Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Lette 884 Dr. Mocb's MocbenscbrtN. Nr. 4V für die periodisch auftretenden ansteckenden Seuchen ist ein solches Zentrum, wo Impfstoff gezüchtet wird, geradezu unerläßlich. Sodann wird die Gründung einer hebräischen Mittelschule beabsichtigt, resp. ist schon in Vorbereitung; da der Hilfsverein der deutschen Juden die v. Lämelschule in Jerusalem zu einer Art Mittelschule auf deutscher Grundlage auszubauen gedenkt, so würde die hebräische Mittelschule, um Konkurrenz zu vermeiden, wohl am besten in der aufstrebenden Hafenstadt Jaffa Platz finden, zumal dort schon von privater Seite ein Versuch zur Gründung einer solchen Schule unternommen worden ist. Auch die Abarbanel-Biblio'thek, die jetzt von der Loge in Jerusalem mit gänzlich ungenügenden Mitteln verwaltet wird, bedarf der Förderung, soll sie sich zu einer wirklich leistungsfähigen und auf der Höhe der Zeit stehenden Institution entwickeln. Ferner ist ein jüdischeSMuseum in Jerusalem im Entstehen begriffen, vorläufig in Verbindung mit dem „Bezalel"; hoffentlich wird es fich dereinst ebenso großartig entwickeln, wie daS Museum in Kairo. Freilich bedarf es hierzu nicht nur Mittel, um t>ie Altertümer, die gelegentlich in Palästina gefunden werden, anzukaufen, sondern es müßte sich daran ein jüdischer Verein schließen, der ebenso wie der Pälestine Exploration Fund und der deutsche Palästina-Verein Ausgrabungen veranstaltet. Durch alle diese Institutionen werden wir mit der Zeit auch eine Art Geistesaristokratie in Palästina erhalten, es werden Vortragszyklen gehalten werden, und es wird schließlich zweifellos auch zu einer Art Hochschule kommen. Wohl werden Sie fragen, woher soll das Geld beschafft werden, das hiezu nötig ist? Die Vereine allein werden doch niemals imstande sein, cS aufzubringen. Was. kann man darauf antworten? Wenn sich ein Rothschild gefunden hat, der 60 Millionen Francs in die jüdischen Kolonien Palästinas gesteckt hat, wenn ein Baron Hirsch mehr als 10 Millionen Dollars für jüdische kolonisatorische Zwecke bestimmt hat, mit denen jetzt vor allem in Argentinien kolonisiert wird, deren Zinsen aber auch genügen würden, um alle diese oben geschilderten Aufgaben in Palästina zu erfüllen; wenn in Egypten lebende Griechen fortwährend Millionen stiften, um in der Heimat ihres Stammes öffentliche Bauten. Museen, Hochschulen rc., zu errichten, sollte es denn so ganz ausgeschlossen sein, daß sich auch in unserem Volke Leute finden, bei denen sich Stammesfiolz und historisches Gefühl mit Edelmut und Freigebigkeit paart, Männer, die von dem Bewußtsein getragen werden, daß man der Menschheit keinen größeren Dienst leisten kann, als indem man sein Volk wieder aufrichtet und zu seiner Einheit führt an den erhabenen Srätten seiner einstigen Kämpfe und Leiden? Ich muß gestehen, ich glaube daran, ich habe das feste Zutrauen, daß nicht nur wie bisher die armen und mit geistigen Schätzen ausgerüstete« Stammesgenoffeu das Banner Zions Hochhalten werden, sondern daß sich mehr und mehr auch die besitzenden Klassen an diesem edlen Werke beteiligen werden, fich selbst zur Ehre und zum Segen des Volkes Israel und der gesamten Menschheit. „Denn", ruft Jesaias aus, „von Zion wird das Gesetz ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem". Der Herr im Justizministerium. Mäuuer werden zur Tobsucht getrieben, wenn sie ein schweres Unrecht dauernd ertragen sollen, Weiber zu lässiger fauler Geduld. Gute Nacht! ihr Herren Inden von Oesterreich. Aber paßt auf,* daß ihr nicht von Faustschlägen geweckt werdet, da ihr euch vor dem Schlafengehen Faustsckläge habt gefallen lassen. Träumet süß davon, daß Bergani und Schwer und Schneider «uere Herrscher sind, ohne daß ihr Thron von einer Revolution