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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-12-07 · 49 (7.12.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
49 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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S'Ke 832 Dr. Dlocv's Mocbenscdr Nr- 49 wandeln will, muß scheitern, wie ja auch sü manche vergebliche Versuche bewiesen haben. Außerdem vertragen sie sich nicht untereinander und es würde eine mehr als polnische Wirtschaft die" notwendige Konsequenz eines Judenlandes sein. Vor zwanzig Jahren mag es schwer gewesen sein, diese Argumente zu widerlegen, jetzt wo es eine langjährige, jüdische Kolonisationsbewegung gibt und vor allem eine gut auSgebildete, jüdische Statistik, sollte man diese gehaltlosen Redensarten ruhig den Antisemitenblättern überlassen. Was die Eignung zum Ackerbau betrifft, so wissen wir, daß sich in Rußland nicht weniger als 150.000 Juden, nach anderen Angaben sogar 200.000 Juden damit befassen; wir haben gesehen, welche gewaltige Ausdehnung die landwirtschaftliche Kolonisation der „Jca" in Argentinien schon erreicht hat, wir hören, daß es in den Vereinigten Staaten 1250 selbständige jüdische Farmerfamilien mit 4000 Seelen gibt, daß die Juden vorzügliche Pachter sind, zeigen die Erfahrungen in Ungarn, Galizien und Rumänien. Auch in Palästina ist die Zahl der ländlichen, jüdischen Kolonisten nicht mehr gering; von den 80.000 Juden des Landes leben 7000 in den 25 jüdischen Dörfern auf dem Lande. Daß Städter sich nicht besonders zum Ackerbau eignen, ist eine allgemeine Erfahrung; auch bei uns sieht die Landbevölkerung mit Mißtrauen auf zugezogene Leute aus der Stadt, und gewiß nicht mit Unrecht. In den deutschen Kolonien in Südbrasilien klagt man, daß die Eignung der Deutschen als Kolonisten jetzt von den Slaven sehr überflügelt wird, und bringt dies mit der relativen Zunahme der Städte in Verbindung. Wie kann man also von den Juden verlangen, daß sie schon in der ersten Generation regelrechte Bauern werden? Namentlich mit den Frauen hapert es, da sich dieselben nicht daran gewöhnen können, selbst auf das Vieh zu paffen, noch in der Nacht aufzustehen, den Gemüsegarten zu besorgen, und anstatt ihre Bedürfnisse in der Stadt zu kaufen, sich dieselben soweit irgend möglich selbst herzustellen. Der merkantile Charakter des Städters steckt den Juden meist mehr im Blut, als dem Städter anderer Volksstämme; für eine reguläre Ackerwirtschaft im alten Stil paffen die Juden daher sehr viel schlechter, als für den modernen, mehr merkantilen Ackerbau im amerikanischen Sinne; sie fühlen sich als Fabrikanten, der Acker oder der Fruchtgarten ist ihre Fabrik, es gilt, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit herauszuholen, mögen auch die Arbeitskräfte teuer sein; es liegt ihnen daran, nicht zu sparen und Oekonomie zu machen, sondern zu produzieren und viel zu verdienen. Es kann einem Zweifel nicht unterliegen, daß dies die Landwirtschaft der Zukunft ist, und gerade die Fruchtbaumkulturen und die fernere Viehzucht, Milchwirtschaft re. sind besonders geeignet, dieser Entwicklung den Weg zu bahnen. Daß es aber auch unter dem alten System viele jüdische Bauern gibt, die Musterhaftes leisten, weiß jeder, der Palästina besucht hat, und ebenso hat sich der landwirtschaftliche Sachverständige des deutschen Generalkonsulats in Egypten über die im Jahre 1900 angelegten und seitdem unterstützten jüdischen Dörfer in Kleinasien, die er vor zwei Jahren inspiziert, außerordentlich. lobend ausgesprochen. Es gibt in Palästina sogar einige jüdische Bauern, die recht wohlhabend geworden sind, während der Durchschnittsreingewinn der Kolonisten zirka 900—1200 Franks per Jahr beträgt, was für einfache Lebensführung reichlich genügt. Besonders erfteulich ist es aber, daß die in den Kolonien aufwachsende Jugend sich ganz und gar den dortigen Berhältniffen anpaßt, auch ist hebräisch für die Jugend die allgemeine Umgangssprache geworden. Soviel über die Frage der Eignung des Juden zum Ackerbau. Daß er nicht nur zum Handel, sondern auch zum Handwerk und Gewerbe sich eignet, braucht man in einer Stadt, wo so viele Mische Handwerker leben und zum großen Teil auch recht gut gedeihen, nicht besonders zu sagen. Auch von den 800.000 Juden New-Jorks kann begreiflicherweise nur ein kleiner Teil aus Händlern bestehen, die meisten waren schon vor ihrer Wanderung nach Amerika Handwerker, und in den Städten des ruffischen Anfiedlungsrayons sind die nichtjüdischen Handwerker in der Minorität. Ebenso eignen sich die Juden, en.