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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 822 Dr. MoiL's TRUodbenscörfft* Nr. 48 der Judenfrage, obgleich die Pogroms noch immer anhielten,^ sofort erklärte, daß alle bisher angewandten Mittel gegen Po-!/ groms sowie die Arbeiten der Kommission Pahlen gar keines Bedeutung besäßen, und er müsse schon wissen, wie mit den,' Pogroms auszuräumen sei. Am nächsten Tage ging den Gouverneuren und Kreischefs des Nordwestgebietes die telegraphische Meldung zu, daß alle Administrativbeamte eines Kreises binnen 24 Stunden abgesetzt und dem Gericht übergeben werden sollen, falls noch ein Pogrom stattfinden sollte. Dieses Mittel half, die Pogroms hörten mit dem Eintreffen der Depesche auf. Damit erklärte Tolstoi auch die Arbeiten der Pahlen'schen Kommiffion für „überflüssig" und ließ sie dem Archiv einverleiben, während die temporär bestätigten Jgnatjew'schen Bestimmungen bis auf den heutigen Tag in Kraft geblieben sind. Zu den vielen in letzter Zeit hier ausgearbeiteten Entwürfen in der Judensrage, bei denen nicht viel herauskommen wird, tritt noch ein Entwurf des Departements für fremdländische Konfessionen des Ministeriums des Innern, worin vorgeschlagen wird, bei den Juden die Naturalsteuer der Wehrpflicht durch eine Realsteuer zu ersetzen. Dieser Entwurf wird vor seiner Beratung im Ministerrat dem Kriegsminister zur Begutachtung vorgelegt werden. Die Geheimgeschichte der russischen Progroms. Während des Prozeffes, der jüngsthin in Petersburg gegen den Arbeiter-Deputiertenrat verhandelt worden, ereignete sich ein Zwischenfall, der geeignet ist, ein neues Licht auf das Verhalten der russischen Regierung zu den Judenmassakres zu werfn. Im Laufe der Verhandlung erklärte nämlich der Verteidiger, der bekannte Rechtsanwalt Grusenberg, er besitze die Kopie eines Schreibens des früheren Direktors des Polizeidepartements und spätern Gouverneurs von Esthland, Lopuchin, vom 27. Juni 1906, worin dieser dem Ministerpräsidenten Stolypin Mitteilungen über die Organisation eines Progroms gegen die Juden und die Intelligenz von Petersburg im Oktober 1905 durch die Obrigkeit mit Hilfe des Schwarzen Hunderts" macht. Der Gerichtspräsident lehnte die Vorlesung des betreffenden Schreibens ab, weil es für die Prozeßverhandlung selbst nicht von Bedeutung sei. Auch der Antrag, Lopuchin als Zeugen zu laden, wurde abgelehnt. Die „Russische Korrespondenz" ist aber nun in der Lage, den Gedankengang und den wesentlichen Inhalt jenes Lopuchinschen Schreibens, aus dem zur*Evidenz hervorgeht, daß die russische Regierung über die Genesis der Progrome unterrichtet war und die Metzeleien durch ihre Schergen und ihre Untätigkeit guthieß, mitzuteilen. Es lautet: „Durch mein Schreiben vom 26. Mai teilte ich Ihnen mit, daß der Bericht des Beamten des Polizeidepartements, Makarow, der auch die Progrom-Organisation durch Beamte seines Departements aufdeckte, der Zeitung ..Rutsch" von mir übergeben worden ist. Ich tat diesen Schritt, da ich überzeugt war, daß nur die Reichsduma, wenn sie von der Presse gut unterrichtet sei, eine systematische Progrom-Vorbereitunq unmöglich machen werde. Ich teile Ihnen dieses mit, damit diese Indiskretion nickt anderen zur Last gelegt werde. Ich dachte nicht, daß nach der Veröffentlichung