Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 838 Dr. Bloch's WochrnsttzrM Sir. 49 gelischen Gotteshäusern auch die Synagoge. Hier wurde er in der Vorhalle von Herrn Josef Zänker als Tempelvorsteher in einer kurzen Ansprache begrüßt und in das Innere des Tempels geleitet, wo Herr Oberkantor Goldmann das übliche: „Gesegnet sei", von dem zweistimmigen Kinderchore unterstützt, anstimmte. Nach Absingung der Volkshmne schrieb der Herr Landespräfident seinen Namen in das Gedenkbuch. Mit freundlichem Händedruck verabschiedete er sich sodann sowohl vom Herrn Josef Zänker als auch von Herrn Goldmann und der Herr Bezirkshauptmann, welcher sich ebenfalls auf's Herzlichste verabschiedete, dankte für den Empfang in warmen Worten. Rzeszow. (F r e i s p r u ch vom Meuchelmorde nachsrühererVerurteilung.) Nach fünftägiger Dauer wurde nunmehr unter dem Vorsitze des Landesgerichtsrates Dr. Werner die neuerliche Verhandlung gegen den 85jährigen Schankwirt Jakob Stern wegen Mordes zu Ende geführt. Stern war beschuldigt, am 30. April d. I. den Bauer Valentin Grigar ermordet zu haben. Zwischen Stern und Grigar bestand eine erbitterte Feindschaft, und am Abend, bevor Grigar ermordet aufgefunden wurde, hatte ein Streit zwischen beiden stattgefunden. Stern bestritt die Tat. Als Hauptbelastungszeuge trat gegen ihn ein gewisser Balwandel auf, der behauptete, in der finsteren Nacht auf 106 Schritte Entfernung ganz genau den Angeklagten an der Stelle gesehen zu haben, wo am nächsten Tage der Leichnam gefunden wurde. Drei Alibizeugen des Stern wurden wegen falscher Zeugenaussage angeklagt, jedoch von den Gcschwornen freigesprochen.. Stern wurde mit acht gegen vier Stimmen des Mordes schuldig gesprochen und zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Kassationshof, vor welchem Professor Rosenblatt die Nichtigkeitsbeschwerde vertrat, hob das Urteil im Wege der außerordentlichen Revision wegen gewichtiger Bedenken in der Tatfrage auf. Bei der nun neuerlich durchgeiührten Verhandlung verneinten die Geschwornen (Obmann Notar Machowski) einstimmig die Hauptfrage aus Meuchelmord und mit acht gegen vier Stimmen die Eventualfrage auf Totschlag, so daß Jakob Stern freigesprochen wurde. Der Staatsanwalt meldete die Nichtigkeitsbeschwerde an. Paris. Das französische Judentum hat die ihm durch das Trennungsgesetz von Staat und Kirche auferleqte Aufgabe glänzend gelöst. In allen jüdischen Gemeinden Frankreichs haben sich Religionsvereine gebildet, welche alle bis dahin von den vom Staate subventionierten und mit öffentlich-rechtlicher Autorität versehenen Gemeinden ausgeübten Funktionen freiwillig weiterführen werden. Um aber dem Ganzen mehr Einheit und größere Kraft zu verleihen, sollten alle Vereine zu einem Zentralverband zusammentreten, dessen Aufgabe es sein soll, innerhalb der Religionsvereine ausbrechende Streitigkeiten zu schlichten und kleinere Gemeinden, die aus eigenen Mitteln ihre religiösen Bedürfniffe nicht zu befriedigen vermögen, aus gemeinsamen Fonds zu unterstützen. Am 1l. v. M. fand nun auf Einladung des Zentralkonsistoriums unter dem Vorsitze des Baron Eduard Rothschild zu Paris eine Generalversammlung der neubegründeten Religionsgesellschaften statt, welche von zahlreichen Delegierten aus allen Gemeinden Frankreichs besucht wurde. Rach kurzer Debatte wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, eine