Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 826 Dr, Wloüb's Mocbenscbrttt. Nr. 48 sich Aehnliches wiederholen sollte, werde ich der Schulbehörde gegen sie die Anzeige erstatten. Als Kollege und Freund muß ich sie nur bitten, meine Warnung sehr ernst zu nehmen." Nach einem solchen Verhöre — wie die Lehrer mir später beteuerten — war es ihnen zu Mute, als ob sie ein Jnquisitionstribunal verlassen hätten. Am peinlichsten war ihnen die unheimliche Ruhe seines Wesens, die geradezu erschreckende Tadellosigkeit seines Benehmens, jene zu Eis erstarrte Freundlichkeit, mit welcher er die Rüge erteilte. Hätte er nur in dem Ton irgendwelche Erregung verraten, in der Sprache irgendwelche Verletzung, dann wäre das für sie eine Handhabe, sich von dem Banne, unter dem sie standen, zu befreien; aber er sprach mit solch einer eisigen Ruhe, mit solch einer unheimichen Gemessenheit, solch einer katzenbuckligen Liebenswürdigkeit, daß der Lehrer sich ganz entwaffnet fühlte, und dazu kam noch jenes oft wiederkehrende „Herr Kollege", das einen grellen Widerspruch bildete zu dem frostigen Lächeln, das ihm auf den Lippen starrte und das den Rangunterschied nur umso schärfer markierte. Außer diesen peinlichen Einzelverhören nahm er auch von Zeit zu Zeit mit den Lehrern ein summarisches Verfahren vor und dieses bestand in den Konferenzen, die er jede zweite Woche mit ihnen abhielt. Da versammelten sich alle Lehrer in dem „Haus der Gemeinen", das nur durch eine Türe vom „Herrenhause" getrennt war. Das Bewußtsein, daß der „Gefürchtete" hinter den geschlossenen Türen sich befinde, dämpfte den Lehrern die Stimme zum Flüsterton. Nichtsdestoweniger ließ sich von Zeit zu Zeit hinter der geschloffenen Türe ein vielsagendes Hüsteln vernehmen, was den Lehrern als Aufforderung galt, sich womöglich noch lautloser zu bewegen. Das dauerte so eine geraume Zeit an, bis auf einmal aus dem „Herrnhause" das Geklingel einer Glocke erscholl, was den Lehrern als Signal galt, jetzt einzutreten. Mann hinter Mann traten sie in das „Oberhaus", wo sie den „Herrscher" in seinem gepolsterten Direktorstuhle hingelehnt fanden und vor ihm auf dem Tische ein Berg von Akten sich auftürmte, während ringsum vor jedem der Lehrer Papier und Bleifeder vorbereitet lagen. Lautlos nahmen die Lehrer ihre Plätze ein. Der Herr Direktor klingelte einige Male mit der Glocke als Zeichen der Eröffnung und berief zugleich aus der Mitte der Lehrer einen Schriftführer, dem er das Protokoll der vorigen Session zur Verlesung übergab. Und dieses Protokoll war mehr ein Anklageakt gegen die Lehrer zu nennen, indem es an jedem von ihnen etwas auszusetzen hatte. Den hat er bei seiner jüngsten Inspektion dabei überrascht, daß er, statt vorzutragen, die Kinder geprüft hatte; der wieder hat in dem Kataloge nicht genau den zu behandelnden Lehrstoff angegeben; der war nicht genug pädagogisch im Vortrage; ein anderer wieder war ihm zu milde und nachgiebig gegen die Kinder. Kurz, jeder bekam von ihm etwas weg. Und dann erst begann der mündliche Kommentar zu diesem Protokolle, der den armen Lehrern das Maß voll machte. „Hm," bemerkte er bei dem einen, „so kann's weiter nicht fortgehen, Herr Kollege, Sie werden mich sonst noch in die Zwangslage bringen, daß ich gegen Sie bei der Schulbehörde die Anzeige erstatte. Bei einem anderen wieder: „Sie machen sich's zu leicht, Herr Kollege, das darf nicht so fortgehen. Sie wollen doch nicht, daß ich eine höhere Behörde gegen Sie anrufe." Und wieder bei einem anderen: „Um so zu unterrichten, Herr Kollege, braucht's ja nicht erst eines pädagogisch geschulten Mannes. Das trifft ja der erstbeste. Das nmß anders werden, Herr Kollege, da ja sonst, hni. .... mir geht's, Herr Kollege, um meine eigene Haut!" So bedachte er jeden mit einer anderen Bescherung. Freilich verstand er es, um nicht in eine Monotie zu verfallen, hie und da einige kärgliche Brosamen von Anerkennung auszustreuen, aber auch diesen fehlte es nicht an dem Beisalze „aber", das ihnen das kärglich zugedachte Lob vergällte. Keiner der Lehrer, die unter seinem Regime standen, durfte aus eigener Machtvollkommenheit ein 'Kind bestrafen. Das Ausmaß der Strafe, wie überhaupt