Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Seite 825 Nr. 48 Dr. JBlocb’s Wocbertscbnft. veranstaltete. Die Leiche wurde im Sitzungssaale der israelitischen Knltusgemcinde aufgebahrt, woselbst der Rabbiner Dr. Hoch aus Jungbunzlau in Vertreiung des erkrankten Rabbiners der Jiäiner Knltusgemeinde in einer tiefergreifenden Rede die Verdienste des Verblichenen würdigte. Ehemalige Schüler des Dabingeschiedenen trugen den Sarg zum Leichenwagen Im imposanten Tranerzuge, der sich vom Gemeindehanse über den Ringplatz bewegte, sah man Vertreter aller Zivil- und Militärbehörden und der Vereine. Das Andenken des hochverdienten Mannes wird bei allen, die ihn kaiinten, fortleben. Feuilleton. We Schreckensherrschaft. Es gibt große Tyrannen, es gibt kleine Tyrannen. Unter kleinen Tyrannen verstehe ich nicht jene, die in einem minderen Grad grausam sind, die weniger danach gierig sind, ihre Mitmenschen zu quälen und zu knechten, sondern vielmehr jene, die über weniger Mittel verfügen, in einer kleineren Machtsphäre sich befinden, jene, die die Geburt in einem engeren Raum versetzt, so daß sie mit ihren Fängen nicht weit reichen, um größere Kreise zu umspannen. Die großen Tyrannen werden es gewöhnlich durch die ihnen verliehene Macht, die kleinen bringen sich die Tyrannei mit vom Hause und gelangen durch dieselbe zur Macht. In ihrem Wesen liegt etwas Suggestives, in ihrem Blicke etwas Einschüchterndes, so daß, wenn Du in ihren Bannkreis hineingerätst, es Dir den Atem raubt, es Dich in allen Gliedern lähmt, es Dich wie mit eiserner Wucht zu Boden drückt. Von ihnen entfernt, fühlst Du Dich wieder Herr Deiner Bewegungen, richtet sich Dein Mut wieder auf, ja, Du bist über Dich selber empört, daß Du in ihrer Gegenwart Dich so verloren hast, und Du bist festen Vorsatzes, bei einem nochmaligen Zusammentreffen mit ihnen Deinen Mannesmut zu wahren, ihnen keck und frei die Stirne zu bieten. Kaum aber stehen sie vor Dir mit ihrem geheimnisvollen Etwas, da wird aller Vorsatz zu Schanden, da kommt über Dich schon wieder jenes namenlose Gefühl banger Beklommenheit, es entsinkt Dir der Mut, Dein Blick sucht den Boden und Du fühlst Dich wie in ein eisernes Joch gespannt, das Du vergebens abzuschütteln suchst ... Einen solchen Mann, lieber Leser, will ich Dir hier vorstellen und er ist wahrhaftig kein Souverän, sondern nur der Direktor einer vierklassigen Etatschule. Schon sein Anblick genügt, jeden zu überzeugen, daß er einen Kraftmenschen vor sich hat. Das zeigt der übermäßig große, mit borstigem Haar bedeckte Kopf, der ihm beinahe unmittelbar aus den breiten Schultern sitzt, die schmale, grollende, zur Hälfte mit Haaren bedeckte Stirne, das düstere Gesicht, die dünnen Lippen, deren obere von einem spärlichen Schnurrbart gekrönt war, der knochige Bau seines Körpers, das spöttische, überlegende Lächeln, das, man könnte beinahe sagen, ihm um die Mundwinkel eingefroren war, und die kleinen zugekniffenen Aeuglein von stahlgrauer Farbe, die von Zeit zu Zeit jäh aufblitzen und über das sich verfinsternde Gesicht zu wetterleuchten scheinen. .; Wie in seinen Kleidern, war er auch in seiner Ausdrucksweise, stets korrekt und tadellos. Nie wallte er in Leidenschaft auf oder ließ sich irgend einen beleidigenden Ausdruck gegen jemanden zuschulden kommen und doch lag in der Art, wie er sich gab, in seinem düstern, unnahbaren Wesen etwas, was einen demütigte, was einen mit eiserner Faust zu Boden drückte . . . Als er sein Amt als Direktor übernahm, versammelte er feine Untertanen um sich. Denn er trat bald zu den Lehrern in das Verhältnis eines Souveräns zu seinen Untertanen — und legte ihnen in lapidaren Umrissen ihre Pflicht ans Herz, über deren genaue und pünktliche Erfüllung er zu wachen berufen sei — ja. er spreche die Hoffnung aus, daß „die Herren Kollegen" ihn nie in die unangenehme Lage bringen werden, von seiner Amtsgewalt Gebrauch zu machen. Wie um die Härte des Ausdruckes zu mildern, befleißigte er sich oft der Worte „meine Herrn Kollegen", aber er