Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Lwcd s Mocdenscvrin. wenigen Jahren in weit schnellerem Tempi weiter fortschreiten wird. Schon bilden sich Privatgesellschaften unter den palästinensischen Ansiedlern, reiche Privatleute kaufen oder begründen Pflanzungen für sich und ihre Kinder, und gerade jetzt stehen wir im Begriffe, eine große Pflanrungs-Gesellschaft mit einem Anfangskapital von mindestens 500.000 Mark zu begründen, nach dem Muster und Vorbild unserer deutsch-kolonialen Plantagen- Gesellschaften. Je eher man dazu übergeht, in Palästina Plantagenbau zu treiben, umso größer sind die Gewinstchancen; denn die Bodenpreise sind im schnellen Steigen begriffen; in manchen Lagen haben sie sich in 5 Jahren sogar verdoppelt, immerhin sind sie noch gering gegen gleichwertiges Land in Italien, Sizilien oder gar Südfrankreich. Manche Kolonisten sind schon durch Bodenspekulation, andere durch Anlage und Verkauf fertiger Pflanzungen zu Gelde gekommen. Wenn der bisherige Zuzug von Kolonisten noch nicht sehr bedeutend ist, so liegt es einerseits an den schwierigen Verhältnissen des Bodencrwerbes, andererseits an den infolge gänzlichen Mangels an Bodenkredit relativ großen pekuniären Erforderniffen der Anfiedlung; mit einem Vermögen von weniger als 12.000 bis 15.000 Kronen sollte man keinen selbständigen landwirtschaftlichen Betrieb in Palästina beginnen. Um auch mittellosen Leuten die Einwanderung zu ermöglichen, haben wir jetzt den Palästina-Pflanzungsverein begründet, dessen Mitglieder in einmaliger oder Ratenzahlung 100 Kronen aufbringen müssen, mit denen Land in Palästina gekauft und bepflanzt wird. Jedes Mitglied erhält jährlich eine Palästinagabe in Gestalt palästinensischer Produkte, Mandeln, Rosinen. Orangen, Oliven, Feigen rc.; 50 Mitglieder ermöglichen die Ansiedlung einer mittellosen Familie in Palästina. Zum Schluß müssen wir noch die klimatischen Bedingungen besprechen. Daß die Juden das Klima Palästinas gut vertragen, kann einem Zweifel nicht unterliegen; ist es dock die ursprüngliche Heimat, und wenn sie sich auch jetzt teilweise an nordischeres Klima angepaßt haben, so fühlt sich die zweite Generation in dem palästinensischen Klima ebenso wohl wie die Araber, noch viel wohler als die Deutschen, obgleich auch diese, nachdem sie eine längere Akklimatisationsperiode überstanden haben, jetzt viel bester in Palästina gedeihen als früher, was sich schon an der großen Zahl von Kindern ausspricht. In vielen Teilen Palästinas gibt es zwar Malariafieber, an einzelnen Stellen sogar in der gefährlichen Form des Schwarzwasserfiebers, aber durch einfache Mittel ließen sich die meisten Orte leicht gesund machen, und wo die Dörfer lange genug bestehen und durch ihre Kultur den Grundwasserspiegel erniedrigt haben, verschwindet das Fieber bald. Die Städte lasten sich sogar durch einfache hygienische Maßregeln völlig sanieren, Während sich die sumpfigen Gebiete durch Kanalisation oder Anlage von wertvollen Eucalyptuswäldern im Laufe der Jahre entwässern lasten, was an einigen Punkten schon mit großem Erfolg versucht wurde. Selbst die Kolonie Chedesch, das verrufenste Sumpfnest unter den jüdischen Kolonien, beginnt schon infolge der großartigen Eucalyptuspflanzungen, welche Baron Edmund v. Rothschild dort anlegen ließ, und durch die zunehmende Agrikultur daselbst allmählich zu gesunden. Bon sonstigen endemischen Krankheiten ist nur noch das Trachom, die egyptische Augenkrankheit, von Bedeutung, jedoch leiden gerade die jüdischen Kolonien infolge der besteren ärztlichen Behandlung daselbst in weit geringerem Maße daran als die arabischen Dörfer. Ein Hindernis für die Anfiedlung bieten jedenfalls die klimatischen Verhältnisse in keiner Weise und ebensowenig die sommerliche Hitze, da sie vielfach durch Seewinde gemildert wird, und die Ernte, die einzige wichtige Arbeit der Sommermonate, auch des Nachts vorgenommen werden kann. Nachdem wir also genügend gesehen haben, daß das Land eine große Zukunft hat, daß die Juden sich in dem Lande wohl fühlen, gerne einwandern und den dortigen Verhältnisten sich leicht anpassen, bedarf es noch