erschüttert würde. Möge es niemals wie ein Alp auf euere Nerven drücken, daß Hilsner in seiner kalten Zelle hustet und weint, bis in seinem Sarge euere Ehre unwiederbringlich von Sträflingen auf den Friedhof getragen wird. Bis die Tatsache da sein wird, daß die Antisemiten in die Geschichte ihrer Unkultur die Lüge eintragen werden, daß in Oesterreich ein überwiesener Ritualmörder im Kerker starb, ohne begnadigt, ohne freigelassen zu werden, dann wird es Anklagen regnen und tausendfache Klagen werden mit den Worten beginnen: man hätte müssen ... man hätte sollen. Vielleicht würde sich ein Vorsatz zur Tat vom Gehirn der Berufenen ringen, wenn ein Gefangener von Rang und Bildung durch rastlose Familienmitglieder unterstützt würde, wenn Deklamationen des Schmerzes die Herzen bewegt, weinende Damen einflußreiche Männer gerührt hätten. Aber die kunstlosen Tränen des armen Schustergesellen versiegen im Sande, die Klagen seiner hilflosen Mutter verhallen an einer Mauer von steinerner Härte. Unglücklicher Hilsner! Die Menschen haben dich in Armut verkommen lassen, um dann von der Höhe ihrer angeblich sittlichen Weltanschauung auf dich herabzusehen; und nun. da du in deiner Qual nach Erlösung ausblickst und sehnsüchtig hoffst, mußt du verschmachten, denn die Ideale, dieGer>chtigkeit, Güte, die Nächstenliebe sind für dich nur eine trügerische U'ata mor^aua in der Wüste der Menschlichkeit. Nur gerächt wirst du, furchtbar gerächt. Wer einmal Unrecht leidet, dem fügt man es fortwährend zu. Wenn wieder neugeborene Söhne Schneiderschen Geistes an die Behörden herantreten werden mit judenfeiudlicher Gehässigkeit, wird es da einem Stoalsmanne einsalleu, sich eines Stammes auzunehmen, der die schwerste Gemeinheit bat über sich ergehen lassen? Hilsner ist das umcheinbare Gefäß, in welchem das zukünftige Schicksal der Inden eingeschlossen ist. Sein Besitz ist eine Frage von fernerem Wohl und Wehe,mnd deswegen werden wir nicht aufhören, die Rolle jenes Cato zu spielen, der jede Rede im römischen Senate mit den Worten schloß: Ich glaube übrigens, Karthago müsse zerstört werden; so wollen wir einen fanatischen, ruhelosen Kampf der Solidarität mit verfolgter Unschuld und beleidigtem Judentum führen und in alles Tun und Treiben unserer Stammesbrüder flehentlich bittend und eindringlich mahnend di- Worte hiueinrufeu: Wir fühlen es im Herzen, daß Hilsner befreit werden müsse. Wir verlangen diesen Märtyrer des Judentums von den Juden. Es ist noch lange nicht alles von jüdischer Seite getan worden, das dem großen Zweck entsprechen würde. Das sei als schwerer Vorwurf gegen alle Juden erhoben, die nicht auf jeden Anruf in der Hilsnersache mit elektrischer Geschwindigkeit antworten, weil sie die Wichtigkeit der Frage mit verblendeten Sinnen verkennen. Nun aber mögen bald alle, die zu einem Feldzug für die Wahrheit genügend Kräfte verspüren, ihre Lenden gürten. Denn das Uebel wnrz lt immer tiefer ein und im neuen Parlament werden genug Vorkämpfer des Antisemitismus die Lust verspüren, als unerbittliche Kerkermeister Hilsners ihren Kopf mit Lorbeer zu umschlingen. Uns schwebt als Arbeitsplan eine Maßregel dev zionistischen Zentralleitung vor,- die vor dem fünften Baseler Kongreß beschlossen und mit grandioser Wirkung dnrchgeführt wurde. Es war dies eine Kongreßfeier aller Vereine in der ganzen Welt an einem und demselben Tage, deren Kundgebungen dann als sichtbare Machtprobe der Organisation nach Basel gelangten. Ganze Berge solcher schriftlicher Ergebenheitsadressen trafen ein. Wie wäre es nun, wenn in Oesterreich eine ähnlich organisierte Kundgebung in der Hilsneraffäre veranstaltet würde und an die Stufen des Thrones und an das Justizministerium, eventuell an die römische Kurie, geleitet würde? Wenn alle Kultusgemeinden und