langte ihnen dieses „Herrn Kollegen" von einer solchen Höhe herunter, daß er vor ihren Augen in eine neblige Entiecnung sich zu verlieren schien . . . Als die Lehrer daun nach dieser Aussprache auseinandergingen, wußten sie selber nicht, wie es ihnen geschah. Etwas hatte jeder von ihnen, das Gefühl, als müßte er etwas von sich abschütteln, was ihn lähmte und bedrückte — und doch, was abschütteln? Hat denn der neue Direktor nur durch einen einzigen Ausdruck jemanden von ihnen verletzt? . . . Jndeß trat der Herr Direktor in aller Form seine Regierung an. Vor allem richtete er zwei Kanzleien ein, eine für sich und eine für die Lehrer, gleichsam das „obere und das untere Haus" oder richtiger, das „Herrnhaus" und das „Haus der Gemeinen". Seine Kanzlei, in der er sich immer abgesondert hielt, stattete er mit einer Art von strenger Amtswücde aus. Nebst einem großen Schreibtisch, aus dem verschiedene Skripten, beinahe disziplinartig, geordnet lagen, machte sich ein langer, mit einem grünen Tuch überzogener Tisch bemerkbar, der mitten in der Kanzlei stand und der rings von kleinen, einfachen Sesseln umgeben war, während an der Spitze desselben der große Direktorstuhl sich merklich abhob, mit einer gewaltig hohen Lehne und seinen beiden Armstützen, die wie zwei abwehrende Hände sich vorstreckten . . . In das „Herrnhaus" erhielten die Lehrer Einlaß nur zu einer Konferenz, wo sie rings um den Tisch auf ihren kleinen einfachen Sesseln Platz nahmen, während ihr Oberhaupt an der Spitze der Tafel auf seinem breilgepolsterten, hochlehnigen Stuhle thronte . . . Außer den Konferenzstunden beschränkte der Herr Direktor seinen Verkehr mit den Lehrern nur auf das Schriftliche. Und er wußte es bald nach seinem Eintritte darnach einzurichten. Als ihn nämlich einer der Lehrer um etwas ersuchte, wie beispielsweise, daß er ihn für eine Stunde von einem anderen Lehrer vertreten lasse oder daß er ihm eine ihm mehr bequeme Lehrstunde ansetze oder sonst ähnliche Alltagsdinge, so beschied er ihn kurz: „Herr Kollege, bitte mir das schriftlich zu überreichen! . . ." Was er dadurch gewonnen hatte, war, daß er seine Herrschaft vom Schullokale weit über die Familienhäuser der Lehrerausgedehnt hatte, denn seine Entscheidungen ließ er ihnen ebenfalls im schriftlichen Wege zukommen, und da solche in beu meisten Fällen etwas Unangenehmes für den Lehrer enthielten, so geriet beim Erscheinen jenes Höllenboten die ganze Familie des Lehrers in Schrecken und hatte so ebenfalls unter dem Hochdrucke des finsteren Mannes zu leiden. . . . Oft fand er es aber auch im Interesse feiner Herrschsucht gelegen, die Lehrer unter seinen persönlichen Einfluß zu stellen und da ließ er den Einen oder den Anderen von ihtten in gewissen Zeiträumen mittelst eines amtlichen Schriftstückes, das er ihnen durch den Schuldiener nach Haufe zustellen ließ, zu einer bestimmten Stunde zu sich vorladen. . . . Eine solche Audienz ließ immer in dem armen Lehrer ein Gefühl höchster Beklommenheit zurück. Da fand er bei seinent Eintritte den Herrn Direktor mit finsterer Amtsmiene vor seinem Schreibtische stehend, um dadurch drr konventionellen Pfl'cht enthoben zu sein, seinem Besuche Platz anzubieten. Mit wichtiger Miene schloß der Herr Direktor hinter dem Eintretenden die Türe, was eine Art Angstgefühl in dem Lehrer hervorrief, denn er kam sich in diesem Augenblick wie ein Delinquent vor, der vor seinem obersten Richter steht. Und oberrichterlich war auch das Verhör, das er mit ihm vornahm. „Sie haben, Herr Kollege, heute beim Entlassen nicht vorschriftgemäß die Kinder bis zur Türe hinausbegleitet." „Ich —u suchte der Armsünder sich zu rechtfertigen. „Ich weiß, Herr Kollege", schnitt ihm der Untersuchungsrichter scharf das Wort ab, „daß es Ihnen an Antworten nicht mangeln wird, aber um solche ist es mir nicht zu tun, und ich muß Ihnen nur sagen, daß mein Beruf mir die Pflicht auferlegt, so etwas nicht zu dulden. Freilich wird es mir sehr unangenehm sein, aber Pflicht bleibt einmal Pflicht, und wenn