Makarows die Wahrheit über die Progrom-Organisation Eurer Exzellenz verborgen bleiben werde. Nach der Dumasitzung vom 21. Juni sah ich aber, daß von Ihren Untergebenen die Wahrheit über die Sachlage entstellt ist. Die Tatsachen sind die folgenden: Im Jänner wurde ich durch Bekannte auf die Vorbereitung zu Progromen aufmerksam gemacht und um Hilfe gebeten. Angestellte Nachforschungen überzeugten mich, daß die Administrativ- Behörden wirklich an der Progrom-Organisation beteiligt waren. Ich kam auf die Spur einer Druckerei im Polizeidepartement. In einem Gespräch am 2. Februar über die Lage der Juden bestätigte Graf Witte mir die Existenz der Provokation seitens der Regierungs-Behörden. Graf Witte beauftragte mich als Beamten des Ministeriums des Innern mit Nachforschungen in dieser Sache. Ich konstatierte folgendes: Nach dem 30. Oktober unternahm der Chef der politischen Abteilung des Polizeidepartements, Ratschkowsky,' um die reaktionären Stimmungen in der Gesellschaft zu unterstützen, die Verbreitung der betreffenden aufreizenden Aufrufe, die von einem Gendarmerieoffizier auf einer Druckmaschine im Lokale der Petersburger Gcndarmerieverwaltung gedruckt wurden. Ich hatte in Händen einen hier gedruckten Aufruf an die Arbeiter, der Mißtrauen gegen die Arbeiterführer zu schaffen suchte durch die Behauptung, daß die Fühi er Arbeitergelder Veruntreuern Die den Revolutionären abgenommene Druckpresse erwies sich bald als ungenügend, und es wurde aus Mitteln des Polizeidepartements eine neue ausgezeichnete Maschine angeschafft. Sie war im Polizeidepartemcnt nntergebracht und befand sich unter der Aufsicht des Gendarmerie- Rittmeisters Kommissarow. Hier wurde im Dezember 1905 und im Jänner 1906 eine große Anzahl Aufiufe gedruckt, in denen Andersgläubige. hauptsächlich Juden, revolutionärer Bewegung beschuldigt und zum Kampf gegen sie aufgefordert wurde. In meinen Händen waren vier solcher Aufrufe, von diesen einer besonders verbrecherisch, der sich an Soldaten wandte und sie gegen Polen, Armenier und Juden aufstachelte. Solcher Aufrufe wurden Tausende gedruckt, 5000 wurden durch Beamte beim Wilnaer Generalgouverneur Schcott nach Wilna gebracht, der sie teils selbst verbreitete, teils dem Polizeimeister übergab. Gegen den 28. Jänner telegraphierte der Polizeimeister an das Polizeid^partement und erbat eine neue Partie Aufrufe, da sie Erfolg hätten. Derselbe Aufruf wurde in Tausenden von Exemplaren dem nach Kursk abkommandierten Agenten der Geheimpolizei Michailow gesandt, der gleichfalls eine zweite Partie forderte. In Petersburg verbreitete das Polizeidepartement Aufrufe durch Dubrowiu und den „Verband des russischen Volkes". In Moskau durch den Redakteur der „Moskowskija Wjedomosti", Gringmuth. in anderen Städten durch die Polizei und die Gendarmen. Alle diese Tatsachen und Exemplare des Aufrufes ilbergab ich dem Grafen Witte, der Kommissarow zu sich berief, der alles von mir Mitgeteilte bestätigte und erklärte: Er habe gehandelt auf Befehl Ratschkowskys und die Aufrufe nur dann in Druck gegeben, wenn sie vom Direktor des Polizeidepartements Wuitsch selbst bestätigt wurden. Abgesehen von allem, fährt Lopuchin fort, hat man Euer Exrellenz auch nicht mitgeteilt, daß Ratschkowsky an der Spitze der politischen Abteilung des Departements bis