- gegen der westeuropäischen Auffassung, auch für schwere Arbeiten, es gibt in Rußland große Mengen Flösser und Holzhauer, in Saloniki bilden die Juden die Zunft der Lastträger, jüdische Schmiede,Schlosser,Kutscher, Maurer gibt es im ganzenAnsiedlungsrayon in Massen. Auch in Jerusalem werden die neuen jüdischen Stadtviertel größtenteils von jüdischen Maurern erbaut, jüdische Schlosser und Schmiede erhalten in Jerusalem sogar vielfach Aufträge für christliche Institutionen, Kirchen, Klöster ic. Was schließlich die Verträglichkeit betrifft, so sieht man doch, daß die 800.000 Juden New-Iorks, die 220.000 Juden Warschaus, die großen Gemeinden in Odessa, Saloniki, Jerusalem, Wilna rc., sowie in den europäischen Großstädten ganz gut miteinander auskommen und die Gemeinden immer mehr durch moderne soziale Einrichtungen gefestigt werden. Auch die sogenannte polnische Wirtschaft ist übrigens eine Fabel geworden, da nach den neueren Erfahrungen in Galizien, Posen und Russisch-Polen die Juden mit den Polen jetzt im allgemeinen gut Zusammenhalten und in Bezug auf Disziplin den Deutschen jetzt vielfach zum Vorbild dienen könnten. Daß aber die Juden nach Palästina auswandern wollen, zeigen die vielen diesbezüglichen Anfragen, die unsere Palästinakommission in Berlin erhält; desgleichen das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung Palästinas, besonders Jerusalems und in der neuesten Zeit auch Jaffas. Die ländliche jüdische Bevölkeruug Palästinas wächst jährlich um 5%, die städtische bedeutend schneller. Während Palästina schon mehr Juden zählt, als seinerzeit aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrten, beherbergt Jerusalem jetzt 45.000 Juden, die % seiner gesamten Bevölkerung ausmachen; in ganz Palästina stieg die jüdische Bevölkerung in den letzten dreißig Jahren von 20.000 auf 80.000. Noch wichtiger ist, daß die Einwanderung auch progressiv steigt; in diesem Jahre sind dreimal so viel Juden in Palästina eingewandert, wie im vergangenen Jahre, und allein in Jaffa sind im ersten Halbjahre 1906 1747 Juden angekommen, darunter 798 weiblichen Geschlechts^. und 598 Kinder unter 15 Jahren; die meisten befanden sich in erwerbsfähigem Alter, über 60 Jahre waren nur 109 Personen; 44"/0 der Einwanderer waren Handwerker, nur 35"/ Kaufleute; wie man sieht, besaß also die Einwanderung eine so gesunde Zusammensetzung wie nur möglich. Von weit größerer Bedeutung ist es, daß jetzt auch Kapitalisten in Palästina einzuwandern beginnen, Leute, . die dort industrielle Unternehmungen gründen wollen, ja selbst Studierte ziehen dorthin, die sich dort als Aerzte, Lehrer usw. niederzulassen gedenken. Sogar in Deutschland beginnt man, eine Uebersiedlung nach Palästina nicht mehr zu verspotten, sondern hie und da ernsthaft ins Auge zu fassen; ja es sind sogar schon neuerdings gut gelegene Terrains in Palästina von westeuropäischen Juden aus Spekulation oder zum Villenbau angekauft worden. Auch der Komfort in Palästina wächst zusehends und der Zeitpunkt dürfte nicht mehr fern sein, wo man sogar regelmäßige Konzerte und Theater in Palästina nicht mehr zu entbehren braucht. Es ist auch eine bekannte Tatsache, daß, je größer ein jüdisches Zentrum wird, um so größer auch seine Attraktionskraft ist; wenn erst Jerusalem 100.000 jüdische Einwohner besitzt, so wird es in industrieller Beziehung viel schneller fortschreiten, als jetzt, wo man es doch noch als jüdische Kleinstadt bezeichnen muß. Aber auch die Entwicklung der ländlichen Kolonien ist jetzt gesichert. Fortwährend vergrößern sich die zur Stabilität gelangten älteren Kolonien ihrem Umfange nach durch Zukäufe von Land, jährlich wird das Areal der Pflanzungen größer; wenn jetzt in den allerletzten Jahren schon 400 Hektar Orangeland, 500 Hektar Mandeln und 600 Hektar Oliven bepflanzt wurden, von den ca. 2500 Hektar umfassenden Weinpflanzungen ganz abgesehen, so wird schon diese Fläche in einigen Jahren für mehrere Millionen Francs Erträge bringen; repräsentiert doch schon das Orangeland einen Wert von 5 Millionen Francs. Es kann einem Zweifel nicht unterliegen, daß diese Entwicklung in

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