einiger Worte der Aufklärung darüber, was sich von hier aus tun läßt, um die Entwicklung der Kolonisation zu fördern. Sette 833 Das naheliegendste scheint natürlich die Begründung.neuer Kolonien zu sein; jedoch kann man nach den bisherigen Erfahrungen nicht hiezu raten. Sowohl der Odeffaer Verein zur Förderung von Ackerbau und Industrie unter den Juden Palästinas als auch der deutsche Verein Esra haben schlechte Erfahrungen damit gemacht. Ist schon an sich die Anfiedtung mittelloser Leute als B mern in einem Lande ohne Bodenkredit ein kostspieliges Unternehmen — erfordert doch selbst ein kleines Dorf ein Anlagekapital von mehreren hunderttausend Kronen'— so wirkt dieses fortwährende Bevorschuffen eigentlich kreditloser Leute demoralisierend; die Kolonisten leben sich in den Gedanken ein, daß derjenige, der sie stützt, schuld ist an ihrer Lage und deshalb machen sie ihn auch dafür moralisch verantwortlich; dieser Gedanke beraubt sie natürlich der Initiative, die ja in jeder Lebenslage im Existenzkampf das wichtigste ist. Falls sie kein eigenes pekuniäres Interesse daran haben, vernachlässigen sie das Inventar und kümmern sich nicht um das Vieh, es wird gestohlen, verkommt und immer wird die Gesellschaft bestürmt, weitere Nachzahlungen zu leisten, und muß es auch schließlich tun. soll die Siedelung nicht zugrunde gehen. Auf diese Weise wird jede Kolonie zu einer Wohltätigkeitseinrichtung, und dies vor allem hat Baron Rothschild schließlich dazu gebracht, die weitere Kolonisation fallen zu lassen. Selbst unter den viel günstigeren Verhältnissen meiner jetzt von der ,Jca" übernommenen anatolischen Kolonien konnte nur durch sehr energische Maßregeln die gleiche Entwicklung verhindert werden. So find schließlich alle Kolonisationsvereine dahin gelangt, die direkte Kreditgewährung einzuschränken oder aufzugeben, zumal ein nicht in Palästina ansässiger Verein kaum in der Lage ist, sein Recht den Kolonisten gegenüber in Palästina wirklich durchzusetzen. Biel hingegen läßt sich leisten durch Förderung der auf Selbsthilfe gerichteten Bestrebungen der Kolonien. Der Verein kann Beihilfen gewähren zu Speichern, Arbeiterhäusern, Volksküchen, Kassen für Personal- und Bodenkredit, Brunnen und Wasserleitungen, Wegebauten und Kleinbahnen, er kann Schulen, Volksbibliotheken, Sanierungseinrichtungen unterstützen oder er kann indirekt wirken durch Gründung oder Subventionierung von lcndwirtschaftlichen Versuchsstationen, hygienischen Instituten, gewerblichen Einrichtungen, ausklärenden Publikationen, Jnformationsbureaus rc. Gerade in der allerjüngsten Zeit find eine Reihe derartiger unterstützungswerter Institute begründet worden oder in der Gründung begriffen, die in der Zukunft viel zur Hebung des Landes beitragen werden. So existiert in Jaffa jetzt ein Jnformationsbureau und man ist bestrebt, eine über das ganze Land verbreitete derartige Einrichtung zu schaffen. Es soll Arbeitsgelegenheit Nachweisen und Leuten, die einwandern wollen, sachliche Auskünfte erteilen. Ferner wurde in diesem Frühling in Jerusalem eine Kunst gewerbeschul e, „der Bezalel" begründet, die bestrebt ist, sowohl der ärmeren städtischen Bevölkerung als auch den Familien der ländlichen Arbeiter sowie den Kolonisten während der arbeitslosen Monate Verdienst resp. Nebenverdienst zu geben; als erstes derartiges Gewerbe wurde mit der Verfertigung von Knüpfteppichen begonnen. Sodann ist eine landwirtschaftliche Versuchsstation in der Gründung begriffen, die in der Nähe von Jaffa errichtet werden soll und die Aufgabe hat, durch Praktische Versuche in Bezug auf Düngung. Fruchtwechsel, Ernte- und Aufbereitungsmethoden die Agrikultur des Landes zu heben, die Schädlinge zu bekämpfen, die Bauern durch Abgabe guter Saat, Stecklinge rc. zu unterstützen, bessere Sorten der Kulturpflanzen heranzuzüchten resp. einzuführen, sowie neue Kulturen zu verbreiten. Geplant ist auch eine hygienische Station, von der vor allem die Bekämpfung der Malaria studiert und geleitet werden soll, die aber gleichzeitig einen bisher in Palästina völlig fehlenden veterinärärztlichen Mittelpunkt bilden soll. Namentlich