Ende April verblieb, daß er offiziell dieser Stellung durch schriftlichen Befehl zwar enthoben, tatsächlich aber wieder an die Spitze der genannten Geheimpolizei gestellt und beauftragt wurde, im Regierungsinteresse die konservativen Organisationen auszunutzen. Eurer Exzellenz ist ferner fälschlich mitgeteilt, daß Rittmeister Budogoßkij, der Progrom-Orpanisator in Alexandrowsk, nach Petersburg berufen wurde, und zwar soso>t nach Entdeckung seiner Piogromvorbereitungen. und es sei ihm ein Verweis erteilt worden. Ferner wurde fälschlich behauptet, daß das Polizeidepartement sofort nach Entdeckung der Progrom-Vorbereitungen auf eigene Initiative an die Lokalbehörden telegraphiert habe und Maßregeln gegen die Progroms forderte. Dieses alles behauptete Eure Exzellenz in der Dumarede. Budogoßkij ist aber nach Petersburg nickt im Dezember berufen worden, als er vom Erfolge seiner Progrom-Propaganda an das Polizeidepartement berichtete, sondern erst im Februar oder März, auf die ausdrückliche Forderung des Grafen Witte hin, daß die Tätigkeit solcher offiziellen Progrom-Organisatoren einzustellen sei Im weiteren führt Lopuchin aus, es befänd-n sich bei der b> stehenden Organisation der Geheimpolizei die Minister und die Zentralbehörden vollständig in den Händen von Polizisten, Gendarmen und Geheimagenten, die damit unkontrollierbare Herren über das Schicksal des ganzen Landes werden und offen ihre eigene Politik treiben, gegen die das Ministerium machtlos sei. Diese Lage sei diesmal dadurch v richlimmert, daß das Vorhandensein zweier Regierungsgewalten keinem Zweifel unterliege. Trepow, zum Palastkommandantcn erhoben, bekam spezielle Mittel zur Unterhaltung einer speziellen Spitzelagentur; er bekam ans der Polizeiagentur alle wichtigen, nicht nur einlaufenden, sondern auch auslaufenden Dokumente bei vollständiger Ignorierung des Ministeriums des Innern. „Nach allgemeiner Ueberzeugung ist diese zweite geheime Regierung viel mächtiger als das Ministerium", so schließt Lopuchin. Washington. Der siebzigste Geburtstag Simon Wolfs gestaltete sich zu einer glänzenden Ovation. Ueber den Lebenslauf dieses Mannes, der einer der angesehensten und hervorragendsten Juden der Vereinigten Staaten ist, sei hier folgendes berichtet: In der Rheinpfalz geboren, kam er 1848 mit seinen Großeltern nach Amerika. Vorerst widmete er sich der geschäftlichen Laufbahn, trat aber 1859 zur Advokatenlaufbahn über. 1861 wurde er nach glänzender Absolvierung seiner Studien Advokat. Wolf spielte bald eine Rolle im öffentlichen Leben. 1881 ging er als Generalkonsul und diplomatischer Agent nach Egypten, kehrte aber 1882 wegen Krankheit in der Familie wieder nach Amerika zurück. Bekannt ist sein 600 Seiten starkes Buch „Der amerikanische Jude als Patriot, Soldat und Bürger". Innerhalb der amerikanischen Judenheit spielt er e'ne führende Rolle, der Leitung der bedeutendsten jüdischen Institutionen gehört er an. Vermischtes. Bethausspenden. Im Tempel, XVI., Hubergasse 8: Von den Herren: Salomo» Weitzmann X 145.—, Hassan X 9. Gottlieb Drab X 4.—, N. Schmeier X 4.—, Samuel Fischer X 10.—, Freiberger X 2.—, Adolf Kohn X 32. , Moriz Schöngut X 20.—, Leopold Trebitsch X 70.—, Dr. H. Tritsch X 140.—, Josef Sittig X 40.— , Julius

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