Zentral-Union der Juden Frankreichs zu bilden, der zweifellos bald sämtliche Religionsvereine beitreten werden. Dieselbe wird aus Delegierten bestehen und ist jede Vereinigung berechtigt, für je 200 Mitglieder in die Zentral-Union einen Delegierten zu entsenden. Die Wahl derselben wird erst erfolgen, sobald die einzelnen Vereine sich konsolidiert und einige Monate lang funktioniert haben werden. Als äußersten Termin für den Zusammentritt der Delegiertenversammlung wurde der 12. Dezember 1907, der Tag, an dem das Trennungsgesetz endgiltig in Kraft zu treten hat, bestimmt. Bis dahin wird noch das alte Consistoire Central in Funktion bleiben. Leider ist bei der Krönung des großen Werkes ein Fehler gemacht worden, der in der Folge sich noch bitter rächen dürfte. Es wurde nämlich in die Statuten der Zentral-Union eine Bestimmung ausgenommen, wonach Delegierte der Union nur Franzosen sein dürfen. Enthüllungen über die Veranstalter von Pogroms. E «e offizielle Darstellung über den Pogrom von Siedler. Wien, 28. November. Die „Russische Korrespondenz" erhält den nachstehenden Bericht: Petersburg, 24. November. Es ist mir gelungen, den offiziellen Bericht zu erhalten, den Rittmeister Pjetuchow in Siedlce an seine Vorgesetzte Behörde zu Händen des Gehilfen des Warschauer Generalgouverneurs erstattet hat. Der Bericht enthält solche Ungeheuerlichkeiten, daß ich mich verpflichtet glaube, ganz besonders zu betonen, daß an der Authentizität des Schriftstückes jeglicher Zweifel ausgeschlossen ist. Das Schriftstück lautet wörtlich nach dem Original: Bericht des Rittmeisters Pjetuchew von der Gendarmerie- Verwaltung der Stadt Siedlce an den Gehilfen des Warschauer Generalgouverneurs. Der provisorische Generalgouverneur des Gouvernnnents Siedlce, Generalmajor Engelke, hat durch den Befehl vom 10 August d. I. unter der Nummer 12 den Obersten des 39. Dragoner-Regiments Tichanowsky zum Chef der Schutzgarnison der Stadt Siedlce ernannt. Den 11. August um 1 •& Uhr morgens wurde ich in das Gendarmerieamt gerufen, wo sich schon der Oberst Wyrgolitsch, die Rittmeister Potosky und Grigoriew, dcr stellvertretende Polizeichef der Stadt Siedlce, der Stabskapitän Protopopow, und der Chef der Schutzgarnison Oberst Tichanowsky befanden. Es wurde beraten eine zweckmäßigere Blockade der Stadt und die Vornahme einer allgemeinen Hausdurchsuchung in Siedlce; die letzte Maßregel war durch eine Depesche des Generalgouverneurs vorgeschrieben. Der Oberst Tichanowsky forderte sogleich, man solle ihm einige angesehene Bürger der Stadt Siedlce nennen, welche, obgleich sie persönlich an der revolutionären Bewegung nicht teilnehmen, doch auf irgendeine Weise dieselbe begünstigen. Der Oberst Tichanowsky äußerte bie Ansicht, diese Leute ins Gefängnis zu stecken und sie als Geisel zu behalten. Er wolle ihnen erklären, daß im Falle eines Attentats auf irgend einen Regierungsbeamten sie alle ermordet werden sollten. Oberst Tichanowsky sagte, daß er die Verantwortung für alles auf sich nehme. Als Oberst Tichanowsky befragt wurde, auf welche Weise die Geiseln getötet werden sollten, wandte er sich an den Polizeichef mrt der Frage, ob er ihm nicht einen Polizeidiener zur Verfügung stellen könne,. der bereit wäre, Wahnsinn simulierend, die Geiseln im Gefängnis niederzuschießen oder ihnen in die Speise Arsenik zu mischen. „Dem Terrorismus der Revolution müssen wir einen noch