die Verhängung derselben, war ausschließliche Sache des Herrn Direktors. Auch die Kinder sollen der Alleinherrschaft des absolutistischen Leiters unterstehen. Sein Reich dehnte sich dadurch von den Lehrern und ihren Familien weit hinaus über achthundert Kinder, die die Schule besuchten, und so war er vom gehobenen Bewußtsein getragen, außer den Lehrern und ihren Familien noch über achthundert Seelen das Szepter zu führen. Dieser Ukas züchtete ein Heer von kleinen Denunzianten. Die Kinder nämlich führten oft Beschwerde beim Herrn Direktor über ihre Lehrer, so sie nur von ihnen die kleinste Strafe erfuhren Der Direktor leitete mit der Strenge eines Catos die Untersuchung. Nicht selten genoß man das traurige Bild, den Lehrer in Konfrontation zu sehen mit seinem kleinen Ankläger. In der Regel war das Ergebnis einer solchen Untersuchung eine herbe Zurechtweisung, die der „Herr Kollege" vom Herrn Direktor erhielt. Streitsachen, die die Kinder unter einander hatten, waren ebenfalls vor dem Forum des Herrn Direktors auszutragen. Die kleinen Kläger und Angeklagten wurden in aller Form vorgeladen, vom Direktor verhört, mit einander konfrontiert. Da gab es Protokolle und Zeugenaufnahmen — kurz eine echte und rechte Gerichtsverhandlung. Seine Herrschermanie drängte ihn immer mehr, sein Reich zu vergrößern, und sie führte ihn dazu, auch die Eltern der Schulkinder heranzuziehen, um auch sie als Vasallen sich zu unterwerfen, was wiederum sein Reich um viele Hunderte von Untertanen vermehrte. Nach und nach ließ er nämlich alle Eltern der Kinder unter allen möglichen Vorwänden vor sich erscheinen. Und mit diesen — in der Regel arme, gedrückte Leute aus dem Arbeiterstande — wußte er so zu sprechen, daß sie nach den ersten paar Worten in gebückter Stellung vor ihm standen, ihr eigenes Heil und das ihrer Kinder von seinem Gnadenworte erwartend. Auch an einer Art Justifikation fehlte es nicht in diesem Schreckensreiche. . . . An allen Schulen pflegte man früher und in vielen noch heute, sich der Ruthe als Erziehungsmittel zu bedienen, aber nirgends machte man viel Aufhebens davon. Der Junge bekam seine wohlverdienten paar Streiche und das war auch alles. In diesem Reiche des Schreckens aber waren die Prügel Nebensache, Hauptsache war der Schreck, die in der kleinen Welt hervorgerufene Angst, und deßhalb legte man mehr Gewicht auf die Vorbereitung als auf die Strafe selbst. Da rief der Herr Direktor alle Lehrer, diesmal in der Eigenschaft als Richterkollegium, zu einer Konferenz ein, um über den kleinen Verbrecher zu Gericht zu sitzen. Natürlich war es ihre Sache, zu schweigen und blind dem obersten Richterspruche des Direktors beizupflichten. War das Urteil gefällt, dann begab sich der Direktor, begleitet von .seinen „Herren Kollegen", in feierlichem Aufmärsche in die Klasse, in welcher der kleine Verurteilte sich befand, und verkündete ihm mit düsterem Ernst das über ihn gefällte Urteil. Der Verfügung des Herrn Direktors gemäß, mußten die Eltern bei der Vollziehung der Strafe anwesend sein, angeblich, weil er sich nicht das Recht anmaße, ein fremdes Kind ohne Einwilligung und Beisein seiner Eltern zu bestrafen. In der Tat aber sucht er auch in dieser Verfügung seinem Systeme treu zü bleiben. Auch ihnen soll der erstarrende Schreck, ihr Kind unter der züchtenden Rute zu sehen, nicht erspart bleiben . . . Von den vielen peinlichen Szenen eines solchen Hochgerichtes prägte sich besonders eine meinem Gedächtnisse ein . . . Das war ein bleicher, kränklich aussehender Junge, den die Härte eines solchen Urteiles traf. Er war das einzige Kind seiner Mutter, die Witwe war. Da war, wie immer bei einem solchen Strafverfahren, das ganze Richterkollegium versammelt. Mitten in der Kanzlei stand das Gerüst, in der Gestalt einer Bank, auf der der Junge die Strafe erleiden sollte, und vor derselben der Vollstrecker des Urteils, der Schuldiener, bewaffnet mit einem Bambusrohr. Gelehnt an der Türe stand eine alte, kranke Frau in ärmlicher Gewandung, die Mutter, mit klopfendem Herzen, bleich und, wie es schien, völlig der Sprache beraubt. Wie sie jedoch ihr Kind von zweien geführt, mit schlotternden Knieen herbeiwanken