dringend erforderten. Die Krankheit des Gouverneurs war, so viel mir bekannt, gar nicht so gefährlich, daß es eines Urlaubs bedurft hätte. Außerdem überließ er während der Krankheit nur die Unterschrift der Papiere und das Präsidium in verschiedenen Sitzungen dem Mitglieds des Bauernangelegenheitenamtes Dolgowo-Saburow; die übrigen Funktionen behielt er bei. In diesem Berichte suchte ich nicht nur meine eigene Meinung darzulegen, sondern auch den Eindruck, welchen der Beamte für besondere Aufträge, Herr Gubonin, davontrug. In diesem Sinne ist auch sein Bericht an den Minister abgefaßt. Siedlce, 27. September 1906. Rittmeister Pjetuchow." Ich habe dem Berichte nur wenige Worte hinzuzufügen Zunächst das Folgende über den Berichterstatter: Man teilt mir mit, er sei ein anständiger Mensch, der freilich, wie aus dem Berichte hervorgeht, mit der Feder nicht sehr gewandt umzugehen versteht. Wer russische Verhältnisse kennt, der weiß, daß die Annahme, die Revolutionäre seien bestrebt gewesen, durch Revolverschüsse den in Vorbereitung begriffenen Pogrom auszulösen, unmöglich richtig sein kann. Der Berichterstatter wollte durch diese Behauptung wenigstens in gewissem Umfange das Militär entlasten. Aber wie dem auch sei, in jedem Falle stellt dieser Bericht über jeden Zweifel klar, in welch entsetzlicher barbarischer We se und ohne zwingenden Grund von seiten der Soldateska in Siedlce verfahren worden ist, und ich kann hinzufügen, daß der zur Berichterstattung entsandte Herr Gubonin dem Premierminister in demselben Sinne berichtet hat, und nichts hat Herr Stvlypin getan, um die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen; das beweist die Mitschuld oder die Machtlosigkeit des Premierministers. Petersburg. In. vergangener Wocke wurde das Jubiläum des bekannten Gelehrten Dr. Albert H a r k a v y, eines der bervorragendsten Orientalisten unserer Zeit, mit einem grandiosen Bankett gefeiert. Glücknünsche, Depeschen und Adressen waren aus allen Ländern eingelaufen, u. a. von der Petersburger jüdischen Gemeinde, von der kaiserlichen öffentlichen Bibliothek usw. Dr. Markon machte auf dem Bankett Mitteilung von einem großen wissenschaftlichen Sammelwerke, das zu Ehren des Jubilars unter Mitwirkung bekannter Gelehrter unter seiner Redaktion in Bälde erscheinen wird. Dr. Harkavy wurde 1839 in Nowsgrudek geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Kaufmann und dabei ein gelehrter Talmudist. Harkavy besuchte die berühmte Jeschiwah in Woloshin und trat im * Jahre 1858 in das neugegründete Rabbinerseminar zu Wilna, nach deffen Absolvierung er die Petersburger Universität bezog, wo er orientalische Philologie studierte. Er veröffentlichte schon vorher mehrere hebräische und russische Artikel im „Hakkarmel", den Fünn in hebräischer und russischer Sprache heiansgab. 1867 erschien Harkavy's erstes Werk »Die Huden und die slavischen Sprachen" (hebräisch). Sein z' eites 1870 erschienene Werk, „Berichte muselmännischer Schriftsteller über die Slaven und Russen" (russisch) verschaffte ihm den "kamen eines talentvollen Orientalisten, und er wurde von der Regierung zur weiteren Ausbildung nach Berlin und Paris, wo er unter Opperts Leitung arbeitete, gesandt. Vom Auslande zurückgekehrt, veröffentlichte er „lieber den ursprünglichen Wohnsitz der Semiten, Europäer und Hamiten", wofür ihm der Titel »Doktor der Geschichte" zuteil ward. Im selben Jahre trat er in das Unterrichtsministerium und in die kaiserl. öffentliche Bibliothek ein; in der letzteren wirkt er noch jetzt. Er erwarb sich ein besonderes Verdienst und großen Ruhm durch die kritische Bearbeitung und Herausgabe von