schrccklicheren Terrorismus entgegenstelleu", fügte Oberst Tichanowsky hinzu. Oberst Tichanowsky war nicht bewegen und blieb fest auf seinem Standpunkte, immer wiederholend, daß er die volle Verantwortung auf sich nehme. An demselben Tage um 6 Uhr abends versammelten sich alle wieder im Gendarmerieamt und berieten den Plan einer Blockade der Stadt zum Zwecke einer allgemeinen Hausdurchsuchung. Es stellte sich aber dabei heraus, daß mit Hilfe der in Siedlce stationlerten zwei Bataillone des Liebauer Jnfanterie-R giments und eines Kavallerie- Regiments eine allgemeine Hausdurchsuchung vorzunehmen unmöglich sei; eine solche Hausdurchsuchung würde für mehr als 24 Stunden das Leben der Stadt lahmlegen und hätte doch zu keinem positiven Resultat geführt. Der Oberst Tichanowsky bestand aber auf einer allgemeinen Hausdurchsuchung und forderte unter anderem, daß der Polizeichef während der Hausdurchsuchungen die Feuerwehr bereit halten solle und alle Aerzte sich zu derselben Zeit in den Hospitälern versammeln sollten. Seinerseits versprach Oberst Tichanowsky, die Militärlazarettwagen bereit zu halten. Als Oberst Tichanowsky befragt wurde, wom alle diese Vorbereitungen nötig seien, antwortete er, daß es vielleicht Tote und Verwundete geben werde, da man schonungslos Vorgehen werde und der Gebrauch der Waffen empfohlen werden wird; es können dabei auch Feuersbrünste entstehen. So bereiteten wir uns auf die friedlichen Hausdurchsuchungen vor. Die Dragoneroffiziere, wie es noch an demselben Tage bekannt wurde, rieben sich in Gesellscha't die Hände und sagten offen mit einem vergnügten Lächeln: „Wir werden ihnen schon einen guten Pogrom machen, wir werden schonungslos handeln." Solche Gespräche führten auch die Soldaten, Den 13. August um 3 Uhr nachmittags fand im Gendarmerieamt eine neue Beratung mit dem Obersten Tichanowsky statt, welcher erklärte, daß die allgemeine Hausdurchsuchung in der Nacht auf den 13. August vorgenommen werden würde. Auf seine Forderung gab ich ihm ein Verzeichnis der Personen, welche durch ihre verbrecherische Tätigkeit bekannt waren, samt den Adressen derselben. Als wir die Stimmung des Obersten Tichanowsky als auch der übrigen Offiziere und Soldaten des Dragoner-Regiments kennen lernten, entschlossen wir uns, gegen die Hausdurchsuchungen nach dem Plane des Obersten Tichanowsky zu protestieren, wobei wir uns auf die Unzulänglichkeit der «orhandenen Kräfte beriefen. Oberst Tichanowsky ließ sich aber nicht bestimmen. Oberst Wyrgolitsch fuhr deshalb sofort zum Gouverneur, machte ihn mit der technischen Seite der bevorstehenden. Hausdurchsuchungen, namentlich mit der dazu erforderlichen Zeit und mit der Stimmung des Militärs bekannt und setzte den Aufschub der Hausdurchsuchungen bis zur Ankunft neuer Truppen durch. Um Hilfstruppen zu bekommen, fuhr der provisorische Generalgouverneur am 13. August nach Warschau. Die Sendung der Truppen wurde ihm aber verweigert, und im Prinzip ließ-man von der allgemeinen Hausdurchsuchung ab. Am 13. August erkrankte Oberst Wyrgolitsch und mußte das Bett hüten Während meines Besuches beim Gouverneur machte ich ihn wiederholt auf die Stimmung des Obersten Tichanowsky und des Militärs aufmerksam und gab den Rat, dieselben im Zaum zu halten. Ich erklärte dabei offen, daß eine solche Stimmung zur Plünderung und zu nutzlosem Blutvergießen führen könne, wie es am 8. August