hebräischen, arabischen' rc. Manuskripten aus der kaiserlichen Bibliothek unter dem Namen „Studien und Mitteilungen aus der Petersburger kaiserlichen Bibliothek" (1875 bis jetzt) auch „Sikaronhe-rischonim uleachronim", „Chadaschim gam jeichenini". Er machte auch im Aufträge der kaiserlichen Bibliothek und der Akademie der Wlffenschaften mehrere Reisen zu wissenschaftlichen Zwecken, u. a. Ifinß nach Palästina und Egypten. Mit beionderer Vorliebe aber beschäftigt sich Harkavy mit der Geschichte der Juden im Alten Rußland, Polen, Cliazarenreiche, Krym und Kaukasien. 1872 erschien sein Werk „Erzählungen der hebräüchen Schriftsteller über das Chazarenreich". 1875 »Altjüdische Denkmäler aus der Krym", das viel wichtiges zur jüdischen Geschichte auf der taurischen Halbinsel enthält, besonders werden in dieser Schrift die karärschen Altertümer behandelt und die Arbeiten des bekannten Karäergelehrten und Rabbiners Türkowitz kritisch beleuchtet. 1881: Chasarische Briefe. 1884: Geschichte der Vierländersynode (Waad arbe arolet). Unter Harkavys Redaktion und mit seinen Anmerkungen erschienen die russische Ausgabe der „Geschichte der hebräischen Literatur" von Karpeles und einiger Teile der Krätz'- schen „Geschichte der Juden". Auch die hebräische Ausgabe von Grätz's Geschichte durch Rabinowitz in Warschau enthält seine Anmerkungen, die auch in „Revue des etudes juives" veröffentlicht wurden. Unter seiner Redaktion erschienen auch durch die literarische Gesellschaft „Achiosaf" R. Jehuda Halevy's Geschichte. Harkavys zahlreiche Arbeiten wurden veröffentlicht fast in allen hebräischen und jüdischen Zeitschriften, auch in den Memoiren der Petersburger kaiserl. Akademie der Wissenschaften u. a. m. H. ist Mitglied mehrerer russischer und ausländischer wissenschaftlicher Vereine, er erhielt mehrere Orden und Auszeichnungen und ist kaiserlich russischer wirklicher Staatsrat. Vermischtes. Aufruf! Durch die wiederholten Judenverfolgungen der letzten Jahre und namentlich durch die Maffakres in Rußland sind an die „Israelitische Allianz zn Wien" außerordentliche Anforderungen gestellt worden. Dank der Opferwilligkeit unserer Glaubensgenoffen waren wir in der Lage, während der verfloffenen drei Jahre nahezu 1,200.000 Kronen dem ruffischen Hilfswerke zuzuführen. Wie können jedoch unseren vielfachen permanenten Aufgaben im Jntereffe der Gesamtheit des Judentums nur dann entsprechen, wenn der Kreis unserer ständigenMitgliedersich wesentlich erweitern wird. Es ist heutzutage mehr als je die Pflicht eines jeden Juden, Mitglied der „Allianz" zu sein. Der statutarische Jahresbeitrag beträgt 6 Kronen; die lebenslängliche Mitgliedschaft wird durch einen einmaligen Beitrag von K 200 erworben. Als „Gründer" wird ausgenommen, wer einen einmaligen Beitrag von K 1000, als Stifter, wer einen Beitrag von ll 4600 leistet. Geldsendungen sind zu richten an die „Israelitische Allianz zu Wien", »., Weihburggasse 10. Erlagscheine der Postsparkasse, Checkkonto Nr. 8152, sowie Jahresberichte werden in unserem Bureau bereitwillig zur Verfügung gestellt. Der Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien". David R. v. G u t m a u n, Präsident. Dr. Alfted Stern, Dr. Arthur K u r a n d a, Dr. Sigmund W a h r m a n n, Vize-Präsidenten. Emanuel Baumgarten, Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Emil Horner, Dr. Felix Katzan, Adolf Klein, Direktor Moriz Koritschoner, Dr. Jakob Nierenstein, Wilhelm Pappenheim, kaiserl. Rat Bernhard Pollack, Julius Reitlinger, kais. Rat Leopold Sachs. Rabbiner Dr. A. Schmied!, Fritz Singer, Hoftat Sigmund Tauffig, Kommerzialrat Leopold Trebitsch, DonatZifferer, Vorstandsmitglieder.